{"id":675,"date":"2014-01-11T21:14:08","date_gmt":"2014-01-11T21:14:08","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/reclams-liedfuehrer\/"},"modified":"2014-01-11T21:14:08","modified_gmt":"2014-01-11T21:14:08","slug":"reclams-liedfuehrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/reclams-liedfuehrer\/","title":{"rendered":"Reclams Liedf\u00fchrer"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/lied12109.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>14.01.2009 &#8212; Als Werner Oehlmann 1973 im Reclam-Verlag seinen Liedf\u00fchrer vorlegte, wurde er als Pionier gew\u00fcrdigt. Sein \u00fcber 1000-seitiger Band war das erste dem solistischen Kunstlied vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert gewidmete Handbuch. W\u00e4hrend drei Jahrzehnten hat es sich als Nachschlagewerk bew\u00e4hrt. Nun ist es f\u00fcr die 6. Auflage gr\u00fcndlich \u00fcberarbeitet, aktualisiert und gewichtig erweitert worden: Die H\u00e4lfte des neuen Liedf\u00fchrers haben Axel Bauni, Kilian Sprau und Klaus Hinrich Stahmer neu verfasst. <\/p>\n<p> Unbestritten sind die St\u00e4rken des Handbuchs von Werner Oehlmann (1901\u20131985; Leiter der St\u00e4dtischen Musikschule in Braunschweig, dann Redakteur beim Nordwestdeutschen Rundfunk, ab 1950 beim Berliner Tagesspiegel; Verfasser weiterer Reclam-Musikf\u00fchrer), offensichtlich zu Tage traten aber auch die Schw\u00e4chen. <\/p>\n<p> Als Hauptmangel erwies sich, dass der Autor das Liedschaffen, geordnet nach Stilbereichen, L\u00e4ndern und Komponisten, in einem von der Aussenwelt und den je aktuellen historischen, wirtschaftlichen und sozialen Ereignissen und Umbr\u00fcchen weitgehend herausgel\u00f6sten, quasi politisch aseptischen Kontext w\u00fcrdigte. Folgerichtig lag es nicht in Oehlmanns Wahrnehmung, Komponisten und deren Textautoren auf ihre politische oder moralische Gesinnung zu durchleuchten. Keineswegs marginal sind diese Aspekte. <\/p>\n<p> Die literarische Vorlage (in der Regel ein Gedicht), die ein Komponist vertont, kann nicht nur seine aktuelle pers\u00f6nliche Befindlichkeit (jene des K\u00fcnstlers, jene des politisch Indifferenten, Labilen oder Enragierten) widerspiegeln, sondern auch deutliche Hinweise geben auf die Zeitumst\u00e4nde, die den Kunstschaffenden und sein Werk offensichtlich oder untergr\u00fcndig mitpr\u00e4gen. Dies hilft, differenziert zu beurteilen und umfassendere Einsichten zu gewinnen. <\/p>\n<p> Hier liegt denn auch eine der herausragenden Qualit\u00e4ten der Neuauflage: Das Autorentrio verankert die Komponisten und ihr Schaffen ganz konsequent in ihrer historischen Gegenwart, gibt ihnen ein Gesicht auch als Handelnde in ihrer gesellschaftlichen Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der Gemeinschaft. <\/p>\n<p> Das erweist sich in den einzelnen \u00dcberarbeitungen von Oehlmanns Text und in den darin eingeschobenen Artikeln (Fanny Hensel, Biedermeier und fr\u00fche Romantik, Robert Schumann, Clara Schumann, Hugo Wolf, Skandinavien). Der neu verfasste zweite Teil beginnt ab dem geschichtlichen Wendepunkt um 1870\/1871. Bereits die Gliederungstitel signalisieren den Wechsel des Blickwinkels: Heisst es bei Oehlmann Vom Mittelalter bis zum Ende des