{"id":68,"date":"2014-01-06T10:48:58","date_gmt":"2014-01-06T10:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/mozart-science-2012-in-krems\/"},"modified":"2014-01-06T10:48:58","modified_gmt":"2014-01-06T10:48:58","slug":"mozart-science-2012-in-krems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/mozart-science-2012-in-krems\/","title":{"rendered":"Mozart &#038; Science 2012 in Krems"},"content":{"rendered":"<p>21.12.2012<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><strong>Der interdisziplin\u00e4re Kongress Mozart &amp; Science brachte in Krems zum vierten Mal Wissenschaftler unterschiedlichster Provenienz zusammen, um die Grundlagen der Musiktherapie zu diskutieren.<\/strong> <\/p>\n<p> In Sachen Musiktherapie ist in den letzten Jahren ein mehrfacher Mentalit\u00e4tswandel zu beobachten gewesen. Vieles hat sich ver\u00e4ndert, vieles ist nach wie vor im Fluss. Zum einen ist eine strukturelle Akzentverschiebung zu beobachten: Historisch gewachsene Schulen mit je eigenem philosophischem \u00dcberbau und in der Regel von Gr\u00fcnderpers\u00f6nlichkeiten gepr\u00e4gte Schulen scheinen an Bedeutung zu verlieren \u2013 zugunsten einer Fokussierung auf spezifische Anwendungen im klinischen Alltag. Zum andern sucht die Disziplin den Anschluss an die wissenschaftliche Fundierung in Form von evidenzbasierten Wirksamkeits- und Wirtschaftlichkeitsnachweisen. Beides bef\u00f6rdert den internationalen Dialog und die globale Vernetzung im Rahmen der Scientific Community klinisch t\u00e4tiger Fachgruppen. <\/p>\n<p> Der Kongress Mozart &amp; Science, der mit nachhaltiger Unterst\u00fctzung durch das Land Nieder\u00f6sterreich dieses Jahr zum vierten Mal realisiert worden ist, spielt dabei die Rolle eines Katalysators. In der neuen Heimst\u00e4tte \u2013 der Fachhochschule Krems, die damit gleich ihre neuen Geb\u00e4ude hat einweihen k\u00f6nnen \u2013 hat er auch geografisch einen festen Ort gefunden, nachdem fr\u00fchere Auflagen in Baden bei Wien und im Zentrum Wiens durchgef\u00fchrt worden sind. In Krems wird 2014 zudem der n\u00e4chste Weltkongress der Musiktherapie \u00fcber die B\u00fchne gehen. <\/p>\n<p> <strong>Wissenschaftlichkeit kritisch hinterfragt<\/strong><\/p>\n<p> Ein zentrales Thema waren in Krems die Robustheit und Aussagekraft der aktuellen Forschungsarbeiten zu den Wirkungen von Musiktherapie. Rund ein Jahrzehnt lang sind nun empirische Methoden ihres Nachweises einge\u00fcbt wurden. Ihr Ziel: das Fach wissenschaftlich auf das Niveau anerkannter Therapiemethoden im klinischen Umfeld zu heben. Da galt es, vor allem einmal f\u00fcr neue Denkweisen einzustehen und die Fachwelt affirmativ daf\u00fcr zu gewinnen.<\/p>\n<p> Im Rahmen der Konferenz wagte vor allem Thomas Hillecke, Dekan an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Therapiewissenschaften der SRH Hochschule Heidelberg und eine der treibenden Kr\u00e4fte dieser Entwicklung im deutschsprachigen Raum, den konsequenten Schritt zur\u00fcck. Trotz der sp\u00fcrbaren Anstrengungen diagnostizierte er nach wie vor ein Qualit\u00e4tsdefizit in der wissenschaftlichen Arbeit. Nach wie vor verfalle man allzu gerne dem mereologischen Irrtum der unzul\u00e4ssigen Verallgemeinerung schwacher Einzelbefunde und der publizistischen Unterschlagung negativer Resultate. <\/p>\n<p> Auch die Tatsache, dass heute Kontrollinstanzen wie die Cochrane Collaboration die Forschungen in Sachen Musiktherapie im Blickfeld habe, biete noch keine