{"id":69,"date":"2014-01-06T10:50:56","date_gmt":"2014-01-06T10:50:56","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-und-neurologische-rehabilitation\/"},"modified":"2014-01-06T10:50:56","modified_gmt":"2014-01-06T10:50:56","slug":"musiktherapie-und-neurologische-rehabilitation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-und-neurologische-rehabilitation\/","title":{"rendered":"Musiktherapie und neurologische Rehabilitation"},"content":{"rendered":"<p>06.07.2012<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>An der diesj\u00e4hrigen Fachtagung zur Musiktherapie in der Rehaklinik Bellikon standen Aspekte der neurologischen Rehabilitation im Zentrum. Das Interesse richtete sich dabei auf Pers\u00f6nlichkeits- und Verhaltensst\u00f6rungen.<\/strong><\/p>\n<p> Der Hamburger Musiktherapeut Helmut Decker-Voigt charakterisierte Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen zun\u00e4chst einer Definition des deutschen Psychiaters Henning Sass folgend. Sass diagnostiziert eine Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung sinngem\u00e4ss, wenn nach Auspr\u00e4gungsgrad oder besonderer Konstellation von psychopathologisch relevanten Merkmalen \u00abin den Bereichen des Wahrnehmens, Denkens, F\u00fchlens, Wollens und der Beziehungsgestaltung erhebliche subjektive Beschwerden und\/oder nachhaltige Beeintr\u00e4chtigungen der sozialen Anpassungen entstehen\u00bb.<\/p>\n<p> Decker-Voigt wies darauf hin, dass die Reihenfolge F\u00fchlen, Empfinden, Denken, Wollen den Prozess der Wahrnehmung folgerichtiger abbilden und Erkrankungen dementsprechend genauer nachverfolgen lassen w\u00fcrde.<\/p>\n<p> Der Hamburger Therapeut bot aber auch einen \u00dcberblick \u00fcber die Klassifikationen der St\u00f6rungen nach den einschl\u00e4gigen Systemen ICD 10 (International Classification of Diseases) der WHO und DSM IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA). Sie unterteilen die Auff\u00e4lligkeiten unter anderem in sogenannte Cluster. In einen ersten fallen paranoide und schizoide Auspr\u00e4gungen, in einen zweiten Borderline-Symptome sowie \u00fcbertreibende, theatralische (\u00abhistrionische\u00bb) und dissoziale, in eine dritten schliesslich \u00e4ngstliche, abh\u00e4ngige, anakastische (zwanghafte) oder passiv-aggressive Betroffene. Die Folgeversion ICD 11 von ICD 10 wird laut Decker-Voigt nur noch in Cluster unterteilt sein und etwa auch das neuere Ph\u00e4nomen der Internetsucht erfassen.<br \/><\/span><\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Mit Blick auf das Methodeninventar der Musiktherapie zur Behandlung solcher St\u00f6rungen unterschied Decker-Voigt supportive und konfrontative Techniken, Letztere h\u00e4tten in der Regel eine schmerzhafte Spiegelung von Verhalten oder Einstellungen zur Folge und machten diese damit fassbar.<\/p>\n<p> Was vor einigen Jahren in der Musiktherapie noch kaum Thema war, sprach Decker-Voigt auch an: Es kann auch Kontraindikationen geben und damit Situationen, in denen musiktherapeutische Interventionen m\u00f6glicherweise mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Interessant seien auch misslungene Therapien, so der Referent, auch wenn im Musiktherapiealltag noch kaum eine Kultur der Fehleraufarbeitung zu beobachten sei.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> In diesem Zusammenhang erw\u00e4hnte Decker-Voigt auch den Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel. Dieser habe mit seinem Kind das linguistische Experiment der Vertauschung von Namen gemacht und etwa (wie in seiner Kurzgeschichte \u00abEin Tisch ist ein Tisch\u00bb) zur Zahnb\u00fcrste \u00abTisch\u00bb gesagt und zum Tisch \u00abZahnb\u00fcrste\u00bb. Bichsels Kind sei so \u00abin den ersten zwei Jahren in einem ganz festen System mit einer verf\u00e4lschten Sprache grossgeworden\u00bb. Das Kind und die Familie h\u00e4tten erhebliche Probleme bekommen und Bichsel habe das Experiment sp\u00e4ter \u00absehr bereut\u00bb. Peter Bichsel bezeichnet diese Darstellung auf R\u00fcckfrage als \u00abpure Erfindung\u00bb. Er k\u00f6nne sich nicht erkl\u00e4ren, woher solche Informationen stammten.<\/p>\n<p> <strong>Studie zum Behandlungsmonochord<\/strong><\/p>\n<p> Die in Bellikon t\u00e4tige Musiktherapeutin Susanne Bossert pr\u00e4sentierte eine klinische Studie (\u00abStrukturiertes musiktherapeutisches Setting mit Behandlungsmonochord\u00bb), die sie zusammen mit dem ebenfalls in Bellikon t\u00e4tigen Joachim Marz durchgef\u00fchrt hat. Ihr Ziel war es, festzustellen, ob \u00abdurch die strukturierte musiktherapeutische Intervention eine verbesserte K\u00f6rperwahrnehmung, eine bewusstere Wahrnehmung der Wirkung von Emotionen auf K\u00f6rperspannung und eine Verbesserung der psychischen St\u00f6rung zu erzielen ist, die letztendlich die subjektive Lebensqualit\u00e4t nachhaltig verbessert.