{"id":76,"date":"2014-01-06T10:57:09","date_gmt":"2014-01-06T10:57:09","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-und-traumatologie\/"},"modified":"2014-01-06T10:57:09","modified_gmt":"2014-01-06T10:57:09","slug":"musiktherapie-und-traumatologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-und-traumatologie\/","title":{"rendered":"Musiktherapie und Traumatologie"},"content":{"rendered":"<p>29.09.2006<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>An der Schweizer Rehaklinik Bellikon hat sich eine Tagung mit hochkar\u00e4tigen Referenten und Referentinnen mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie sich Traumata mit Hilfe von Musiktherapie aufarbeiten lassen. Im Zentrum sind dabei Folgen sexuellen Missbrauchs und Kriegserlebnisse gestanden. <\/strong><\/p>\n<p> In seiner Einf\u00fchrung zur Tagung erkl\u00e4rt Joachim Marz, dass man es an einer Rehaklinik h\u00e4ufig mit Traumapatienten zu tun habe und dabei nicht selten auch mit Migranten konfrontiert werde. Musiktherapie werde in Bellikon in der Behandlung von Traumata in interdisziplin\u00e4rem Zusammenhang angeboten. Er weist \u00fcberdies darauf hin, dass das Thema \u00e4usserst vielschichtig ist und fordert dazu auf, sehr genau hinzusehen, zuzuh\u00f6ren und sich mit geeigneten Methoden der Traumaverarbeitung auseinanderzusetzen. <\/p>\n<p> Im Zentrum der Tagung stehen drei Vortr\u00e4ge, die das Thema aus drei verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. So referiert der Psychotherapeut Lutz-Ulrich Besser das Krest-Modell (K\u00f6rper-, Ressourcen- und systemorientierte Traumatherapie) in der Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse, die Musiktherapeutin Gitta Strehlow erz\u00e4hlt aus der Praxis der Behandlung sexuell missbrauchter Kinder, und die Psychotherapeutin Dorothee Storz gibt Einblick in die Arbeit mit kriegsversehrten Kindern in Bosnien.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table cellpadding=\"4\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/061029besser.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Lutz-Ulrich Besser, Facharzt f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder und Jugendpsychiater, Hannover.<\/strong><br \/><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <strong>Lutz-Ulrich Besser: \u00abTraumata und ihre sensorische Fragmentierung im Ged\u00e4chtnis\u00bb<\/strong><\/p>\n<p> In Deutschland hat im Jahr 2000 die Enschede-Katastrophe \u2013 die Explosion einer Feuerwerksk\u00f6rperfabrik zerst\u00f6rte in der Stadt ein ganzes Wohnviertel \u2013 das Thema Trauma ins Bewusstsein der Fachleute ger\u00fcckt. Einsatzkr\u00e4fte und Hinterbliebende zeigten damals auff\u00e4llige PTSD-Symptome (Postraumatic Stress Disorder).<\/p>\n<p> Traumata sind in Deutschland aber schon wesentlich fr\u00fcher zum Thema geworden, ohne dass ihre Tragweite wirklich ins Bewusstsein gelangt ist. Einige Erkenntnisse der Traumabehandlung hat Sigmund Freud 1896 bereits vorweggenommen, als er erkannte, dass die sogenannte Hysterie von Frauen Folge schwerer sexueller Traumatisierungen waren. Das Ph\u00e4nomen wurde damals allerdings verleugnet und in die Welt der sexuellen Fantasien verbannt. Die Psychoanalyse schuf den \u00f6dipalen Konflikt \u2013 die vermeintlichen Inzestw\u00fcnsche kleiner Kinder ihren Eltern gegen\u00fcber. Wieder aufgenommen worden ist die Traumatheorie nach dem Vietnamkrieg, als in den USA rund eine Million physisch unversehrter junger Mittelstands-M\u00e4nner mit schweren Ver\u00e4nderungen der Pers\u00f6nlichkeit aus dem Krieg zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; <br \/><strong>Die Weblinks<\/strong><br \/> Rehaklinik Bellikon:<br \/><a href=\"http:\/\/www.rehabellikon.