{"id":739,"date":"2014-01-12T09:26:40","date_gmt":"2014-01-12T09:26:40","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/was-in-der-kulturfoerderung-falsch-laeuft\/"},"modified":"2014-01-12T09:26:40","modified_gmt":"2014-01-12T09:26:40","slug":"was-in-der-kulturfoerderung-falsch-laeuft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/was-in-der-kulturfoerderung-falsch-laeuft\/","title":{"rendered":"Was in der Kulturf\u00f6rderung falsch l\u00e4uft"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><center><\/center><span class=\"txt-m-black\"><strong>17.03.2012 &#8212; Im deutschen Magazin \u00abDer Spiegel\u00bb haben die vier Autoren Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Kn\u00fcsel und Stephan Opitz ihr Buch \u00abDer Kulturinfarkt\u00bb zusammengefasst. Damit haben sie schon vor der Verf\u00fcgbarkeit des ganzen Textes viele gegen sich aufgebracht. Ihre Thesen sind jedoch wichtig. Sie kommen zur richtigen Zeit, stellen die richtigen Fragen und machen im Kern auch wegweisende Reformvorschl\u00e4ge. <\/strong><\/p>\n<p> Sie haben es vermutlich geahnt. Von der Heftigkeit der Reaktionen d\u00fcrften die Autoren aber doch \u00fcberrascht worden sein. Einhellig werden ihre Thesen als angeblich neoliberales N\u00fctzlichkeitsdenken gebrandmarkt, sie selber als zynische Wassertr\u00e4ger der Kulturabbauer, als Nestbeschmutzer denunziert. Selbst die sonst gerne zur Besonnenheit mahnende Feuilleton-Redaktion der NZZ sah sich veranlasst, im Kollektiv auf einer ganzen Seite noch vor der Publikation einer Rezension des Buches sich von vermeintlichen Simplifizierungen, \u00abkrausem Denken\u00bb, von diesen \u00abSchafen im Wolfspelz\u00bb zu distanzieren. Es wird mal wieder hyperventiliert.<\/p>\n<p> Die kollektive Wut der \u00abKulturschaffenden\u00bb hat auch bereits ein erstes Opfer gefunden: Dieter Haselbach sah sich veranlasst, seine T\u00e4tigkeit als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Zentrums f\u00fcr Kulturforschung \u00abzu dessen Schutz\u00bb auszusetzen. Einige Kombattanten schl\u00fcgen nun auf das Zentrum ein, schreibt er in einer offiziellen Erkl\u00e4rung, wo sie ihn als Mitautor des Buches meinten. Das Zentrum sei kein politisch beratendes Institut und er wolle nicht, dass die Institution Schaden nehme. <\/p>\n<p> Was l\u00f6st derart Emotionen aus? Gegen Schluss zeichnet das Buch als Gedankenexperiment nach, was geschehen w\u00fcrde, schl\u00f6sse man die H\u00e4lfte der staatlich gef\u00f6rderten Kulturinstitutionen. Aus der Zusammenfassung im \u00abSpiegel\u00bb haben einige Kritiker, ohne genau zu lesen, f\u00e4lschlicherweise abgeleitet, die Autoren wollten die staatlichen Kulturausgaben halbieren oder \u00abgeistfeindliches Marktdenken\u00bb installieren. Aber worum geht es wirklich?<\/p>\n<p> Die Essenz einer k\u00fcnftigen Kulturpolitik sehen die Autoren darin, \u00abvielf\u00e4ltigste M\u00f6glichkeiten zum Produzieren zu schaffen, das Individuum vom \u00e4sthetischen Imperativ der b\u00fcrgerlichen Aufbruchszeit zu befreien, ihm ganz demokratisch die \u00e4sthetische Arbeit am eigenen Gl\u00fcck zu erm\u00f6glichen, wie immer dieses beschaffen ist.\u00bb (214) <\/p>\n<p> Das t\u00f6nt (wie vieles in dem Buch) etwas gestelzt, meint aber das Richtige. Dass das Programm bei Kulturschaffenden auf derart heftige emotionale Ablehnung st\u00f6sst, d\u00fcrfte nicht zuletzt an einer zweiten Diagnose liegen. Was man in der Schweiz schon in der Debatte um die Buchpreisbindung beobachten konnte, wird hier noch deutlicher: Solche Ideen stellen die gesellschaftliche und politische Deutungshoheit Kulturschaffender und damit ihre sozusagen seherische Sonderstellung in der Gesellschaft in Frage. Eine narzisstische Kr\u00e4nkung befl\u00fcgelt das Ressentiment der emp\u00f6rten Kritiker der Buchthesen. <\/p>\n<p> Ginge es um Gesundheitswesen, \u00f6konomische Theorien oder Landesverteidigung w\u00fcrde ein vergleichbares Buch bloss Anlass zur fruchtbaren Analyse der Argumente geben. Nicht so in der Kulturbranche. Allein, dass es sichtbar macht, wie unreif die Debatte hier gef\u00fchrt wird, rechtfertigt sein Erscheinen.