{"id":729,"date":"2014-01-12T09:20:27","date_gmt":"2014-01-12T09:20:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/cembalo-hammerfluegel-klavier\/"},"modified":"2014-01-12T09:20:27","modified_gmt":"2014-01-12T09:20:27","slug":"cembalo-hammerfluegel-klavier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/cembalo-hammerfluegel-klavier\/","title":{"rendered":"Cembalo \u2013 Hammerfl\u00fcgel \u2013 Klavier"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/balb511.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>09.06.2011 &#8212; Den langen Entwicklungsweg der besaiteten Tasteninstrumente s\u00e4umt neben Komponisten, die zum goldenen Personal des Musiklebens z\u00e4hlen, auch eine um ein Vielfaches gr\u00f6ssere Zahl einst popul\u00e4rer Meister. Immerhin sind sie noch zu finden, die Cembalistinnen und Pianisten, die sich auch abseits der Hauptpfade umsehen und f\u00fcr Horizonterweiterung ihrer H\u00f6rerschaft besorgt sind. Auch da spiegeln sich Musikgeschichte und pers\u00f6nliches Schicksal. Vier Beispiele. <\/p>\n<p> <strong>Claude-B\u00e9nigne Balbastre<\/strong><\/p>\n<p> Die Britin Sophie Yates ist mit einer Reihe von Einspielungen f\u00fcr das Label Chandos hervorgetreten, in denen sie ihre Kompetenz in Sachen englischer und franz\u00f6sischer Claviermusik beweist. Nun hat sie (nicht als erste \u00fcbrigens) die 1759 publizierte Sammlung von 17 \u00abPi\u00e8ces de Clavecin\u00bb von Claude-B\u00e9nigne Balbastre (1727\u20131799) aufgenommen. <\/p>\n<p> Balbastre, Sch\u00fcler von Jean-Philippe Rameau, hochbegabt und am Hof rasch zu Ansehen und Ehren gekommen, war Cembalolehrer von K\u00f6nigin Marie Antoinette, Organist an Notre-Dame und an weiteren illustren Institutionen. Sein Orgelspiel zog geballte Publikumsmassen an; Balbastre sonnte sich im Glanz seines K\u00f6nnens und der Wertsch\u00e4tzung der St\u00fctzen des Ancien R\u00e9gime. 1789 \u2013 der exklusive Kreis seiner k\u00f6niglichen und adeligen G\u00f6nner lichtet sich auf dem Revolutions-Schafott \u2013 h\u00e4ngt er sein M\u00e4ntelchen nach dem Wind: Er bleibt zwar Titularorganist an Notre-Dame, nun \u00abTempel der Wahrheit\u00bb benannt, improvisiert aber fortan \u00fcber die Marseillaise und andere revolution\u00e4re Hymnen. 1799 (der Erste Konsul Napoleon Bonaparte erkl\u00e4rt die Revolution f\u00fcr beendet, Beethoven vollendet die Path\u00e9tique) stirbt Balbastre, 72-j\u00e4hrig, vereinsamt und im Elend. <\/p>\n<p> Er hatte seine grosse Zeit, in der er Bleibendes schuf, l\u00e4ngst \u00fcberlebt. Das machen die im Jahr 1759 ver\u00f6ffentlichten \u00abPi\u00e8ces de Clavecin\u00bb erfahrbar. Da entfaltet sich in Melodie, Harmonie, Rhythmus und (nicht ausufernder) Ornamentik die \u00dcppigkeit des Rokoko und des galanten Stils mit R\u00fcckbindungen an den Sp\u00e4tbarock und Vorgriffen auf die Fr\u00fchklassik, sp\u00fcrbar offen jedenfalls f\u00fcr \u00abfremde\u00bb Einfl\u00fcsse. Heiterkeit und Charme dieser 17 Charakterst\u00fccke bringt Sophie Yates auf einem zweimanualigen Cembalo von Andrew Garlick, einer Kopie von Jean-Claude Goujon aus dem Jahr 1748, mit improvisierendem Gestus zum Klingen. <\/p>\n<p> <strong>Giovanni Benedetto Platti<\/strong><\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/pla511.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>1697 in Padua in eine Musikerfamilie geboren (sein Vater war Mitglied der Instrumentalkapelle an San Marco in Venedig) und in der Lagunenstadt an diversen Blas- und Streichinstrumenten und in Komposition ausgebildet, wo damals Gasparini, Vivaldi, Lotti, Albinoni und die Br\u00fcder Marcello wirkten, verliess Giovanni Benedetto Platti fr\u00fch Italien und fand in W\u00fcrzburg am Hof des F\u00fcrstbischofs von Sch\u00f6nborn Anstellung. Er diente auch unter dessen Nachfolgern, ehelichte eine am Hof t\u00e4tige Sopranistin, die ihm acht S\u00f6hne gebar. Er starb 1763. Neben Kirchen-, Kammer- und Konzertmusik komponierte Platti auch Sonaten f\u00fcr Tasteninstrumente \u2013 Bartolomeo Christoforis Fortepiano (Hammerklavier) hatte er bereits 1722 in Siena kennengelernt. <\/p>\n<p> Der Turiner Dirigent, Komponist, Cembalist und Organist Luca Guglielmi interpretiert auf modernen Nachbauten von Hammerklavier und Cembalo aus Cristoforis Werkstatt ebenso technisch brillant wie musikalisch sensibel strukturiert die sechs sp\u00e4ten Sonaten, in denen sich Platti, der im Barock Wurzelnde, als experimentierfreudiger Vorklassiker mit Vorst\u00f6ssen in fr\u00fchromantische Ausdrucksgefilde offenbart. Spannend die eloquente Pianistik, die Melancholie in den langsamen S\u00e4tzen, die Phasen des \u00dcbergangs, des Erprobens von Neuem, die Modernit\u00e4t der Sonatenform (dreiteilig, zwei Themen), kurz: die k\u00fchne Erfindungskraft eines Genies, das unverdient ein Schattendasein fristet. <\/p>\n<p> <strong>Paul Dukas<\/strong><\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/duk511.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>\u00ab\u2026 Ach, da kommt der Meister! \/ Herr, die Not ist gross! \/ Die ich rief, die Geister, \/ Werd ich nun nicht los.\u00bb \u2013 F\u00e4llt der Name Paul Dukas, zieht er alsogleich \u00abL\u2019Apprenti Sorcier\u00bb nach sich, das sinfonische Scherzo nach Goethes Ballade \u00abDer Zauberlehrling\u00bb. Klein und Gross haben sich an Disneys Zeichentrickfilm \u00abFantasia\u00bb (1940) delektiert, in dem Micky Maus in der Titelrolle das Wasser bald bis zum Halse steht. <\/p>\n<p> Kaum bekannt dagegen, dass Dukas eine Transkription seines 1897 uraufgef\u00fchrten Erfolgswerks f\u00fcr zwei Klaviere fertigte. Falsch w\u00e4re es, sie mit der brillant instrumentierten farbensatten Orchesterfassung vergleichen zu wollen. Die Substanz bleibt zwar die gleiche, die Kolorierung ist matter, doch besticht das Klavier-Konzertst\u00fcck durch die geschliffene Transparenz des Satzes und das starke perkussive Element. <\/p>\n<p> Marco Rapetti hat es unternommen, Dukas\u2019 s\u00e4mtliche Werke f\u00fcr Klavier einzuspielen, darunter auch \u00abL\u2019Apprenti Sorcier\u00bb, das er mit seinem Partner Riccardo Risaliti ebenso poesievoll wie dramatisch fulminant realisiert. <\/p>\n<p> Paul Dukas (er wurde 1865 in Paris geboren, starb dort 1935) stand im Spannungsfeld zweier Epochen, der sp\u00e4tromantischen Richtung und der franz\u00f6sischen Moderne. Die Popularit\u00e4t, die ihm in seiner Heimat zukommt, erreichte er im Ausland nicht \u2013 wem sind schon seine Sinfonie, die Tanzdichtung \u00abLa P\u00e9ri\u00bb, die Oper \u00abAriane et Barbe-Bleue\u00bb gegenw\u00e4rtig? Wer liest noch seine zahlreichen musikkritischen Artikel? <\/p>\n<p> Hochgesch\u00e4tzt als Autorit\u00e4t seines Fachs war er von seinen Studenten am Pariser Conservatoire, darunter Manuel Ponce, Jehan Alain, Maurice Durufl\u00e9, Dinu Lipatti, Joaqu\u00edn Rodrigo, Olivier Messiaen. Seine skrupul\u00f6se Selbstkritik zwang Dukas ein verhaltenes Arbeitstempo auf, und fast alle Kompositionen, die er nach 1912 zu Papier brachte (eine weitere Sinfonie, eine sinfonische Dichtung, zwei Ballette, eine Violin-Klavier-Sonate), vernichtete er. <\/p>\n<p> Zu seinen Hauptwerken f\u00fcr Klavier geh\u00f6rt die Saint-Sa\u00ebns gewidmete viers\u00e4tzige es-Moll-Sonate (1897\u20131900) mit einer Auff\u00fchrungsdauer von drei Viertelstunden, eine der gewichtigsten Partituren der franz\u00f6sischen Klaviermusik, ein magistraler R\u00fcckblick auf die hochvirtuose emotionsgeladene Romantik eines Schumann und Liszt, Franck, d\u2019Indy und Saint-Sa\u00ebns. Weniger breitschultrige Vollgriffigkeit pr\u00e4gen die \u00fcbrigen Werke: Variations, Interlude et Finale sur un th\u00e8me de Rameau (1902) und die k\u00fcrzeren St\u00fccke Pr\u00e9lude \u00e9l\u00e9giaque sur le nom de Haydn (1909), La Plainte, au loin, du faune\u2026 (1920) und das hier in Ersteinspielung erklingende Allegro pour Monsieur Serge Koussewitzky (1925). <\/p>\n<p> Zum Gedenken an ihren Lehrer komponierten neun Kollegen und ehemalige Studierende Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Sammlung \u00abLe Tombeau de Paul Dukas\u00bb (1936). Marco Rapetti, der in seinem Spiel ausgefeilte Technik mit emotionaler Kraft, rhythmischer Stringenz und reich schattierten Klangfarben beweist, interpretiert auch die Tombeau-St\u00fccke mit Einf\u00fchlung in ihre stilistischen Eigenarten. <\/p>\n<p> <strong>Niccol\u00f2 Castiglioni<\/strong><\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/cast511.