{"id":721,"date":"2014-01-12T09:16:31","date_gmt":"2014-01-12T09:16:31","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/minnesang\/"},"modified":"2014-01-12T09:16:31","modified_gmt":"2014-01-12T09:16:31","slug":"minnesang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/minnesang\/","title":{"rendered":"Minnesang"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2010\/minne301110.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>09.12.2010 &#8212; Ferne Vergangenheit ist das Mittelalter, der verst\u00e4ndnisleichte Zugang zu ihm mit mannigfachen Hindernissen verstellt. Gleiches gilt f\u00fcr eine der markanten poetischen Leistungen jener Epoche zwischen der Mitte des 12. und dem Beginn des 14. Jahrhunderts: dem Minnesang. Reich sind die Aufzeichnungen, Handschriften und Sammlungen mit mittelhochdeutscher Liebeslyrik; erinnert sei nur an die Heidelberger Liederhandschrift, den mit ganzseitigen Miniaturen illustrierten Codex Manesse aus dem 14. Jahrhundert. <\/p>\n<p> Doch die f\u00fcr h\u00f6fisch-ritterliche Menschen gedichteten und in auserw\u00e4hltem Kreis meist einstimmig gesungenen Lieder trotzen heute dem unmittelbaren Verst\u00e4ndnis. Dies einerseits wegen der Sprache, dem Mittelhochdeutschen, andrerseits weil sich die Befindlichkeit der Dichter, die gesellschaftlichen Strukturen und die thematischen und motivischen Voraussetzungen dem Laien nicht ohne weiteres erschliessen. <\/p>\n<p> Umfassende, wissenschaftlich fundierte Hilfe bietet der neue Reclam-Band \u00abMinnesang\u00bb von Dorothea Klein, Professorin f\u00fcr \u00c4ltere deutsche Literatur an der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg. <\/p>\n<p> Aufbau und Gliederung der Anthologie erleichtern den Einstieg: \u00ab\u2026 wie einen Gang durch eine Ausstellung (oder ein Museum) mit thematisch geordneten R\u00e4umen, Themen, die in der Diskussion der letzten beiden Jahrzehnte eine prominente Rolle gespielt haben und immer noch spielen\u00bb (Seite 319) hat Dorothea Klein die umfangreiche Lyrik-Sammlung gestaltet. <\/p>\n<p> Die sieben \u2013 in sich chronologisch geordneten \u2013 Sektionen sind nach thematisch-inhaltlichen Kriterien angelegt und ber\u00fccksichtigen in repr\u00e4sentativer Auswahl neben den Grossen ihrer Zunft auch weniger bekannte, aber nicht minder aufschlussreiche Autoren. \u00abAlle Lieder sind so ausgew\u00e4hlt, dass sie m\u00f6glichst auch einen Eindruck von der Vielfalt des Sprechens \u00fcber die Minne und den Minnesang vermitteln.\u00bb (Seite 320) <\/p>\n<p> Die einzelnen Sektionen, welche die Herausgeberin jeweils mit Erl\u00e4uterungen und Hinweisen einleitet, thematisieren: (1) die rhetorische Kunst der Minnes\u00e4nger; (2) ihre formale Variationskunst und Experimentierfreude; (3) die Rollen und Rollenprofile der fr\u00fchh\u00f6fischen Lyrik; (4) die Ph\u00e4nomene der Selbstreferenz; (5+6) die Formen der literarischen Kommunikation \u00fcber Minne und Minnesang, Kontrafaktur, Parodie, Polemik; Spiel mit Formen und Inhalten um 1200; (7) epische Elemente, narrativ angelegte Liedtypen wie Tagelied, Pastourelle, Erz\u00e4hllied. <\/p>\n<p> Die Editionsgrunds\u00e4tze bzw. deren wissenschaftliche Massst\u00e4be widerspiegelt auch der konsequent \u00fcberlieferungsnahe, an einer Leithandschrift orientierte Text der Lieder; Parallelfassungen sind ber\u00fccksichtigt, die Quellen, Abweichungen und Lesarten der \u00fcbrigen Handschriften nachgewiesen. \u00ab\u00dcberlieferungsnah edieren hei\u00dft in diesem Fall, die \u00dcberlieferungsbefunde transparent zu machen, genauer: die verschiedenen Liedfassungen editorisch darzustellen. Damit ist der Anspruch aufgegeben \u2013 wie ihn weithin die derzeit ma\u00dfgeblichen Textausgaben vertreten \u2013, den <em>einen<\/em> Autortext bzw. einen scheinbar fertigen Text offerieren zu wollen, ohne dass damit das Autorprinzip grunds\u00e4tzlich preisgegeben w\u00e4re.