{"id":74,"date":"2014-01-06T10:55:17","date_gmt":"2014-01-06T10:55:17","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-und-neurologie-in-bellikon\/"},"modified":"2014-01-06T10:55:17","modified_gmt":"2014-01-06T10:55:17","slug":"musiktherapie-und-neurologie-in-bellikon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-und-neurologie-in-bellikon\/","title":{"rendered":"\u00abMusiktherapie und Neurologie\u00bb in Bellikon"},"content":{"rendered":"<p>03.10.2007<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>An der traditionellen j\u00e4hrlichen Musiktherapie-Fachtagung in der Schweizer Rehaklinik Bellikon standen heuer die Beziehungen zwischen Musiktherapie und Neurologie zur Debatte &#8211; ein Spannungsfeld, das zur Zeit auch im Zentrum einer Methodendiskussion der Disziplin steht.<\/strong><\/p>\n<p> Die Kontakte zwischen Musikforschung und Neurologie werden immer zahlreicher. Speziell vielschichtig sind sie im Fall der Musiktherapie. Ihr \u00f6ffnen sich aufgrund der Erkenntnisse der Hirnforschung einerseits neue Perspektiven auf ihre traditionellen Arbeitsbereiche. Andererseits sind Sch\u00e4digungen und Erkrankungen des Nervensystems aber auch selber ein Gebiet, auf dem die Therapieform spezifische Heilverfahren bieten kann. Es erstaunt deshalb nicht, dass das Themenfeld f\u00fcr einmal auch von der traditionellen Musiktherapie-Fachtagung in der Schweizer Rehaklinik Bellikon aufgenommen worden ist.<\/p>\n<p> Beleuchtet wurden die vielf\u00e4ltigen Verbindungen zun\u00e4chst vom Z\u00fcrcher Neuropsychologen Lutz J\u00e4ncke, der die neuesten Forschungsergebnisse zum Musiklernern, den Hirnen von Musikern, m\u00f6glichen Transfereffekten von musikalischen F\u00e4higkeiten auf andere Gebiete und therapeutische Chancen des Musizierens mit Blick auf Altersdemenz vorstellte.<\/p>\n<p> Der Mythos von der Begabung, die alleine \u00fcber die musikalische Exzellenz entscheidet, vermochte J\u00e4ncke mit mittlerweile gut abgesicherten Erkenntnissen zu widerlegen, die zeigen, dass eine direkte Korrelation zwischen der Anzahl Stunden, die ein angehender Musiker \u00fcbt, und seinem sp\u00e4teren beruflichen Erfolg besteht. Nicht minder interessant scheinen Studien, die zeigen, dass sich die h\u00f6here Hand- und Fingerfertigkeit von Instrumentalisten einerseits an der Vergr\u00f6sserung der entsprechenden Hirnareale ablesen l\u00e4sst, dass die Leistungssteigerungen mit Blick auf die musikspezifischen F\u00e4higkeiten allerdings auch mit Minderleistungen auf andern Gebieten erkauft werden. So schneiden Musiker etwa in sogenannten \u00abPegboard-Tests\u00bb, in denen es gilt, Kl\u00f6tzchen auf einem Brettchen umzusortieren, schlechter ab als Nichtmusiker. <\/p>\n<p> Praktische Bedeutung haben Tests, die gezeigt haben, dass der Abbau kognitiver F\u00e4higkeiten im Alter gerade ncht durch typische Besch\u00e4ftigungen wie Kreuzwortr\u00e4tell\u00f6sen verlangsamt oder verhindert werden kann. Das Erlernen oder Spielen eines Instrumentes im Alterm, das eine Vielzahl hoch vernetzter Bereiche anregt, ist hingegen wirkungsvoll. Dies gilt insbesondere f\u00fcr den Frontalbereich des Stirnhirns, der f\u00fcr das bewusste Lernen eine hohe Bedeutung hat, sich in der Entwicklung zuletzt ausformt und auch zuerst wieder abgebaut wird. Laut J\u00e4ncke kann davon ausgegangen werden, dass Demenzerkrankungen unter anderem wegen der gestiegenen Lebenserwartung und der h\u00f6heren Anzahl \u00e4lterer Menschen in den kommenden Jahren deutlich zunehmen werden. Da \u00f6ffnet sich also auch f\u00fcr traditionelle Formen des Musizierens als Form der Therapie ein weites praktisches Feld. <\/p>\n<p> Ob sich der Erwerb musikalischer Skills in Form von Transferleistungen auch auf andere F\u00e4higkeiten \u00fcbetr\u00e4gt, wird immer wieder kontrovers diskutiert. Laut J\u00e4ncke h\u00e4ufen sich die Hinweise, dass solche Transfers bestehen, und zwar vor allem in der Verbesserung von Kommunikationsf\u00e4higkeiten und Ged\u00e4chtnisleistungen. W\u00e4hrend erste, eher naive Nachweise solcher \u00dcbertragungen \u2013 etwa der ber\u00fcchtigte \u00abMozart-Effekt\u00bb (siehe <a href=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/dossiers_ind9.php?art=60\">Dossiertext<\/a>) \u2013 