{"id":66,"date":"2014-01-06T10:46:58","date_gmt":"2014-01-06T10:46:58","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/roger-scrutons-the-aesthetics-of-music\/"},"modified":"2014-01-06T10:46:58","modified_gmt":"2014-01-06T10:46:58","slug":"roger-scrutons-the-aesthetics-of-music","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/roger-scrutons-the-aesthetics-of-music\/","title":{"rendered":"Roger Scrutons \u00abThe aesthetics of music\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>01.07.2003<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\">Roger Scrutons Buch \u00abThe Aesthetics of Music\u00bb ist zum einen eine hervorragende Einf\u00fchrung in die Geschichte der Musik\u00e4sthetik. Zum andern ist es ein konservatives Pamphlet auf der Suche nach der moralischen Bedeutung von Musik. Eine Grundthese: Die klassische abendl\u00e4ndische Musik nimmt diese moralische Aufgabe besser wahr als die popul\u00e4re Musik des zwanzigsten Jahrhunderts. <\/p>\n<p> Scruton ist der Meinung, dass Musik zwar keinen semantischen Gehalt besitzt, daf\u00fcr aber so etwas wie Ausdruck (Expression). Das Problem dabei: Wir sind vorl\u00e4ufig nicht imstande, zu definieren, was Ausdruck genau ist. Zumindest etwas k\u00f6nnen wir jedoch tun, n\u00e4mlich einige aussagekr\u00e4ftige Kriterien entwickeln, denen eine Theorie des Ausdrucks entsprechen muss. Scruton gibt vier davon an:<\/p>\n<p> &#8211; Ausdruck wird nicht per Konvention in die Musik eingef\u00fchrt, sondern \u00e4ussert sich erst in der Erfahrung der Musik selber <strong>(Semaphoren-Test)<\/strong>.<br \/> &#8211; Ausdruck ist ein \u00e4sthetischer Wert <strong>(Werte-Test)<\/strong><br \/> &#8211; Ausdruck wird von einem kompetenten H\u00f6rer richtig verstanden. <strong>(Verst\u00e4ndnis-Test)<\/strong><br \/> &#8211; Ausdruck ist \u00fcberdies eine Frage der musikalischen Entwicklung und Artikulation <strong>(Struktur-Test)<\/strong>.<\/p>\n<p> Scruton gibt jedoch nie eine Definition von &#8222;Ausdruck&#8220;, was zur Folge hat, dass er in zentralen Argumentationen f\u00fcr seine eigenen \u00dcberzeugungen auf eine vage, nicht objektivierbare Wahrnehmung musikalischer Sachverhalte rekurrieren muss. So behauptet er etwa, dass Debussys \u00abLa puerto del vino\u00bb aus dem zweiten Buch der Pr\u00e4ludien Vertr\u00e4umtheit und Tr\u00e4gheit (Indolence) ausdr\u00fccke \u2013 mit einem bitteren Unterton \u2013, diese Eigenschaften nicht aber besitze.<\/p>\n<p> Ob die Beobachtung zutrifft oder nicht, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass der Befund nur aufgrund der Zustimmung einer Gemeinschaft einheitlich geschulter H\u00f6rer bekr\u00e4ftigt werden kann, denen neben der eigenen Wahrnehmung keine weiteren Kriterien zur Bejahung zur Verf\u00fcgung stehen (dies ist der Preis, den wir bezahlen f\u00fcr die Einsicht, dass Musik auf nichts ausserhalb sich selber referieren kann). Lehnt ein Mitglied die Analyse ab, so kann ihm bloss entgegnet werden, es sei nicht f\u00e4hig, richtig zu h\u00f6ren oder zuzuh\u00f6ren. Gezeigt werden kann ihm der Sachverhalt nicht. Mit dieser Art von Argumentation kann jede Diskussion mit Hinweis auf die Autorit\u00e4t einer Gemeinschaft abgeblockt werden. Tats\u00e4chlich kann und muss man diese Waffe gegen Scruton selber richten: Wie sich zeigen wird, ist er in bezug auf ihm nicht genehme Musikstile wahrnehmungsblind.