{"id":648,"date":"2014-01-11T20:58:21","date_gmt":"2014-01-11T20:58:21","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/neuweiler-ligeti-motorische-intelligenz\/"},"modified":"2014-01-11T20:58:21","modified_gmt":"2014-01-11T20:58:21","slug":"neuweiler-ligeti-motorische-intelligenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/neuweiler-ligeti-motorische-intelligenz\/","title":{"rendered":"Neuweiler\/Ligeti: \u00abMotorische Intelligenz\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/071101neuweiler.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>31.10.2007 &#8212; In der Berliner Villa Jaff\u00e9 findet sich das Wissenschaftskolleg der Stadt, das laut Eigendeklaration international anerkannten Gelehrten, vielversprechenden j\u00fcngeren Wissenschaftlern sowie Pers\u00f6nlichkeiten des geistigen Lebens die M\u00f6glichkeit gibt, sich frei von Zw\u00e4ngen und Verpflichtungen f\u00fcr ein Akademisches Jahr auf selbstgew\u00e4hlte Arbeitsvorhaben zu konzentrieren. Die rund 40 Fellows bilden eine Lerngemeinschaft auf Zeit, die durch F\u00e4chervielfalt, Internationalit\u00e4t und Interkulturalit\u00e4t gekennzeichnet ist. In dieses \u00abInstitute for Advanced Study\u00bb haben sich um die Jahrtausendwende auch der Neurobiologe Gerhard Neuweiler und der Komponist Gy\u00f6rgy Ligeti zur\u00fcckgezogen. Ob Zufall oder nicht, die beiden bewohnten benachbarte Appartements und stellten auf gemeinsamen Spazierg\u00e4ngen bald einmal fest, dass ihre Interessensgebiete sich an einem wichtigen Punkt trafen \u2212 der Frage n\u00e4mlich, welche Rolle die motorischen F\u00e4higkeiten f\u00fcr die Eigenheiten der menschlichen Existenz, respektive f\u00fcr die Kreativit\u00e4t haben.<\/p>\n<p> Neuweiler hat sich als Wissenschaftler mit der nicht unumstrittenen Theorie einen Namen gemacht, dass es in erster Linie die motorischen F\u00e4higkeiten des Sprechens und der Fingerfertigkeit sind, die den Menschen vom Tier unterschieden und ihn zu hohen kulturellen und zivilisatorischen Leistungen bef\u00e4higen. Und Ligeti hat sich in seinem Werk immer wieder mit den Abh\u00e4ngigkeiten musikalischer Strukturen von den Eigenheiten des menschlichen K\u00f6rpers auseinandergesetzt. \u00dcberdies waren ihm die grossen Entw\u00fcrfe der Geisteswissenschaften immer suspekt. Die Genauigkeit des Denkens und die empirische Fundierung allen Wissens zogen ihn zeitlebens hin zu den grossen Exponenten der Naturwissenschaft.<\/p>\n<p> Die Begegnung dokumentiert der \u00fcberaus geschmackvoll und ansprechend gestaltete, von Reinhart Meyer-Kalkus herausgegebene Band \u00abMotorische Intelligenz \u2212 Zwischen Musik und Naturwissenschaft\u00bb mit Texten Neuweilers, Ligetis und des Herausgebers selber. Der Neurobiologe entwirft in einem detaillierten und sehr anspruchsvollen Essay die Grundz\u00fcge seiner eigenen Theorie. Von Ligeti finden sich zwei Reden. Die erste stammt von der Verleihung des Balzan-Preises 1991 und ist bereits in der <em>Neuen Zeitschrift f\u00fcr Musik<\/em> abgedruckt worden (Ausgabe 154, Nr.1, 1993). Die zweite, eine \u00fcberaus anr\u00fchrende biografische Schilderung der bewegten politischen und k\u00fcnstlerischen Umst\u00e4nde seines Werdegangs, hat Ligeti anl\u00e4sslich der Verleihung des Kyoto-Preises 2001 gehalten. Sie wird hier \u2212 in der \u00dcbersetzung von Monika Lichtenfeld \u2212 erstmals auf Deutsch ver\u00f6ffentlicht. Abgeschlossen wird der Band von der Rede, die Gerhard Neuweiler am 26. Juni 2006 an der Wiener Trauerfeier f\u00fcr Ligeti gehalten hat, sowie einem Nachwort des Herausgebers.<\/p>\n<p> Neuweilers Einf\u00fchrung ins Konzept der motorischen Intelligenz geht weit in die physiologischen und anatomischen Details der k\u00f6rperlichen Vorg\u00e4nge hinein, diskutiert eingehend die Bedeutung von R\u00fcckkoppelungsmechanismen zwischen Hirn und Bewegungen in Kehlkopf und Fingern und widmet sich (33) auch der Frage, ob man das Gen <em>FoxP2<\/em> wirklich als \u00abSprachgen\u00bb bezeichnen kann (laut Neuweiler ist es dies nicht \u2212 es handle sich bloss um ein mutlifunktionales Transkriptionsgen). Seine Schlussfolgerung ist jedoch eindeutig (34): Die \u00abeinzigartige motorische Intelligenz, dingfest gemacht in den pr\u00e4motorischen Cortices SMA und Broca-Area und gekennzeichnet durch die F\u00e4higkeit, Handlungselemente in prinzipiell unendlicher Variation zu beliebig langen, sich verzweigenden Ketten zusammenzuf\u00fcgen, ist der Schl\u00fcssel zur Menschwerdung\u00bb. <\/p>\n<p> Eine direkte Verbindung der Konzepte Neuweilers zu den Arbeiten und Texten Ligetis findet sich nicht, denn im Grunde genommen interessiert den Komponisten ein Aspekt der Motorik, der die R\u00fcckkoppelungen zwischen Hirn und Willk\u00fcrmotorik nicht direkt ber\u00fchrt. Ihn faszinieren \u2212 etwa in der Besch\u00e4ftigung mit afrikanischer Musik \u2212 wie k\u00f6rperliche Bewegungsmuster, zum Beispiel versetzt auf ein Xylophon schlagende Spieler, komplexe melodische und rhythmische Gestalten erzeugen, die sich zur Illusion akustischer Ganzheiten zusammenf\u00fcgen. Praktisch durchgespielt hat dies Ligeti selber in Werken wie dem ber\u00fchmten \u00abContinuum\u00bb f\u00fcr Cembalo. Die Virtuosit\u00e4t der H\u00e4nde verbindet sich da \u00abmit einem Spiel von illusion\u00e4ren Bewegungsmustern und stroboskopartigen Bildern, die aus den Klangstrudeln aufblitzen\u00bb (89).<\/p>\n<p> Alles in allem ist der Band als Dokument einer ungew\u00f6hnlichen intellektuellen Bewegung aber \u00fcberaus inspirierend. Dank der sorgf\u00e4ltigen bibliophilen Kultur des Wagenbach-Verlages bietet er auch ein \u00e4sthetisch \u00fcberdurchschnittliches Vergn\u00fcgen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Gy\u00f6rgy Ligeti, Gerhard Neuweiler: <em>Motorische Intelligenz \u2212 Zwischen Musik und Naturwissenschaft<\/em>, Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2007, 112 Seiten, ISBN 978 38031 5175 9.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>31.10.2007 &#8212; In der Berliner Villa Jaff\u00e9 findet sich das Wissenschaftskolleg der Stadt, das laut Eigendeklaration international anerkannten Gelehrten, vielversprechenden&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-648","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/648","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=648"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/648\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=648"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=648"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=648"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}