{"id":616,"date":"2014-01-11T16:31:44","date_gmt":"2014-01-11T16:31:44","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/floros-neue-ohren-fuer-neue-musik\/"},"modified":"2014-01-11T16:31:44","modified_gmt":"2014-01-11T16:31:44","slug":"floros-neue-ohren-fuer-neue-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/floros-neue-ohren-fuer-neue-musik\/","title":{"rendered":"Floros&#8216; \u00abNeue Ohren f\u00fcr neue Musik\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/060723floros2.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>25.07.2006 &#8212; Mit seinem j\u00fcngsten Buch legt der Musikwissenschaftler Constantin Floros eine Sammlung von Essays, Berichten und Quellen vor, die ein facettenreiches Bild der europ\u00e4ischen Kunstmusik im 20. Jahrhundert zeichnen. Der mittlerweile 76-J\u00e4hrige, der in den achtziger und neunziger Jahren die Musikwissenschaft an der Universit\u00e4t Hamburg mitpr\u00e4gte, erkl\u00e4rt im Vorwort, es sei sein Anliegen gewesen, \u00abauch die zeitgeschichtlichen, geistigen, psychologischen und sozialen Hintergr\u00fcnde dieser <em>ars nova<\/em> zu beleuchten.\u00bb (8) Von dieser Perspektive aus werde die Musik des 20. Jahrhunderts in ihrer Gesamtheit erstmals gedeutet. <\/p>\n<p> Letzteres mutet angesichts des Umfanges des Buches und der Publikationsfreudigkeit von Komponisten und Theoretikern der europ\u00e4ischen Avantgarde eher k\u00fchn an. Das Buch macht vielmehr den Eindruck eines melancholischen Blicks zur\u00fcck auf die \u00abamtliche\u00bb Perspektive der deutschen Geisteswissenschaft, welche die Achse Sch\u00f6nberg \u2013 Adorno \u2013 Darmst\u00e4dter Ferienkurse zum Mass aller Dinge gemacht hat. Rund die H\u00e4lfte der Kapitel besch\u00e4ftigen sich mit Sch\u00f6nbergs Werk selber. Zwei interessante Abhandlungen widmet der griechischst\u00e4mmige Publizist dem seiner Ansicht nach unterbewerteten griechischen Sch\u00f6nberg-Sch\u00fcler Nikos Skalkottas. Eigene Kapitel erhalten Nono, Messiaen, Boulez, Ligeti, Zimmermann, Schnittke, Henze und Rihm. Schliesslich widmen sich weitere Abhandlungen sachlichen Aspekten: dem Ph\u00e4nomen des \u00abirisierenden Klanges\u00bb, dem Multikulturellen in der Neuen Musik und der Postmoderne. Mindestens einer der Texte \u2013 derjenige zu \u00abMultikulturellen Ph\u00e4nomenen in der Musik\u00bb \u2013 ist bereits fr\u00fcher einmal publiziert worden. <\/p>\n<p> Die Texte weisen keine einheitliche Brennweite auf, und Floros\u2019 Tour d\u2019horizon durch das 20. Jahrhundert tr\u00e4gt teils analytische, teils anekdotische Z\u00fcge. Subtile technische Analysen \u2013 etwa zu Sch\u00f6nbergs \u00abGurreliedern\u00bb \u2013 stehen neben episodischen Erz\u00e4hlungen, zum Beispiel zu einer Begegnung von Floros und Nono in einem Caf\u00e9, in der die Musik von Berg, Sch\u00f6nberg und Nono selber zur Sprache kommt. Verraten wird da, dass man \u00fcber Nonos \u00abPrometeo\u00bb gesprochen hat, nicht aber, um was es dabei gegangen ist. Und es wird mitgeteilt, dass Nono mit seinem Librettisten \u00fcber Floros\u2019 Mahler-B\u00e4nde gesprochen und Nono auch Floros\u2019 B\u00fccher \u00fcber Brahms und Bruckner gelesen hat. Da freuen wir uns f\u00fcr den Autor, der sich beim Komponisten mit den Worten \u00abNon dire addio alla speranza\u00bb verabschiedet. Dieser wiederum wirft ihm zum Abschluss \u00abeinen ernsten Blick zu\u00bb.