{"id":626,"date":"2014-01-11T16:37:55","date_gmt":"2014-01-11T16:37:55","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/schumann-in-endenich-1854-bis-1856\/"},"modified":"2014-01-11T16:37:55","modified_gmt":"2014-01-11T16:37:55","slug":"schumann-in-endenich-1854-bis-1856","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/schumann-in-endenich-1854-bis-1856\/","title":{"rendered":"Schumann in Endenich, 1854 bis 1856"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/schu271106.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>04.12.2006 &#8212; Die Trag\u00f6die begann um viele Jahre fr\u00fcher mit paranoiden Anf\u00e4llen, trat aber mit Robert Schumanns selbstm\u00f6rderischem Sturz in D\u00fcsseldorf von der alten Schiffsbr\u00fccke in den Rhein am Rosenmontag, dem 27. Februar 1854, in die finale Phase. Am 4. M\u00e4rz wurde er in die Heilanstalt Endenich bei Bonn eingewiesen, wo er trotz gelegentlicher gesundheitlicher Besserung bis zu seinem Hinschied am 29. Juli 1856 blieb. <\/p>\n<p> W\u00e4hrend Schumanns Biografie durch eine F\u00fclle von Dokumenten erhellt ist, nicht zuletzt durch die umfangreichen Selbstzeugnisse (Tage- und Haushaltb\u00fccher, Briefe, publizistische Arbeiten), blieb seine letzte Lebenszeit weitgehend im Dunkeln, wurde aus Respekt vor dem psychisch Kranken nur zur\u00fcckhaltend erforscht, in der Musikwissenschaft die Schumann-Pathographie praktisch ausgeklammert. <\/p>\n<p> Man behalf sich mit der Trennung von Kunstproduktion und Leben (obwohl Schumann stets deren Einheit betont hatte). Die einen gestanden dem Krankheitsverlauf keinerlei Einfluss zu auf den Schaffensprozess und dessen Ergebnisse, die anderen beurteilten das gesamte \u0152uvre unter dem Aspekt der Erkrankung. Immerhin konnte die j\u00fcngere Forschung seit den Achtzigerjahren Schumanns Sp\u00e4twerk unter neuen Gesichtspunkten analysieren und rehabilitieren. (Ob die Folgerungen vom breiten Publikum entgegen liebgewonnener Ansichten auch so rezipiert werden, ist zumindest fraglich.) Nicht zu vergessen: Bereits 1960 hatte Eduard Melkus mit Artikeln den Anstoss zu einer Neubeurteilung von Schumanns letzter Schaffensphase gegeben. <\/p>\n<p> <strong>Die Krankenakten \u2013 erstmals publiziert<\/strong> <\/p>\n<p> Ein Desiderat der Schumann-Forschung war die dokumentarische Erhellung seines Aufenthalts in Endenich. In vielen Zeugnissen seiner Frau, von Freunden und Besuchern hatten die letzten gut zwei Lebensjahre Schumanns ihren Niederschlag gefunden. Der t\u00e4gliche Krankenbericht jedoch blieb unter Verschluss \u2013 Grund: \u00e4rztliche Schweigepflicht. <\/p>\n<p> Anfang 1988 kamen die tagebuchartigen Aufzeichnungen von Schumanns \u00c4rzten Franz Richarz und Eberhard Peters auf verwandtschaftlichen Wegen in den Besitz von Aribert Reimann, der sich nun zur Ver\u00f6ffentlichung entschloss, um \u2013 wie er im Vorwort schreibt \u2013 \u00abendlich einen Schlu\u00dfstrich zu ziehen unter die st\u00e4ndigen Spekulationen, Verleumdungen und abenteuerlichen Erfindungen, die sich um Schumanns Aufenthalt in der Heilanstalt Endenich ranken\u00bb.