{"id":746,"date":"2014-01-12T09:30:07","date_gmt":"2014-01-12T09:30:07","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/briefe-von-otto-klemperer-1906-1973\/"},"modified":"2014-01-12T09:30:07","modified_gmt":"2014-01-12T09:30:07","slug":"briefe-von-otto-klemperer-1906-1973","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/briefe-von-otto-klemperer-1906-1973\/","title":{"rendered":"Briefe von Otto Klemperer 1906\u20131973"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2012\/klemp19912.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>23.09.2012 &#8212; Er war ein Mann des Taktstocks (obwohl er \u00fcber dreissig Jahre ohne ihn dirigierte), der sich stets auch als Komponist verstand. Ein eloquenter, auf literarischen Ruhm schielender Briefschreiber war er nicht. Und ganz selten nur gew\u00e4hrte er ausgew\u00e4hlten Adressaten mit knappen S\u00e4tzen einen Einblick in seine Privatsph\u00e4re. <\/p>\n<p> Trotzdem: Die nun ver\u00f6ffentlichten Briefe Otto Klemperers (1885\u20131973) sind Zeugnisse eines wachen Geistes, dokumentieren den Werdegang des Musikers und reflektieren einen langen Zeitraum wichtiger kultureller, gesellschaftlicher und politischer Ereignisse und Entwicklungen. Etwa 4000 Schreiben haben sich erhalten, von denen Klemperers Tochter Lotte (1923\u20132003) einen Zehntel f\u00fcr die Publikation ausw\u00e4hlte. M\u00f6glich, dass sie dabei als zu pers\u00f6nlich Bewertetes unter Verschluss behielt. <\/p>\n<p> Immerhin liest man da einen ber\u00fchrenden Brief des Vaters an die 17-j\u00e4hrige Tochter vom Januar 1940 \u00fcber Glauben und Religion: \u00abDer Mensch ist nicht hundert prozentig, daf\u00fcr ist er nur ein Mensch. Hundertprozentig ist nur die Gottheit. [\u2026] Du schreibst, Du hassest das Leben \u2013 warum? Das Zusammenleben der Menschen braucht die Lebensl\u00fcge. Das ist nun einmal nicht zu vermeiden \u2013 man sollte mit Humor dar\u00fcber hinweg gehen.\u00bb <\/p>\n<p> Vom ersten dirigentischen Erfolg des 20-J\u00e4hrigen (er leitete 1905 in der Berliner Erstauff\u00fchrung von Mahlers 2. Sinfonie das Fernorchester und lernte den Komponisten pers\u00f6nlich kennen) spannt sich der Bogen einer glanzvollen Karriere von der Weimarer Republik mit Stationen in K\u00f6ln, Wiesbaden und Berlin (Krolloper), ab 1933 nach der Vertreibung durch die Nazi-Diktatur \u00fcber die USA (Los Angeles Philharmonic Orchestra) bis zur R\u00fcckkehr nach Europa (1947), wo das Philharmonia Orchestra London ihn 1959 zum Chefdirigenten auf Lebenszeit ernennt. <\/p>\n<p> Eine Laufbahn voller Triumphe als Dirigent, nie als Komponist, auch ein von gesundheitlichen Problemen ersch\u00fcttertes Leben: Klemperer, operiert an einem Hirntumor, der sp\u00e4ter zu L\u00e4hmungserscheinungen f\u00fchrte, im Alter wachsende Taubheit im rechten Ohr und immer wieder manisch depressive Nervenkrisen, die er in Kliniken kurieren musste. <\/p>\n<p> Die thematische Spannweite der Briefe ist weit: Biografisches, Karriereplanung, Repertoire in Oper und Sinfonik, eigenes kompositorisches Schaffen (wer f\u00fchrt heute noch eine seiner sechs Sinfonien, seiner neun Streichquartette, wer die Vielzahl seiner Lieder, seine Oper \u00abDas Ziel\u00bb auf?), Programmgestaltung, Besetzungsfragen, Tourneepl\u00e4ne, Probenarbeit, Berichte an Komponisten \u00fcber von Klemperer geleitete Auff\u00fchrungen und Operninszenierungen, Fragen und Detailabkl\u00e4rungen zu Werken, Bitten um Partituren und Klavierausz\u00fcge zum Studium. Manches liest sich wie Notate aus dem Tagebuch: Auftritte, Tourneen, Gastdirigate, sp\u00e4ter Einspielungen (ab 1932, erste Stereo-Aufnahme 1964), Reibereien mit Veranstaltern und Orchestermusikern, Auseinandersetzungen mit Chordirektoren, Inspizienten, Choristen, Aufnahmeleitern. <\/p>\n<p> Pers\u00f6nlicheres hat hie und da belletristische oder wissenschaftliche Lekt\u00fcre zum Gegenstand, gesellschaftlichen Klatsch, Urteile \u00fcber Dirigentenkollegen und Komponisten, finanzielle, gesundheitliche und famili\u00e4re Sorgen, das gebrochene Verh\u00e4ltnis zur zeitgen\u00f6ssischen Nachkriegs-Musik, zur Zw\u00f6lfton-Komposition. <\/p>\n<p> Ein aufschlussreiches Spektrum beleuchtet Klemperers Reaktionen auf die politischen und sozialen Str\u00f6mungen. Wie viele deutsche K\u00fcnstler seiner Generation war er gezwungen, Stellung zu beziehen. Mit guten Gef\u00fchlen noch dirigiert er 1922 in Rom vor Wagners \u00abSiegfried\u00bb den K\u00f6nigsmarsch, die marcia real, dann die \u00abHymne der Faczisten\u00bb, \u00abGiovinezza\u00bb. W\u00e4hrend seine Tochter schon fr\u00fch das Unheil kommen sah, realisiert der vordem umjubelte Klemperer erst nach und nach die um sich greifende Katastrophe. \u00abIch kann nur noch mit Wilde [\u2026] sagen: ,Schreckliches wird geschehen\u2019!