{"id":759,"date":"2014-01-12T09:36:37","date_gmt":"2014-01-12T09:36:37","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/mythos-nibelungen\/"},"modified":"2014-01-12T09:36:37","modified_gmt":"2014-01-12T09:36:37","slug":"mythos-nibelungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/mythos-nibelungen\/","title":{"rendered":"Mythos Nibelungen"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2013\/nib21413.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>22.04.2013 &#8212; Ein Schweizer Gelehrter, der Literat, Historiker, Dichtungstheoretiker und Autor Johann Jakob Bodmer (1698\u20131783), war es, der das \u00abNibelungenlied\u00bb auf den Weg zum Nationalepos der Deutschen brachte. 1767 publizierte er seine neuhochdeutsche Bearbeitung des um 1200 aufgezeichneten \u00abNibelungenlieds\u00bb, von dem ein Teil 1755 im Palast Hohenems wiederentdeckt worden war. <\/p>\n<p> Bodmer stellte die in mittelhochdeutscher Sprache \u00fcberlieferte Dichtung in die N\u00e4he von Homers \u00abIlias\u00bb und f\u00f6rderte so die Ausbildung eines neuen Nibelungenmythos. Die Geschichte der Burgunden, von Siegfried und Kriemhild, Gunther und Brunhild, von Hagen und dem Hunnenk\u00f6nig, vom Nibelungenhort, von Worms, Island, der Etzelsburg, sie ging in der Folge ein ins kollektive Bewusstsein und Halbbewusstsein und wurde in weiteren Schritten national vereinnahmt, nach- und umgedichtet, verankert in patriotischen und politischen Diskursen, schliesslich gar zum \u00abgeistigen Heiligtum einer Nation\u00bb erkl\u00e4rt (Regisseur Fritz Lang, \u00abDie Nibelungen\u00bb, 1924). <\/p>\n<p> Aus welchen Quellen das \u00abNibelungenlied\u00bb gen\u00e4hrt wurde, welche Wirkungen es entfaltete vom 18. Jahrhundert \u00fcber seine Nationalisierung im 19. und die Bef\u00f6rderung der Grossmachtsanspr\u00fcche im 20. Jahrhundert ist in diesem Buch Schritt f\u00fcr Schritt fachkundig erkl\u00e4rt und gewichtet und \u2013 im zweiten Teil \u2013 mit Texten von den \u00e4ltesten \u00dcberlieferungen bis zu Heiner M\u00fcllers \u00abGermania\u00bb-St\u00fccken belegt sowie mit einigen Abbildungen vor Augen gef\u00fchrt. <\/p>\n<p> Joachim Heinzle (em. Professor f\u00fcr \u00c4ltere Deutsche Sprache und Literatur an der Universit\u00e4t Marburg, zu dessen Forschungs- und Publikationsschwerpunkten das Nibelungenlied und die Heldenepik z\u00e4hlen) geht in seiner gut 60-seitigen Einleitung bis ins 5. Jahrhundert zur\u00fcck, wo die historische Grundlage der \u00dcberlieferung zu suchen ist: die vernichtende Niederlage der linksrheinischen Burgunden unter K\u00f6nig Gundicharius durch Hilfstruppen des r\u00f6mischen Heerf\u00fchrers A\u00ebtius um 435\/436. Die Erz\u00e4hlung vom Untergang der Burgunden handelt in ihrem Kern jedoch von der T\u00f6tung des Burgundenk\u00f6nigs Gunther durch den K\u00f6nig der Hunnen (obwohl die historischen Fakten dies ausschliessen). <\/p>\n<p> Einl\u00e4sslich geht Joachim Heinzle ein auf die verschiedenen Darstellungen und Versionen der Heldensage, auf die Verkn\u00fcpfung von Teilsagen, auf die Inhalte der Erz\u00e4hlkomplexe, auf das \u00abNibelungenlied\u00bb mit den uns bekannten \u00dcberlieferung und den menschlichen, sozialen und politischen Kr\u00e4ften, f\u00fcr die das Epos stand oder die ihm abgezwungen wurden. <\/p>\n<p> Franzosen trieben die nationale Vereinnahmung der Nibelungen ungewollt voran: Als Folge der napoleonischen Hegemonialpolitik zu Beginn des 19. Jahrhunderts besannen sich deutsche Intellektuelle auf ihre eigene, eigenst\u00e4ndige Kultur, und eine Fassung des \u00abNibelungenlieds\u00bb spielte bei der Ausbildung des nationalen Nibelungenmythos eine wichtige Rolle. Die Figuren werden dank Eigenschaften wie Treue, Tapferkeit, gerechter Sinn, Milde, Redlichkeit zu Prototypen des deutschen Menschen erhoben. <\/p>\n<p> Schwerpunkte setzt Heinzle zum einen auf die politischen und gesellschaftlichen Hintergr\u00fcnde und Entwicklungen, zum andern auf die k\u00fcnstlerischen Auspr\u00e4gungen des Nibelungenmythos in Literatur, Musik, bildender Kunst, darunter Hebbels \u00abDie Nibelungen\u00bb (1861) und Wagners \u00abRing\u00bb-Tetralogie (1848\u20131874) \u2013 die Geschichte der Nibelungen als Menschheitstrag\u00f6dien. Doch \u00abWie Hebbels &#8218;Nibelungen&#8216; blieb es Wagners &#8218;Ring&#8216; nicht erspart, vor den Karren des vulg\u00e4ren Nibelungen-Patriotismus gespannt zu werden.