{"id":67,"date":"2014-01-06T10:48:10","date_gmt":"2014-01-06T10:48:10","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-im-wandel\/"},"modified":"2014-01-06T10:48:10","modified_gmt":"2014-01-06T10:48:10","slug":"musiktherapie-im-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-im-wandel\/","title":{"rendered":"Musiktherapie im Wandel"},"content":{"rendered":"<p>11.06.2004<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Hans Volker Bolay ist seit 1996 gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Vorstand des Deutschen Zentrums f\u00fcr Musiktherapieforschung in Heidelberg. In dieser Funktion bem\u00fcht er sich um eine grundlegende Reform der wissenschaftlichen und therapeutischen Grundlagen der Disziplin. Codex flores hat sich mit dem r\u00fchrigen Wissenschaftler \u00fcber die Fortschritte des Faches unterhalten. <\/strong> <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\"><strong>Codex flores:<\/strong> Klaus-Ernst Behne, der Pr\u00e4sident der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hannover, hat sich vor ein paar Jahren in einem Sonderband der \u00abNeuen Musikzeitschrift\u00bb recht skeptisch \u00fcber die musiktherapeutischen Methoden ge\u00e4ussert. Es werde, meinte er, oft mit Einzelfall-Beschreibungen gearbeitet, die kaum Aussagen \u00fcber Effizienz und Nachhaltigkeit erlaubten. <\/span><br \/> <strong>Hans Volker Bolay:<\/strong> Die Argumentation von Klaus-Ernst Behne kenne ich gut, weil wir fr\u00fcher auf dem Gebiet auch zusammengearbeitet haben, und zwar im Umfeld der \u00abMusiktherapeutischen Umschau\u00bb. Am Anfang hat sich rund um die Fachzeitschrift eine hochpotente Gruppe gebildet. Gegr\u00fcndet worden ist sie von mir, zusammen mit Johannes Th. Eschen, Stefan Schaub und anderen. Peter Faltin, ein Vertreter der Frankfurter Schule, vertrat in der Redaktion die Musikwissenschaft. Klaus-Ernst Behne war als \u00abGeburtshelfer\u00bb und Berater in den Anf\u00e4ngen dabei. Nach 10 Jahren gab ich die Redaktionsleitung ab und verliess das Team. Die Weiterentwicklung der Musiktherapie lag mir mehr am Herzen als publizistische Aktivit\u00e4ten. Wir haben uns ein bisschen aus den Augen verloren, weil die Musikwissenschaft und die Musiktherapie dann doch getrennte Wege gegangen sind. Ich weiss jetzt nicht, wie er heute dar\u00fcber denkt. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Wer geh\u00f6rte sonst noch zu der Gruppe? <\/span> <br \/> Aus dem psychoanalytischen Bereich war Hilde-Marie Streich aus Berlin beteiligt, dann aus dem hochschulpolitischen Bereich \u2013 das fand ich sehr wichtig \u2013 Konrad Schily. Weitere Mitglieder der Gr\u00fcndungsredaktion waren Volker Bernius f\u00fcr die Musikp\u00e4dagogik, Rainer Damm als Musikwissenschaftler, Isabelle Frohne f\u00fcr Rhythmik, Wolfgang Schr\u00f6der aus der Medizin und die Psychologen Rainer Boller und Ernst-Walter Selle. <\/p>\n<p> <strong>Von der Spiritualit\u00e4t zur Empirie<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Behnes Kritik ist aber sicher mehr als bloss Polemik zwecks Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Wenn man die musiktherapeutische Literatur durchforstet, vermisst man auch heute noch eine allgemeine Transparenz der Methode. Das kann auch damit zusammenh\u00e4ngen, dass verschiedene Schulen miteinander wetteifern und die eine oder andere einem Menschenbild nachh\u00e4ngt, das empiristisch gepr\u00e4gte Naturwissenschafter