{"id":62,"date":"2014-01-06T10:43:40","date_gmt":"2014-01-06T10:43:40","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/wie-aus-zahlen-stilmerkmale-werden\/"},"modified":"2014-01-06T10:43:40","modified_gmt":"2014-01-06T10:43:40","slug":"wie-aus-zahlen-stilmerkmale-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/wie-aus-zahlen-stilmerkmale-werden\/","title":{"rendered":"Wie aus Zahlen Stilmerkmale werden"},"content":{"rendered":"<p>10.01.2006<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Der an der Johannes Kepler Universit\u00e4t in Linz t\u00e4tige Computerwissenschaftler Gerhard Widmer hat mit empirischen Untersuchungen zu Interpretationen von Pianisten eine Br\u00fccke zwischen statistischen Verfahren der K\u00fcnstlichen Intelligenz und der Musikanalyse geschlagen. Codex flores hat sich mit dem originellen Forscher \u00fcber die Methoden unterhalten, die solchen Experimenten zugrundeliegen.<\/strong><\/p>\n<p> <strong>Codex flores:<\/strong> <em>Bei Ihren Untersuchungen zum individuellen Stil von Pianisten greifen sie auf eine Technik zur\u00fcck, die Informatiker unter dem Schlagwort \u00abDatamining\u00bb vertraut ist. K\u00f6nnen Sie in ein paar Worten erkl\u00e4ren, was man sich darunter vorzustellen hat?<\/em><br \/> <strong>Gerhard Widmer:<\/strong> Die Technik geht auf Forschungen im Bereich des maschinellen Lernens zur\u00fcck. Man fragte sich, wie man Computern beibringen k\u00f6nnte, aus vielen Einzelbeobachtungen allgemeine Schl\u00fcsse zu ziehen. Lernen l\u00e4sst sich in vielen F\u00e4llen darauf reduzieren, dass in einer bestimmten Menge von Daten allgemeine Zusammenh\u00e4nge und Gesetzm\u00e4ssigkeiten entdeckt werden. Sp\u00e4ter hat man gesehen, dass man damit verbundene Methoden auch auf sehr grosse Datenmengen anwenden kann. <\/p>\n<p> <em>Das heisst, man findet Dinge, an die man gar nicht gedacht h\u00e4tte? <\/em> <br \/> Das ist ein Aspekt: Man kann den Computer quasi selbst\u00e4ndig auf Entdeckungsreise schicken. Man geht nicht mit vorgefassten Theorien hinter die Daten und versucht, darin das zu entdecken, was man sowieso schon vermutet. Der Rechner soll vielmehr selber Zusammenh\u00e4nge zwischen Variablen finden, die keiner sonst aufgesp\u00fcrt h\u00e4tte. <\/p>\n<p> <em>Kann man solche Schl\u00fcsse nicht ohne Hilfe des Rechners ziehen?<\/em> <br \/> Eben nicht. Die Anzahl m\u00f6glicher statistischer Zusammenh\u00e4nge in einer grossen Datenmenge ist so exorbitant gross, dass es selbst f\u00fcr den Rechner schlicht und ergreifend unm\u00f6glich ist, alle m\u00f6glichen Variablenkombinationen durchzupr\u00fcfen. Er w\u00fcrde dazu schnell einmal mehr Zeit brauchen, als das Universum alt ist. Der Computer stellt gewisse Ausgangsvermutungen an und schaut sich nur einen Bruchteil der m\u00f6glichen Kombinationen an. <\/p>\n<p> <em>Wie nutzen Sie solche Techniken f\u00fcr die Musikforschung? <\/em> <br \/> Wir haben uns gefragt wie das, was ein klassischer Musiker spielt und tut, mit der Struktur der Musik selber zusammenh\u00e4ngt. Gibt es da Regeln, die sich nat\u00fcrlicherweise ergeben? Wir haben den Rechner nach Regeln suchen lassen, welche die Unterschiede zwischen dem tats\u00e4chlichen Spiel eines Pianisten und dem, was in den Noten steht, erfassen. <\/p>\n<p> <em>Kann man das an einem Beispiel erl\u00e4utern? <\/em> <br \/> Wir haben etwa versucht, in Aufnahmen von Mozartsonaten, die wir sehr pr\u00e4zise gemessen haben, Regelm\u00e4ssigkeiten zu entdecken, aufgrund deren sich vorhersagen l\u00e4sst, an welcher Stelle in einem