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Musikkultur im Niedergang<\/strong><\/span> <\/p>\n<p> Scrutons Analyse der klassischen Musik und seine Beobachtungen zum Aufkommen einer Massenkultur im zwanzigsten Jahrhundert f\u00fchren ihn zur Behauptung, dass die Musikkultur im Niedergang begriffen ist (er illustriert seine These zum Beispiel mit der Behauptung, dass man bloss irgendwo auf der Welt das Radio anstellen m\u00fcsse, um \u00abRock, Grunge und Heavy Metal\u00bb zu h\u00f6ren (Seite 496) &#8211; \u00abRock, Grunge und Heavy Metal\u00bb w\u00e4ren jedoch der schnelle kommerzielle Tod jeder Radiostation, die nicht gerade an einer amerikanischen Universit\u00e4t beheimatet ist.) Allerdings setzt er sich im Gegensatz zu Adorno, der die Schuld daf\u00fcr der Bourgeoisie zuschiebt. F\u00fcr Scruton ist der Niedergang eine Folge der Demokratisierung der Musik mit den Mitteln der Massenmedien (Seite 470).<\/p>\n<p> Der Niedergang der Musikkultur ist eine pure Behauptung. Man kann sich geradesogut auf den Standpunkt stellen, dass das Gegenteil der Fall ist und zahlreiche Belege daf\u00fcr angeben: Noch nie wurde so viel und so gute Musik produziert wie heute \u2013 in allen Stilen.<\/p>\n<p> Scruton ist als echter Konservativer auch Platoniker: Musik hat eine moralische Kraft und die Tr\u00e4gerin der klassischen \u00e4sthetischen Werte ist die abendl\u00e4ndische Kunstmusik. Dies ist eine zentrale Aussage in Scrutons Gedankengeb\u00e4ude. Umso erstaunlicher ist es, dass sie sich auf simple Art widerlegen l\u00e4sst: Ob die klassische abendl\u00e4ndische Tonkunst tats\u00e4chlich etwas zur moralischen Besserung beitr\u00e4gt und beigetragen hat, l\u00e4sst sich n\u00e4mlich kl\u00e4ren, indem man pr\u00fcft, ob klassische Musiker \u2013 diejenigen, die von dieser Musik am meisten mitbekommen \u2013 tats\u00e4chlich auch die besseren Menschen sind. Es gibt dazu keine Untersuchungen (wenig erstaunlich, denn niemand weiss, wie eine solche aussehen m\u00fcsste). Die Frage zu bejahen, d\u00fcrfte jedoch niemand im Ernst wagen. Klassische Musiker unterliegen denselben sozialen Unf\u00e4higkeiten und charakterlichen Unzul\u00e4nglicheiten wie die Konsumenten \u00abpopul\u00e4rer Musik\u00bb.<\/p>\n<p> Man kann Scrutons Behauptung zu retten versuchen, indem man sich auf die schw\u00e4chere Behauptung zur\u00fcckzieht, klassische Musik sch\u00e4rfe die Sinne und damit das Urteilsverm\u00f6gen \u2013 im Gegensatz zur popul\u00e4ren Musik. Eine solche Meinung kann jedoch nur vertreten, wer sich noch nie seri\u00f6s mit den Produktionsgepflogenheiten popul\u00e4rer Musik befasst hat. Die Deklassierung popul\u00e4rer Musik durch Scruton scheint aber gerade aufgrund einer derartigen Unkenntnis zustandezukommen. Unter anderem die Analyse eines Nirvana-Songs, die Scruton im letzten Kapitel seines Buches (Seite 499) vorlegt, belegt dies. Es handelt sich dabei um den Titel &#8222;Dive&#8220; aus dem Album &#8222;Incesticide&#8220; der Gruppe rund um den S\u00e4nger Kurt Cobain. Originalton Scruton: \u00abFragmente in einer Art B-moll (allerdings zum gr\u00f6ssten Teil mit einem auf beliebig anmutende Art gespielten E-Dur-Akkord harmonisiert), die nur eine geisterhafte \u00c4hnlichkeit mit Melodie haben. Zwischen den Noten gibt es keine Bewegung, alle Bewegung wird von der Rhythmus-Gitarre generiert. Diese melodischen Defizite gehen einher mit einem Verlust an harmonischer Textur: In der Suppe verst\u00e4rkter Obert\u00f6ne werden alle Binnenstimmen \u00fcbert\u00f6nt. Alles was der Gitarrist tun kann, ist mit Hilfe paralleler Quinten die Illusion von Harmonie zu erzeugen.