<\/p>\n<p> Das Gedankenexperiment, auf das der \u00abSpiegel\u00bb-Artikel die differenzierte Argumentation im Buch bereits im Titel (\u00abDie H\u00e4lfte?\u00bb) eindampft, wird zum Mittel der D\u00e4monisierung der Autoren. Es ist zu hoffen, dass auch tats\u00e4chlich eine konstruktivere Diskussion gef\u00fchrt wird, ist das Buch einmal ganz gelesen worden. Es w\u00e4re schade, w\u00fcrden die Verfasser nur Opfer ihrer waghalsigen, aber offenbar \u00fcberaus erfolgreichen Strategie des Weckens von Aufmerksamkeit. <\/p>\n<p> <strong>Autorit\u00e4re und vordemokratische Strukturen<\/strong><\/p>\n<p> Bereits die zwei wichtigsten historischen Erkl\u00e4rungen zum Zustand des gegenw\u00e4rtigen Kulturleben treffen einen empfindlich wunden Punkt: Sein Programm sei die \u00ab\u00e4sthetische Erziehung des Menschengeschlechts\u00bb, und als solches autorit\u00e4r, aristokratisch und vordemokratisch (24). Zudem habe sich ein klaffender Widerspruch seit seiner Einf\u00fchrung durch die Kritische Theorie nie aufl\u00f6sen lassen: Dass einerseits \u00abKultur f\u00fcr alle\u00bb gefordert werde, aber andererseits alles unter Generalverdacht stehe, was popul\u00e4ren Anstrich habe (\u00abKunst, die sich am Markt behaupten muss, bedient den Geschmack der Massen. Deshalb kann sie nicht frei sein. Und der Massengeschmack ist einf\u00f6rmig und redundant\u00bb 69). <\/p>\n<p> Darin zeige sich das wahre Menschenbild der gegenw\u00e4rtigen Kulturwirtschaft: Die Gesellschaft besteht angeblich aus gebildeten Eliten, der bildungsferne Durchschnittsb\u00fcrger habe demgegen\u00fcber eine mangelhafte emotionale und soziale Ausstattung und begn\u00fcge sich mit dumben Vergn\u00fcgungen \u00e0 la Musikantenstadl und Fantasyfilmen. Der \u00abempfindsame B\u00fcrger ist dem ekstatischen P\u00f6bel \u00fcberlegen\u00bb (37).<\/p>\n<p> Kaum zu wiederlegen ist eines der st\u00e4rksten Argumente des Textes. Es attestiert ein Scheitern des bisherigen Paradigmas: Zwar ist das kulturelle Angebot massiv vergr\u00f6ssert worden (16f), die Zahl der Nutzer ist aber gleich geblieben oder sogar eher zur\u00fcckgegangen. Statt Kultur f\u00fcr alle gibt\u2019s heute ein \u00dcberangebot f\u00fcr die, die schon immer Kultur konsumiert hatten. Dass da ein eklatanter und zutiefst undemokratischer Systemfehler vorliegt, \u00fcber den unbedingt nachgedacht werden muss, ist offensichtlich. <\/p>\n<p> Die Autoren tun es aus einer etwas verengten \u00f6konomischen Perspektive heraus. Das ist legitim. Sie haben als Kulturfunktion\u00e4re und Manager ihre spezielle Sicht auf die Dinge. So fehlen etwa differenzierte \u00dcberlegungen dazu, wie man publikumsferne, aber \u00e4sthetisch relevante Entwicklungen erm\u00f6glichen kann. Gedanken zum Forschungsaspekt der Kunst verengen sie auf bissige Bemerkungen zu modischen \u00abKunst ist Forschung\u00bb-Slogans (275). <\/p>\n<p> Dem k\u00f6nnte man entgegenhalten, dass es spezifische \u00e4sthetische Forschungsfelder gibt, die immer wieder bedeutende Systeme erzeugt haben wie die Dur\/Moll-Tonalit\u00e4t, die Perspektive, den Farbenkreis, Erz\u00e4hltheorien oder Strategien zur luziden und eleganten Darstellung von Ideen. Forschung ist nicht reduzierbar auf naturwissenschaftliches Experimentieren und mathematische Formeln. <\/p>\n<p> Allerdings liegt auch in dieser Hinsicht heute einiges im Argen. Es fehlt landauf, landab die Kompetenz, um relevante \u00e4sthetische Entdeckungen als solche zu identifizieren oder auch nur zu erahnen. Am ehsten ist dies noch der Fall in den st\u00fcrmischen Entwicklungen der Film- und Digitaltechnik, in Bezug auf neue Medien also, die erst mal von Grund auf erforscht werden m\u00fcssen. <\/p>\n<p> Wie weit entfernt sich die Kunstproduktion von einem Renaissance-Ideal der Einheit der Erkenntnis entfernt hat, zeigt m\u00f6glicherweise die Tendenz, K\u00fcnstlerkommunen in Industriebrachen anzusiedeln (142). Die \u00abKulturinfarkt\u00bb-Autoren sehen darin ein Zelebrieren der Befreiung von Arbeit. Man kann es auch als Kompensation daf\u00fcr betrachten, dass der Kunst der n\u00fcchtern-rationale, technisch-handwerkliche und realit\u00e4tsbezogene Blick auf die Welt abhanden gekommen ist und die Industriehalle zum dekorativen Behaupten der Ganzheitlichkeit herhalten muss.