{"id":65,"date":"2014-01-06T10:46:12","date_gmt":"2014-01-06T10:46:12","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/gewinn-und-verlust-in-der-musikgeschichte\/"},"modified":"2014-01-06T10:46:12","modified_gmt":"2014-01-06T10:46:12","slug":"gewinn-und-verlust-in-der-musikgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/gewinn-und-verlust-in-der-musikgeschichte\/","title":{"rendered":"Gewinn und Verlust in der Musikgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>31.08.2009 &#8212; <span class=\"txt-m-black\">Liegen Themen in der Luft, finden sie ihren Niederschlag in der Regel in unterschiedlichen Disziplinen und unter scheinbar unterschiedlichen Voraussetzungen. Eine derartige Karriere macht zur Zeit ein uraltes philosophisches Problem, n\u00e4mlich die Frage der Freiheit und damit der Existenz von Wahlm\u00f6glichkeiten und der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass sich die eine oder andere davon konkretisiert. In die zeitgen\u00f6ssische Naturphilosophie eingebrochen ist die Frage mit der Entdeckung (Erfindung?) der Quantenphysik, die keine deterministische Basis mehr kennt, sondern Zufallsprozesse als Motor des Weltenfortschrittes postuliert. Popul\u00e4r geworden ist das Thema in den letzten Jahren aber auch in den Neurowissenschaften, die Fragen nach den verborgenen Motiven und Antrieben unseres Denkens und Handeln neu gestellt haben.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>31.08.2009 &#8212; <span class=\"txt-m-black\">Liegen Themen in der Luft, finden sie ihren Niederschlag in der Regel in unterschiedlichen Disziplinen und unter scheinbar unterschiedlichen Voraussetzungen. Eine derartige Karriere macht zur Zeit ein uraltes philosophisches Problem, n\u00e4mlich die Frage der Freiheit und damit der Existenz von Wahlm\u00f6glichkeiten und der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass sich die eine oder andere davon konkretisiert. In die zeitgen\u00f6ssische Naturphilosophie eingebrochen ist die Frage mit der Entdeckung (Erfindung?) der Quantenphysik, die keine deterministische Basis mehr kennt, sondern Zufallsprozesse als Motor des Weltenfortschrittes postuliert. Popul\u00e4r geworden ist das Thema in den letzten Jahren aber auch in den Neurowissenschaften, die Fragen nach den verborgenen Motiven und Antrieben unseres Denkens und Handeln neu gestellt haben.<\/p>\n<p> Die Interpretation der Musikgeschichte ist zuletzt in den Avantgardezirkeln der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts dem zweifelhaften Charme des Zwangsl\u00e4ufigen erlegen. Dass nach dem Ausleuchten der letzten chromatischen Winkel in der Sp\u00e4tromantik die Zw\u00f6lftonmusik sich zwangsl\u00e4ufig ergeben und sich daraus serielle Techniken sch\u00e4len <em>mussten<\/em>, und dass alle anderen kompositorischen Mittel \u00abersch\u00f6pft\u00bb gewesen seien, geh\u00f6rte zu den Dogmen im Umfeld der Darmst\u00e4dter Schule: Der Fortschritt in der Musikgeschichte wurde als monokausaler und unvermeidlicher betrachtet, und die Vielfalt von Mitteln und Stilen, die folgte, dementsprechend f\u00fcr eine gewisse Zeit als Beliebigkeit gebrandmarkt. Eine Debatte, die bis heute nachwirkt.