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.rehabellikon.ch <\/a><br \/> Zentrum f\u00fcr Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachen <br \/><a href=\"http:\/\/www.zentrum-psychotrauma.de\" target=\"blank&quot;\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.zentrum-psychotrauma.de <\/a> <br \/> Dunkelziffer e.V.:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.dunkelziffer.de\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.dunkelziffer.de <\/a><br \/> &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Laut der WHO-Definition sind Traumata kurz- oder langanhaltende Ereignisse oder Geschehen von ausserordentlicher Bedrohung und katastrophalem Ausmass, die nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung ausl\u00f6sen w\u00fcrden \u2013 Krieg, Folter, KZ, die grossen Katastrophen. Sie sind charakterisiert durch ihre Pl\u00f6tzlichkeit, Heftigkeit und die Ausweglosigkeit, in der sich das Opfer sieht. Auch die Dauer spielt eine Rolle. Unter den Traumaausl\u00f6sern ist die h\u00e4usliche Gewalt der traurige Spitzenreiter. <\/p>\n<p> Amerikanische Definitionen z\u00e4hlen zu den traumatisierenden Situationen auch schon nur die Gefahr, in die N\u00e4he einer ernsthaften Verletzung oder Todesbedrohung zu kommen, oder auch bloss Augenzeuge solcher Situationen zu werden. Der K\u00f6lner Traumafachmann Gottfried Fischer wiederum definiert eine traumatische Situation alternativ auch als ein Auseinanderklaffen von Bedrohungen und deren individuellen Bew\u00e4ltigungsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p> In Amerika wird die traumatische Situation treffend mit drei \u00abF\u00bb charakterisiert: Es gibt aus ihr keine Fluchtm\u00f6glichkeiten (\u00abNo Flight\u00bb) und man kann nicht aus eigenen Kr\u00e4ften dagegen ank\u00e4mpfen (\u00abNo Fight\u00bb), was zur Erstarrung (\u00abFreeze\u00bb) und letztlich zur Dissoziation f\u00fchrt. In solchen Situationen arbeitet und speichert das Hirn anders als \u00fcblich. Situationen lernen und integrieren kann es n\u00e4mlich nur, wenn es einer Erfahrung eine eindeutige Struktur geben kann \u2013 mit Anfang, Verlauf, Ende und Bedeutung. Traumata weisen diese Strukturen gerade nicht auf und sind deshalb schwierig als Erfahrung zu begreifen. Das Hirn schafft es nicht mehr, die einzelnen sensorischen Eindr\u00fccke als eine Ganzheit abzuspeichern, es bleiben fragmentarische Aspekte \u00fcbrig. <\/p>\n<p> Traumatische Situationen provozieren nicht nur Angst, sondern aufgrund des aktivierten Bindungsverhaltens auch eine paradoxe Zuneigung zum eventuell vorhandenen T\u00e4ter, der in der Situation als einzige Bindungsperson in Frage kommt. Man spricht dabei vom sogenannten \u00abStockholm-Syndrom\u00bb. Schwer traumatisierte Personen wollen \u2013 therapeutisch gesprochen \u2013 auch immer auf den Schoss des Therapeuten, was diesem Probleme mit der Abgrenzung verursachen kann.