doch eher abschrecken d\u00fcrfte. <\/span> <br \/> Die Musiktherapie ist sicher ein Paradebeispiel daf\u00fcr, wie im Hinblick auf den Glauben an die Wirkfaktoren auch weltanschauliche Dimensionen zum Tragen kommen. Im andern Extrem ist evidenzbasierte musiktherapeutische Arbeit einem ebenso evidenzbasierten Wissenschaftsverst\u00e4ndnis verpflichtet. Dieses Paradigma, hat heute grosse Attraktivit\u00e4t und man beobachtet, dass die anthroposophische und \u2013 man k\u00f6nnte sagen \u2013 weltanschaulich gebundene Musiktherapie langsam an Bedeutung verlieren. Man kommt tats\u00e4chlich zu einem Methodenger\u00fcst, das kommunizierbar ist und das auch von Vertretern anderer wissenschaftlicher Disziplinen nachvollzogen werden kann. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Man kommt also weg von dem etwas emphatischen und f\u00fcr Aussenstehende ab und zu schwer zug\u00e4nglichen Jargon, der traditionellerweise gepflegt wird? <\/span> <br \/> Da muss man sehen, dass die Musiktherapie lange Zeit denselben Status wie die Psychoanalyse hatte. Sie war gepr\u00e4gt von sehr viel Erfahrung, viele Menschen hatten viele Jahre damit gearbeitet. Sie hatten viel pers\u00f6nliches Wissen angesammelt, das weder wissenschaftlich systematisiert noch auf Effizienz oder Wiederholbarkeit gepr\u00fcft wurde. In dieser Hinsicht hat sich die Musiktherapie zumindest im europ\u00e4ischen Raum zu ver\u00e4ndern begonnen. <\/p>\n<p> <strong>Bruch mit festgef\u00fcgten Traditionen<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Und sich auch vermehrt international oder interkontinental ausgerichtet? <\/span> <br \/> Die AAMT (American Association of Music Therapy) hat zum Beispiel uns hier in Heidelberg Ausbildungslizenzen in neurologischer Musiktherapie gegeben, die in den USA anerkannt werden. In dieser Hinsicht sind wir so etwas wie Vorreiter, und darauf bin ich auch ein wenig stolz. Auf der andern Seite sind wir damit auch die Ungeliebten. Wir bekommen Einladungen, auf medizinischen oder psychologischen Kongressen vorzutragen, Musiktherapie-immanent hat man jedoch oft noch ein bisschen Angst vor uns in Heidelberg. Vielleicht, weil wir zu schnell zu viele Heilige K\u00fche geschlachtet haben. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Welche denn? <\/span> <br \/> Wir haben zum Beispiel schon Anfang der Neunziger gesagt, es sei v\u00f6lliger Unsinn, dass Musiktherapie nicht schaden kann. Zum zweiten haben wir uns auf den Standpunkt gestellt, dass die Kontraindikationen der Musiktherapie ebenso interessant sind wie die Indikationen. Wenn man weiss, wo Musiktherapie nichts bewirkt oder die Symptomatik vielleicht sogar verschlimmert, dann gewinnt sie viel deutlicher an Profil. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Sie gehen also weg von der Idee einer magischen Kraft, die in der Musik stecken soll, und den Beschw\u00f6rungen der \u00aburalten Tradition\u00bb? <\/span> <br \/> Genau. Wir haben uns hier in Heidelberg \u00fcberdies klar auf den Standpunkt gestellt, dass Musiktherapie langfristig nur eine \u00dcberlebenschance hat, wenn sie irgend etwas leistet, das andere Verfahren nicht k\u00f6nnen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts sind Musiktherapeuten in Gebiete vorgedrungen, in denen andere Therapieformen bereits hervorragende Arbeit leisteten. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Zum Beispiel? <\/span> <br \/> Die Musiktherapie hat sich etwa mit Indikationen aus der Verhaltenstherapie oder der Tiefenpsychologie besch\u00e4ftigt und hat immer so getan, wie wenn sie da noch ein bisschen besser w\u00e4re, aber dazu nie den Nachweis gebracht. Diesen \u00dcberzeugungen wird noch heute von Kolleginnen und Kollegen zum Teil noch nachgeh\u00e4ngt. <\/p>\n<p> <strong>Weg von der Fallvignette, hin zur Statistik<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Der Wandel zeigt sich auch auf methodischem Gebiet: Man kommt weg von der Fallvignette und bedient sich mehr der in den Sozial- und Naturwissenschaften gebr\u00e4uchlichen Methodologien und statistischen Verfahrensweisen. <\/span> <br \/> Es gab in der Musiktherapie lange Zeit diese Diskussion zwischen qualitativer und quantitativer Forschung. Die qualitativen Forscher, das waren die, die Einzelfallstudien bis ins Detail beschrieben und immer Zeter und Mordio geschrieen haben, wenn jemand kam und gesagt hat, dass man das vielleicht auch statistisch auswerten sollte. Dann hiess es gleich, man mache die Musiktherapie oder spezifische Wirkkr\u00e4fte kaputt. Einzelfallstudien sind sinnvoll, wenn man eine methodische Vorgehensweise deutlich machen will. Man kann damit aber nicht den Nachweis erbringen, dass etwas wirkt. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Findet da nun ein Umdenken statt? <\/span> <br \/> Zumindest hier in Heidelberg hat sich das deutlich ge\u00e4ndert. Im Unterschied zu vielen Kollegen etwa in Deutschland, Frankreich, \u00d6sterreich und der Schweiz machen wir sauber randomisierte Verlaufs-, Effektivit\u00e4ts- und Effizienzstudien. Wir treten gegen Medikamente an, zum Beispiel im Bereich Kindermigr\u00e4ne. Wenn Musiktherapie etwas bewirkt, dann muss sie besser sein als ein Placebo-Medikament und besser als ein Migr\u00e4ne-Medikament. Solche sauber designten Studien \u00f6ffnen uns T\u00fcren. <\/p>\n<p> <strong>Die enge Beziehung zwischen Musik und Emotion<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Die Eigenheiten der Methode sind aber auch auf andern Gebieten gefordert. Die therapeutischen Wirkungen von Musik scheinen etwa sehr eng mit ihrer F\u00e4higkeit verbunden, Emotionen ohne Zuhilfenahme verbaler Mittel zu kommunizieren. Nun ist aber noch durchaus unklar, was Emotionen eigentlich sind. Hat denn die Musiktherapie eine Art kanonische Theorie der Emotionen und ihres Ausdrucks in der Musik, um diese Wirkkr\u00e4fte transparent zu machen? <\/span> <br \/> Es ist zur Zeit sogar ein aufkeimender Theorienstreit zu beobachten. Eine Grundannahme der Musiktherapie war bislang, dass sie bei klassischen psychiatrischen Erkrankungen Sinn macht. Die Musiktherapeuten sind denn auch immer in psychiatrischen Einrichtungen t\u00e4tig gewesen. Es galt tats\u00e4chlich die \u00dcberzeugung, dass man Gef\u00fchle mit Musik besser ausdr\u00fccken kann als mit Worten. Musiktherapeuten erz\u00e4hlen auch oft, dass man mit Musik besser verstehen kann. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Das kann aber nur ein intuitives Verstehen sein. <\/span> <br \/> Ja, sicherlich. Aber um die Musiktherapie wissenschaftlich weiter zu bringen haben wir die ersten Fragezeichen gesetzt. Es gibt in der Emotionspsychologie schon lange Testverfahren, bei denen zum Beispiel innerhalb eines bestimmten Zeitfensters bestimmte Gesichtsausdr\u00fccke am Bildschirm gezeigt werden und wo die Testperson dann feststellen muss, ob die Grundemotionen Ekel, Freude, Wut, Trauer und so weiter erkannt werden. Das sind genormte Verfahren. Wir haben uns vor zwei Jahren folgende Frage gestellt: Wenn das visuell so zu messen ist, dann m\u00fcsste doch eigentlich in der Musiktherapie, in der seit Jahrzehnten Musik als emotionale Sprache verwendet wird, abgekl\u00e4rt werden, ob erkannt wird, was f\u00fcr Gef\u00fchle eigentlich transportiert werden. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Das wurde dann in analoger Weise experimentell untersucht? <\/span> <br \/> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/bolay3alt.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Wir haben klassische Gef\u00fchlsqualit\u00e4ten von Profimusikern in Form von kurzen, eindeutigen Improvisationsphrasen einspielen lassen. Dann wurden diese kurzen Sequenzen Versuchspersonen vorgespielt und diese gefragt, was sie glauben, was f\u00fcr Gef\u00fchle in der geh\u00f6rten Musik ausgedr\u00fcckt w\u00fcrden. Nachdem wir gesehen haben, dass das funktioniert, sind wir in eine psychiatrische Tagesklinik gegangen und haben die gleichen Sequenzen Patienten vorgespielt. Einmal den visuellen Test, dann die akustische Emotionserkennung. Interessant war, dass die visuelle Emotionserkennung durchaus bessere Ergebnisse brachte. Bestimmte Gef\u00fchle in der Musik wurden von fast allen Patienten nicht erkannt. Andere Gef\u00fchle wiederum wurden alle durchwegs erkannt. Die Konnotation musikalischer Eindr\u00fccke scheint in bestimmten Gef\u00fchlsbereichen eindeutiger als in andern. Freude und Trauer geh\u00f6ren beispielsweise zu den gut erkannten Gef\u00fchlsqualit\u00e4ten. <\/p>\n<p> <strong>Zusammenarbeit mit Neurowissenschaftlern<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Kann man solche Befunde auch auf der physiologischen Ebene nachweisen? <\/span> <br \/> Dazu haben wir mit Stefan K\u00f6lsch vom Max-Planck-Institut in Leipzig Kontakt aufgenommen. Er geht aufgrund seiner Forschungen davon aus, dass Sprach- und Musikverst\u00e4ndnis neuronal dicht beieinander liegen. Er hat die Hypothese aufgestellt, dass man deshalb \u00fcber Musik am schnellsten Sprache lernen kann. Man war ja fr\u00fcher immer davon ausgegangen, dass sich entwicklungspsychologisch das Sprachverst\u00e4ndnis vor dem Musikverst\u00e4ndnis entwickelt. Die Frage ist auch heute noch weitgehend offen. Wenn aber tats\u00e4chlich eine so enge Verbindung zwischen Sprach- und Musik- respektive Klangverst\u00e4ndnis besteht, dann m\u00fcsste es doch m\u00f6glich sein, Ver\u00e4nderungen, die in der Musiktherapie bewirkt werden, nicht nur subjektiv abzufragen, sondern auch im Hirn durch bildgebende Verfahren nachzuweisen. Dabei geht es um die Semantik in der Musik, die scheinbar \u00e4hnlich verarbeitet wird wie die Semantik der Sprache. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Das t\u00f6nt vielversprechend. <\/span> <br \/> Ob das geht oder nicht, das diskutieren K\u00f6lsch und wir sehr kontr\u00e4r. Seit einem halben Jahr arbeiten wir mit Tinnitus-Patienten, weil sich der Tinnitus in den beiden H\u00f6rarealen sehr sch\u00f6n abbildet, insofern als angrenzende Hirnareale in Mitleidenschaft gezogen sind. Das Hirn aktiviert Areale, die mit dem H\u00f6ren eigentlich nichts zu tun haben. Daraus entsteht auch der chronische Tinnitus, das heisst, das H\u00f6rareal Heschl Gyrus wird durch zentrale und nicht durch periphere Mechanismen aktiviert, so dass das Gef\u00fchl da ist, es gibt was zu h\u00f6ren. Das ist der Punkt, wo wir erstmals in der Geschichte der Musiktherapie versuchen wollen, Patienten mit einem ganz gezielten H\u00f6rtraining von zw\u00f6lf Stunden Dauer zu behandeln. Dann schauen wir, ob sich in ihrem Gehirn etwas ver\u00e4ndert hat. Wenn das gelingt, dann kann man die Wirkung von Musik als therapeutisches Medium zumindest in diesem Falle eindeutig nachweisen. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Damit entfernen sie sich aber von der Musik hin zur akustischen Konditionierung. <\/span> <br \/> Damit \u00abdegradieren\u00bb wir scheinbar in manchen Anwendungsbreichen die Musik in der Musiktherapie tats\u00e4chlich zu einem Trainingsobjekt. Ich erachte das f\u00fcr sinnvoll und glaube auch keineswegs, dass der Musik da \u00fcbel mitgespielt wird. Die Musik ist ja ein unglaublich komplexes \u00dcbungsmedium, was Hirnaktivit\u00e4ten betrifft. Und unsere Realit\u00e4t wird halt im Gehirn geschaffen und nicht in einer Seele, die ich bislang noch nirgends gesehen habe. Was wir f\u00fchlen, was wir denken, was wir tun, wird alles von oben gesteuert. F\u00fcr die Musik und f\u00fcr die Musiktherapie w\u00e4re eine solche Tinnitustherapie ein Durchbruch im Sinn einer ganz gezielten symptomorientierten Intervention, wo man deutlich auch sagen k\u00f6nnte, das kann keine andere Therapie so gut wie die Musik. <\/p>\n<p> <strong>Anforderungen und Berufsbilder der Musiktherapie <\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Ein etwas andres Thema: In welchem Mass muss ein Musiktheraupeut eigentlich selber Musiker sein? <\/span> <br \/> Ein Musiktherapeut, der gut arbeiten k\u00f6nnen will, muss mindestens f\u00fcnfzig Prozent seiner Kompetenz im musikalisch-handwerklichen K\u00f6nnen haben. Die andern f\u00fcnfzig Prozent setzen sich zu gleichen Teilen aus medizinischen und psychologischen Kenntnissen zusammen. Wir wissen, dass in der Musiktherapie \u00e4hnlich wie in andern Psychotherapieformen die therapieunspezifischen Wirkfaktoren ganz wesentlich \u00fcber Erfolg und Nichterfolg entscheiden. Wir legen deshalb auch hier in der Ausbildung grossen Wert darauf, dass die Studierenden in acht Semestern musikalisch intensiv gef\u00f6rdert werden und dass sie auch viel therapiepraktische Erfahrungen in Verbindung mit Fachkenntnissen bekommen. Wir haben seit Jahren verbindlich festgelegt, dass die Studierenden \u00fcber die vier Jahre des Studiums hinweg extern musiktherapeutische Erfahrungen in der Rolle als Patient in Gruppen sammeln. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Das w\u00e4re dann eine Art Pendant zur Lehranalyse in der Psychoanalyse. <\/span> <br \/> Richtig. Unter dem Gesichtspunkt, dass es wichtig ist, dass da eine Pers\u00f6nlichkeit heranreift oder zumindest zu reifen beginnt, die dann wirklich auch eine therapeutische Kompetenz hervorbringen und entwickeln kann. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/bolay2alt.jpg\" border=\"0\" align=\"middle\" \/><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Welche Ausbildungswege stehen Interessierten offen? <\/span> <br \/> Im deutschsprachigen Raum gibt es in erster Linie eine Reihe von berufsbegleitenden Zusatzstudienangeboten, Postgraduate-Studies im Sinne von Aufbaustudien, auch vom Musikstudium aus wie zum Beispiel in Witten-Herdecke oder auch in Hamburg. Dann gibt es einige wenige Hochschulangebote als Masterstudieng\u00e4nge f\u00fcr Psychologen, Mediziner, Musiker, P\u00e4dagogen und so weiter wie zum Beispiel hier in Heidelberg. Es gibt auch zwei staatlich genehmigte, grundst\u00e4ndige Studieng\u00e4nge, hier in Heidelberg und in Magdeburg. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Die Ausbildungen sind in der gleichen Weise anerkannt wie andere Psychotherapieformen? <\/span> <br \/> Im Moment kommt die ganze Ausbildungslandschaft wieder etwas in Unruhe, weil wir seit 2000 in Heidelberg die Berechtigung zur Approbation haben. Das heisst, die Heidelberger Absolventen k\u00f6nnen als einzige in Deutschland mit ihrem Diplom die Zusatzqualifikation zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten absolvieren und sich dann als Psychotherapeuten niederlassen. Das ist der Grund, weshalb wir jetzt einen zweiten Schritt machen. Es wird jetzt dieses Jahr zum Wintersemester zum ersten Mal auch einen Masterstudiengang in drei Semestern geben. <\/p>\n<p> <strong>Kostendruck als Boomfaktor <\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">In Zeiten des Sozialabbaus d\u00fcrften die Berufsaussichten aber eher tr\u00fcbe sein. <\/span> <br \/> Berufspolitisch sieht man im Gegenteil, dass, je knapper die finanziellen Ressourcen im Gesundheits- und Bildungswesen sind, desto besser die Entwicklungschancen f\u00fcr Musiktherapie werden. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Eigentlich w\u00fcrde man das Gegenteil vermuten, wenn man davon ausgeht, dass Musiktherapie als eine Art im Prinzip entbehrlicher Luxus-Therapie angesehen wird. <\/span> <br \/> Weil angesichts der Krise der klassische Trott im ambulanten Versorgungsbereich nicht mehr funktioniert, bekommen unsere Absolventen Stellenangebote in einer Anzahl wie nie zuvor. Wir haben in allen Bereichen der ambulanten Therapie mittlerweile Begrenzungen. Es gibt keine psychoanalytische Therapie mehr von 600 Stunden, das bezahlt keine Kasse mehr. Gerade die Psychoanalyse macht zu wenig Anstrengungen, irgendwelche Effizienzstudien auf den Weg zu bringen, und in dem neuen Handbook of Psychotherapy and Behavior Change, das auch als Bibel der Psychotherapieforschung bezeichnet wird, ist sie schon gar nicht mehr erw\u00e4hnt. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Und die Musiktherapie weitet ihre Anwendungsgebiete aus? <\/span> <br \/> Die Musiktherapeuten finden nach wie vor im klassischen klinischen Bereich ihre Anstellung. Es gibt inzwischen aber auch eine ganze Reihe von organmedizinischen Bereichen, in denen Musiktherapeuten arbeiten, in der Kardiologie, in der Nephrologie, in der Schmerztherapie, im klassischen chirurgischen OP-Bereich, wenn es um die Optimierung der Narkose geht. Was auch deutlich im Kommen ist \u2013 vorl\u00e4ufig noch regional begrenzt auf Heidelberg \u2013 ist der Bereich Consulting. Wir haben zunehmend Absolventen, die sich nach dem Studium selbst\u00e4ndig machen, die zuvor im Studium den Schwerpunkt Personalauswahl und Konfliktmanagement belegt haben. Die gehen nicht einmal in den klinischen Bereich arbeiten, sondern machen etwa f\u00fcr Firmen Personalauswahlverfahren, und zwar mit Trommel und Vibraphon. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Als ein Art Graphologie-Ersatz? <\/span> <br \/> Nein, das hat damit wenig zu tun. Es geht ja nicht darum, die fachliche Qualit\u00e4t zu pr\u00fcfen, sondern darum, anhand eines psychodynamischen Anforderungsprofils f\u00fcr einen Arbeitsplatz aus einer Gruppe von Bewerbern diejenigen herauszufinden, die im nonverbalen Kontext zum Beispiel die passendste Dominanz oder Permissivit\u00e4t zeigen, das heisst in ihrer psychodynamischen Pers\u00f6nlichkeitsstruktur dem erforderlichen Mitarbeiterprofil am n\u00e4chsten kommen. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Das kann man zuverl\u00e4ssig feststellen? <\/span> <br \/> In bezug auf die inzwischen vorliegenden Erfahrungen und Datens\u00e4tze aus verschiedenen Industriebereichen ist das relativ gut feststellbar. In Sachen Konfliktmanagement sind wir schon fast wieder auf der klassisch-klinischen Ebene. In der Form, dass nicht mit verbalen sondern mit musikalischen Mitteln Konflikte nicht nur dargestellt, sondern auch verarbeitet werden. Das ist etwas, worauf viele Unternehmen inzwischen zur\u00fcckgreifen. Es ist, offen gesagt, nicht mein Lieblingskind, gedeiht aber pr\u00e4chtig. So haben zum Beispiel viele M\u00e4rkte f\u00fcr elektronische Unterhaltungsmedien in Deutschland Musiktherapeuten als Coaches f\u00fcr ihre Verkaufsleute. Die Krankentage gehen zur\u00fcck, die Zufriedenheit ist deutlich h\u00f6her. <\/p>\n<p> <strong>Die Zukunft des Faches<\/strong><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Wie sehen Sie die Zukunft der Musiktherapie? <\/span> <br \/> Sie wird meines Erachtens eine wichtige und sich immer weiter entwickelnde Therapieform unter dem Aspekt, dass sich das gesamte Gesundheitswesen, einschlie\u00dflich der Medizin, wieder mehr in Richtung sanfte Methoden bewegt. Es wird deutlich weniger geschnitten, weniger operiert. Der Kostenfaktor spielt auch eine Rolle. Es gibt ganz bestimmte Indikationen, von denen wir noch lange nicht alle entdeckt haben, wo Musiktherapie das Mittel der Wahl ist, weil sie hochwirksam und wirtschaftlich ist. Das sind auch die Kriterien, die dar\u00fcber entscheiden werden, in welchen Bereichen sie k\u00fcnftig Zugang hat. Die Zeit, in der man Musiktherapie macht, weil es so sch\u00f6n ist, die geht ganz rasch zu Ende. Nicht nur, weil sich das niemand mehr leisten kann, sondern auch, weil sicherlich niemand an einem so diffusen Angebot im klinischen Versorgungskontext Interesse hat. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Da helfen sicher auch neuere Einsichten, dass selbst harte medizinische Therapien oft nicht \u00fcber einen Placeboeffekt hinauskommen. <\/span> <br \/> Ja, da kann ich wieder auf unsere Migr\u00e4nestudie hinweisen. Migr\u00e4ne-Medikamente sind handfeste, starke Medikamente, die Nebenwirkungen haben. Da konnte man zeigen, dass die letztlich nur geringf\u00fcgig wirksamer sind als das Placebo-Medikament. Man muss aber auch sehen, dass sich k\u00fcnftig weiter eine kleine Nische gut entwickeln wird, auch wenn sie immer klein bleiben wird. Das ist der Bereich, wo Musiktherapie Ersatz f\u00fcr Weltanschauung wird. Das wird erhalten bleiben. Es hat auch seine Daseinsberechtigung, aber es wird sicherlich nicht so aufbl\u00fchen, dass man daraus ein repr\u00e4sentatives Anwendungsfeld machen k\u00f6nnte. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>pb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11.06.2004 Hans Volker Bolay ist seit 1996 gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Vorstand des Deutschen Zentrums f\u00fcr Musiktherapieforschung in Heidelberg. 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