\u00bb Und weiter: \u00abMit meiner Textdarstellung versuche ich jeweils den &#8218;Text in Bewegung&#8216; abzubilden, soweit dies aufgrund der \u00dcberlieferungslage vertretbar ist.\u00bb (Seite 320\/321) <\/p>\n<p> Den Liedern ist am Fuss der jeweiligen Seite die neuhochdeutsche \u00dcbersetzung beigef\u00fcgt. Dorothea Klein verzichtet auf freie Nachdichtung, bleibt vielmehr nah am Ausgangstext. <\/p>\n<p> Der gewichtige Kommentarteil zu den einzelnen Minneliedern umfasst mehr als 220 Seiten und widmet sich der \u00dcberlieferung und dem Text der 85 Werke, der Form des Lieds, dem Liedtyp, dem gattungsgeschichtlichen Zusammenhang, bringt Erkl\u00e4rungen zu einzelnen Stellen und f\u00fcgt Literaturhinweise bei. Auf das Verzeichnis der Handschriften und Angaben zu weiterer Literatur folgen eine Konkordanztabelle, Verzeichnisse der Liedanf\u00e4nge und eine Zusammenstellung der Lieder in chronologischer Ordnung. <\/p>\n<p> Hier und dort wird auf die gesungene (mit Instrumenten gest\u00fctzte) Darbietung der mittelalterlichen Liebeslieder hingewiesen. Auch wenn die Noten-Quellen mager sind (manche Miniaturen aber bez\u00fcglich Instrumentarium aufschlussreich), w\u00e4re ein diesem Aspekt gewidmetes Kapitel dem Thema durchaus angestanden. <\/p>\n<p> Der Herausgeberin, \u00dcbersetzerin und Kommentatorin Dorothea Klein ist eine facettenreiche, vielfarbige und emotional anr\u00fchrende Anthologie mittelalterlicher Lyrik zu verdanken, die den Anspr\u00fcchen der Forschung wie den Erwartungen der an h\u00f6fischer Dichtung interessierten Laien entspricht: Ferne Vergangenheit, nahe und voller Leben. <\/p>\n<p> <strong><em>Zitat aus dem Buch: <\/em><\/strong><br \/> \u00abDie Liebeslyrik des deutschen Mittelalters ist eine rhetorisch genau kalkulierte Lyrik, die mit einem festen Motiv- und Formelinventar operiert. Leitmotive sind die von der Liebe ausgel\u00f6sten Emotionen wie Freude, Sehnsucht, Trauer oder Leid sowie die sozialen und moralischen Qualifikationen, die Voraussetzung f\u00fcr geschenkte Liebe sind. [\u2026] Es ist ein relativ begrenztes Repertoire von Motiven, Bildern und Vergleichen, \u00fcber das die mittelalterlichen Lieddichter verf\u00fcgten. Monotonie bedeutet dies keineswegs. Es geh\u00f6rt vielmehr zu den erstaunlichen Leistungen der Dichter, trotz begrenzter Thematik und Motivik eine Liedkunst entfaltet zu haben, die h\u00f6chst nuancenreich mit dem vorhandenen Material spielt und dabei immer wieder neue Akzente setzt.\u00bb (Seite 11) <br \/> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Minnesang. Mittelhochdeutsche Liebeslieder. Eine Auswahl. Mittelhochdeutsch \/ Neuhochdeutsch. Herausgegeben, \u00fcbersetzt und kommentiert von Dorothea Klein. Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2010. 576 Seiten. \u20ac 16,\u2013. Fr. 24.50. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>09.12.2010 &#8212; Ferne Vergangenheit ist das Mittelalter, der verst\u00e4ndnisleichte Zugang zu ihm mit mannigfachen Hindernissen verstellt. 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