{"id":61,"date":"2014-01-06T10:42:54","date_gmt":"2014-01-06T10:42:54","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/weltkongress-der-musikwissenschaft-in-zuerich\/"},"modified":"2014-01-06T10:42:54","modified_gmt":"2014-01-06T10:42:54","slug":"weltkongress-der-musikwissenschaft-in-zuerich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/weltkongress-der-musikwissenschaft-in-zuerich\/","title":{"rendered":"Weltkongress der Musikwissenschaft in Z\u00fcrich"},"content":{"rendered":"<p>18.07.2007<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Vergangene Woche fanden Z\u00fcrichs Hochschulen, Konzertlokale und Gassen zu einer einzigartigen Gesamtschau auf die klingende Kunst zusammen. Der 18. Kongress der Internationalen Gesellschaft f\u00fcr Musikwissenschaft f\u00fchrte rund 1000 Wissenschaftler an die Limmat.<\/strong><\/p>\n<p> Der Ausklang der traditionellen Juni-Festwochen \u2013 sie waren dieses Jahr dem Werk Robert Schumanns gewidmet \u2013 bildete zugleich den Auftakt zum 18. Kongress der Internationalen Gesellschaft f\u00fcr Musikwissenschaft, der knapp tausend Gelehrte und Studierende aus allen Winkeln der Welt an die Limmat f\u00fchrte (das letzte Mal wurde der Kongress 1949 in der Schweiz, in Basel, durchgef\u00fchrt). Die Gelegenheit am Schopf packte \u00fcberdies der Schweizerische Tonk\u00fcnstlerverein, der parallel zu dem Weltkongress das 107. Nationale Tonk\u00fcnstlerfest realisierte \u2013 mit zwei Dutzend Konzerten und einem Dutzend \u00fcber die ganze Stadt verstreuten Klanginstallationen.<\/p>\n<p> Organisiert wurde der Kongress vom Musikwissenschaftlichen Institut der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, und dies in musterg\u00fcltiger Weise. Keine einfache Sache, galt es doch, rund hundert in der Regel ganzt\u00e4tige Symposien, verschiedenste Exkursionen und Stadtf\u00fchrungen, zahlreiche Pr\u00e4sentationen von Verlagsprojekten sowie vier Plenumsvortr\u00e4ge auf die Schienen zu bringen. Als Keynote-Speaker amteten Ludwig Finscher, Kofi Agawu, Otto Oexle und der polnische Lyriker Adam Zagajewski.<\/p>\n<p> Die Themen der Debatten reichten von der Musiktheorie in der Antike \u00fcber Spezialinteressen wie Blasmusik, spanische Renaissance-Handschriften, Genderforschung, Ethnomusikologie und Methodologie bis zu lokalen und nationalen Themen \u2013 etwa zum Komponisten Ludwig Senfl oder zu Paul Sacher als M\u00e4zen \u2013 und den Konzepten der experimentellen Musik im 20. Jahrhundert. Und obwohl es den Teilnehmern schlicht unm\u00f6glich war, in der F\u00fclle der zwangsl\u00e4ufig parallel gef\u00fchrten und aus terminlichen Gr\u00fcnden wenig strukturierten Tagespl\u00e4nen eine Gesamtschau zu erreichen, konnte immer wieder festgestellt werden, dass das vom Kongress vorgegebene, sehr allgemeine Thema \u00abPassagen\u00bb vielererorts aufgenommen wurde.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 320px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"164\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2007\/070715ims2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Die Musikwissenschaft bem\u00fcht sich vermehrt darum, geh\u00f6rt zu werden: Laurenz L\u00fctteken (links), einer der Organisatoren des Kongresses, und Keynotesprecher Ludwig Finscher.<\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Dies mag nicht nur damit zu tun haben, dass sich auch die globale Gemeinschaft der Wissenschaftler mit dem Aufkommen der modernen Kommunikationsmittel in einem bislang nie geahnten Umbruch befindet, sondern auch mit der Tatsache, dass das Fach unabh\u00e4ngig davon eine Phase der Neuorientierung und Rollensuche \u2013 eben eine Art Passage \u2013 durchlebt. Einen symbolischen Schlusspunkt hinter die grossen editorischen und kritischen Fragen der \u00abklassischen\u00bb Musikwissenschaft haben dieses Jahr die feierlich abgeschlossenen Arbeiten