sich weitgehend als Artefakte erwiesen haben, zeigen neuere breit angelegte und solide designte Langzeitstudien, dass Sch\u00fcler, die Musikunterricht erhalten, Defizite in Mathematik zu kompensieren verm\u00f6gen oder \u00fcber bessere verbale Geschicklichkeiten verf\u00fcgen. <\/p>\n<p> In der Schlussdiskussion zu seinem Referat \u00e4usserte sich J\u00e4ncke grunds\u00e4tzlich zur Frage, wie Musiktherapie definiert werden sollte. Er wies dabei auf einen zur Zeit zu beobachtenden fliegenden Paradigmenwechsel hin: Nicht mehr ein eher unscharf umrissenes Hilfverfahren, das viele Schulen und Methoden umfasst, steht heute im Zentrum des medizinischen Interesses. Vielmehr geraten spezifische Indikationen und eng begrenzte Therapieverfahren f\u00fcr spezielle Anwendungen \u2013 zum Beispiel Migr\u00e4ne oder Tinnitus-Bek\u00e4mpfung oder Unterst\u00fctzung beim Neulernen von Bewegungsmustern nach Schlaganf\u00e4llen \u2013 in den Fokus des Interesses. Dieses Umdenken sei die Voraussetzung daf\u00fcr, dass musiktherapeutische Interventionen im klinischen Alltag und von den Kostentr\u00e4gern ernst genommen werden k\u00f6nnten. Es entspreche den \u00fcblichen Gepflogenheiten im Heilmttelbereich, wo ja auch nicht einfach bestimmte Schulen als Ganzes zugelassen w\u00fcrden, sondern jeweils die einzelne Therapie f\u00fcr ein klar definiertes Krankheitsbild beurteilt werde. In Sachen Wirksamkeitsnachweisen habe die Musiktherapie aber noch deutliche Defizite. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 320px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Silke Jochim unterstreicht die Bedeutung des Beziehungsaspektes in klinischen Formen der Musiktherapie.<\/strong><\/span><\/td>\n<td width=\"4\">\u00a0<\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2007\/bellikon07_3.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <strong>Silke Jochims: Musiktherapie in der Neurorehabilitation<\/strong><\/p>\n<p> Die Perspektiven der Musiktherapie in der Neurorehabiliation umriss die L\u00fcbecker Musik- und Psychotherapeutin Silke Jochims, die zun\u00e4chst auch einmal konstatierte, dass Musiktherapie ein weites und schwer abgrenzbares Feld darstellt, auf dem nach wie vor eine F\u00fclle an sich teils gegenseitig bek\u00e4mpfenden Schulen aktiv sind. Sie pl\u00e4dierte daf\u00fcr, diese gegenseitigen Abgrenzungen zu \u00fcberwinden und sich auf den wichtigen gemeinsamen Nenner zu konzentrieren: den Beziehungsaspekt. <\/p>\n<p> Auch in dieser Hinsicht, so Jochims, habe in den letzten Jahrzehnten ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Sei Musiktherapie von den fr\u00fchen Formen der passiven und distanzierten Beobachtung des Patienten durch die Therapeutin oder den Therapeuten gepr\u00e4gt gewesen, habe sich bis heute mehr und mehr die Beziehungsaufnahme vom Therapeuten zum Patienten als zentrales Anliegen der Therapieform durchgesetzt. Die Bedeutung des Bezehungsapektes werde in der Neurorehabilitation oft noch untersch\u00e4tzt, f\u00fcgte die L\u00fcbeckerin hinzu. Die Betroffenen litten nicht selten unter st\u00e4ndigem Wechsel von Bezugs- und Pflegepersonen. <\/p>\n<p> In Sachen Wirksamkeitsnachweisen kehrte sie den Spiess um \u2013 mit dem Hinweis, dass die Akzeptanz von Therapieformen auch viel mit Gew\u00f6hnung und selektiver Wahrnehmung zu tun hat. So sei etwa die etabliertere Physiotherapie genauso in einem Erkl\u00e4rungsnotstand \u2013 angesichts neuerer Studien, die ihre Wirksamkeit ebenso in Frage stellten. Unterschiedliche Wahrnehmung spiele aber auch eine Rolle, wenn es um die spezifischen Indikationen gehe. Da pr\u00e4sentierte Jochims interessante Untersuchungen, die zeigen, dass \u00c4rzte das Potential der Musiktherapie f\u00fcr kognitive und motorische Funktionsdefizite deutlich h\u00f6her einsch\u00e4tzten als die Therapeuten, letztere hingegen das Verm\u00f6gen der Musiktherapie zur Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t als ungleich wichtiger betrachten als die \u00c4rzte. Die evidenzbasierten Methoden der Musiktherapie sind zwar n\u00f6tig, reichen laut Jochims aber nicht aus, weil sie auf die St\u00f6rungen und nicht auf das Leiden der Patienten schauten. Es gelte, letzteres ins Zentrum der wissenschaftlichen Forschung zu stellen.