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Bilderbuchstart einer Karriere: Niccol\u00f2 Castiglioni studierte nach der Musikausbildung in seiner Geburtstadt Mailand, die er als Bester seines Jahrgangs abschloss, in Salzburg bei Friedrich Gulda, Carlo Zecchi und Boris Blacher. Zwischen 1958 und 1965 nahm er an den Darmst\u00e4dter Ferienkursen f\u00fcr Neue Musik teil. 1961 wurde ihm der Premio Italia zuerkannt. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter folgte er einer Berufung in die USA, wo er bis 1970 an verschiedenen Universit\u00e4ten lehrte. <\/p>\n<p> Castiglioni, 1932 geboren, setzte sich mit den modernen Str\u00f6mungen in Musik, Kunst, Literatur und mit philosophischen Schriften auseinander. W\u00e4hrend kurzer Zeit in den F\u00fcnfzigerjahren war er als Konzertpianist t\u00e4tig, dann widmete er sich ausschliesslich der Lehrt\u00e4tigkeit und der Komposition. Nach seiner R\u00fcckkehr nach Italien unterrichtete er in Trient, dann in Mailand, wo er 1996 verstarb. <\/p>\n<p> Dass er zu einem Aussenseiter der Avantgarde wurde, mag auch mit seinem introvertierten bis verschrobenen Charakter zusammenh\u00e4ngen. In seiner Musik spiegelt sich mancherlei davon: Eigenbr\u00f6tlerisch und kindlich, versponnen und zerstreut, insistierend und provokativ \u2013 die Musik eines Einsamen, der Selbstgespr\u00e4che f\u00fchrt, dem aber Witz und Humor zur Seite stehen. <\/p>\n<p> Der exorbitanten Virtuosit\u00e4t dieser meist nerv\u00f6s aufgeladenen pointilistischen Partituren zeigt sich der italienische Pianist Enrico Pompili ebenso gewachsen wie den irisierenden Klangschattierungen und den vertrackten rhythmischen und emotionalen Ver\u00e4stelungen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Claude-B\u00e9nigne Balbastre: Pi\u00e8ces de Clavecin, publ. 1759. \u2013 Sophie Yates, Cembalo. (Chaconne Chandos CHAN 0777; 76\u2019. Booklet engl.\/dt.\/frz.) <\/p>\n<p> Giovanni Benedetto Platti: The Late Keyboard Sonatas. (Sonaten 107, 110, 112, 116, 125, 126) \u2013 Luca Guglielmi, Cembalo und Hammerfl\u00fcgel. (Accent ACC 24228; 70\u2019. Booklet engl.\/dt.\/ital.\/frz.) <\/p>\n<p> Paul Dukas: Complete Piano Works. (\u00abL\u2019Apprenti Sorcier\u00bb. Sonate es-Moll; Variations, Interlude et Finale sur un th\u00e8me de Rameau; Pr\u00e9lude \u00e9l\u00e9giaque sur le nom de Haydn; La Plainte, au loin, du faune\u2026; Allegro pour Monsieur Serge Koussewitzky.) Le Tombeau de Dukas (S\u00e4tze von Schmitt, de Falla, Piern\u00e9, Ropartz, Rodrigo, Krein, Messiaen, Aubin und Elsa Barraine). \u2013 Marco Rapetti, Klavier. Riccardo Risaliti, Klavier II. (Brilliant Classics 9160; 2 CDs, 112\u2019. Booklet engl.) <\/p>\n<p> Niccol\u00f2 Castiglioni: Piano Works. (Initio di movimento; Cangianti; Tre pezzi; Come io passo l\u2019estate; Dulce refrigerium; Sonatina; Das Reh im Wald; In principio era la danza; He; Preludio, Corale e Fuga). \u2013 Enrico Pompili, Klavier. (Brilliant Classics 9167; 68\u2019. Booklet engl.) <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>09.06.2011 &#8212; Den langen Entwicklungsweg der besaiteten Tasteninstrumente s\u00e4umt neben Komponisten, die zum goldenen Personal des Musiklebens z\u00e4hlen, auch eine&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-729","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/729","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=729"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/729\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=729"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=729"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=729"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}