Qualit\u00e4tsgarantie. Die Kontrolleure best\u00e4tigten zwar, so Hillecke, dass die Therapieform im Prinzip in der Lage sei, Wirkungen zu erzeugen. Die entsprechenden Arbeiten w\u00fcrde aber auch sie nach wie vor als mangelhaft betrachten. <\/p>\n<p> Der an der Donauuniversit\u00e4t in Krems lehrende Gerald Gartlehner stellte die grunds\u00e4tzliche Frage, was evidenzbasierte Medizin sein m\u00fcsste, um ihre Aufgabe tas\u00e4chlich erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen. Einzelne Arbeiten h\u00e4tten dabei wenig Aussagekraft. Die zunehmende Flut an Publikationen rufe vielmehr nach Meta-Analysen und Kontrollinstanzen wie der Cochrane Collaboration. <\/p>\n<p> In einem Impulsreferat wiederum wies der Autor dieses Textes darauf hin, dass die Geisteswissenschaften im deutschsprachigen Raum ihren Beitrag zu einer solideren Fundierung des Faches nicht zu leisten verm\u00f6gen, sei es aus Mangel an Willen, sei es wegen fehlender Ressourcen.<\/p>\n<p> Psychologen, Linguisten, Philosophen, Musiktheoretiker und weitere Fachvertreter m\u00fcssten die theoretischen Modelle liefern, aufgrund derer Neurowissenschaftler und Therapeuten zukunftsf\u00e4hige Experimentaldesigns entwerfen k\u00f6nnten. Zur Zeit st\u00fctzten sie sich noch allzu oft auf Konzepte ab, die im 19. Jahrhundert zu ganz anderen Zwecken entworfen worden seien. <\/p>\n<p> <strong>Asien im diskursiven Aufbruch<\/strong><\/p>\n<p> Neben solchen Fundamentalkritiken waren von Vertretern der Hochkulturen des Osten, namentlich Indien, Korea und China, ungewohnt offene und kritische T\u00f6ne zu vernehmen. Noch immer bekunde man M\u00fche, sich von der Idee zu befreien, dass alleine jahrtausendealte Traditionen es rechtfertigten, die Dinge unhinterfragt so zu tun, wie man sie eben tue, meinten sowohl die indische Vertreterin Sumathy Sundar als auch Wolfgang Mastnak, ein profunder Kenner der Szene in China.<\/p>\n<p> Noch fehle in den \u00f6stlichen Grossr\u00e4umen eine Kultur des kritischen Nachfragens und \u00dcberpr\u00fcfens des eigenen Tuns. \u00c4hnliches wusste Martin Greve aus der T\u00fcrkei zu berichten, wo das Fach ein ausgesprochenes Randdasein f\u00fchrt, obwohl in der weiteren Region historisch mit der altorientalischen Musiktheorie ein prominenter Beitrag zu einer Idee der musikalischen Heilkr\u00e4fte geleistet worden ist. <\/p>\n<p> Wie in den Neurowissenschaften, in denen den Heilserwartungen des \u00abJahrzehnt des Gehirns\u00bb Ende des 20. Jahrhundert eher Ern\u00fcchterung gefolgt ist, macht sich auch in der Musiktherapie-Forschung vermehrt Pragmatismus breit: Von den zahlreichen neuen Ideen und Methoden werden in der Praxis auf eklektische Weise diejenigen \u00fcbernommen, die vielversprechend scheinen, ohne wie in Zeiten reiner Lehren und paternalistischer Gewissheiten davon auszugehen, den (einzig) richtigen Weg zu beschreiten. <\/p>\n<p> <strong>Pragmatische L\u00f6sungen in der Praxis<\/strong><\/p>\n<p> Wie sich solche Vorl\u00e4ufigkeit in der Praxis nutzen l\u00e4sst, skizzierte Petra Kern, die in den USA t\u00e4tige fr\u00fchere Pr\u00e4sidentin der WFMT (World Federation of Music Therapy). Sie pl\u00e4dierte f\u00fcr einen strukturierten Umgang mit aktuellen Erkenntnissen, allerdings nach einem methodisch solide abgesicherten Entscheidfindungsprozess. Resultate der empirischen Forschung in Form von wissenschaftlichen Publikationen bilden dabei bloss einen Teil eines Arrangements f\u00fcr ein bestimmtes therapeutisches Vorgehen. Ebenso