<\/p>\n<p> Die Indikationen f\u00fcr den Einsatz von Musiktherapie in der Neurorehabilitation, f\u00fchrte Jochims weiter aus, sind \u00fcberaus zahlreich, sie reichen von der sensorischen Stimulation und Integration \u00fcber die St\u00fctzung kognitiver F\u00e4higkeiten und den Umgang mit Emotionen bis hin zur Schulung psychosozialer Fertigkeiten. Die Basis dazu liefert das ICF-Modell der WHO (International Classification of Functioning, Disability and Health), das im Gegensatz zum traditionelleren Diagnoseschl\u00fcssel der ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) die psychosozialen Aspekte von Indikationen betont. Es f\u00fchrt, so hofft Jochims, zu \u00c4nderungen des Menschenbildes in der Neurorehabilitation \u2013 hin zu einem patienten- und empathiezentrierten Denken, in dem die Musiktherapie ihre spezifischen St\u00e4rken besser ausspielen kann. F\u00fcr sie gilt es, \u00abP\u00e4dagogisches F\u00f6rdern und Fordern mit psychologischem Verstehen im affektiven Raum\u00bb zu kombinieren, um letztlich ihr eigentliches Ziel, n\u00e4mlich die Erh\u00f6hung der Lebensqualit\u00e4t zu erreichen.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2007\/bellikon07_4.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Anne Kathrin Leins pr\u00e4sentierte die st\u00e4ndig steigende Zahl von Studien zur Wirksamkeit von Musiktherapie.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><br \/> <strong>Anne Kathrin Leins: Klinische Anwendungsstudien<\/strong><\/p>\n<p> Der Skepsis J\u00e4nckes mit Blick auf verf\u00fcgbare Studien zum Wirksamkeitsnachweis von Musiktherapie versuchte die Heidelberger Musiktherapeutin Anne Kathrin Leins als Vertreterin der klinischen Forschung zu entgegnen \u2013 mit einer \u00dcbersicht \u00fcber die hohe Anzahl tats\u00e4chlich vorliegender Arbeiten. Die meisten davon stammen aus dem Umfeld des in Amerika t\u00e4tigen Michael Thaut, der als r\u00fchriger Verfechter evidenzbasierter Methodik in der Musiktherapie zu einer Art Galionsfigur des neuen Paradigmas geworden ist. Wie von J\u00e4ncke angesprochen, kann mit Blick auf Wirksamkeitsnachweise nicht mehr einfach global die Musiktherapie zur Diskussion stehen, sondern bloss die einzelne, klar definierte Indikation, der wiederum eine klar definierte therapeutische Intervention gegen\u00fcberstehen muss. Diese werden von den Verfechtern evidenzbasierter Methoden in Kompendien, respektive Manuals festgelegt. <\/p>\n<p> Mit Blick auf die schwierige Frage, wie Musiktherapie zu definieren sei, f\u00e4hrt Leins einen pragmatischen Kurs, indem sie einfach alles unter den Begriff subsummiert, in dem Musik zu therapeutischen Zwecken zum Einsatz kommt. Dies ist sicherlich die neutralste Form der Umschreibung, zeigt aber auch, dass der Oberbegriff verschiedenster Methoden und Schulen im Grunde genommen keine Erkl\u00e4rungs- und Abgrenzungskraft hat. <\/p>\n<p> In ihrem Referat diskutierte Leins namentlich Arbeiten, die mit Blick auf Techniken zum Einsatz von Musik im Gang- und Bewegungstraining, im Sprach- und Sprechtraining sowie in der Schulung der Kognition realisiert worden sind. Eine Studie zur musikmedizinischen Gangrehabilitation von hemiparetischen Patienten nach Schlaganfall hat sie gemeinsam mit Michael Thaut durchgef\u00fchrt. Dabei zeigten sich durchaus auch typische Mentalit\u00e4tsunterschiede im Denken der amerikanischen und deutschen Forschergemeinschaften. Letztere stellten in ihrer deutschen Teilstudie n\u00e4mlich auch die Frage, ob die Interventionen auch einen Einfluss auf die Patientenzufriedenheit aus\u00fcben \u2013 ein Aspekt, den die amerikanischen Kollegen offenbar als irrelevant betrachten. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>03.10.2007 An der traditionellen j\u00e4hrlichen Musiktherapie-Fachtagung in der Schweizer Rehaklinik Bellikon standen heuer die Beziehungen zwischen Musiktherapie und Neurologie zur&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-74","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musiktherapie","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}