{"id":745,"date":"2014-01-12T09:29:39","date_gmt":"2014-01-12T09:29:39","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/manfred-hermann-schmid-notationskunde\/"},"modified":"2014-01-12T09:29:39","modified_gmt":"2014-01-12T09:29:39","slug":"manfred-hermann-schmid-notationskunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/manfred-hermann-schmid-notationskunde\/","title":{"rendered":"Manfred Hermann Schmid: Notationskunde"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2012\/notk22812.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>14.09.2012 &#8212; Wie kam der Taktstrich in die Komposition? Woher stammen die Bezeichnungen \u00abintavolieren\u00bb und \u00abeingestrichene Oktav\u00bb? Wie erkl\u00e4ren sich die Stimmkombinationen des modernen Streichquartetts? Woher hat die Partitur ihren Namen? Warum wird Claviermusik in einem Doppelsystem notiert, und aus welchem Grund befinden sich auf der Tastatur die hohen T\u00f6ne rechts? <\/p>\n<p> Wer sich unter dem Gebiet Notationskunde ein trockenes Reservat der Musikwissenschaft vorstellt, wird durch Manfred Hermann Schmid eines Besseren belehrt. In seinem als universit\u00e4res Lehr- und Arbeitsbuch angelegten Band f\u00fchrt er durch ein Jahrtausend (etwa von 900 bis 1900) und alle wichtigen Aspekte der abendl\u00e4ndischen musikalischen Notation von den ersten Zeugnissen \u00fcber die entscheidenden Entwicklungsschritte bis ins 20. Jahrhundert. <\/p>\n<p> Manfred Hermann Schmid, Ordinarius an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen mit Schwerpunkten auf der Wiener Klassik, der deutschen Romantik, der Musik der Renaissance, der Instrumentenkunde und Musikethnologie, unterrichtet seit langem das Fach Notationskunde als Bestandteil des Grundstudiums. Seine reiche Erfahrung bef\u00e4higt ihn, wissenschaftlichen Anspruch mit den Bed\u00fcrfnissen der Praxis zusammenzubringen in einem Fachbuch, das besticht durch \u00fcbersichtliche Gliederung, pr\u00e4zise Formulierung und didaktische Kompetenz. Selbstverst\u00e4ndlich vermittelt der Band auch allen am spannenden Thema interessierten Musikern und Amateuren Anregung und Wissen zuhauf. <\/p>\n<p> \u00abDie eigentliche Intention dieses Buches ist es, ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Funktionen von Schrift und ihre aktive Rolle im Prozess von Kompositionsgeschichte zu wecken\u00bb, h\u00e4lt der Autor in der Einleitung fest. Bestimmte historische Schreibkonventionen widerspiegeln ansonsten verborgene Denkkategorien: \u00abEine Musikgeschichte l\u00e4sst sich ohne Schriftgeschichte nicht schreiben und eine Notationskunde nicht ohne R\u00fccksicht auf Musikgeschichte.\u00bb <\/p>\n<p> Musikalische Schrift ist keine fiktive Einheitsschrift, betont der Autor wiederholt, sie ist Teil der musikalischen und historischen Botschaft: \u00abSchrift sollte zusammen mit der Musik, die sie \u00fcberliefert, studiert werden.\u00bb Denn die Schrift mit den technischen M\u00f6glichkeiten, die sie bereith\u00e4lt, wirkt zur\u00fcck auf den kompositorischen Vorgang: \u00abEs geh\u00f6rt zum Wesen der Schrift, dass sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Einfluss auf Musik nimmt und kompositorische Prozesse ausl\u00f6st.\u00bb Oder anders ausgedr\u00fcckt: \u00abBestimmte musikalische Entscheidungen werden allein deshalb getroffen, weil die Schrift und ihr System sie fordert.\u00bb <\/p>\n<p> Vom antiken Erbe f\u00fchrt der lange gewundene Erkundungsweg durchs lateinische Mittelalter (Dasia-Schrift, Silbenschrift, Neumen) und \u00fcber die Mehrstimmigkeit im 11. und 12. Jahrhundert, den Hinzugewinn des Rhythmus in den Notre-Dame und Motetten-Handschriften und dessen Ausdifferenzierung (1200\u20131400), die italienische Trecento-Notation, die Charakteristika der \u00abars antiqua\u00bb, das Mensursystem der \u00abars nova\u00bb im 14. Jahrhundert bis zur \u00abweissen\u00bb Mensuralnotation und deren Standardisierung durch Musikdrucke, zu den Typen der Komponierschrift und der fr\u00fchen Partiturpraxis bis zur uns heute vertrauten Notation. <\/p>\n<p> Pers\u00f6nlichkeiten markieren mit ihrer Leistung entscheidende Evolutionen (Aristoxenos, Boethius, Guido von Arezzo, Leonin und Perotin, Philippe de Vitry, Johannes de Muris, Franco von K\u00f6ln, Guillaume de Machaut, Ockeghem, Palestrina\u2026), bedeutende Lehrwerke, Handschriften, Codices zeugen von den vielen Quellen, welche die traditionelle Notation befruchtet haben. <\/p>\n<p> Dazu z\u00e4hlen auch die