wichtig sind soziale, kulturelle und individuelle Aspekte. <\/p>\n<p> Die Bostoner Musiktherapeutin Suzanne Hanser zeigte Aspekte der Arbeit im Rahmen integrativer Medizin auf, ihr finnischer Kollege Jaakko Erkkil\u00e4 pr\u00e4sentierte ein Projekt eines Trainings \u00abf\u00fcr ein gemeinsames Therapieverst\u00e4ndnis von Therapeuten und Therapeutinnen\u00bb in der Einzeltherapie. der Klagenfurter Kommunikationswissenschaftler G\u00fcnther Stotz wiederum machte sich grunds\u00e4tzliche Gedanken zur Frage, wie weit Wissenschaft und Forschung soziale Konstruktionen darstellen. <\/p>\n<p> Auch die zeitgem\u00e4ssen Werkzeuge zum Wirksamkeitsnachweis hatten ihren Platz. So legte etwa Gerhard Tucek, der Kongressverantwortliche und Studiengangsleiter Musiktherapie in Krems, zusammen mit der Tiroler Mikrobiologin Susanne Perkhofer dar, wie mit physiologischen Indikatoren nachgezeichnet werden kann, was sich in der Interaktion zwischen Therapeut und Patient abspielt. <\/p>\n<p> <strong>St\u00e4rken in der klinischen Arbeit<\/strong><\/p>\n<p> Ist in der methodischen und empirischen Begr\u00fcndung des Faches damit einiges in Bewegung, offenbarte der Kongress, dass sich mit Blick auf die Anwendungsgebiete Muster abzuzeichnen beginnen. Dass Musiktherapie im klinischen Alltag vor allem dort St\u00e4rken ausspielen kann, wo es an den R\u00e4ndern der menschlichen Existenz darum geht, Kontakte und emotionale Zug\u00e4nge zu schaffen, zeigte sich in den Forschungs- und Praxisberichten der Tagung. <\/p>\n<p> Da wurde in Workshops die Arbeit in Neonatologie, auf Krebsstationen, in Intensiv- und Palliativmedizin sowie mit Autismus- und Wachkomapatienten berichtet, Bereiche, in denen der H\u00f6rsinn die erste, letzte oder gar einzige Form von Kommunikation darstellt. Musiktherapeuten sind in einem solchen Umfeld h\u00e4ufig diejenigen Fachkr\u00e4fte, die im Gegensatz zu behandelnden \u00c4rzten oder Pflegepersonal die kostbare Zeit zur Verf\u00fcgung haben, um den h\u00e4ufig langsam ablaufenden Prozessen der menschlichen Begegnung gerecht zu werden. Allerdings stossen auch sie in diesen Extremsituationen an ihre psychischen Grenzen. Unter dem Titel \u00abSelbstf\u00fcrsorge als eine Frage der Berufserfahrung?\u00bb wurde das f\u00fcr die Arbeit auf deutschen Palliativ-Stationen am Kongress im Rahmen einer Postersession eines Heidelberger Teams ebenfalls thematisiert. <\/p>\n<p> Gedanken zu den gesundheitspolitischen Erwartungen an die Musiktherapie machte sich der nieder\u00f6sterreichische Landeshauptmann-Stellvertreter Wolfgang Sobotka, der einmal mehr das Bekenntnis der lokalen Politik zur Musiktherapieforschung bekr\u00e4ftigte. Dank dieser unsch\u00e4tzbaren politischen Unterst\u00fctzung hat Krems das Potential, sich zu einem globalen Kompetenzzentrum in Sachen Musikwirkungsforschung weiter zu entwickeln. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21.12.2012 Der interdisziplin\u00e4re Kongress Mozart &amp; Science brachte in Krems zum vierten Mal Wissenschaftler unterschiedlichster Provenienz zusammen, um die Grundlagen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-68","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musiktherapie","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=68"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=68"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=68"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=68"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}