<\/p>\n<p> Herausgeber Bernhard R. Appel, Robert-Schumann-Forschungsstelle, D\u00fcsseldorf, hat dem Band ein einl\u00e4ssliches kenntnisreiches Vorwort mitgegeben, in dem er unterstreicht, dass die Dokumentation sich darauf beschr\u00e4nke, Quellentexte vorzulegen und sie durch Sachkommentare zu erschliessen. <\/p>\n<p> Appel umreisst vier Fragenkreise, auf die sich (der Interpretation unterliegende) Antworten bzw. Teilantworten finden: 1) \u00dcber Ursachen und Verlauf der Krankheit und die Therapiemassnahmen; 2) Wie Clara Schumann mit der Krankheit ihres Mannes umgegangen ist; 3) Wie Schumanns pers\u00f6nliches Umfeld und die \u00d6ffentlichkeit den Patienten wahrnahmen; 4) Welchen Handlungsfreiraum Schumann in der Klinik und unter den Restriktionen seiner Krankheit zu n\u00fctzen vermochte. <\/p>\n<p> <strong>Krankheitsverlauf und Tod<\/strong> <\/p>\n<p> Den Kerntext der Dokumentation bilden die (nicht vollst\u00e4ndig \u00fcberlieferten) Krankenakten und der Obduktionsbefund. Die Texte \u2013 Krankenbericht, Briefe, Postkarten, Tagebucheintr\u00e4ge, Notizzettel, beschriebene Visitenkarten, Telegramme, Presseartikel \u2013 sind chronologisch unter den jeweiligen Tagesdaten geordnet, beginnend mit Schumanns Tagebucheintragung vom 10. Februar 1854 (\u00abAbends sehr starke u. peinliche Geh\u00f6raff[ec]tion.\u00bb), endend mit einer Reihe von Nekrologen. Einbezogen wurde ein Beitrag von Gerd Nauhaus, bis Herbst 2005 Direktor des Robert-Schumann-Hauses Zwickau, \u00fcber die 1858 erschienenen \u00abMittheilungen des Dr. Richarz in Endenich bei Bonn \u00fcber Robert Schumann\u2019s Krankheitsverlauf und Tod\u00bb und Richarz\u2019 Aufsatz \u00fcber das selbe Thema von 1873. <\/p>\n<p> Der Entscheid des Herausgebers, die Krankenakten der behandelnden Mediziner mit einer Vielzahl anderer Zeugnisse zu umgeben, besitzt zwei Vorteile: Zum Einen findet sich hier alles Wichtige (neue Materialien und in verstreuten Publikationen bereits Ver\u00f6ffentlichtes) \u00fcber Schumanns letzte Lebenszeit versammelt, zum Zweiten f\u00fcllen sie die durch L\u00fccken in den \u00c4rzte-Notizen nicht dokumentierten Wochen. <\/p>\n<p> Die stichwortartig notierten Krankenberichte konzentrieren sich haupts\u00e4chlich auf Beobachtungen: Aussehen (\u00ab\u00c4u\u00dferste Abmagerung.\u00bb), Stimmungen (\u00abGestern recht munter, freundlich, gespr\u00e4chig.\u00bb), Verhalten bei Nacht und bei Tag (\u00abBeachtete kaum den Herrn Brahms bei einem Besuche.\u00bb), T\u00e4tigkeiten (\u00abspielte Gestern Klavier. Ging spaziren. A\u00df gut.\u00bb), \u00c4usserungen (\u00abSagte bei der Abendvisite er sey gesund her gekommen. hier aber krank geworden.\u00bb). Verzeichnet sind die verabreichten Medikamente, die verschriebenen B\u00e4der, der Zustand der Pupillen, der Puls, die Atmung und, in penetranter Repetition, H\u00e4ufigkeit und Konsistenz des Stuhls mit oder ohne Einsatz des \u00abClystiers\u00bb.<\/p>\n<p> <strong>Fakten statt Legenden<\/strong> <\/p>\n<p> Die Lekt\u00fcre all der Dokumente Clara Schumanns und vieler Zeitgenossen, der Krankenakte und der Berichte des Dr. Franz Richarz legen den Pers\u00f6nlichkeitsverfall Schumanns und die hilflosen Reaktionen seiner Umwelt offen. Der hohe Wert dieser Publikation ist auch darin zu sehen, dass sie Legenden entkr\u00e4ftet, an deren Stelle neue, durch Fakten gest\u00fctzte Einsichten \u00f6ffnet. <\/p>\n<p> Dies gilt im Besonderen f\u00fcr das Verhalten Clara Schumanns, die ihren kranken Mann in Endenich nie besuchte \u2013 nicht aus eigenem Entschluss, sondern auf dringende Anordnung des Arztes. Claras Umsicht sei es \u00abwahrscheinlich auch zu verdanken, da\u00df Schumann nicht schon fr\u00fcher in eine Irrenanstalt eingewiesen werden mu\u00dfte\u00bb, folgert Franz Hermann Franken in seinem Beitrag zum \u00e4rztlichen Verlaufsbericht. \u00abDie neuerdings zu h\u00f6rende Legende vom Schumannschen ,Albtraumpaar\u2018 ist banal und mi\u00dfachtet, da\u00df Robert Schumanns Schicksal die gr\u00f6\u00dfte menschliche Trag\u00f6die der deutschen Romantik ist.