<\/p>\n<p> Dass im Laufe der Musikgeschichte jedoch meist verschiedene T\u00fcren offenstanden und die Frage, weshalb gerade diese und nicht jene ge\u00f6ffnet wurde, gestellt werden sollte, zeigt der anregende, materialreiche Band \u00abDer Preis des Fortschrittes\u00bb aus der Reihe der Grazer Studien zur Wertungsforschung auf. Er versammelt Beitr\u00e4ge zu einem Symposium, das im Mai 2007 an der Kunstuniversit\u00e4t Graz stattgefunden hat.<\/p>\n<p> Der Band vermeidet es, die rein hypothetische und damit unergiebig metaphyische Frage des \u00abWas w\u00e4re gewesen, wenn&#8230;\u00bb zu stellen, vielmehr zeigt er anhand zahlreicher Einzelstudien auf, wo dass zu ihrer Zeit vitale Entwicklungen nicht weiterverfolgt worden sind oder wie die kanonische Geschichtsschreibung Entwicklungen allzu linear und logisch erscheinen l\u00e4sst, die bei n\u00e4herem Betrachten vielfach verzweigt oder sprunghaft anmuten. So weist etwa die Wiener Musikwissenschaftlerin Birgit Lodes nach, dass der Notendruck nicht einfach eine Erfindung Petruccis war, sondern schon vor ihm verwendet wurde und auch sp\u00e4ter lange Zeit bloss parallel zu handschriftlichen Techniken genutzt wurde. Ihr Artikel \u00abMusikdruck als Medienrevolution\u00bb wird so gerade im heutigen Zeitalter der grossen Medienumbr\u00fcche zum lehrreichen Beispiel der Abl\u00f6sung und Koexistenz medialer Techniken.<\/p>\n<p> Der K\u00f6lner Musikpsychologe Christoph Reuter sieht vergleichbare Komplexit\u00e4ten in scheinbar linearen Fortschritten mit Blick auf die Weiterentwicklung der abendl\u00e4ndischen Blasinstrumente, und der Londoner Musikologe Julian Johnson zeichnet die eher verspielten als konsequenten Auseinandersetzungen im 20. Jahrhundert mit Instrumenten nach, die mit neuen Formen der Klangerzeugung auch neue Klanguniversen \u00f6ffneten.<\/p>\n<p> Weitere Einzelstudien befassen sich mit mittelalterlichen Liedern und Notationen (Sam Barrett, Susan Rankin, Rob C. Wegman), Stimmungssystemen (Wolfgang Auhagen), der Musik zwischen Renaissance und Barock (Bettina Varwig, Margaret Murata) und der Romantik (Guido Heldt, Thomas Schmidt-Beste, Manfred Hermann Schmid, Lydia Goehr). Der Nachdruck eines Artikels von Andreas Haug aus dem Schweizer Jahrbuch f\u00fcr Musikwissenschaft von 2003 (\u00abGewinn und Verlust in der Musikgeschichte\u00bb) f\u00fchrt den Band ein.<\/p>\n<p> In einem originellen Grundsatzartikel fragt sich der Grazer Musik\u00e4sthetiker Andreas Dorschel, der zusammen mit Andreas Haug als Herausgeber der Reihe amtet, wie weit der zwingend und kontinuierlich anmutende Gang der Musikgeschichte nicht ein Konstrukt der Geschichtsschreibung ist. Historiker, meint Dorschel, tendieren dazu, \u00abdie Erkl\u00e4rung oder selbst Darstellung dann und erst dann als zul\u00e4nglich anzusehen, wenn sie gezeigt haben, dass es so kam, weil es nicht anders kommen konnte\u00bb (35). Die grossen, \u00fcberindividuell plausiblen L\u00f6sungen, so Dorschel weiter, n\u00e4hmen \u00abzu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt einen Charakter von Nat\u00fcrlichkeit an, den sie zuvor nicht hatten und sp\u00e4ter, oft erst Jahrhunderte sp\u00e4ter wieder verlieren\u00bb (38).<\/p>\n<p> Die Frage, ob Entwicklungen zwangsl\u00e4ufig so verliefen, wie sie es eben taten, ob eine solche Notwendigkeit bloss konstruiert wird oder ob sie in Tat und Wahrheit Diskontinuit\u00e4ten und Zuf\u00e4llen zuzuschreiben sind, ist verwirrlicher als man meinen k\u00f6nnte. Dorschel benennt implizit mehrere Ebenen, auf denen von Notwendigkeit oder Wahlfreiheit gesprochen werden kann. Seine Beobachtung, dass \u00abAusschluss, Unterdr\u00fcckung und Zerst\u00f6rung\u00bb (42) in der Musikgeschichte keine geringe Rolle gespielt h\u00e4tten, ist durchaus scharfsichtig. Sie impliziert aber auch, dass auf dieser Metaebene der Musikentwicklung Freiheit gegeben ist.