\u00bb (Brief 149, Juli 1933) Seine Reaktionen erweisen ihn als moralisch integren Menschen und konzessionslosen K\u00fcnstler. \u00abUnd wenn ich auch gerne zugeben will, dass Kunst und Politik nichts zusammen zu tun haben so meine ich doch, dass Kunst und Ethos unzertrennlich sind.\u00bb (Brief 180, April 1936, zum Fall Furtw\u00e4ngler). <\/p>\n<p> Auch nach dem Krieg sah er, der in Los Angeles und New York nach eigenem Bekunden zum \u00abAussenseiter\u00bb gewordene Dirigent, f\u00fcr Deutschland schwarz: alte Parteigenossen in neuen \u00c4mtern und schwelender Antisemitismus. \u00abDie neue Politik in Deutschland ist so schauderhaft, dass man kaum dar\u00fcber sprechen kann.\u00bb (Brief 358, Dezember 1966) Er, der ehemalige Avantgardist und Revoluzzer, fl\u00fcchtet in sichere Werte, w\u00fcrde nur noch gerne \u00abMusik von Bach, Mozart und Beethoven dirigieren. Das ist nat\u00fcrlich eine Phantasie.\u00bb (Brief 263, Januar 1952) Das Muskelspiel der Weltm\u00e4chte macht ihm Angst: \u00abWas soll ich von der Weltsituation sagen?! Ich glaube man rollt fast unbewusst in den Abgrund.\u00bb (Brief 380, Dezember 1967) <\/p>\n<p> Komponisten, Dirigenten, Instrumentalisten, Regisseure, S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger, Philosophen, Literaten, Politiker, Manager, Freundinnen und Kollegen, Frau (Johanna Geisler) und Kinder (Werner und Lotte) sind die Adressaten seiner Briefe. Humor, gar Witz blitzen selten auf, es herrscht in der Regel der ernste n\u00fcchterne Tonfall intellektueller Anweisung und Auseinandersetzung, wobei auff\u00e4llt, dass Klemperer stets den Diskurs sucht, ohne konzessionsbereit eigene Meinungen aufzugeben. <\/p>\n<p> Die fast sieben Jahrzehnte umspannenden 426 in deutscher, vereinzelt in englischer Sprache verfassten Zeugnisse eines der Grossen seiner Zunft hat der Herausgeber Antony Beaumont, englischer Musikwissenschaftler und Autor von B\u00fcchern u. a. \u00fcber Zemlinsky und Busoni, in 13 Teile gegliedert und vorbildlich erschlossen: mit chronologischen Lebensdaten (relevante historische Ereignisse, die hier der \u00fcbersichtlicheren Information halber in Kurzform zus\u00e4tzlich h\u00e4tten Platz finden k\u00f6nnen, sind ausf\u00fchrlich in die Fussnoten aufgenommen worden), Anmerkungen, Erl\u00e4uterungen und Verweise im Anschluss an jeden Brief, und im Anhang neben dem Personenregister (ein Who\u2019s who des 20. Jahrhunderts) Kurzbiografien der Briefempf\u00e4nger, im weiteren aufschlussreiche Kommentare (in englischer Sprache) zu Klemperers Pers\u00f6nlichkeit und Arbeitsweise von Lotte Klemperer, der Managerin, Sekret\u00e4rin und Betreuerin ihres Vaters, der auch die Zusammenstellung der Liste von Klemperers umfangreichem Repertoire zu verdanken ist. <\/p>\n<p> <strong><em>Zitat aus dem Buch: <\/em><\/strong><br \/> \u00abNeulich h\u00f6rte ich in der Universit\u00e4t [Los Angeles] einen Vortrag, der die kulturellen Beziehungen Russlands und Amerikas behandelte. Da wurde auch viel von Musik gesprochen. Giebt es \u00fcberhaupt eine socialistische, kapitalistische oder demokratische Musik? Ich glaube, es giebt nur gute oder schlechte Musik. Nat\u00fcrlich waren die Komponisten von ihrer Umwelt beeinflusst, aber doch nur beeinflusst. Das Wesentliche in ihnen wurde doch nicht ver\u00e4ndert. Beethovens Musik ist nicht gross, weil sie demokratisch ist, sondern weil der Komponist ein Genius war.\u00bb (Brief 232, Dezember 1945) <br \/> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Antony Beaumont (Hrsg.): \u00abVerzeiht, ich kann nicht hohe Worte machen\u00bb. Briefe von Otto Klemperer 1906\u20131973. Ausgew\u00e4hlt von Lotte Klemperer. Mit einem Vorwort von Nuria Schoenberg-Nono und Schwarz-weiss-Abbildungen. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, M\u00fcnchen 2012. 658 Seiten. \u20ac 54,\u2013. Fr. 78.90.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23.09.2012 &#8212; Er war ein Mann des Taktstocks (obwohl er \u00fcber dreissig Jahre ohne ihn dirigierte), der sich stets auch&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-746","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/746","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=746"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/746\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=746"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=746"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=746"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}