an den Gesamtausgaben Bachs und Mozarts gesetzt. Auch weitere grosse Dokumentationsprojekte, welche die Musikwissenschaft \u00fcber Jahrzehnte besch\u00e4ftigt haben, sind weitgehend aufgegleist, seien dies nun die verschiedenen \u00abR\u00e9p\u00e9rtoires\u00bb \u2013 das R\u00e9pertoire International de Litt\u00e9rature Musicale (Rilm), de Sources Musicales (Rism), de la Presse Musicale (Ripm) und der Ikonografie (Ridim), oder die zahllosen weiteren Gesamtausgaben und Kompendien, die den Gang der europ\u00e4ischen Musikgeschichte dokumentieren. Zudem hat das Fach parallel zum Verlust der Strahlkraft seiner einstigen Unit\u00e9 de doctrine in Form einer klassisch-romantischen und eurozentrischen Nabelschau die fr\u00fchere Geschlossenheit verloren und sich mehr und mehr dem globalen Geschehen, der Ethnomusikologie, der popul\u00e4ren Musik und der interdisziplin\u00e4ren Arbeit ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p> <strong>Eine Wissenschaft vor tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen<\/strong><\/p>\n<p> Dass der Wandel auch die wissenschaftstheoretischen Grundlagen des Faches ber\u00fchrt, zeigten zwei thematisch und personell eng verflochtene Symposien. Das eine stand unter dem Motto \u00abSigns Beyond Signification\u00bb und widmete sich den semiotischen Konzepten im musikologischen Diskurs. Das andere warf unter dem etwas kryptischen Titel \u00abDeep Listening in the Age of Eloquent Technologies\u00bb einen Blick auf die wachsende Bedeutung experimenteller Techniken und spielerischer Bottom-Up-Strategien in der Grauzone zwischen Ger\u00e4usch und Musik, denen es darum geht, die physikalischen und kognitiven Grundlagen der Musik besser in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p> Das erste hatten die Berliner Musikphilosophin Elena Ungeheuer und ihr Frankfurter Kollege Christian Thorau organisiert. Es wurde \u2013 gewollt oder ungewollt? \u2013 zum fruchtbaren Dialog deutscher und angels\u00e4chsischer Denktraditionen. Letztere war mit Nicholas Cook (University of London) und Eric Clarke (University of Sheffield) sowie Dana Gooley (Brown University) hochkar\u00e4tig vertreten. Was man \u00abdeutsche Schule\u00bb nenne k\u00f6nnte, verfochten Roland Posner (TU Berlin) und Christian Kaden (Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin). Da wurde denn auch nicht mit markigen Positionsbestimmungen gespart: So stellte Kaden die kontinentaleurop\u00e4ische Tradition der Semiotik mit generellen Zweifeln an der Behauptung in Frage, dass Musik in den \u00fcblichen Kategorien von Zeichensystemen gewinnbringend beschrieben werden k\u00f6nne. Als m\u00f6glichen Ausweg nannte er eine praxisnahe Kasuistik \u2013 eine Vorank\u00fcndigung dessen, was die kommenden Auseinandersetzungen charakterisieren sollte.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 320px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Auch in Z\u00fcrich als unvermeidlicher Bestandteil jedes Kongresses pr\u00e4sent: Verlagsausstellung mit B\u00fcchertisch.<\/strong><\/span><\/td>\n<td width=\"4\">\u00a0<\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2007\/070715ims3.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Nelson Goodman, der mit seinem Buch \u00abSprachen der Kunst\u00bb bereits vor dreissig Jahren einen fundamentalen Beitrag zur Symbolfunktion von Musik verfasst hat, \u00e4usserte in seinem etwa zur gleichen Zeit entstandenen ontologischen Hauptwerk \u00abThe Structure Of Appearance\u00bb die Hoffnung, dass Philosophen dereinst mehr anhand der Themen, an denen sie arbeiteten, identifiziert w\u00fcrden, als an den Positionen, die sie einn\u00e4hmen. Wie das Symposium zeigte, scheint sie sich noch kaum erf\u00fcllt zu haben. Da musste einmal mehr festgestellt werden, dass im Diskurs in der Regel mindestens soviele Theorieans\u00e4tze entworfen wurden wie sich Referenten zu Wort meldeten, und dass anstatt der Diskussion solide fundierter Experimentaldaten nach wie vor das eher zuf\u00e4llig wirkende und nebenbei pr\u00e4sentierte Beispiel als doch eher wackelige Faktengrundlage herhalten muss.