{"id":636,"date":"2014-01-11T20:51:50","date_gmt":"2014-01-11T20:51:50","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wie-sehen-hoeren-und-bewerten-zusammenspielen\/"},"modified":"2014-01-11T20:51:50","modified_gmt":"2014-01-11T20:51:50","slug":"wie-sehen-hoeren-und-bewerten-zusammenspielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/wie-sehen-hoeren-und-bewerten-zusammenspielen\/","title":{"rendered":"Wie Sehen, H\u00f6ren und Bewerten zusammenspielen"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/070504schlemmer.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>04.05.2007 &#8212; Jeder Neuromusikologe kann ein Lied davon singen, auf welch komplexe Art Musik im menschlichen Hirn verarbeitet wird. Die experimentelle Erforschung auch nur einfacher Mechanismen gestaltet sich \u00fcberaus aufwendig, f\u00fcr das Studium sinnes\u00fcbergreifender Ph\u00e4nomene scheint der gegenw\u00e4rtige Stand der Erkenntnisse noch nicht einmal die elementarsten Mittel bereitzustellen. Dass theoretische \u00dcberlegungen und Experimente dennoch interessante Aspekte der multimodalen Prozesse aufzeigen k\u00f6nnen, zeigt das Buch \u00abSchnittmuster \u2013 Affektive Reaktionen auf variierte Bildschnitte bei Musikvideos\u00bb der Musikpsychologin Mirjam Schlemmer-James. Zugleich illustriert es aber auch die Einsicht, dass empirische Fleissarbeit ohne solide und pr\u00e4zise begriffliche Arbeit f\u00fcr ein derart ambiti\u00f6ses Forschungsfeld kaum Perspektiven zu \u00f6ffnen vermag.<\/p>\n<p> Die Autorin referiert in einem ersten Teil der Arbeit zahlreiche Befunde der bisherigen Forschung, die zeigen, dass physikalische, physiologische und kognitive Faktoren in der multimodalen Reizverarbeitung eine Rolle spielen. Prinzipielle \u00dcberlegungen zur Physik reichen etwa bereits aus, um zur Einsicht zu gelangen, dass das Hirn akustische und optische Reizverarbeitung gar nicht starr koppeln kann. Die drastisch unterschiedliche Geschwindigkeit von Licht- und Schallwellen f\u00fchrt n\u00e4mlich dazu, dass die Differenz zwischen dem Eintreffen schneller optischer und langsamer akustischer Reize immer gr\u00f6sser wird, je weiter ein Objekt vom Beobachter entfernt ist. Gerade umgekehrt verh\u00e4lt es sich bei der physiologischen Verarbeitung der Sinnesreize: Input vom Ohr wird vom Hirn schneller abgearbeitet als solcher vom Auge. Daraus resultiert ein sogenannter \u00abGleichzeitigkeitshorizont\u00bb, der experimentell bestimmt werden kann und beim Menschen etwa zehn Meter betr\u00e4gt: Ereignisse innerhalb des Horizonts werden akustisch schneller aufgenommen als optisch, solche ausserhalb erfasst das Auge schneller als das Ohr.<\/p>\n<p> Auch Fragen danach, welche Sinneseindr\u00fccke st\u00e4rker gewichtet werden, kann man experimentell nachgehen, wobei die Ergebnisse auf ein durchaus komplexes Verh\u00e4ltnis schliessen lassen. So f\u00fchren einige Experimente zum Schluss, dass zwischen optischer und akustischer Wahrnehmung keine eindeutige Hierarchie beobachtet werden kann, andere wiederum scheinen darauf hinzudeuten, dass bei gleicher Intensit\u00e4t die visuelle Information die akustische dominiert.<\/p>\n<p> Schlemmer-James referiert zwei gewichtige Modelle zur Frage, wie unterschiedliche Sinnesreize beim Betrachten von Filmen integriert werden. Da ist zum einen das \u00abCongruence-Associations-Model\u00bb von Marshall &amp; Cohen. Es besagt, dass \u00abaudiovisuelle zeitliche Kongruenz eine Aufmerksamkeit auf bestimmte visuelle Eigenschaften etabliert, auf die dann die semantische Bedeutung der Musik gelenkt wird\u00bb (35). Dem steht zum andern das \u00abShared Semantic Structural Search Model\u00bb von Boltz, Schulkind &amp; Kantra entgegen. Es kommt zum Schluss, dass semantische Kongruenz zur Erinnerung audiovisueller Ereignisse eine bedeutende Rolle spielt. Wie weit die Modelle \u2013 wie die Autorin behauptet \u2013 konkurrieren, w\u00e4re noch genauer festzumachen.