\u00bb Die Stelle wird durch einen verr\u00e4terischen Satz eingeleitet: \u00abMelodien werden zu kurzen Luftst\u00f6ssen, die sich nicht entwickeln k\u00f6nnen, weil sie vom Rhythmus \u00fcberrollt werden, und keine Stimmf\u00fchrungs-Funktion haben.\u00bb<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Tribalismus im Rock<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Die \u00abArt B-moll\u00bb der \u00abFragmente\u00bb im Gesang Kurt Cobains lassen sich f\u00fcr einen mit Rock auch nur oberfl\u00e4chlich vertrauten leicht einordnen: Sie geh\u00f6ren einer Blues-Tonleiter an, was auch den \u00abauf beliebig anmutende Art gespielten E-Dur-Akkord\u00bb erkl\u00e4rt. Es gibt da eine durchaus konsistente Einheit der Form, das St\u00fcck ist f\u00fcr Blues-geschulte Ohren nicht speziell dissonant oder beliebig im harmonischen Aufbau. Ob es zu den besseren der Rockgeschichte geh\u00f6rt oder nicht, bleibe dahingestellt. Die Blues-Tonleiter mit der ihr eigenen Art der Intonation und Harmonisierung ist einer der wertvollsten und fruchtbarsten Beitr\u00e4ge zur Musikkultur des zwanzigsten Jahrhunderts \u2013 was Scruton an anderer Stelle auch zu bejahen scheint (Seite 469) &#8211; und hat einige der expressivsten St\u00fccke unserer Zeit hervorgebracht. An diesen m\u00fcsste \u201eDive\u201c gemessen werden. Wie der Eingangssatz enth\u00fcllt, versucht Scruton jedoch, das Rockst\u00fcck an den Kategorien einer klassischen Komposition zu messen &#8211; an den Regeln des vierstimmigen Satzes mit f\u00fchrender Stimme und Binnenstimmen und melodischer Entwicklung als grundlegendem Strukturprinzip.<\/p>\n<p> Auch die Art der Klangformung eines Rockgitarristen bleibt Scruton ein Buch mit sieben Siegeln. Er bem\u00e4ngelt den \u00abantiharmonischen Power chord\u00bb der Begleitgitarre mit elektronischer Verzerrung. Ob man verzerrte Gitarren mag oder nicht, ist Geschmackssache. Der implizite Vorwurf des Primitivismus an die Adresse mehr oder weniger aller Rockgitarristen geht jedoch ins Leere. Wer sich die Zeit nimmt, sich mit einem erstklassigen Rockgitarristen einmal \u00fcber Klang zu unterhalten, kann leicht feststellen, das dieser auf feine Art zwischen verschiedenen Verst\u00e4rkern, Effektger\u00e4ten und Lautsprecherboxen zu unterscheidet versteht und \u00fcber ein ausgebautes Instrumentarium in Sachen Klanggestaltungswillen verf\u00fcgt.<\/p>\n<p> Ein Grundproblem oder eine Grundbefangenheit im Ansatz von Scruton \u00e4ussert sich in den Folgerungen (Seite 500): \u00abDie Zuh\u00f6rerschaft h\u00f6rt nicht der Musik, sondern durch sie den Musikern zu. Die Gruppenmitglieder werden zu F\u00fchrern einer fantasierten Gemeinschaft.\u00bb Die moralisch angemessene Form des Musikh\u00f6rens ist nach Scrutons Auffassung n\u00e4mlich das reflektierte Zuh\u00f6ren. Analog dazu hat Musik Qualit\u00e4t, wenn sie einen Ausdruck reflektiert und nicht unmittelbar erzeugt wie im Falle des Nirvana-St\u00fcckes. So l\u00e4sst sich eine andere Analyse deuten: die Gegen\u00fcberstellung eines von Carlos Barbosa-Lima f\u00fcr Gitarre eingerichteten St\u00fcckes von Luiz Bonfa und \u00abLa puerta del vino\u00bb aus dem zweiten Buch der Pr\u00e4ludien von Debussy.