St\u00fcck ein Interpret langsamer oder schneller wird oder eine Note betonen wird oder nicht. <\/p>\n<p> Angenommen der Computer soll versuchen vorherzusagen, an welcher Stelle der Pianist lokal langsamer werden wird. Der Rechner sucht in der Interpretation alle Stellen heraus, an denen der Pianist sein Spiel verz\u00f6gert. Zum Vergleich sucht er nach allen Situationen, in denen keine Verz\u00f6gerung im Spiel festzustellen ist. Aufgrund dieser beiden Ereignisklassen versucht der Computer herauszufinden, welche Eigenschaften der Musik die beiden Situationen charakterisieren. <\/p>\n<p> <em>Sie stellen die Tempo- und Lautst\u00e4rkeschwankungen der Intepretation in einem zweidimensionalen Koordinatensystem dar. Daraus l\u00e4sst sich auf einen Blick grafisch \u00fcberblicken, wie ein Pianist eine Passage gestaltet: Die Korrelation der beiden Parameter bewegt sich wie ein W\u00fcrmchen \u00fcber die Fl\u00e4che. <\/em> <br \/> Das basiert auf einer Idee und Grundmethode des deutschen Musikwissenschaftlers J\u00f6rg Langner. Diese simultane Darstellung von Tempo und Dynamik finden wir ausgesprochen intuitiv und \u00fcbersichtlich, und sie eignet sich auch gut f\u00fcr didaktische Zwecke.<\/p>\n<p> Andererseits muss man schon auch ein paar kritische Worte dazu machen. Diese W\u00fcrmer (\u00abPerformance Worms\u00bb, wir wir sie nennen), sehen sch\u00f6n aus, es handelt sich aber nur um eine visuelle Metapher, die mehr oder weniger \u00fcberzeugen kann, und die man auch \u00fcberinterpretieren kann. Die Darstellung ist nur so gut wie die zugrundeliegenden Daten. Und das sind in den meisten F\u00e4llen \u2013 vor allem dort, wo wir Tempo und Dynamik aus Tonaufnahmen ber\u00fchmter Pianisten herausgemessen haben \u2013 nur sehr ungenaue und abstrakte Daten.<\/p>\n<p> Aus Audiodaten k\u00f6nnen wir Tempo und Dynamik nur in bestimmten Intervallen bestimmen, das sind keine kontinuierlichen Aufzeichnungen. Wir messen nur gerade bei den Taktschl\u00e4gen, oder vielleicht eine metrische Ebene darunter, wenn es geht. Diese werden in der Aufnahme markiert.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\" width=\"170\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u00abIm Endeffekt ist jede Form des Lernens und Datenanalysierens eine Frage der Statistik.\u00bb<\/strong><br \/><\/span><\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/060103widmer3.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <em>Und Sie erstellen daraus eine simple Statistik? <\/em> <br \/> Im Endeffekt ist jede Form des Lernens und Datenanalysierens eine Frage der Statistik. Es geht darum zu z\u00e4hlen, wie oft bestimmte Dinge mit andern Dingen vorkommen, um herauszufinden, welche Aspekte einer Situation zu einer bestimmten Konsequenz f\u00fchren und welche Aspekte zu einer andern Konsequenz f\u00fchren. <\/p>\n<p> Die Ausgangsvermutungen, die man zugrundelegt, sind nat\u00fcrlich auch statistisch orientiert. Der Computer hat ja kein wirkliches Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Musik. F\u00fcr ihn sind alle Variablen gleich wichtig. Er weiss nicht, welche musikalisch mehr Sinn machen oder weniger, welche eher einen Einfluss auf eine Tempoentscheidung eines Pianisten haben. <\/p>\n<p> Man muss sich also auch gut \u00fcberlegen, ob das, was der Computer gefunden hat und vielleicht statistisch durchaus signifikant ist, auch musikalisch Sinn ergibt. Es kann ja durchaus sein, dass der Rechner in der Interpretation von Horowitz statistisch signifikante Eigenheiten ausfinding macht, die musikalisch v\u00f6llig uninteressant sind, nebens\u00e4chliche Artefakte, die so minim sind, dass man sie beim H\u00f6ren gar nicht wahrnimmt.