{"id":720,"date":"2014-01-12T09:16:03","date_gmt":"2014-01-12T09:16:03","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/lexikon-musik-und-gender\/"},"modified":"2014-01-12T09:16:03","modified_gmt":"2014-01-12T09:16:03","slug":"lexikon-musik-und-gender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/lexikon-musik-und-gender\/","title":{"rendered":"Lexikon Musik und Gender"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2010\/gen201110.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>22.11.2010 &#8212; \u00abMan kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.\u00bb (Simone de Beauvoir in \u00abLe Deuxi\u00e8me Sexe\u00bb, 1949) <\/p>\n<p> Mitte der Siebzigerjahre hatten sich an US-amerikanischen Universit\u00e4ten aus der feministisch gepr\u00e4gten Frauenforschung (Women\u2019s Studies) die weiter gefassten Gender Studies entwickelt; ein Jahrzehnt sp\u00e4ter wurden sie auch in Europa zu einer eigenen Wissenschaftsdisziplin, die weitere Kreise zog. Nun liegt das erste deutschsprachige Lexikon zum Themenkreis \u00abMusik und Gender\u00bb als Gemeinschaftsausgabe der Verlage B\u00e4renreiter und Metzler vor \u2013 imponierendes Ergebnis der Mitarbeit von 172 Autorinnen und Autoren. <\/p>\n<p> Zum Rekapitulieren: Eingeb\u00fcrgert hat sich ab 1955 die Bezeichnung Gender f\u00fcr das soziale oder psychologische Geschlecht einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen (engl. sex). Weil die deutsche Sprache mit der Vokabel Geschlecht zwischen k\u00f6rperlich-biologischer und soziokultureller Zugeh\u00f6rigkeit nicht unterscheidet, ist der Begriff Gender auch im Deutschen verankert. Gender bezeichnet in Abgrenzung zur biologischen Dimension demnach alles, was in einer Kultur als typisch f\u00fcr ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird. Der Begriff Gender schliesst biologische Unterschiede als Legitimation gesellschaftlicher Differenzen aus, definiert soziale und kulturelle Geschlechterrollen als historisch gewachsen und politisch beeinflussbar. <\/p>\n<p> Wer erwartet, dass ein Lexikon nach dem Vorwort mit den Eintr\u00e4gen unter A beginnt, irrt diesmal: Dem systematisch-lexikalischen Teil zum Thema Musik und Gender vorangestellt ist ein knapp hundertseitiger historischer Beitrag. In neun Kapiteln geben f\u00fcnf Autorinnen und vier Autoren einen gerafften \u00dcberblick \u00fcber die von Musikhistorikern unbeachteten bzw. weggeschriebenen oder als Sonderf\u00e4lle abgewerteten Beitr\u00e4ge von Frauen zwischen dem 12. und dem 20.\/21. Jahrhundert: eine vom Mittelalter bis in die Gegenwart f\u00fchrende Musik-, Kultur- und Sozialgeschichte, die Ausgeblendetes, Versch\u00fcttetes und Verdr\u00e4ngtes ans Licht f\u00f6rdert, die Musikpraxis und Rollenbilder der Frauen in sakralen und profanen Bereichen w\u00fcrdigt, die institutionellen Rahmen und die soziologischen Ordnungslinien nachzeichnet, den Bildungsidealen, den (Ersatz-)Wegen der Professionalisierung, den Gewichtsverschiebungen der Gendersysteme, bekannten und unbekannten Quellen nachgeht. <\/p>\n<p> Vieles, das dann im zweiten, im lexikalischen Teil des Bandes zur Darstellung und Bewertung kommt, wird in diesem Panorama in grossen Z\u00fcgen entworfen. Im Vorwort weisen die Herausgeberinnen Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld auf den Leitgedanken f\u00fcr dieses Lexikon hin: Sowohl die Historie des Geschlechterdiskurses als auch der Musikgeschichte und -wissenschaft werden unter dem Aspekt Gender zusammengef\u00fchrt. <\/p>\n<p> Mit der Vielfalt der Musikkultur geht die \u00abNicht-Einheit der Geschichte\u00bb (Karin Hausen) einher, die Differenzen nicht ausr\u00e4umt, sondern Widerspr\u00fcchlichkeit bestehen und wirksam werden l\u00e4sst. Zudem sind \u00abgrundlegende Methodendiskussionen und eine multiperspektivische Forschungslandschaft\u00bb in die \u00dcberlegungen einbezogen. \u2013 Ein einleuchtender Ansatz, denn der (musik)wissenschaftliche Geschlechterdiskurs bedarf mehr denn je unverkrampfter Offenheit, der \u00absymmetrischen Musikgeschichtsschreibung\u00bb sowohl in der zeitlichen wie in der internationalen (l\u00e4nderspezifischen) Dimension. <\/p>\n<p> Das Lexikon ber\u00fccksichtigt einerseits Biografien von Frauen \u2013 Komponistinnen, S\u00e4ngerinnen, Dirigentinnen, P\u00e4dagoginnen, Librettistinnen, Druckerinnen und Verlegerinnen, Intendantinnen, M\u00e4zeninnen, Instrumentenbauerinnen, Literatur- und Musikwissenschaftlerinnen, Musikjournalistinnen und -historikerinnen (M\u00e4nner sind hier Begleitpersonen) \u2013, enth\u00e4lt andrerseits Sachartikel und \u00abThemencluster\u00bb.