Auspr\u00e4gung der \u00abClavier\u00bb-Notierung (Wussten Sie, dass das fr\u00fcheste Dokument der \u00abneuen deutschen Orgeltabulatur\u00bb um 1515 von der Hand Albrecht D\u00fcrers stammt?), den Griffschriften (deutsche, franz\u00f6sische, italienische Lautentabulatur, Geigen- und Blasinstrumente-Tabulaturen) und der Vortragsschrift mit ihren Zeichen und der italienischen, deutschen, franz\u00f6sischen Partituranordnung (Monteverdi, Bach, Haydn, Mozart, Paisiello, Spontini, Beethoven, Berlioz, Brahms, Carl Maria von Weber, Wagner). <\/p>\n<p> Seitenblicke fallen auf die Musik anderer Kulturkreise, auf Entsprechungen und Unterschiede in der arabischen Welt, in der osmanischen, indischen, japanischen Musik. <\/p>\n<p> In drei abschliessenden Kapiteln kommt der Autor auf die piktografischen Qualit\u00e4ten musikalischer Schrift, auf Unschreibbares (die wachsende Diskrepanz von Schrift und Klang) und auf das Spannungsfeld zwischen der Musik der Vergangenheit und der Schrift der Gegenwart zu sprechen. Im Anhang eines jeden Kapitels finden sich weiterf\u00fchrende Hinweise auf Tafelb\u00e4nde, Faksimila, kritische Editionen, Quellentexte, Literatur. <\/p>\n<p> \u00abEin wirkliches Verst\u00e4ndnis der Musik ist aber ohne ein Verst\u00e4ndnis der Voraussetzungen ihrer schriftlichen Fixierbarkeit nur schwer m\u00f6glich. Deshalb wird jede analytische Besch\u00e4ftigung irgendwann zur originalen Schrift zur\u00fcckf\u00fchren m\u00fcssen.\u00bb Der Autor weist den Studierenden den Zugang zu den originalen Schriften Schritt f\u00fcr Schritt, mit Umsicht erl\u00e4uternd, wesentliche Aspekte vertiefend und mit Abbildungen, Notenbeispielen und Tabellen illustrierend. Kritisch setzt sich Manfred Hermann Schmid auseinander mit fr\u00fcheren Forschungsans\u00e4tzen und -ergebnissen. <\/p>\n<p> Eingestreut sind in diesem Studienbuch, dem der Verlag die geb\u00fchrende Sorgfalt in aufwendiger Typografie und gediegenem Layout zukommen liess, technische Empfehlungen zu historischen Partituren und deren Umsetzung in die moderne Praxis sowie \u00fcber zwei Dutzend \u00dcbungen zur Schriftentwicklung der Vokalmusik. Die erweiterten Aufgabentexte mit zus\u00e4tzlichen Erl\u00e4uterungen und den L\u00f6sungen k\u00f6nnen auf der Website des B\u00e4renreiter-Verlags in Form einer 37 Seiten umfassenden pdf-Datei konsultiert werden. <\/p>\n<p> Den Lehrb\u00fcchern von Johannes Wolf (Handbuch der Notationskunde; 1913 und 1919) und Willi Apel (Die Notation der polyphonen Musik 900\u20131600; 1962) stellt Manfred Hermann Schmid nun ein modernes, die Forschungen der vergangenen Jahrzehnte einbeziehendes Standardwerk zur Seite, das Theorie und Praxis in bemerkenswert vielseitiger Art verzahnt, Einblicke \u00f6ffnet in das musikalische Denken vieler Epochen, ein Kompendium, das auch immer reflektiert und aufzeigt, was musikalische Schrift in einem Zeitraum von tausend Jahren \u00fcber ihre Zeichensprache hinaus bewirkt. <\/p>\n<p> <strong><em>Zitat aus dem Buch: <\/em><\/strong><br \/> \u00abSeit den Zeiten des Historismus war es ein Ziel der Wissenschaft, Musik der Vergangenheit zu erschlie\u00dfen und in gedruckten Ausgaben verf\u00fcgbar zu machen. Editionen des 20. Jahrhunderts konzentrierten sich darauf, alle Arten von Musikern, vor allem auch Laienmusiker, mit Noten zu versorgen, die ohne langes Bedenken gleich nach dem Aufschlagen f\u00fcr ein Vom-Blatt-Singen oder -Spielen geeignet sind. Solche Ausgaben, die Musik der Vergangenheit umstandslos einer Schrift der Gegenwart unterwerfen, wird es weiterhin geben, weil sie verst\u00e4ndliche Erwartungen erf\u00fcllen. Aber allgemeine G\u00fcltigkeit k\u00f6nnen sie nicht beanspruchen. Denn sie dienen weder den Interessen hochprofessioneller Musiker noch denen der Wissenschaft, weil auf dem Weg der Anpassung an moderne Gegebenheiten zu viel an historischer Botschaft verlorengeht.\u00bb (Seite 283) <br \/> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Manfred Hermann Schmid: Notationskunde. Schrift und Komposition 900\u20131900. Mit \u00fcber 140 Abb., darunter 4 Farbtafeln, sowie digitalem Lehrgang. B\u00e4renreiter Studienb\u00fccher Musik Band 18. B\u00e4renreiter-Verlag, Kassel 2012. 298 Seiten. \u20ac 29,95. Fr. 40.90. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.09.2012 &#8212; Wie kam der Taktstrich in die Komposition? Woher stammen die Bezeichnungen \u00abintavolieren\u00bb und \u00abeingestrichene Oktav\u00bb? 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