<\/p>\n<p> Nicht ganz zuf\u00e4llig rekurrierte der vermutlich wegweisende Vorschlag f\u00fcr einen Ausweg aus der etwas verfahrenen theoretischen Situation auf den Amerikaner James Gibson, den Pionier der \u00f6kologischen Psychologie. Und nicht weniger zuf\u00e4llig d\u00fcrfte er vom Briten Eric Clarke vorgebracht worden sein. Dieser machte sich f\u00fcr eine strukturell-\u00f6kologische Sichtweise der musikalischen Kommunikation stark, welche die geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise in letzter Konsequenz n\u00e4her an die empirischen Methoden der Naturwissenschaftler heranf\u00fchren d\u00fcrfte.<\/p>\n<p> <strong>Herantasten an empirische Methoden der Systematik<\/strong><\/p>\n<p> Der Berliner Medientheoretiker Martin Carl\u00e9 brachte, was hier in der Luft zu liegen schien, an dem zweiten Symposium auf den Punkt: Die Musikwissenschaft, so der mit Psychoakustik und Simulation besch\u00e4ftigte Jungforscher, werde zur empirischen Angelegenheit.<\/p>\n<p> Wie gross trotz der gegenseitigen Ann\u00e4hrungen der Mentalit\u00e4tsunterschied zwischen den mit Musik besch\u00e4ftigten Natur- und Geisteswissenschaftlern aber nach wie vor ist, zeigte der Vortrag von Tom Fritz vom Leipziger Max-Planck-Institut, der seinen verhinderten Vorgesetzten Stefan Koelsch vertrat. Mit Blick auf die Frage nach der Universalit\u00e4t emotionaler Botschaften in der Musik erging er sich nicht in das unter Geisteswissenschaftlern \u00fcbliche R\u00e4sonnieren \u00fcber m\u00f6gliche theoretische Perspektiven. Vielmehr pr\u00e4sentierte er in n\u00fcchtern-wacher Art unter anderem Resultate von Feldforschungen mit Einwohnern Kameruns, die mit westlicher Musik noch kaum je in Ber\u00fchrung gekommen, aber sehr wohl in der Lage sind, die von westlicher Musik zum Ausdruck gebrachten Emotionen Freude, Trauer und Erschrecken zu identifizieren.<\/p>\n<p> Leider nimmt die Musikphilosophie diese immer vielf\u00e4ltiger werdenden Angebote der experimentellen Zunft (noch) nicht wirklich wahr. Auch in Z\u00fcrich wurden keine Anstalten unternommen, wie in andern Disziplinen \u00fcblich, das immer reichlicher werdende empirische Material kritisch zu sichten, zu diskutieren und daraus wiederum emprisch \u00fcberpr\u00fcfbare Hypothesen oder gar Theorien abzuleiten.<\/p>\n<p> Unterhaltende und durchaus geistreiche Unternehmungen wie der von Carl\u00e9 vorgestellte Versuch, mit Hilfe von Helmholtz-Sirenen am Originalschauplatz der Odyssee \u2013 der Insel Capri \u2013 nachzupr\u00fcfen, wie der von Homer beschriebene Sirenengesang sich tats\u00e4chlich ausgebreitet haben d\u00fcrfte, sind vorerst bloss spielerische Varianten der Idee des Experimentierens. F\u00fcr eine systematische und tragf\u00e4hige Theoriearbeit k\u00f6nnen sie nur sehr bedingt einen Ausgangspunkt bilden.<\/p>\n<p> Selbst wenn sich da zuf\u00e4llige, aber dennoch interessante heuristische Hinweise auf die Beschaffenheit der akustischen Lebenswelt ergeben k\u00f6nnen, untersch\u00e4tzen sie die Kunstfertigkeit und theoretische Fundierung, welche experimentelle Arbeit in der Wissenschaft heute auszeichnet. Die Geisteswissenschaftler w\u00e4ren gut beraten, das Experimentieren den Spezialisten zu \u00fcberlassen und sich auf ihre St\u00e4rke, die skrupul\u00f6se Analyse von Strukturen und damit die Diskussion von Theorien, die sich aus dem Material ableiten liessen, zu konzentrieren. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18.07.2007 Vergangene Woche fanden Z\u00fcrichs Hochschulen, Konzertlokale und Gassen zu einer einzigartigen Gesamtschau auf die klingende Kunst zusammen. 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