<\/p>\n<p> Zum einen: Von Abel, Jenny bis Zumsteeg, Emilie werden hier Leistung und Bedeutung von Frauen in ausf\u00fchrlichen Artikeln gew\u00fcrdigt und reflektiert. Das Spektrum ist ebenso breit wie historisch tief reichend, bezieht die heilige Caecilia, Sappho und all die in klassischen Bahnen wandelnden Frauen aus zentralen Bereichen der Musikgeschichte ebenso ein wie zum Beispiel Bj\u00f6rk, Joan Baez, Carla Bley, Marlene Dietrich, Nina Hagen und Billie Holiday, Mahalia Jackson, Janis Joplin, Hildegard Knef, Lotte Lenya, Madonna, Meredith Monk und die Piaf, Ir\u00e8ne Schweizer, Tina Turner und Shakira. Man st\u00f6sst auf viele Pers\u00f6nlichkeiten, die in anderen Lexika nicht einmal erw\u00e4hnt, hier aber einl\u00e4sslich mit Biografie, Schaffen und Wirkung vorgestellt sind. Am Schluss der Artikel finden sich Angaben zu Literatur und Diskografie, Werken und Schriften. <\/p>\n<p> Zum zweiten: Nicht weniger Gewicht kommt dem integrierten Sachteil zu, der einzelne Lemmata erl\u00e4utert (etwa Stichw\u00f6rter wie Analyse, Avantgarde, Blick, Brief, Hexenverfolgung, Kurtisane, Marienverehrung, Religion, Subkultur, Systemtheorie, Wunderkind) und \u00fcbersichtlich gegliederte Themenfelder ausleuchtet (beispielsweise Analyse, Bildungswissenschaften \/ Musikausbildung, Feminismus, musikalische Gattung, Gender Studies, Geschichtsschreibung, Geschlecht, Gesang \/ Stimme, Musik als Beruf, Orte, Popul\u00e4re Musik, Tanz, Weiblichkeitsbilder). <\/p>\n<p> Der Orientierung und Verkn\u00fcpfung des historischen mit dem lexikalischen Teil dienen die vielen Verweise im Text, desgleichen die Liste mit Nachschlagewerken, die Bibliografie, das Personenregister und weitere Verzeichnisse. Abbildungen und einige Notenbeispiele begleiten den ersten Teil. <\/p>\n<p> 600 Seiten mit vielf\u00e4ltiger Anregung zum erfrischenden, bereichernden Blickwechsel: In Anbetracht des typografisch gediegenen, im Zweispaltensatz umbrochenen Layouts, l\u00e4sst sich der kleine Schriftgrad ohne gr\u00f6ssere M\u00fche verkraften. <\/p>\n<p> <strong><em>Zitat aus dem Buch: <\/em><\/strong><br \/> \u00abZugang bzw. Ausschluss von Bildung geh\u00f6ren zu den zentralen Konstituenten von Gendersystemen, und gerade im Hinblick auf die Bildung von Frauen lagen die Dinge im 17. Jahrhundert deutlich anders als im nachfolgenden 18. Jahrhundert, in dem sich die Prestigedifferenzierung zugunsten der M\u00e4nner entschied: Jean-Jacques Rousseau proklamierte die Verschiedenheit der Geschlechter, leitete aus der Verschiedenheit die Trennung der privaten (weiblichen) und der \u00f6ffentlichen (m\u00e4nnlichen) Sph\u00e4re ab und wies auf das geeignete Instrument zur Etablierung dieser Konzeption der Frau in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft hin: ,Ist es einmal bewiesen, dass Mann und Frau nicht gleichartig sind noch sein d\u00fcrfen, weder von Charakter noch von Anlagen, so folgt daraus, dass sie nicht die gleiche Erziehung genie\u00dfen d\u00fcrfen\u2019\u00bb. (Susanne Rode-Breymann im Beitrag Das 17. Jahrhundert, Seite 67) <br \/> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Lexikon Musik und Gender. Hrsg. Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld. Mit 24 Abbildungen und Notenbeispielen. B\u00e4renreiter-Verlag, Kassel \/ Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2010. 610 Seiten. \u20ac 89,\u2013. Fr. 137.\u2013. <\/p>\n<p> siehe auch: <br \/> MUGI (Musik und Gender im Internet) der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hamburg: <a href=\"http:\/\/mugi.hfmt-hamburg.de\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mugi.hfmt-hamburg.de<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.11.2010 &#8212; \u00abMan kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.\u00bb (Simone de Beauvoir in \u00abLe Deuxi\u00e8me Sexe\u00bb, 1949)&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-720","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=720"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/720\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=720"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=720"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=720"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}