<\/p>\n<p> Je nach Brennweite der Betrachtung k\u00f6nnen aber auch solche politischen Prozesse als zwangsl\u00e4ufige erscheinen. Es ist ein Paradox der modernen Erkenntnistheorie, dass Zuf\u00e4lligkeit oder Unvermeidbarkeit von Entwicklungen auf allen Ebenen je nach Brennweite des Beobachter-Objektivs \u00e4ndern k\u00f6nnen. Die Zufallsprozesse der Quantenphysik konstituieren auf biologistischer Ebene deterministische Mechanismen, scheinbar willk\u00fcrliche pers\u00f6nliche Entscheidungen muten in einem gr\u00f6sseren Zusammenhang bloss als Vollzug unvermeidlicher Vorg\u00e4nge an, und Ausschluss, Unterdr\u00fcckung und Zerst\u00f6rung k\u00f6nnen in gr\u00f6sseren Dimensionen bloss Exekution historischer Notwendigkeiten darstellen. Freedom is in the eye of the beholder.<\/p>\n<p> Dass der Standpunkt eine entscheidende Rolle spielen kann, zeigt sich etwa auch in Dorschels Behauptung, \u00abdie sinnliche Gewalt der T\u00f6ne\u00bb werde in die Musikpsychologie abgeschoben, \u00abwelche, als Disziplin systematischer Musikwissenschaft, von Geschichte abstrahiert\u00bb (49). Wie weit physiologische und neuronale Gegebenheiten unabh\u00e4ngig von historischer oder kultureller Umst\u00e4nde die Wahrnehmung von Musik pr\u00e4gen, ist durchaus eine empirische Frage und darf nicht ideologisch vorentschieden werden. Dorschel weist denn auch darauf hin, dass die kanonische Musikwissenschaft einen derartigen Vorentscheid unzul\u00e4ssigerweise getroffen hat, bevor sie sich ihrer \u00fcberhaupt erst bewusst geworden ist: Indem sie \u00abMusik als Text\u00bb studiert und \u00abdie sinnliche Gewalt der T\u00f6ne\u00bb (49) als \u00e4sthetisch irrelevant betrachtet.<\/p>\n<p> Ein weiterer Artikel verdient besondere Beachtung: Der Basler Mittelalterspezialist Max Haas unternimmt darin (\u00abMusik als Werk. Leseversuche eines unklaren Problems\u00bb) den Versuch, medievale Kompositionen mit den Mitteln moderner Algorithmik zu beschreiben.<\/p>\n<p> An einem mittelalterlichen Conductus aus den Anf\u00e4ngen der Kontrapunktlehre \u2013 dem <em>Conductus Consequens<\/em> \u2013, zeigt er dazu beispielhaft die M\u00f6glichkeit einer generativen Grammatik als Beschreibung auf. Dabei verwendet er mit dem sogenannten Sequitur-Algorithmus allerdings ein Verfahren, das darauf abzielt, Zeichenketten zu komprimieren, um sie mit weniger Speicheraufwand ablegen zu k\u00f6nnen. Die dabei entstehenden Non-Terminalsymbole haben denn h\u00f6chstwahrscheinlich auch keinerlei inneren Zusammenhang mit der <em>Kompositionsgrammatik<\/em> des Conductus. Sie generieren statt sinnvoller grammatischer Funktionen vermutlich bloss Artefakte. Im Grossen und Ganzen verweisen die Non-Terminalsymbole des Algorithmus&#8216; auf Sequenzen innerhalb eines Textes mit gleicher Zeichenabfolge. Solche k\u00f6nnten sich zur Not als formbildende Elemente in der Musik interpretieren lassen, weil sie ja auf Wiederholungen gleicher Zeichenketten hinweisen. Skepsis weckt dabei allerdings die Tatsache, dass die Zeichenwiederholungen vom Algorithmus ungeachtet der metrischen Stellungen der Zeichenketten zusammengefasst werden.