Barock; Aufkl\u00e4rung und Klassik; Romantik, so im Folgenden Kaiserzeit und Fin de Si\u00e8cle; Zwischen den Weltkriegen; Von der Nachkriegszeit bis heute. Das Autorenteam zeichnet die wichtigsten Entwicklungen und markanten Stationen nach, f\u00fchrt zu erhellenden Erkenntnissen, erm\u00f6glicht aus der zeitlichen Distanz Neubeurteilungen des Liedschaffens in den Gr\u00fcnderjahren und im Kaiserreich, in der k. u. k. Monarchie und im Fin de Si\u00e8cle in Frankreich. <\/p>\n<p> Nur folgerichtig, dass die Situation in Deutschland und \u00d6sterreich zwischen 1918 und 1933, dann von 1933 bis 1945 gesondert und breit dargestellt wird. W\u00e4hrend sich Oehlmann in seinem \u00ab\u00dcberblick \u00fcber die Liedkomponisten und Liedformen der Gegenwart\u00bb (1. Auflage, 1973, ab Seite 856) die \u00abkonservativen, mehr oder weniger streng am Tonalit\u00e4tsprinzip festhaltenden Liedkomponisten\u00bb in einer chronologisch nach Geburtsjahren geordneten Reihe vorstellt (und dabei die Komponisten in einen von der Aussenwelt abgeschotteten Raum stellt), erl\u00e4utern und reflektieren Axel Bauni, Kilian Sprau und Klaus Hinrich Stahmer deutlich und klar Ideologie, Grunds\u00e4tze und Folgen der \u00abkulturpolitischen Machenschaften des Dritten Reiches und im weiteren Verlauf auch der DDR\u00bb sowie die Repressionen und Verfolgungen in der Sowjetunion unter Stalin. Benannt werden Mitl\u00e4ufer und Verweigerer, Patrioten und die in die \u00e4ussere, die in die innere Emigration Getriebenen, Zudiener und Protestierende, Ausgegrenzte und Ermordete. Dies auch aufgrund der von ihnen vertonten, unzweifelhaft zu deutenden Texte verfehmter Dichter oder staatlich approbierter Verfasser. Regelm\u00e4ssig kommen aussermusikalische Inspirationsquellen und zeit\u00fcbergreifende Dichter (darunter H\u00f6lderlin und Celan) zur Sprache. <\/p>\n<p> Herausgearbeitet sind die unterschiedlichen k\u00fcnstlerischen Entwicklungen und Akzentsetzungen in der Bundesrepublik und in der DDR. Eigene Beitr\u00e4ge erhalten haben beispielsweise Korngold, Dessau, Weill (bei Oehlmann 1 Druckseite, hier nun 5\u00bd), Henze, Killmayer, Reimann und Rihm. Einbezogen hat das Autorentrio zudem die Kunstlied-Traditionen ausserhalb des zentraleurop\u00e4ischen Raums (Nord-, Ost- und S\u00fcdeuropa, Israel, die USA, Kanada, Lateinamerika) sowie die Ausformung von Nationalstilen. <\/p>\n<p> Erik Daumann stellte das Verzeichnis der Komponisten und Dichter zusammen, das im Vergleich zur Erstausgabe von 1973 auf den doppelten Umfang gewachsen ist. <\/p>\n<p> Bleibt die Hoffnung, dass sp\u00e4terhin auch der erste Teil dieses auf dem Gebiet des Kunstlieds massgebenden Handbuchs einer Neufassung unterzogen wird. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Axel Bauni, Werner Oehlmann, Kilian Sprau, Klaus Hinrich Stahmer: Reclams Liedf\u00fchrer. Mit 401 Notenbeispielen. 6., v\u00f6llig neu bearbeitete Auflage. Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2008. 1315 Seiten. \u20ac 38,90. Fr. 65.90.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.01.2009 &#8212; Als Werner Oehlmann 1973 im Reclam-Verlag seinen Liedf\u00fchrer vorlegte, wurde er als Pionier gew\u00fcrdigt. 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