<\/p>\n<p> Solche Selbstbezogenheiten, in welche die Texte immer wieder abgleiten, lassen sich entschuldigen, ist doch anregend und erfrischend, was Floros ansonsten \u00fcber sein Thema zu berichten weiss. Angesichts des umfassenden Wissens und der Zeitzeugenschaft des Wissenschaftlers lohnt sich die Lekt\u00fcre \u2013 allerdings nicht als Einf\u00fchrung in die Materie, werden doch zahlreiche offene Fragen aufgenommen, mit denen der Leser mit Vorteil bereits vertraut sein sollte, um die gedankliche Arbeit auch w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen. Kenner der Materie finden eine reichhaltige Materialsammlung vor, die sorgf\u00e4ltig editiert und gestaltet worden ist und dank hoher Sprachbeherrschung und erz\u00e4hlerischem Talent literarisches Vergn\u00fcgen bietet, ohne je geschw\u00e4tzig zu wirken. <\/p>\n<p> Etwas mehr erfahren m\u00f6chte man allerdings, wenn Quellenmaterial mit dem Hinweis pr\u00e4sentiert wird, dieses werde zum ersten Mal publiziert, ohne die Neugier zu stillen, wie Floros denn in den Besitz solcher Preziosen gekommen ist. So referiert er einen \u00abbislang unver\u00f6ffentlichten Kommentar\u00bb Ligetis zum Ph\u00e4nomen der irisierenden Kl\u00e4nge ohne vollst\u00e4ndige Quellenangabe. Ebenso unvollst\u00e4ndig sind die Herkunftsangaben zu zwei unbekannten Briefen von Sch\u00f6nberg und Berg, denen gar ein eigenes Kapitel gewidmet ist.<\/p>\n<p> Das Buch erhebt im Untertitel den Anspruch, auch die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts zu reflektieren. Es scheint aber offensichtlich, dass Floros in der \u00c4sthetik des Darmstadt-Kreises befangen bleibt \u2013 bei aller Offenheit gegen\u00fcber den als Abweichlern \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen (Henze, Ligeti, Schnittke, Zimmermann). Zur aktuellen Befindlichkeit der Neuen Musik hat er wenig zu sagen. Das eher oberfl\u00e4chliche Kapitel zur \u00absogenannten Postmoderne\u00bb endet mit der polemisch-klischierten Bemerkung, dass Orientierungslosigkeit ein bedenkliches Symptom unserer Zeit sei. Komponierende Frauen wiederum sind f\u00fcr Floros praktisch inexistent. Der Platz, den Sofia Gubaidulina in Randbemerkungen als Komparsin der m\u00e4nnlichen Musikgeschichte erh\u00e4lt, unterstreicht die Marginalisierung. Pers\u00f6nlichkeiten wie Nadia Boulanger, Olga Neuwirth, Adriana H\u00f6lszky, Isabel Mundry, Kaija Saariaho oder Younghi Pagh-Paan sind in Floros\u2019 \u00abgedeuteter Gesamtheit\u00bb \u00fcberhaupt inexistent. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Constantin Floros: Neue Ohren f\u00fcr Neue Musik \u2013 Streifz\u00fcge durch die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, 2006 Verlag Schott Musik, Mainz, 256 Seiten, ISBN 3-7957-0547-9. <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/3795705479&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3795705479\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25.07.2006 &#8212; Mit seinem j\u00fcngsten Buch legt der Musikwissenschaftler Constantin Floros eine Sammlung von Essays, Berichten und Quellen vor, die&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-616","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/616","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=616"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/616\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=616"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=616"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=616"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}