<\/p>\n<p> <em>M\u00f6glicherweise liesse sich ja auch aus musikalisch wenig signifikanten Korrelationen etwas auslesen? Zum Beispiel etwas wie einen unverwechselbaren \u00abFingerabdruck\u00bb eines Pianisten? <\/em> <br \/> Das haben wir auch getan. Wir haben den Computer mit Daten zu Aufnahmen von Mozartsonaten von sechs verschiedenen Pianisten gef\u00fcttert. Dann haben wir ihm Aufnahmen anderer St\u00fccke \u2013 auch von Mozart \u2013 eingegeben und geschaut, ob er entscheiden kann, welcher Pianist spielt. Da haben wir Resultate erhalten, die weit \u00fcber dem blinden Raten sind. <\/p>\n<p> <em>Das Verfahren erinnert ein wenig an die Pionierarbeiten des Pianisten und Mathematikers Manfred Clynes. Der hat ja schon relativ fr\u00fch behauptet, er k\u00f6nne mit \u00e4hnlichen Methoden etwas wie einen charakteristischen \u00abPuls\u00bb ermitteln, der als eine Art Signatur f\u00fcr einen Komponisten gesehen werden kann. <\/em> <br \/> Das mit den \u00ab\u00e4hnlichen Methoden\u00bb w\u00fcrde ich so nicht stehen lassen. Wir machen Aussagen \u00fcber konkret gemessene Abweichungen eines Pianisten von einem fixen Tempo oder einer konstanten Lautst\u00e4rke \u2013 Dinge, die direkt und relativ objektiv in der Aufnahme messbar sind.<\/p>\n<p> Clynes postuliert zum Teil Dinge, die eben nicht messbar sind, Dinge, f\u00fcr die man nur indirekte Evidenz vorbringen kann, und die auch in zahlreichen Experimenten anderer Forscher nicht in der Form reproduziert werden konnten. Einige von Clynes&#8216; Behauptungen und Theorien werden daher in der Literatur \u00e4usserst kontrovers gesehen.<\/p>\n<p> <em>Er hat aber mit einem gewissen Recht auch darauf hingewiesen, dass man beim H\u00f6ren in k\u00fcrzester Zeit sagen kann, dass ein Interpret etwas zu sagen hat oder eben nicht. Das zeigt doch, dass musikalischer Ausdruck auf der einen Seite sehr komplex scheint, auf der andern wiederum sehr einfach und mechanisch produzierbar.<\/em> <br \/> Einfach ja, mechanisch produzierbar nein. Damit hat man es in der K\u00fcnstlichen Intelligenz jeden Tag zu tun. Genau die Probleme, die Menschen intuitiv und schnell l\u00f6sen, sind in der Regel \u00e4usserst schwer zu formalisieren. Das hat damit zu tun, dass sich der Mensch ein Leben lang in einer realen Welt bewegt und enorm komplexe Interpretationen von Wahrnehmungen mit gr\u00f6sster Geschwindigkeit vollzieht. Unser Gehirn verbindet alles mit allem in unglaublichem Tempo. Es macht deshalb st\u00e4ndig Vorhersagen, was als n\u00e4chstes plausiblerweise zu erwarten ist. Das geht so weit, dass wir meinen, Dinge zu sehen, die gar nicht da sind, weil wir \u00fcberzeugt sind, dass sie nun kommen m\u00fcssten. <\/p>\n<p> <em>Was heisst das wiederum f\u00fcr die Musik? <\/em> <br \/> Nehmen wir zum Beispiel ein Programm, das die Melodie aus einem polyphonen Geschehen extrahieren soll, etwas was ein Mensch mit gr\u00f6sster Leichtigkeit erledigt. Der klassische Ansatz besteht darin, dass man aus dem Audiosignal physikalische Ereignisse herausmisst und mit Hilfe dieser einen vom Einzelereignis zur globalen Sicht fortschreitenden Prozess, einen sogenannten \u00abBottom-Up-Algorithmus\u00bb baut. Dieser soll dann entscheiden, wo die Melodie ist. <\/p>\n<p> Experimente zeigen aber, dass derartige Methoden derzeit noch weit von der Leistungsf\u00e4higkeit von Menschen entfernt sind. Und ein wesentlicher Grund daf\u00fcr ist eben, dass sie nur von lokaler Information ausgehen und keine Vorstellung vom gr\u00f6sseren musikalischen Kontext haben &#8211; keine Erfahrung mit Musik, keine Erwartungshaltungen, die \u00fcber jahrzehntelanges H\u00f6ren von Musik geformt wurden. Genau das aber sind Dinge, die auch sehr schwer zu modellieren sind.