<\/p>\n<p> Scruton schreibt (Seite 344): \u00abEin St\u00fcck Musik kann vertr\u00e4umt und tr\u00e4ge sein wie die Gitarrenmusik von Luiz Bonfa und alle schlimmeren Varianten. Aber wenn es Vertr\u00e4umtheit und Tr\u00e4gheit ausdr\u00fcckt &#8230; dann ist das eine Art \u00e4sthetischer Erfolg. Bonfa bietet Musik, die Atmosph\u00e4re hat, aber nichts ausdr\u00fcckt.\u00bb (an einem andern Ort bezeichnet er Bonfas Musik auch als Kitsch, was sie m. E. definitiv nicht ist. \u00dcber ihren Wert kann man sich ansonsten streiten.)<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Verrohung und Sentimentalit\u00e4t<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Man fragt sich ja gleich, wie etwas \u00abAtmosph\u00e4re haben kann\u00bb und zugleich \u00abnichts ausdr\u00fcckt\u00bb. Die Frage kann schwerlich gekl\u00e4rt werden, da uns Scruton wie erw\u00e4hnt eine Definition von \u00abAusdruck\u00bb schuldig bleibt. Viel wichtiger aber ist, was Scruton mit \u00abAtmosph\u00e4re haben\u00bb im Gegensatz zu \u00abetwas ausdr\u00fccken\u00bb zu meinen scheint. Er denunziert neben der popul\u00e4ren Musik der westlichen Welt damit m. E. ein fundamentales Anliegen vieler nicht-abendl\u00e4ndischer Musikstile, die Zuh\u00f6rer in eine bestimmte Stimmung versetzen wollen und sie gerade von der kritischen Distanz zu befreien versuchen, die Voraussetzung f\u00fcr das Erfahren von Expressivit\u00e4t im Sinne Scrutons ist.<\/p>\n<p> Weshalb ist dies im Gegensatz zu \u00abAusdruck haben\u00bb kein \u00e4sthetischer Wert? Scruton ist offenbar der Meinung, dass es sich nicht \u00fcber Banalit\u00e4t hinauszuhieven vermag. Banalit\u00e4t jedoch ist eng mit Sentimentalit\u00e4t verbunden.<\/p>\n<p> Zur Charakterisierung von Sentimentalit\u00e4t nimmt Scruton die Arbeiten des Philosophen Michael Tanner zu Hilfe (Seite 485). Vier Charakteristiken treffen laut Tanner auf sentimentale Menschen zu: Sie reagieren \u00e4usserst leicht auf Stimuli; sie scheinen zwar zu leiden, dieses Leiden aber auch zu geniessen; sie reagieren mit gleicher Heftigkeit auf unterschiedliche Stimuli und sie lassen ihren Reaktionen nicht entsprechende Taten folgen. Im allgemeinen leisten sich sentimentale Menschen ein gef\u00fchlsvolles Leben, ohne einen Preis daf\u00fcr zu bezahlen.<\/p>\n<p> Die Analyse gipfelt in der Auszeichnung aristokratischer gegen\u00fcber demokratischer Kultur (Seite 497): \u00abDie aristokratische Kultur hat eine instinktive Abneigung gegen alles, was vulg\u00e4r, sentimental oder platit\u00fcdenhaft ist; nicht so die demokratische Kultur, die den guten Geschmack der Popularit\u00e4t opfert und dem B\u00fcrger keinerlei Hindernisse in den Weg legt, auf der Suche nach seinem eigenen Geschmack.\u00bb Diesen Sentimentalit\u00e4tsbegriff verwendet Scruton f\u00fcr einen etwas unorganisierten und widerspr\u00fcchlichen Zweifrontenkrieg. Die eine Front wurde bereits abgesteckt: der Tribalismus des Heavy Metal, der Scruton als Zeichen einer Verrohung der musikalische Sitten dient. Die andere ist die \u00abbanale\u00bb (Seite 345) und damit \u00absentimentale\u00bb Musik Andrew Lloyd Webbers, die als einzige (Seite 500) heute eine Br\u00fccke zu schlagen versuche zwischen E- und U-Musik und in der vom Rhythmus bestimmten Welt das Bed\u00fcrfnis nach Melodie und Harmonie abdecke.