\u00bb <\/p>\n<p> <strong>Ein ersch\u00fctterndes Zeugnis<\/strong> <\/p>\n<p> Die Einordnung und Interpretation der Krankenberichte bieten dem medizinischen Laien erhebliche Verst\u00e4ndnisprobleme. Den Zugang erleichtern die vielen fachspezifischen Erl\u00e4uterungen im \u00fcber 1348 Fussnoten umfassenden, mit grossem wissenschaftlichen Aufwand erstellten Anmerkungsapparat im Hauptteil, zudem ein umfangreicher Essay von Prof. Dr. med. Uwe Henrik Peters (\u00abErl\u00e4uterungen zum Endenicher Krankenbericht Schumanns\u00bb) und ein 1994 erstmals publizierter Artikel von Prof. Dr. med. Franz Hermann Franken zur Rezeptionsgeschichte des Krankenberichts. <\/p>\n<p> Den Band beschliessen ein 77 Dokumente umfassender Abbildungsteil, Literaturverzeichnisse, Personenregister und das Register der erw\u00e4hnten Kompositionen und Schriften Schumanns. <\/p>\n<p> Die Publikation, als Ganzes ein ersch\u00fctterndes Zeugnis, vereint erstmals in diesem Umfang die wichtigsten, von gr\u00fcndlichen Kommentaren begleiteten biografischen, kulturgeschichtlichen, medizinischen und psychologischen Quellendokumente zu Schumanns Verd\u00e4mmern in der Endenicher Irrenanstalt. Zusammen mit dem Schumann-Handbuch (Verlage Metzler und B\u00e4renreiter) teilt dieser f\u00fcr die weitere Forschung unverzichtbare Band den Rang als herausragende Ver\u00f6ffentlichung zum Schumann-Gedenkjahr 2006. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Robert Schumann in Endenich (1854\u20131856): Krankenakte, Briefzeugnisse und zeitgen\u00f6ssische Berichte. Herausgegeben von der Akademie der K\u00fcnste, Berlin, und der Robert-Schumann-Forschungsstelle, D\u00fcsseldorf, durch Bernhard R. Appel. Schumann Forschungen Band 11. Verlag Schott, Mainz 2006. 607 Seiten. \u20ac 34,95. Fr. 60.40, <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3795705274?ie=UTF8&amp;tag=codexflores-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3795705274\">bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3795705274\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/p>\n<p> siehe auch<br \/> <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=321\">Schumann-Handbuch<\/a><br \/> <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=283\">Heinrich Heine und Robert Schumann<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>04.12.2006 &#8212; Die Trag\u00f6die begann um viele Jahre fr\u00fcher mit paranoiden Anf\u00e4llen, trat aber mit Robert Schumanns selbstm\u00f6rderischem Sturz in&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-626","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/626","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=626"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/626\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=626"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=626"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=626"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}