{"id":684,"date":"2014-01-11T21:18:49","date_gmt":"2014-01-11T21:18:49","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musikpaedagogik-im-spannungsfeld-der-moderne\/"},"modified":"2014-01-11T21:18:49","modified_gmt":"2014-01-11T21:18:49","slug":"musikpaedagogik-im-spannungsfeld-der-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/musikpaedagogik-im-spannungsfeld-der-moderne\/","title":{"rendered":"Musikp\u00e4dagogik im Spannungsfeld der Moderne"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090429wissner1.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>29.04.2009 &#8212; Am 9. Mai 2009 wird sich in der \u00f6sterreichischen Stadt Linz Seltsames ereignen: 111 Radfahrer werden vor Publikum defilieren und dabei ungew\u00f6hnliche Pfeif-, Sing- Flatter- und Hupt\u00f6ne von sich geben. Angesagt ist eine Auff\u00fchrung von Mauricio Kagels ironischer Komposition \u00abEine Brise\u00bb aus dem Jahr 1996. Das Linzer Festival der Regionen l\u00e4dt \u00abEinzelpersonen, Familien, Schulklassen, Musikgruppen, Bands, Fussballmannschaften, Kegelrunden, Seniorengruppen, Sozialvereine, Ch\u00f6re\u00bb und so weiter zur Mitwirkung ein (mehr dazu im Web unter <a href=\"http:\/\/www.fdr.at\/de\/brise_einladung\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.fdr.at<\/a>).<\/p>\n<p> In der Neuen Musik finden sich einige solche St\u00fccke, die entweder Theater mit musikalischen Aktionen kombinieren oder auf ein ungew\u00f6hnliches Instrumentarium zur\u00fcckgreifen. Sie stammen von Altmeistern wie John Cage, Dieter Schnebel, Mauricio Kagel und etwas weniger bekannten Exponenten wie Cathy Berberian oder Klaus H. Stamer. Dank ihrem verspielten und experimentellen Charakter haben sie auch immer wieder Eingang in p\u00e4dagogische Projekte gefunden; Mauricio Kagel hat sogar ein ganzes Instrumentarium f\u00fcr Kinder entworfen, dem vor einiger Zeit das Basler Musikmuseum Reverenz erwiesen hat (siehe Codex-flores-<a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=249\">Rezension<\/a>). <\/p>\n<p> Der Musikp\u00e4dagoge Stefan J\u00e4ger hat sich an der P\u00e4dagogischen Hochschule Karlsruhe mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich diese Werke f\u00fcr den Musikunterricht in einer Hauptschule nutzen lassen. Er konnte dabei bereits auf eine reiche Erfahrung mit derartigen Projekten zur\u00fcckgreifen, half er doch schon zu Beginn der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit, Kompositionen Schnebels f\u00fcr St\u00fchle und M\u00fcnzen mit einer Studierendengruppe der PH Karlsruhe am Festival Neuer Musik in M\u00fcnchen zu realisieren.<\/p>\n<p> In seiner Doktorarbeit mit dem Titel \u00abExperimentelle Musik in der Hauptschule\u00bb, die in der Reihe Forum Musikp\u00e4dagogik des Augsburger Wissner Verlags erschienen ist, schildert er im Wesentlichen die praktische Arbeit mit Grund- und Hauptsch\u00fclern aus Marxzell-Pfaffenrot (f\u00fcr die, die&#8217;s nicht wissen \u2013 und das d\u00fcrften die meisten unserer Leser sein -: das Dorf liegt zwischen Karlsruhe und Baden-Baden). Mit ihnen hat er an Cages \u00abLiving Room Music\u00bb und \u00abImaginary Landscape No. 4\u00bb, Schnebels \u00abBlasmusik\u00bb, \u00abZahlen f\u00fcr M\u00fcnzen\u00bb, \u00abStuhlgewitter\u00bb und \u00abGesums\u00bb, Stahmers \u00abLandschaft in meiner Stimme\u00bb, einigen Lautgedichten von Ernst Jandl und eben auch Kagels \u00abEine Brise\u00bb gearbeitet.<\/p>\n<p> Die St\u00fccke schaffen mit allt\u00e4glichen Gegenst\u00e4nden, M\u00fcnzen, St\u00fchlen und Fahrr\u00e4dern, mit Mund und mit Atem erzeugten Kl\u00e4ngen musikalische Landschaften. Das klingt zun\u00e4chst nach der vielkritisierten Beliebigkeit der Neuen P\u00e4dagogik, ist es aber den Lektionsbeschreibungen J\u00e4gers nach zu schliessen, keineswegs. Cages \u00abLiving Room Music\u00bb, ein Spiel mit Materialien wie Zeitschriften, Tischen, gr\u00f6sseren B\u00fcchern und W\u00e4nden, Boden und T\u00fcren, schult die verschiedensten rhythmischen F\u00e4higkeiten und das Lesen ungewohnter symbolischer Notationen; Schnebels \u00abBlasmusik\u00bb wiederum, das variantenreich mit Mund und Atem stimmlos erzeugbare Kl\u00e4nge nutzt, schult die Klangwahrnehmung und die Erarbeitung musikalischer Formverl\u00e4ufe.