{"id":615,"date":"2014-01-11T16:31:18","date_gmt":"2014-01-11T16:31:18","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/schoenbergers-musik-und-emotionen\/"},"modified":"2014-01-11T16:31:18","modified_gmt":"2014-01-11T16:31:18","slug":"schoenbergers-musik-und-emotionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/schoenbergers-musik-und-emotionen\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6nbergers \u00abMusik und Emotionen\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/060706emotion.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>10.07.2006 &#8212; Musik fasziniert die Menschen nicht zuletzt, weil sie \u2013 um die etwas altert\u00fcmelnde, aber durchaus treffende Redewendung zu bem\u00fchen \u2013 das Herz zu r\u00fchren vermag. Ausgerechnet dieses fundamentale Erlebnis hat sich der direkten psychologischen Untersuchung bisher weitgehend entzogen. Dies liegt zum einen daran, dass nicht einmal die Grundbegriffe gekl\u00e4rt sind: Zur Natur der menschlichen Gef\u00fchle besteht keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Rahmentheorie. Zum andern lassen die messbaren physiologischen Begleiterscheinungen, die im Rahmen der klassischen empirischen Psychologie zug\u00e4nglich sind &#8211; erh\u00f6hter Puls, Herzklopfen, Schwitzen, Err\u00f6ten und so weiter &#8211; bloss indirekte und nicht zweifelsfrei deutbare Schl\u00fcsse auf das mentale Erleben zu.<\/p>\n<p> Jeder, den Musik nicht unber\u00fchrt l\u00e4sst, kennt aber die Momente, wenn es einem \u00abkalt den R\u00fccken hinunter l\u00e4uft\u00bb oder \u00abden Atem raubt\u00bb. Diese Momente des Erschauderns oder \u00abKicks\u00bb sind von recht gut isolierbaren physiologischen Reaktionen begleitet und k\u00f6nnten deshalb zu einer Art Stein von Rosetta bei der Untersuchung der emotionalen Aspekte des Musik-Erlebens werden.<\/p>\n<p> Hier setzt das Buch \u00abMusik und Emotionen \u2013 Grundlagen, Forschung, Diskussion\u00bb des \u00f6sterreichischen Musikpsychologen J\u00f6rg Sch\u00f6nberger an, das im Wesentlichen Datenmaterial aus einer im Jahr 2000 selber durchgef\u00fchrten Internetumfrage zu derartigen starken Erlebnissen protokolliert. Der Pr\u00e4sentation der Ergebnisse schickt Sch\u00f6nberger einen n\u00fctzlichen, leicht fasslich geschriebenen und anregenden \u00dcberblick \u00fcber den Stand der Forschung zum Thema voraus.<\/p>\n<p> Er konzentriert sich dabei nach kurzen Hinweisen auf fr\u00fchere Arbeiten \u2013 zum Beispiel von Mitch Waterman oder Manfred Clynes \u2013 auf die Ans\u00e4tze von John A. Sloboda, der solche Momente in Form sogenannter \u00abChills\u00bb oder \u00abThrills\u00bb physiologisch untersucht hat, und Alf Gabrielsson. Letzterer hat mit seinem Konzept der \u00abStrong Experiences with Music\u00bb einen etwas umfassenderen Ansatz des emotionalen Erlebens gew\u00e4hlt, der auch physiologisch weniger fassbare Ph\u00e4nomene umfasst. Bei der Datensammlung hat der schwedische Musikpsychologe deshalb weitgehend auf verbale Antworten von Versuchspersonen zur\u00fcckgegriffen.<\/p>\n<p> Die Auswertung von 193 ausgef\u00fcllten Onlinefragebogen samt einer F\u00fclle an schriftlichen Umschreibungen und Kommentaren f\u00fchrt Sch\u00f6nberger zu recht vagen oder banalen Schl\u00fcssen &#8211; unter anderem zur Einsicht, dass Slobodas Strukturmerkmale thrillausl\u00f6sender Musik nicht nur in der klassischen Musik zu finden und dass solche Erlebnisse weit verbreitet sind.<\/p>\n<p> Ein Kernproblem bei traditionellen physiologischen Methoden stellt \u2013 wie Sch\u00f6nberger richtig bemerkt \u2013 die Tatsache dar, dass sich \u00abnur schwer Zusammenh\u00e4nge zwischen der Art und Intensit\u00e4t einer physiologischen Reaktion und der Art und Intensit\u00e4t einer emotionalen Erfahrung herstellen\u00bb (24) lassen, nicht zuletzt, weil sich auch hier ein allgemeines Kernproblem bei der Formulierung eines griffigen Konzepts der Emotionen stellt: die Tatsache, dass Gef\u00fchlserfahrungen in komplexen R\u00fcckkoppelungskreisen aus physiologischen Wahrnehmungen und kognitiver Verarbeitung zu bestehen scheinen. <\/p>\n<p> Sch\u00f6nbergers Bericht zu Stand der Dinge endet, ohne dass die Perspektiven aufgezeichnet werden, die sich in dieser Hinsicht mit den bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften \u00f6ffnen. Vorwerfen kann man dies dem Autor allerdings nicht, denn die wichtigsten Arbeiten dazu sind erst nach der Durchf\u00fchrung der fraglichen Onlineumfrage publiziert worden.<\/p>\n<p> PET-Untersuchungen (Positronen Emissions Tomographie) zur Frage nach Chill-\u00abErlebnissen\u00bb haben nach der Jahrtausendwende etwa Anne Blood und Robert Zatorre realisiert. Sie berichten dar\u00fcber in dem Artikel \u00abIntensely pleasurable responses to music correlate with activity in brain regions implicated in reward and emotion\u00bb, der 2001 in den Proceedings of the National Academy of Science (98, 11818-23) erschienen ist. <\/p>\n<p> Sch\u00f6nberger ist Betreiber der gut gemachten, Community basierten Webseite <a href=\"http:\/\/www.musikpsychologie.at\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.musikpsychologie.at<\/a>, \u00fcber welche die Onlineumfrage urspr\u00fcnglich abgewickelt worden ist und auf der sich eine F\u00fclle weiteren Materials zum Thema findet. Die Webseite definiert sich im Untertitel explizit als \u00abOpen Access &amp; Open Source Online Magazin\u00bb und unterst\u00fctzt mehrere Open Access Initiativen. Nicht ganz ohne Ironie ist da, dass ausgerechnet das Buch ihres Gr\u00fcnders nicht frei zug\u00e4nglich ist, sondern auf ganz konventionellen Wegen k\u00e4uflich erworben werden muss (eine Onlineversion der Arbeit ist allerdings unter der unten angegebenen Web-Adresse greifbar). <em>(Rev 8.8.2006)<\/em> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">J\u00f6rg Sch\u00f6nberger: <em>Musik und Emotionen \u2013 Grundlagen, Forschung, Diskussion<\/em>, VDM Verlag Dr. M\u00fcller, Auflage: 1 (Mai 2006) , Mai 2006, ISBN 3865502490 <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/3865502490&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3865502490\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/p>\n<p> <em>Erg\u00e4nzung vom 08.08.2006:<\/em> Onlinefassung der Arbeit<br \/><a href=\"http:\/\/psydok.sulb.uni-saarland.de\/volltexte\/2005\/568\/index.html\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">psydok.sulb.uni-saarland.de\/volltexte\/2005\/568\/index.html<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.07.2006 &#8212; Musik fasziniert die Menschen nicht zuletzt, weil sie \u2013 um die etwas altert\u00fcmelnde, aber durchaus treffende Redewendung zu&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-615","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/615","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=615"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/615\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=615"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=615"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=615"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}