\u00bb<\/p>\n<p> Nach der Bedeutung des Nibelungenmythos als politisches Verhaltensmuster bei der Gr\u00fcndung des deutschen Reichs (Bismarck = Siegfried) dann die d\u00fcstersten Kapitel: die Vereinnahmung des Nibelungenmythos durch fanatische Nationalisten und die Nationalsozialisten (Dolchstosslegende, Nibelungentreue, Hitler = Siegfried).<\/p>\n<p> Mit dem Ende des Dritten Reichs ging auch der nationale Nibelungenmythos unter. \u00abDer wurde nun [\u2026] zum Gegenstand (selbst)kritischer Reflexion und Analyse in wissenschaftlichen Untersuchungen und k\u00fcnstlerischen Aneignungen, nicht zuletzt auch in Inszenierungen von Wagners &#8218;Ring&#8216; und Hebbels &#8218;Nibelungen&#8216;. [\u2026] Wenn die Nibelungen heutzutage &#8218;eine deutsche Wirklichkeit&#8216; [Heiner M\u00fcller] sind, dann auf der B\u00fchne.\u00bb <\/p>\n<p> Nach der wissenschaftlichen Analyse (oder auch parallel dazu) das Quellenstudium: Joachim Heinzle hat im zweiten Teil des Taschenbuchs in chronologischer Folge gut dreissig in der Einleitung gew\u00fcrdigte Prim\u00e4rzeugnisse versammelt und Einzelnes, wo n\u00f6tig, in Fussnoten erl\u00e4utert: Spuren der \u00e4ltesten nordischen \u00dcberlieferungen, vier Aventiuren aus dem \u00abNibelungenlied\u00bb (original und in neuhochdeutscher \u00dcbertragung), umfangreiche Ausz\u00fcge aus Hebbels Trauerspiel \u00abDie Nibelungen\u00bb und Wagners \u00abDer Ring des Nibelungen\u00bb, literarische Zeugnisse, Reden und Lyrik u. a. von Bodmer, de la Motte Fouqu\u00e9, Heine, Uhland, Dahn, Herwegh, Franz von Liszt, Josef Weinheber, Fritz Lang, Hans Naumann, Paul Celan, Heiner M\u00fcller. Was Interessierte m\u00fchevoll zusammensuchen m\u00fcssten, liegt hier in aussagekr\u00e4ftigen Texten und Illustrationen vor. <\/p>\n<p> <strong><em>Zitat aus dem Buch: <\/em><\/strong><br \/> Der vielleicht wichtigste Schritt zur Vereinnahmung des \u00abRing\u00bb durch die Nationalisten wurde mit der Bayreuther Erstauff\u00fchrung des Zyklus selbst getan [1876]. Wagner hatte, seinem Mythos-Begriff entsprechend, Kost\u00fcme gew\u00fcnscht, die dem Publikum eine \u00abKulturepoche\u00bb vor Augen f\u00fchren sollten, die \u00abjeder Erfahrung, oder Ankn\u00fcpfung an eine Erfahrung\u00bb fernlag. Der beauftragte Kost\u00fcmbildner Carl Emil Doepler [\u2026] hat das nicht verstanden und historisierende Entw\u00fcrfe angefertigt, die auf arch\u00e4ologischen Studien beruhten. Die G\u00f6tter und Helden des \u00abRing\u00bb erschienen als Germanen, deren Erscheinungsbild den popul\u00e4ren Vorstellungen entsprach, die man sich von den Vorfahren der Deutschen machte. Wagner und seine Frau Cosima waren entsetzt, mussten die Entw\u00fcrfe aus Zeit- und Kostengr\u00fcnden aber akzeptieren. [\u2026] Diese Kost\u00fcme, deren Ikonographie der Fl\u00fcgelhelme und st\u00e4hlernen B\u00fcstenhalter bis in gegenw\u00e4rtige Inszenierungen hinein nachwirkt, haben wesentlich dazu beigetragen, dass der \u00abRing\u00bb als \u00abDeutsche Nationaloper\u00bb wahrgenommen wurde. Und sie haben ihrerseits das nationale Germanenbild bestimmt. (Seite 50f) <br \/> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Mythos Nibelungen. Herausgegeben von Joachim Heinzle. 359 Seiten mit 15 Abbildungen. Reclam-Verlag, Stuttgart 2013. TB 20283. \u20ac 12,95. Fr. 18.90. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.04.2013 &#8212; Ein Schweizer Gelehrter, der Literat, Historiker, Dichtungstheoretiker und Autor Johann Jakob Bodmer (1698\u20131783), war es, der das \u00abNibelungenlied\u00bb&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-759","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/759","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=759"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/759\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}