<\/p>\n<p> Selbst Cages \u00abImaginary Landscape No. 4\u00bb f\u00fcr 12 Radioger\u00e4te und 24 Spieler erweist sich als verbl\u00fcffend fruchtbar f\u00fcr die Vermittlung schulischer Erkenntnisse: Das Herumprobieren mit den Radioger\u00e4ten macht den Sch\u00fclern schnell einmal bewusst, das jedes Ger\u00e4t seine Eigenheiten hat und eine Wiedergabe der Cage-Partitur zuvor sorgf\u00e4ltiges und teils aufwendiges Kalibrieren der Lautst\u00e4rken und Frequenzregler sowie etliches Austesten der Regelvorg\u00e4nge bedarf, um die gew\u00fcnschte Klangwirkung zu erhalten. <\/p>\n<p> Was hier wie sich selbst gen\u00fcgendes Spiel anmutet, k\u00f6nnte unversehens zur Br\u00fccke in den naturwissenschaftlichen Unterricht werden, denn es sensibilisiert die Sch\u00fcler f\u00fcr die wichtige Erkenntnis, dass selbst banal anmutende Experimente ein sorgf\u00e4ltig zu erarbeitendes Design erfordern \u2013 eine nicht zu untersch\u00e4tzende Einsicht in das Wesen der explorativen Wissenschaften.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090429wissner3.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Nicht unbedingt an solche harte naturwissenschaftliche Querbez\u00fcge denkt Beate Forsbach in ihrer Publikation \u00abF\u00e4cher\u00fcbergreifender Musikunterricht\u00bb, die Modelle des polydisziplin\u00e4ren Unterrichtens aufzeigt. Ihr geht es um eher traditionell geisteswissenschaftliche Themenkomplexe wie Musik und Politik (mit der Behandlung von Revolutionsliedern etwa), Kulturgeschichte (Barock, Renaissance) oder menschliche Grunderfahrungen wie \u00abLiebe, Trauer, Stille, Abschied&#8230;\u00bb, die sie aber in intelligente und anregende Schulmodelle zu bringen vermag.<\/p>\n<p> Insbesondere zu den ausgew\u00e4hlten Themen Klanggeschichten, Liedermachen, Begegnungen mit dem Barock, Mittelalter als projektbezogene Musikgeschichte und Musik und Gewalt (in dem sie sich unter anderem auf das umstrittene Buch von Klaus Miehling [siehe Codex-flores-<a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=384\">Rezension<\/a>] abst\u00fctzt) entwirft sie innovative Programme.<\/p>\n<p> Forsbachs Konzepte sind nicht immer ganz frei von einer milden Form traditionell-humanistischen Moralisierens, und in Konzepten wie der Vermittlung des brasiliansichen Sambas als Beispiel der Begegung mit einer fremden Kultur zeigen sich auch die Grenzen des inhaltlich weitgreifenden Unterrichtens; da werden dann doch etliche Klischees zu Land und Leuten bem\u00fcht und eine recht eurozentrische Sichtweise eingenommen (mit dem R\u00fcckgriff auf Bossa Nova, Brasilien in der klassischen Musik oder Reizthemen wie Karneval, Fussball und Strassenkinder); interessantere Einblicke k\u00f6nnten gewonnen werden, wenn etwa der Bedeutung der Musik in den stark aufkommenden evangelikalen Kirchen des Landes, urbanen Ph\u00e4omene des brasilianischen Rap oder der sozialen Bedeutung von Ax\u00e9 und Forr\u00f3 im Nordosten nachgegangen w\u00fcrde.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090429wissner2.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Die vielf\u00e4ltigen Vernetzungen und Aspekte der Musikp\u00e4dagogik haben ihren Niederschlag auch im Band \u00abEthnie, Bildung oder Bedeutung?\u00bb des Forums Musikp\u00e4dagogik gefunden. Die Hamburger Lehrerin Dorothee Barth rollt hier die Debatte zur interkulturell orientierten Musikp\u00e4dagogik auf. Barth weist in ihrer Einleitung gerade auch auf den Umstand hin, dass die fr\u00fcher undenkbare Ausweitung des Welt- und Wissenhorizonts und die Vielfalt der Kulturen in der Schule zwangsl\u00e4ufig zu einer \u00dcberforderung der Unterrichtenden f\u00fchren muss, die heute im Grunde genommen Universalgelehrte sein m\u00fcssten.<\/p>\n<p> Die Autorin versucht deshalb, das komplexe Begriffsfeld der Kultur etwas zu ordnen \u2013 um zur Einsicht zu kommen, dass \u00absich viele Probleme der interkulturell orientierten Musikp\u00e4dagogik nicht auf einen Mangel an guter Absicht, sondern auf eine unscharfe und mehrdeutige Verwendungsweise des Kulturbegriffs selbst\u00bb zur\u00fcckf\u00fchren lassen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Stefan J\u00e4ger: <em>Experimentelle Musik in der Hauptschule &#8211; ausgew\u00e4hlte Ans\u00e4tze f\u00fcr das Klassenmusizieren<\/em>, Augsburger Schriften, Forum Musikp\u00e4dagogik Band 83, Wissner Verlag Augsburg 2008, 206 Seiten, ISBN 978-3-89639-621-1, 25 \u20ac.<\/p>\n<p> Beate Forsbach: <em>F\u00e4cher\u00fcbergreifender Musikunterricht &#8211; Konzeption und Modelle f\u00fcr die Unterrichtspraxis<\/em>, Augsburger Schriften, Forum Musikp\u00e4dagogik Band 77, Wissner Verlag Augsburg 2008, 270 Seiten, ISBN 978-3-89639-549-8, 29 \u20ac.<\/p>\n<p> Dorothee Barth: <em>Ethnie, Bildung oder Bedeutung? &#8211; Zum Kulturbegriff in der interkulturell orientierten Musikp\u00e4agogik, Augsburger Schriften, Forum Musikp\u00e4dagogik Band 78, Wissner Verlag Augsburg 2008, 232 Seiten, ISBN 978-3-89639-625-9, 25 \u20ac. <\/em><\/span><em><br \/><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>29.04.2009 &#8212; Am 9. 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