<\/p>\n<p> Abgesehen davon, dass Scruton seinen Blick extrem verengt und so wichtige Str\u00f6mungen wie Gospel, Soul, Country, New Age und \u2013 vor allem \u2013 die Filmmusik von John Williams oder Jerry Goldsmith v\u00f6llig links liegen l\u00e4sst (dass er nur gerade Webber erw\u00e4hnt, mag damit zusammenh\u00e4ngen, dass dieser ein Landsmann ist): Die Dichotomie h\u00e4tte ihn misstrauisch machen m\u00fcssen. Wie kann es n\u00e4mlich sein, dass die Folge der Demokratisierung der Musik eine Verrohung ist und zugleich eine Sentimentalisierung? Scruton deutet das Bed\u00fcrfnis nach Sentimentalit\u00e4t als Gegenreaktion zur Bombardierung mit rohem Rock und Heavy Metal. Wer sich ein bisschen umsieht, wird aber leicht feststellen, dass die Musical- und Soul-Konsumenten nicht die Kinder der Rebellen mit Little Richard, Stooges und James Brown im Ohr sind, sondern diejenigen, deren geistige Vorv\u00e4ter- (und vor allem -M\u00fctter) sich eh schon an Frank Sinatra, Paul Anka, Perry Como und bestenfalls Elvis Presley orientiert haben.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Die Rolle der Massenmedien<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Es stellt sich vor allem die Frage, ob Musik, die \u00abeine Atmosph\u00e4re hat\u00bb damit auch sentimental im Sinne der obigen Definition sei und ob sentimentale Menschen oder solche, die sich zu gewissen Zeiten ihres Lebens sentimental geb\u00e4rden, nicht-sentimentalen moralisch unterlegen sind. Letzteres muss m.E. nicht der Fall sein. Tats\u00e4chlich scheint mit dem Einzug der Massenmedien Musik auch eine neue Funktion zu \u00fcbernehmen, n\u00e4mlich diejenige der \u00abSeelenhygiene\u00bb, w\u00e4hrend derer sich Menschen zum Zweck der Entspannung sentimental verhalten, dies aber sehr wohl wissen und dennoch f\u00e4hig sind, auch andere Formen der Musikrezeption zu beherrschen. Musik kann \u00fcberdies sehr wohl Atmosph\u00e4re haben, ohne damit die sentimentalen Bed\u00fcrfnisse von H\u00f6rern anzusprechen. Vielmehr hilft sie dabei, sich in bestimmte Gem\u00fctszust\u00e4nde zu versetzen, die eine genuine emotionale Erfahrung bedeuten und die eigene differenzierte Emotionalit\u00e4t bereichern.<\/p>\n<p> Was \u00abAtmosph\u00e4re haben\u00bb f\u00fcr einen \u00e4sthetischen Wert haben kann, l\u00e4sst sich erst erkl\u00e4ren, wenn die beste dieser Art von Musik analysiert wird. Dazu z\u00e4hlen w\u00fcrde ich unter anderem \u2013 die Aufstellung ist subjektiv und nicht vollst\u00e4ndig \u2013das klassische Shakuhachi-Repertoire Japans, die klassische Musik Indiens, der zeitgen\u00f6ssische Jazz im Umfeld des Berklee College, die Gitarrenmusik Sebastiao Tapajos und die Klavierimprovisationen Hermeto Pascoals, Vertreter der MPB, die ich beide h\u00f6her sch\u00e4tze als die in nach Scruton-Art gutb\u00fcrgerlichen Kreisen bekannteren Baden Powell oder Luiz Bonfa. Das Problem dabei ist allerdings, dass sich \u00abAtmosph\u00e4re haben\u00bb genauso wenig definieren l\u00e4sst wie \u00abAusdruck\u00bb und dass man das Sch\u00e4tzen einer von Musik vermittelten Atmosph\u00e4re auch lernen muss und es Menschen gibt, die das Sensorium daf\u00fcr haben und solche, die es weniger haben. Atmosph\u00e4re kann bet\u00f6rend, sinnlich, aber auch gewaltt\u00e4tig sein (in metaphorischem Sinne wohlgemerkt).