<\/p>\n<p> Wenn es um die Adaption der Idee generativer Grammatiken auf die Musiktheorie geht, m\u00fcsste unbedingt auf die dabei massgebende Arbeit von Ray Jackendoff und Fred Lerdahl (<em>Generative Theory of Tonal Music<\/em>, Cambridge 1983) verwiesen werden. Viele der von Haas aufgeworfenen Fragen sind von den beiden angegangen worden, und es w\u00e4re sicherlich interessant gewesen zu erfahren, wie der Basler Musiktheoretiker deren Konzepte kritisch w\u00fcrdigt.<\/p>\n<p> Eine f\u00fcr k\u00fcnftige Musiktheorie vermutlich entscheidende Frage stellt Haas im Anschluss an seine Ausf\u00fchrungen zur Grammatik. Er verlegt den Fokus der Aufmerksamkeit vom statisch anmutenden Endprodukt, das traditionellerweise (in Form einer Partitur) die Basis musiktheoretischer Forschungen darstellt, auf den Prozess des eigentlichen Musikgenerierens. \u00abInsgesamt geht es damit auch um die Frage, welche Art von regelgeleitetem Handeln in Bezug auf Klangorganisationen wir heute &#8218;Musik&#8216; nennen\u00bb (79), gibt Haas zu bedenken; er spricht damit ein (bis auf die Pariser Erkl\u00e4rung von 1866 zur Linguistik zur\u00fcckverweisendes) Tabu an: die Frage nach der Definition von \u00abMusik\u00bb.<\/p>\n<p> An Haas&#8216; Einsicht allerdings, dass Musik nur wirklich verstanden werden kann, wenn man sie nicht als abstrakte Werkidee versteht und ihre Analyse mit vielen historischen und systematischen Konventionen belastet, sondern als einen Prozess, dessen generative Aspekte wesentlich f\u00fcr ihr Verst\u00e4ndnis sind, d\u00fcrfte die k\u00fcnftige Musiktheorie nicht vorbeigehen k\u00f6nnen. Sie d\u00fcrfte dann auch der Versuchung, Musikgeschichte als bruchlose Folge \u00ablogischer\u00bb Entwicklungsschritte zu interpretieren, vermutlich weniger erliegen.<\/p>\n<p> <strong><em>Zitat aus dem Band:<\/em><\/strong><br \/> \u00abZudem l\u00e4sst sich jetzt emphatisch das Sch\u00f6ne mit dem Wahren, dem Ursch\u00f6nen und oft auch mit dem G\u00f6ttlichen zusammenbringen, was dann wieder Anlass bietet, Musik als g\u00f6ttlich zu verstehen, weil sie sprachlich nicht fasslich ist. Solche Ideen finden grossen Anklang, weil sie zwar nichts erkl\u00e4ren, aber genau diesen Umstand in angenehmster Weise vernebeln.\u00bb (Max Haas, \u00abMusik als Werk. Leseversuche eines unklaren Problems\u00bb, Seite 64).<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>31.08.2009 &#8212; <span class=\"txt-m-black\">Liegen Themen in der Luft, finden sie ihren Niederschlag in der Regel in unterschiedlichen Disziplinen und unter scheinbar unterschiedlichen Voraussetzungen. Eine derartige Karriere macht zur Zeit ein uraltes philosophisches Problem, n\u00e4mlich die Frage der Freiheit und damit der Existenz von Wahlm\u00f6glichkeiten und der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass sich die eine oder andere davon konkretisiert. In die zeitgen\u00f6ssische Naturphilosophie eingebrochen ist die Frage mit der Entdeckung (Erfindung?) der Quantenphysik, die keine deterministische Basis mehr kennt, sondern Zufallsprozesse als Motor des Weltenfortschrittes postuliert. Popul\u00e4r geworden ist das Thema in den letzten Jahren aber auch in den Neurowissenschaften, die Fragen nach den verborgenen Motiven und Antrieben unseres Denkens und Handeln neu gestellt haben.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-65","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}