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 300px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/060103grafik1.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Die Resultate von Widmers Untersuchungen lassen sich als W\u00fcrmer in einem Koordinatensystem mit den Achsen Lautst\u00e4rke und Tempo darstellen. Spielt ein Pianist etwa immer schneller und zugleich leiser, bewegt es sich von links oben nach rechts unten. Je \u00e4lter die Spur, umso mehr verblasst sie. Die Darstellungsmethode findet sich zuerst in: Langner J., Goebl W.: \u00abVisualizing expressive performance in tempo-loudness space.\u00bb Computer Music Journal, 27(4), 69-83, 2003.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Die beiden Amerikaner Fred Lerdahl und Ray Jackendoff haben in ihrem epochalen Buch \u00abGenerative Theory of Tonal Music\u00bb in den achtziger Jahren gezeigt, dass automatische Melodieanalysen sehr schnell sehr komplex werden. <\/em> <br \/> In dem Buch werden sowohl Bottom-Up- als auch ihre Umkehrung, die Top-Down-Aspekte betont. Nimmt man die Theorie etwas genauer unter die Lupe, stellt man fest, dass die Bottom-Up-Aspekte sehr gut formalisiert sind. Bei den Top-Down-Aspekten wird die ganze Sache hingegen viel vager. Da greifen die beiden auf sprachliche Umschreibungen zur\u00fcck. <\/p>\n<p> <em>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel machen? <\/em> <br \/> Sie sagen etwa, dass beim Erkennen von Gliederungen einer Melodie die Wahrnehmung von \u00c4hnlichkeiten eine Entscheidung verst\u00e4rken kann, dass zwei Bereiche Segmente sind. Wie das Erkennen der angesprochenen \u00c4hnlichkeiten auf dieser hohen Ebene funktioniert, das k\u00f6nnen sie dann auch nicht mehr beschreiben. Da bricht auch ihre Theorie zusammen oder muss sich auf allgemeine Formulierungen zur\u00fcckziehen. <\/p>\n<p> <em>Die ersten Kritiken an der Theorie wiesen auch darauf hin, dass zirkul\u00e4re Strukturen beschrieben werden: gewisse Regeln h\u00e4ngen gegenseitig voneinander ab. Eine weitere Schwierigkeit bietet f\u00fcr die exakte Analyse die Einf\u00fchrung von Pr\u00e4ferenzregeln. Sie geben keine eindeutigen Anweisungen, sondern bloss Hinweise, welche Strukturierung vorzuziehen ist, wenn gewisse Sachverhalte in einem bestimmten Mass beobachtet werden. Dazu m\u00fcssen also noch Schwellwerte in Form quantitativer Gewichtungen angegeben werden, damit man sie \u00fcberhaupt anwenden kann. <\/em><br \/> Es muss allerdings nicht die Aufgabe des Theoretikers sein, konkrete Schwellwerte anzugeben. Jeder Mensch h\u00f6rt halt doch wieder ein bisschen anders. Wie die Grundwerte gegeneinander gewichtet sind, kann man auch offen lassen. Das ist legitim. <\/p>\n<p> <em>Oder man versucht, die Werte experimentell zu ermitteln. <\/em><br \/> Das wird dann aber schon wieder sehr schwierig. Wenn Experimente da g\u00fcltige Resultate liefern sollen, dann muss man sie sehr kontrolliert durchf\u00fchren. Das wiederum heisst, dass man mit sehr k\u00fcnstlichen musikalischen Stimuli arbeiten muss. Wenn man zuviel Kontext zul\u00e4sst, dann weiss man nicht mehr, was wovon beeinflusst wird. <\/p>\n<p> <em>Die amerikanische Musikpsychologin Carol Krumhansl und andere haben gewisse Befunde der Theorie experimentell nachvollzogen. <\/em><br \/> In ihren Experimenten sind isolierte Faktoren so vewendet worden, dass unbeobachtete Effekte ausgeschlossen werden konnten. Nur kann man sich dann fragen, ob das noch etwas mit Musik zu tun hat. Das ist wahrscheinlich ein fundamentales Dilemma: Wenn man pr\u00e4zise messen will, muss man ein Experiment so einschr\u00e4nken, dass man zerst\u00f6rt, was eigentlich studiert werden sollte. Es wird dann nicht mehr viel Relevantes \u00fcber Musik ausgesagt. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table cellpadding=\"4\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/060103widmer2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>\u00abAuch wenn ich in einem empirisch orientierten Fach t\u00e4tig bin, habe ich durchaus Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass man den empirischen Methoden gegen\u00fcber eine gewisse Skepsis entgegenbringen kann.\u00bb<\/strong><br \/><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <em>Viele derartige experimentelle Resultate muten zugegebenermassen trivial an. Da kann man sich fragen, ob die Idee dahinter tats\u00e4chlich ist, einen echten Erkenntnisgewinn zu erreichen, oder ob es da nicht im Sinn von Vorarbeiten einfach darum geht, die M\u00f6glichkeiten und Grenzen des Experimentalapparates f\u00fcr die Musikpsychologie auszuleuchten. <\/em><br \/> Auch banale Resultate haben ihren Sinn. Man kann sogenannt banale Erkenntnisse auch einfach einmal abhaken, indem man sie experimentell \u00fcberpr\u00fcft. Vielleicht steckt da nicht mehr dahinter. Man weiss dann, dass die Methode an einem konkreten Problem funktioniert. Ob sie dann auch ausreicht, um komplexere musikpsychologische Fragen anzugehen, bleibt aber immer noch offen.<\/p>\n<p> <em>Geisteswissenschaftler entschuldigen ihre Ignoranz gegen\u00fcber experimentellen Methoden h\u00e4ufig mit der angesprochenen scheinbaren Banalit\u00e4t der gegenw\u00e4rtigen Ergebnisse. Man hat aber h\u00e4ufig den Eindruck, dass sie nicht wirklich verstehen, was Experimentalpsychologen \u00fcberhaupt machen, was es bedeutet, ein Experiment zu designen und durchzuf\u00fchren, und welche Leistungen da erbracht werden. <\/em> <br \/> Wie schwierig es ist, Experimente korrekt zu designen und gleichzeitig aussagekr\u00e4ftig zu halten, weiss wohl nur, wer sich wirklich intensiv damit befasst hat. Es mag schon sein, dass manche Geisteswissenschaftler sich Experimentieren zu einfach vorstellen.<\/p>\n<p> Andererseits: Auch wenn ich in einem empirisch orientierten Fach t\u00e4tig bin, habe ich durchaus Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass man den empirischen Methoden gegen\u00fcber eine gewisse Skepsis entgegenbringen kann. Sie bringen Einschr\u00e4nkungen mit sich, die vielleicht nicht immer zu einem vollen Verst\u00e4ndnis eines Ph\u00e4nomens beitragen. <\/p>\n<p> <em>Auf der andern Seite werden Experimentalpsychologen halt auch Opfer ihrer eigenen Marketinganstrengungen. Sie trivialisieren ihre Ergebnisse h\u00e4ufig selber. Das Paradebeispiel ist der Mozart-Effekt, bei dem aufgrund eines simplen Experimentes medienwirksam irgendwelche globalen Behauptungen \u00fcber den intelligenzsteigernden Wert von Mozartmusik gemacht worden sind. <\/em><br \/> War da nicht schon das Experiment an und f\u00fcr sich verfehlt? <\/p>\n<p> <em>Man hat das Experiment auch mit Ratten durchgef\u00fchrt und behauptet, diese f\u00e4nden sich in einem Labyrinth besser zurecht, wenn sie zuvor Musik von Mozart geh\u00f6rt h\u00e4tten. Ein findiger