<\/p>\n<p> Diese Art von \u00e4sthetischem Wert besteht \u00fcbrigens drei der vier Tests von Scruton. Einzig einem \u2013 der Forderung nach Entwicklung und Artikulation &#8211; m\u00fcsste sie entschl\u00fcpfen, da die Wahrnehmung von Entwicklung und Artikulation eine Art kognitiver Aufmerksamkeit erfordert, die der Erfahrung von Atmosph\u00e4re im Wege steht (dies bedeutet allerdings keineswegs, dass die Varietas nicht auch ein bedeutendes Mittel dieser Art von Musik sein kann!) Man k\u00f6nnte die Tests mit Blick auf diese \u00e4sthetischen Wert jedoch durch einen weiteren ersetzen: Atmosph\u00e4re macht Musik von einem abstrakten Beziehungsspiel von Tonwellen zu einer sinnlichen Geste.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Geheimb\u00fcndlerisches<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Ein derartiges semantisches Verst\u00e4ndnis von Musik und dasjenige von Scrutons f\u00fchrt zu einer Pattsituation: Aussage steht nun gegen Aussage. Damit muss die Philosophie ihre Waffe strecken. Der Zugang Scrutons zur \u00c4sthetik der Musik erweist sich demnach ausser in seiner kritischen Demontage der Idee von Musik als Sprache als Unfruchtbar, indem er Pr\u00e4ferenzen des Musikh\u00f6rens einer bestimmten Wertegemeinschaft nicht \u00fcber diese hinaus zu verteidigen vermag. Das Scheitern zeigt aber auch ein grunds\u00e4tzliches Problem der Musik\u00e4sthetik auf: Ihr empirisches Material sind zu wesentlichen Teilen Beobachtungen in einem bestimmten Musikstil geschulter H\u00f6rer, die sich \u00fcberdies meistens einig sind dar\u00fcber, dass Geschmacksfragen in Sachen Musik \u00fcber das rein Subjektive hinausgehen, in der konkreten Einzelwertung aber in der Regel nicht zu Einigkeit gelangen.<\/p>\n<p> Scrutons Buch zerf\u00e4llt wie gesagt in zwei Teile. Im einen ist Scruton Philosoph, im andern wird er zum Polemiker, der mangels Kenntnis dessen, was er bek\u00e4mpft, mit stumpfen Waffen antritt. Die Polemik durchzittert eine seltsame Art von Lebensangst, die alles in eine sichere Distanz bringen m\u00f6chte, bis hin zum Erlebnis musikalischer Sinnlichkeit. Seine etwas unmotivierten \u00c4usserungen zu Freundschaft und der Notwendigkeit echter Freundschaft sowie die Vorstellung, man m\u00fcsse sich aus dem \u00f6ffentlichen Leben in die eigene Stube zur\u00fcckziehen, um Musik noch richtig zelebrieren zu k\u00f6nnen, hat etwas Geheimb\u00fcndlerisches. Die Haltung erinnert an die literarischen Werke des Japaners Mishima, der eine \u00e4hnlich exklusiv-elitistische Philosophie pflegt, mit Ans\u00e4tzen ins Prezi\u00f6se, und ebenfalls den Niedergang einer Kultur &#8211; in seinem Fall der klassisch japanischen \u2013 beklagt.<\/p>\n<p> Man kann der Behauptung Scrutons eine andere entgegensetzen: Im Niedergang begriffen sind die Werte des Bildungsb\u00fcrgertums, und zwar nicht wegen einer Attacke von aussen, sondern weil sich ihre Tr\u00e4ger selber &#8211; die gutausgebildete Mittelschicht \u2013 immer mehr davon distanzieren. In diesem Licht t\u00f6nt Scrutons Klage eher nach der Suche eines aussenstehenden Schuldigen f\u00fcr das genuine Versagen seiner eigenen Wertegemeinschaft als nach einer schlagkr\u00e4ftigen Kulturkritik.<\/p>\n<p> Ob man diese Art von Niedergang als beklagenswert ansieht, ist jedoch eine andere Frage.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>01.07.2003 Roger Scrutons Buch \u00abThe Aesthetics of Music\u00bb ist zum einen eine hervorragende Einf\u00fchrung in die Geschichte der Musik\u00e4sthetik. 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