{"id":687,"date":"2014-01-11T21:20:17","date_gmt":"2014-01-11T21:20:17","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/viktor-ullmann-ermordet-1944\/"},"modified":"2014-01-11T21:20:17","modified_gmt":"2014-01-11T21:20:17","slug":"viktor-ullmann-ermordet-1944","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/11\/viktor-ullmann-ermordet-1944\/","title":{"rendered":"Viktor Ullmann (ermordet 1944)"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/ullmann.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>03.06.2009 &#8212; Die letzte Phase seines Lebens und Schaffens ist die bekannteste: Von September 1942 bis Oktober 1944 war Viktor Ullmann mit seiner Frau Elisabeth im Sammel- und Arbeitslager Theresienstadt bei Prag interniert. In jene grausame Zeit f\u00e4llt die Komposition seines ber\u00fchmtesten Werks, der Kammeroper \u00abDer Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung\u00bb. Ullmann und seine Frau wurden im Herbst 1944 in Auschwitz umgebracht. <\/p>\n<p> Der Flensburger Musikwissenschafter Ingo Schultz, bereits mit mehreren Publikationen zu Ullmanns Leben und Schaffen hervorgetreten, schildert die letzte Phase im kurzen Leben des \u00f6sterreichischen Komponisten und Pianisten mit emotionaler Diskretion, die den Blick auf die Theresienst\u00e4dter Werke (die Oper, das 3. Streichquartett, die Klaviersonaten 5 bis 7 und eine Vielzahl an Vokalmusik) und die von j\u00fcdischen K\u00fcnstlern f\u00fcr die Insassen organisierte \u00abFreizeitgestaltung\u00bb lenkt. Den \u00fcber dieses \u00abVorzeige-Ghetto\u00bb nur oberfl\u00e4chlich informierten Lesenden allerdings bringt Schultz die schrecklichen Zust\u00e4nde und das uns\u00e4gliche menschliche Leid in diesem Durchgangslager nicht in n\u00f6tiger Intensit\u00e4t n\u00e4her. <\/p>\n<p> Den inneren Abstand, den der Autor zum Musiker einnimmt, indem er sich jeder pers\u00f6nlich gef\u00e4rbten Interpretation und Ausschm\u00fcckung enth\u00e4lt, kompensiert er in der chronologisch aufgebauten Biografie durch eine dichte F\u00fclle an Sachinformationen. Sein Buch leistet denn auch Grundlegendes zum Thema Ullmann, indem es eine Vielzahl der bis heute bekannten fotografischen Dokumente, Quellen und Fakten beizieht (darunter Eintragungen aus dem \u00abTagebuch in Versen\u00bb, Ausz\u00fcge aus Briefen, Rezensionen, W\u00fcrdigungen und Essays), manche Irrt\u00fcmer von Zeitzeugen und Forschern berichtigt, zudem Schilderungen des jeweiligen k\u00fcnstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Umfelds einarbeitet. <\/p>\n<p> Acht Stationen in acht Kapiteln: Von der Kindheit in Teschen (1898\u20131909), der musikalischen Pr\u00e4gung in Wien (1909\u20131916) und dem Kriegsdienst als Kanonier an der Isonzo-Front (1916\u20131918) f\u00fchrt Ullmanns Weg \u00fcber die Stationen als Kapellmeister und Komponist (Prag, Z\u00fcrich, Stuttgart, 1919\u20131933) und der zweiten Prager Karriere (1933\u20131942) ins Konzentrationslager Theresienstadt, wo er angesichts des sicheren Todes musiziert und intensiv komponiert. <\/p>\n<p> Bewegt und von Br\u00fcchen, Verletzungen und Ersch\u00fctterungen durchsetzt war Ullmanns ganzes Leben. Die Ehe seiner j\u00fcdischen Eltern, von denen er sich distanzierte, scheiterte, er selbst, katholisch getauft, sp\u00e4ter aus der Kirche ausgetreten und zur evangelischen Konfession gewechselt, war dreimal verheiratet. Beeinflusst durch Mahler, Sch\u00f6nberg, Berg, Zemlinsky, Weill, H\u00e1ba komponierte er, ohne sich einer Richtung anzuschliessen. Weniges publizierte er im Selbstverlag, viel ging verloren. Paradoxerweise haben sich fast alle seiner im KZ unter dem Terror der SS geschaffenen Werke erhalten. <\/p>\n<p> Nach zwei Spielzeiten am Z\u00fcrcher Schauspielhaus orientierte sich Ullmann geistig und beruflich neu (Anthroposophie, fern\u00f6stliche Philosophie, I Ging), scheiterte in Stuttgart als Inhaber der ehemaligen Goetheanum-B\u00fccherstube, verlor dabei das gesamte Verm\u00f6gen und wurde ersch\u00fcttert von einer psychischen Krise. Erst in Prag, wo er sich mit frischen Impulsen der Musik zuwandte, fasste er wieder Fuss. Emigrationsversuche scheiterten. <\/p>\n<p> Eine St\u00e4rke des Buchs sind nicht zuletzt die einl\u00e4sslichen, von Notenbeispielen gest\u00fctzten Werkbesprechungen, die zusammengenommen die Charakteristika und die Entwicklung von Ullmanns Stil bis in Einzelheiten widerspiegeln. Der Anhang enth\u00e4lt das chronologische, auf Ullmanns Zusammenstellung von 1942 basierende Werkverzeichnis, das systematische Werkverzeichnis und -register, die Bibliografie und das Personenregister. <\/p>\n<p> <strong><em>Zitat aus dem Buch: <\/em><\/strong><br \/> \u00abZwischen dem 28. September und dem 28. Oktober 1944 wurden in elf Transporten insgesamt 18&#8217;402 H\u00e4ftlinge aus Theresienstadt nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Nur 1&#8217;574 \u00fcberlebten. [\u2026] Erst nach dem Krieg wurde das ganze Ausma\u00df der auch im ,Musterghetto\u2019 Theresienstadt praktizierten ,Endl\u00f6sung der Judenfrage\u2019 erkennbar: Von den mehr als 141&#8217;000 nach Theresienstadt deportierten Menschen \u00fcberlebten etwa 23&#8217;000, \u00fcber 30&#8217;000 starben im ,Ghetto\u2019, 88&#8217;000 fuhren mit den ,Osttransporten\u2019 in den Tod. \u2013 Viktor Ullmann und seine Ehefrau Elisabeth wurden am 16. Oktober 1944 in den sogenannten K\u00fcnstler-Transport ,eingereiht\u2019. Mit ihnen fuhren zahlreiche Musiker, Schriftsteller, Maler und Intellektuelle nach Auschwitz, darunter Karel Ancerl, Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Kr\u00e1sa und der Maler und Dichter Peter Kien. Die meisten von ihnen wurden nach der Ankunft am 18. Oktober 1944 von der Rampe in Birkenau sofort ins Gas geschickt. Von den Musikern \u00fcberlebte als Einziger Karel Ancerl.\u00bb (Seiten 227\/228)<br \/> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Ingo Schultz: Viktor Ullmann. Leben und Werk. Mit Abbildungen und Notenbeispielen. B\u00e4renreiter-Verlag, Kassel \/ Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2008. 279 Seiten. \u20ac 29,95. Fr. 46.\u2013. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>03.06.2009 &#8212; Die letzte Phase seines Lebens und Schaffens ist die bekannteste: Von September 1942 bis Oktober 1944 war Viktor&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-687","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/687","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=687"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/687\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=687"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=687"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=687"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}