\u00bb<br \/><\/span><\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Feststellen konnten die beiden in der betreffenden Gruppe gegen\u00fcber einer Kontrollgruppe unter anderem eine signifikante Verbesserung der K\u00f6rperwahrnehmung und Entspannung und die Bef\u00e4higung zum besseren Umgang mit Schmerzen. Die von Fachleuten methodisch intensiv begleitete Studie leistet nach \u00dcberzeugung der Autoren einen wichtigen Beitrag dazu, die Therapieform wissenschaftlich solider zu legitimieren. Sie hoffen, dass \u00abdie Ergebnisse f\u00fcr die Rehaklinik Bellikon und die neuen wissenschaftlichen Studien der klinischen Musiktherapie im deutschsprachigen Raum neue Ideen und auch Grundlagen liefern k\u00f6nnen\u00bb.<\/p>\n<p> \u00dcber Beziehungsmuster in der Musiktherapie mit Borderline-Patienten referierte schliesslich die ebenfalls in Hamburg t\u00e4tige Musiktherapeutin Gitta Strehlow. Im klinischen Alltag hat man es dabei laut Erhebungen aus dem Jahr 2007 zu rund vier F\u00fcnfteln mit Frauen zu tun. Dies lasse allerdings nicht darauf schliessen, so Strehlow, dass M\u00e4nner weniger betroffen seien, die m\u00e4nnlichen Betroffenen landeten aufgrund geschlechtspezifischer Reaktionen allerdings eher im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p> <strong>Typische Interaktionsmuster in der Therapie<\/strong><\/p>\n<p> Borderline-Patienten stellen laut Strehlow an die Therapeuten hohe psychische Herausforderungen, weil sie unter akut hohem Leidensdruck stehen und schnell Stellungnahmen provozierten. Sitzungen seien denn auch in der Regel stark affektgeladen. Allerdings spielt Musik f\u00fcr die Betroffenen in der Selbstregulierung eine grosse Rolle, sie konsumierten denn auch intensiv Musik, was musiktherapeutische Interventionen sinnvoll erscheinen lasse.<\/p>\n<p> In der Arbeit seien aber Extreme die Regel. Die Patienten seien im Spiel unerreichbar, reagierte mit R\u00fcckzug, Abbruch von Sitzungen, mit Entwertungen von Musik und Therapeuten oder mit sehr hohen Anspr\u00fcchen an letztere. Sie \u00e4usserten sich selber musizierend mit exzessiven Lautst\u00e4rken, k\u00f6nnten aber auch mit starken Schamgef\u00fchlen reagieren.<\/p>\n<p> Dadurch entsteht laut Strehlow f\u00fcr den Therapeuten oder die Therapeutin hoher Handlungsdruck, es bleibe kaum Raum zum Denken. Sie selber reagierten zwangsl\u00e4ufig mit Ambivalenzen und widerspr\u00fcchlichen Gef\u00fchlen. Es gelte deshalb vor allem zu vermeiden, dass man in unreflektierte abweisende Handlungen verfalle.<\/p>\n<p> Strehlow hat idealtypische Interaktionsmuster definiert, die besser verstehen helfen sollen, nach welchen Schemata die musiktherapeutische Arbeit mit Borderline-Patienten abl\u00e4uft. Sie bieten \u00abeinen Verstehenszugang, so dass die Mentalisierungs- und Spielf\u00e4higkeit der Musiktherapeutin nach notwendigen Irritationen leichter wieder hergestellt werden kann.\u00bb<\/p>\n<p> Strehlow skizzierte als Beispiele unter anderem etwa das Muster \u00abMusik macht alles nur schlimmer\u00bb, in dem Patienten sich durch musikalische Ann\u00e4herungen bedroht und gestresst f\u00fchlen und die musikalische Spiegelung deshalb scheitert. Im Muster \u00abMusik geht \u00fcber Grenzen\u00bb wiederum kann ein \u00abguter\u00bb Therapie-Impuls sich in einen st\u00f6renden verwandeln, im Muster \u00abMusik als R\u00fcckzugsort\u00bb durch musikalische Umh\u00fcllung abschotten oder sch\u00fctzen und damit unerreichbar machen.<\/p>\n<p> In der zweiten Tagesh\u00e4lfte bot sich die Gelegenheit, die theoretischen Ans\u00e4tze in Workshops mit den Referenten sowie der Musiktherapeutin Doris M\u00e4der-G\u00fcntner (\u00abIntermedialit\u00e4t als Chance: H\u00f6r- und Sichtbares \u2013 Verbindendes und Erg\u00e4nzendes bei Musik- und Maltherapie\u00bb) und dem Gestalttherapeuten Martin Kutterer (\u00abRhythmus, Trommeln und die Erfahrung von Struktur\u00bb) zu vertiefen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>06.07.2012 An der diesj\u00e4hrigen Fachtagung zur Musiktherapie in der Rehaklinik Bellikon standen Aspekte der neurologischen Rehabilitation im Zentrum. 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