Kritiker hat aber gezeigt, dass die Ratten ja eigentlich taub sind und die Musik gar nicht h\u00f6ren k\u00f6nnen. Da wird das Ganze zur Realsatire. <\/em> <br \/> Wenn man das Experiment mit zwei Gruppen macht, und die eine h\u00f6rt Mozart, bevor sie die Aufgaben l\u00f6sen muss, dann wundert es mich auch nicht, dass die das besser hinbringt. Vielleicht sind ihre Mitglieder einfach konzentrierter. Die andern sind vielleicht einfach eingeschlafen. Es gibt f\u00fcr so etwas ganz banale Erkl\u00e4rungen. Die Journalisten interessieren sich h\u00e4ufig auch nicht f\u00fcr die tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse. \u00abMozart-Effekt\u00bb ist ein wunderbares Schlagwort. <\/p>\n<p> <em>Da wird in der Wissenschaftsberichterstattung sicher viel ges\u00fcndigt. <\/em><br \/> Seit Jahren geistert in der deutschsprachigen Presse ein Ger\u00fccht umher, wonach israelische Forscher ein Programm entwickelt h\u00e4tten, das Sprache lernt. Es wird behauptet, die Software k\u00f6nne die Welt der Intelligenz revolutionieren. Jeder Mensch, der sich mit der Materie besch\u00e4ftigt, weiss, wie komplex Sprache ist. Er weiss, dass da etwas nicht stimmen kann. Wenn das Programm wirklich existieren w\u00fcrde, dann w\u00e4re es in der Wissenschaftswelt Thema Nummer eins. Solche Behauptungen wandern durch alle Zeitungen. Der eine \u00fcbernimmt sie vom andern. <\/p>\n<p> <em>Wissenschaftliche Arbeiten sind aber auch nicht unbedingt ein Hort der Redlichkeit. <\/em><br \/> Jedes Jahr werden Abermillionen von wissenschaftlichen Artikeln produziert, darunter findet sich auch viel Unfug, das muss man auch sagen. <\/p>\n<p> <em>Das Problem hat auch eine politische Dimension. Da wird auch immer wieder auf der Ebene einzelner Experimente argumentiert, zum Beispiel in der Gentechnik-Diskussion. <\/em><br \/> Auf der Basis von einzelnen Experimenten sollte man gar nicht argumentieren. <\/p>\n<p> <em>Man sieht auch im Skandal um den koreanischen Forscher Hwang, der seine \u00abbahnbrechenden Resultate\u00bb zur Stammzellenforschung gef\u00e4lscht hat, welche Konsequenzen die mediale \u00dcberhitzung mit sich bringen kann. Aber irgendwie muss man das Publikum doch auch an seinen Arbeiten Teil haben lassen. <\/em><br \/> Dessen sind wir uns durchaus bewusst. Wir haben deshalb ein Projekt lanciert, bei dem es darum geht, Methoden zu entwickeln, wie der Computer die Komplexit\u00e4t von Musik und ihrer Konstruktion erlebbar machen kann. <\/p>\n<p> <em>K\u00f6nnen sie mehr dazu sagen? <\/em><br \/> Da geht es unter anderem darum, im Konzertsaal live und in Echtzeit eine visuelle Animation der gespielten Musik zu pr\u00e4sentieren, die Struktur zu entwickeln. Dazu braucht man einen Computer, der in Echtzeit umsetzen kann, was gerade gespielt wird. <\/p>\n<p> <em>Man kann da skeptisch sein. Am Versuch, Zeitprozesse in visuelle Darstellungen zu \u00fcbersetzen, sind schon viele gescheitert, angefangen bei Skrjabin. Das Auge bietet immer eine globale und simultane Sicht, das Ohr eine serielle und momentane. <\/em><br \/> Aber das ist ja gerade die Chance der Visualisierung. Diese \u00abInterpretationsw\u00fcrmer\u00bb setzen ja zum Beispiel interessante Eigenschaften einer Interpretation bildhaft um.<\/p>\n<p> <em>Aber sie sehen nicht so aus wie Musik klingt, wenn man das mal so paradox formulieren will. <\/em><br \/> Das ist richtig. Andererseits habe ich eben gerade die M\u00f6glichkeit, etwas Komplement\u00e4res herauszulesen. Es geht nicht darum, etwas zu zeigen, das akustisch genauso gut wahrgenommen werden kann, sondern etwas, das akustisch eben schwer zu sehen ist. Mit der Spur des Interpreten im Koordinatensystem sieht man etwa die letzten dreissig Sekunden eines Vorganges und hat nicht nur die letzten f\u00fcnf pr\u00e4sent wie beim H\u00f6ren. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 260px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/060103grafik2.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Mit Hilfe typischer Bewegungsformen der \u00abW\u00fcrmer\u00bb lassen sich Interpretationen verschiedener Pianisten zu Gruppen zusammenstellen. Pires, Gulda, Lipatti und Uchida haben in Bezug auf die untersuchten St\u00fccke zum Beispiel \u00e4hnliche Interpretationsmuster.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Das Lesen einer solchen Darstellung ist dann aber kein intuitiver Prozess des Erfassens mehr.<\/em><br \/> Richtig, man muss die visuelle Sprache lernen. Mit der Visualisierung kann man eben gerade Dinge sichtbar machen, die man nicht so intuitiv erlebt, und einen Aha-Effekt ausl\u00f6sen. Das funktioniert auch durchaus: Wir haben vor Publikum schon Pr\u00e4sentationen gemacht &#8211; im Wiener Konzerthaus. Da haben wir sehr anschaulich gezeigt, worin unterschiedliche Interpretationsstrategien bestehen. Wenn man das anhand der Aufnahmen vergleichen will, dann hat man schon vergessen, wie es der eine gemacht hat, wenn man endlich die Aufnahme des andern abspielen kann. F\u00fcr gewisse Aspekte ist so eine Visualisierung also durchaus sinnvoll. <\/p>\n<p> <em>Ihre Resultate sind in \u00abMusicae Scientiae\u00bb, einer Zeitschrift erschienen, die sich den Kognitionswissenschaften verschrieben hat. Da liegt die Frage nahe, ob man die Resultate f\u00fcr Konzepte im Bereich der Kognition fruchtbar machen kann. <\/em> <br \/> Das glaube ich nicht, nicht direkt. Wenn wir empirisch bleiben und uns nicht in Spekulationen versteigen wollen, dann m\u00fcssten wir auch irgendetwas in den Messdaten gemessen haben, damit wir etwas \u00fcber Kognition aussagen k\u00f6nnen. Entweder wie ein Zuh\u00f6rer die Musik wahrnimmt, oder welche Zuordnung von Pianist und Stil ein Zuh\u00f6rer machen w\u00fcrde, das m\u00fcsste man dann auch experimentell messen. Dann k\u00f6nnte man versuchen, die Daten zu korrelieren und zu schauen, welche Muster, die wir gemessen haben, die Entscheidungen der Zuh\u00f6rer am ehesten erkl\u00e4ren. Solange wir keine Messdaten von H\u00f6rern haben, die uns irgendeinen R\u00fcckschluss auf kognitive Entscheidungen oder Dinge zulassen, k\u00f6nnen wir auch keine solchen Schl\u00fcsse ziehen. <\/p>\n<p> <em>In der traditionellen Musik\u00e4sthetik w\u00e4ren da aber schnell einmal Formulierungen zur Hand wie: \u00abMan sp\u00fcrt da die depressive Anlage des Interpreten in diesen schleppenden Achteln\u00bb.<\/em><br \/> Da kommt das Problem der sprachlichen Metapher hinzu. Die \u00abW\u00fcrmer\u00bb, die wir analysieren, w\u00e4ren ein wunderbares Medium f\u00fcr solche Spekulationen. Aus empirischer Sicht kann man aus diesen Daten aber keinerlei R\u00fcckschl\u00fcsse auf kognitive Vorg\u00e4nge oder Prinzipien ableiten. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.01.2006 Der an der Johannes Kepler Universit\u00e4t in Linz t\u00e4tige Computerwissenschaftler Gerhard Widmer hat mit empirischen Untersuchungen zu Interpretationen von&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"class_list":["post-62","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikphilosophie","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}