<\/p>\n<p> <strong>Ein zeitgem\u00e4sses Gesellschaftsbild<\/strong><\/p>\n<p> \u00abDer Kulturinfarkt\u00bb stellt auch die unter Kulturschaffenden tabuisierte Frage, wie weit staatliche Kulturf\u00f6rderung auch schaden kann und weisen richtigerweise darauf hin, dass sie m\u00f6glicherweise sinnvollere Angebote \u00abim Markt erschwert, verdr\u00e4ngt oder gar verhindert\u00bb (194). Sie pl\u00e4dieren daf\u00fcr, dass der Staat, \u00abstatt Auserw\u00e4hlte zu f\u00f6rdern, M\u00f6glichkeiten schafft, in denen sich alle realisieren k\u00f6nnen\u00bb (186). Der Staat soll kein Werturteil f\u00e4llen, sondern Freir\u00e4ume schaffen. Er soll sich nicht \u00fcber K\u00fcnstler oder Kunststr\u00f6mungen definieren, sondern Infrastrukturen unterhalten.<\/p>\n<p> Wie treffend manche Einzelanalyse des Buches ist, verbirgt sich hinter streckenweise allzu sorglos polemisch, pauschal und unpr\u00e4zise verdichteter Rhetorik, die selber stark an die von den Autoren demaskierten Texte der Kritischen Theorie erinnert. Das riecht ein wenig nach Selbstbefreiung aus der Hybris der Frankfurter Schule. <\/p>\n<p> Die st\u00e4rksten und politisch erfrischendsten Passagen hat das Buch in der Darlegung eines zeitgem\u00e4ssen Menschenbildes (178f), das davon ausgeht, dass B\u00fcrger m\u00fcndig sind, mit den finanziellen Ressourcen des Staates vern\u00fcnftig umgehen, wenn sie dazu (wie in der Schweiz) auch etwas zu sagen haben. Befreiend ist aber eben auch die Verabschiedung des verheerenden und misanthropischen Klischees der Kritischen Theorie, dass der kunstferne, einfache B\u00fcrger nur zu oberfl\u00e4chlichen emotionalen Erlebnissen f\u00e4hig ist und der moralischen Anleitung des gebildeten Eliteb\u00fcrgers bedarf um nicht im Massenmarkt dem geistigen Tod anheimzufallen.<\/p>\n<p> Das Buch demaskiert die Geschmacksverfeinerung des Kunstb\u00fcrgers als eigentlich weltfremde, ja arrogante Attit\u00fcde. Eine Kunst, die regelm\u00e4ssig Anschluss an die emotionalen Bed\u00fcrfnisse des Durchschnittsb\u00fcrger findet, w\u00fcrde demgegen\u00fcber Wirklichkeitsbezug haben. \u00abSie w\u00fcrde mehr am Menschen Mass nehmen und weniger am Konzept\u00bb (183).<\/p>\n<p> Auch die aus einer so radikal demokratischen Sicht der Kulturbed\u00fcrfnisse resultierenden Vorschl\u00e4ge zur Neuorganisation der Kulturf\u00f6rderung sind schl\u00fcssig: Bestehen k\u00f6nnte sie etwa aus einem Kulturrat, der \u00abkein Expertengremium von Kulturprofis ist\u00bb, aus der \u00abSchl\u00fcsselrolle einiger Individuen, hier Intendanten genannt\u00bb und drittens einer zeitlichen \u00c4mterbegrenzung, die zyklische Erneuerung erzwingt (230). Dazu sollen F\u00f6rdermodelle kommen, die \u00abmehrj\u00e4hrigen (finanziellen) Raum f\u00fcr Aufbauarbeit schaffen\u00bb und per Los vergeben werden sollen (231). Das sind Konzeptionen, die wohl kaum eins zu eins implementiert werden k\u00f6nnen, aber f\u00fcr k\u00fcnftige Diskussionen die richtigen Anregungen geben. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Kn\u00fcsel, Stephan Opitz: Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und \u00fcberall das Gleiche. Eine Polemik \u00fcber Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. Knaus-Verlag, M\u00fcnchen 2012, 298 S., Fr. 28.50<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.03.2012 &#8212; Im deutschen Magazin \u00abDer Spiegel\u00bb haben die vier Autoren Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Kn\u00fcsel und Stephan Opitz&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-739","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/739","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=739"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/739\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}