<\/p>\n<p> Bei experimentellen Anordnungen zur Untersuchung solcher Integrationsleistungen spielen asynchron dargebotene Reize eine bedeutende Rolle: Akustische und optische Eindr\u00fccke werden den Versuchspersonen mehr oder weniger zeitlich versetzt dargeboten. Dabei stellt sich offenbar heraus, dass ein dem optischen Reiz vorauslaufender Ton bei der Integration eine bedeutendere Rolle spielt als ein nachfolgender. Auf einen fundamentalen kognitiven Unterschied geht die Autorin dabei allerdings nicht ein: Das Vorauslaufen eines Tones hat als physiologischer Reiz eine direkte physikalische Wirkung. Um die Wirkung nachlaufender akustischer Eregnisse erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen allerdings Ph\u00e4nomene des Kurzzeitged\u00e4chtnisses ins Spiel gebracht werden, da der entsprechende Reiz nicht mehr als Aussensignal, sondern bloss noch als Erinnerung zur Verf\u00fcgung steht. Ersteres ist demnach ein physiologisches, letzteres ein kognitives Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p> Obwohl Schlemmer-James zahlreiche interessante Einzelbefunde solcher Art referiert, kn\u00fcpft sie mit ihren eigenen Experimenten daran kaum an. Vielmehr greift sie praktisch unvermittelt auf ein noch kompliziertes Konzept zur\u00fcck, n\u00e4mlich dasjenige der emotionalen Bewertungen. Im Blick hat sie dabei den Konsum Jugendlicher von Musikvideos, respektive deren \u00abaffektive Reaktionen auf die verschiedenen zeitlichen Kombinationen visueller und auditiver Akzente\u00bb (81). <\/p>\n<p>F\u00fcr ihre Experimente geht sie von folgenden Hypothesen aus:<\/span><\/span><\/p>\n<ul>\n<li>Verschiebungen zwischen Ton und Bild haben einen Einfluss auf affektive Reaktionen der Probanden.<\/li>\n<li>Die Reaktionen unterscheiden sich f\u00fcr vorauslaufenden und nachfolgenden Ton.<\/li>\n<li>Die Bildinhalte zeigen einen Einfluss auf die Bewertungen der Clipausschnitte.<\/li>\n<li>Das musikalische Tempo wirkt sich auf die Bewertung der Ausschnitte aus.<\/li>\n<li>Die Anzahl der in einem Ausschnitt enthaltenen Schnitte zeigt einen Einfluss auf die Bewertung.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span class=\"txt-m-black\">Zu der Vielfalt an Aspekten, die damit angeschnitten werden, kommt eine hohe Heterogenit\u00e4t der Stimuli \u2013 langsame bis schnelle sowie narrative und nicht-narrative Ausschnitte aus Videos unterschiedlicher Produzenten und unterschiedlicher Schnittfequenz bilden die Basis des experimentellen Materials. Ob dabei tats\u00e4chlich substantielle Resultate generiert werden, ist aus einem weiteren Grund fraglich: Bei der Untersuchung der Videoausschnitte stellt Schlemmer-James zwar fest, dass charakteristische Verschiebungen von Bild und Ton zu beobachten sind (199). Ob es sich dabei nicht bloss um irrelevante Artefakte handelt, ist aber kaum zu entscheiden. <\/p>\n<p> Die Experimentatorin, die f\u00fcr ihre Untersuchungen 280 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern verschiedener Berliner Gymnasien Ausschnitte aus Musikvideos mit unterschiedlichen Verschiebungen zwischen Bild- und Tonspur vorf\u00fchrte und die Wirkungen mittels solide designten Fragebogen eruierte, kann denn angesichts der Faktorenvielfalt und der theoretischen Unsch\u00e4rfe der Hypothesen auch bloss zu eher vagen Schlussfolgerungen kommen \u2013 etwa, dass die Bewertungen der Reizverschiebungen \u00abParallelen zu den verschiedenen Toleranzen f\u00fcr die Entdeckung von Asynchronizit\u00e4t bei singul\u00e4ren Ereignissen im Gegensatz zu W\u00f6rtern und S\u00e4tzen\u00bb zeigt (200). Gar etwas hilflos mutet die Anregung f\u00fcr den t\u00e4glichen Sendebetrieb von Musikvideos an. Das oft zu beobachtende leicht asynchrone Ausstrahlen von Musikvideos f\u00fchre zweifelsohne zu ge\u00e4nderten affektiven Reaktionen. Nicht f\u00fcr alle Musikvideos habe das eine positive Wirkung, erkl\u00e4rt Schlemmer-James (202). <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Mirjam Schlemmer-James: Schnittmuster &#8211; Affektive Reaktionen auf variierte Bildschnitte bei Musikvideos, Villigst Perspektiven, Band 9, Lit Verlag Hamburg 2006, ISBN 3-8258-9570-X, <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/382589570X?ie=UTF8&amp;tag=codexflores-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=382589570X\">bei Amazon kaufen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=382589570X\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>04.05.2007 &#8212; Jeder Neuromusikologe kann ein Lied davon singen, auf welch komplexe Art Musik im menschlichen Hirn verarbeitet wird. 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