<\/p>\n<p> Der Therapeut muss sich immer fragen, was von der pr\u00e4sentierten Symptomatik Teil einer fragmentarischen Erfahrung oder eine Reaktion auf ein Trauma sein k\u00f6nnte. Man spricht dabei von sogenannten Triggern, die traumatische Erfahrungen auch noch nach Jahren oder Jahrzehnten reaktivieren. Um diese Erfahrungen aufzuarbeiten, m\u00fcssen Ressourcen mobilisiert werden, die es erlauben, die Abwehrmechanismen der Amnesie und Verdr\u00e4ngung zu \u00fcberwinden. <\/p>\n<p> Die Angst ist ein Knotenpunkt, an dem die verschiedenen wichtigen Fragen zusammentreffen. Einige Analytiker glauben noch heute, der Prim\u00e4raffekt des Menschen sei die Aggression. Dies ist aber falsch. Der Mensch ist nicht prim\u00e4r aggressiv, der Prim\u00e4raffekt ist vielmehr die Angst.<\/p>\n<p> Bis noch vor zehn, zw\u00f6lf Jahren herrschte ein statisches Modell des Hirns vor. Man glaubte, man verstehe ein Hirn dann am besten, wenn man genau wisse, wie die einzelnen Teile zusammenh\u00e4ngten. Heute weiss man, dass sich das Hirn st\u00e4ndig den Nutzungsbedingungen anpasst. Nach der Geburt werden einfache angeborene Verschaltungsmuster stabilisierenden und destabilisierenden Einfl\u00fcssen ausgesetzt. Die Hirnentwicklung ist ein sich selbst organisierender, durch Interaktion mit der Aussenwelt gelenkter Prozess. Genetisch festgelegt sind nur Geschlecht und wesentliche K\u00f6rpermerkmale, das Wachstumspotential, die F\u00e4higkeit zur Strukturbildung, das Bindungssystem, das Erkundungsbed\u00fcrfnis und nat\u00fcrlich die basalen k\u00f6rperlichen Vitalfunktionen sowie archaische Verhalten wie die Fluchtreaktion. Pers\u00f6nlichkeit und Wesen sind nicht angeboren. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\" width=\"200\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Gitta Strehlow, Diplom-Musiktherapeutin, Sonderp\u00e4dagogin, Lehrbeauftragte am Institut f\u00fcr Musiktherapie der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hamburg.<\/strong><br \/><\/span><\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/061029strehlow.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <strong>Gitta Strehlow: \u00abDer Schrecken wird h\u00f6rbar \u2013 Musiktherapie f\u00fcr sexuell missbrauchte Kinder\u00bb <\/strong><\/p>\n<p> Die Idee, Musiktherapie speziell f\u00fcr Kinder als Opfer sexueller Gewalt anzubieten, stammt vom Journalisten Klaus Meyer-Andersen. Dieser hat 1993 den Verein Dunkelziffer e.V. gegr\u00fcndet. Das Problem ist allerdings auch deutlich gr\u00f6sser, als in der \u00d6ffentlichkeit wahrgenommen: 2005 sind in Deutschland rund 13&#8217;500 Anzeigen wegen sexueller Gewalt erstattet worden. Demgegen\u00fcber stehen rund 200&#8217;000 vermutete F\u00e4lle, die nie zur Anzeige gelangen. Der Schweizer Kinderschutz best\u00e4tigt diese Verh\u00e4ltniszahlen.<\/p>\n<p> Der Verein Dunkelziffer definiert sexuellen Missbrauch an Kindern als jede an, mit oder vor einem Kind vorgenommene sexuelle Handlung, der es aufgrund k\u00f6rperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Das heisst, der T\u00e4ter befriedigt auf Kosten des Kindes seine eigenen sexuellen Bed\u00fcrfnisse. Ein wichtiges Merkmal des Missbrauchs ist auch die direkte oder indirekte Verpflichtung zur Geheimhaltung, die dem Kind auferlegt wird.<\/p>\n<p> Der Missbrauch findet auf sechs Ebenen statt: Ausgenutzt werden das Z\u00e4rtlichkeitsbed\u00fcrfnis des Kindes, seine W\u00fcnsche nach dyadischer Beziehung, seine Bereitschaft zu \u00f6dipalen Fantasien, zum Gehorsam und zum Glauben an die Aussagen der Eltern, aber auch seine Unf\u00e4higkeit, liebevolle z\u00e4rtliche Ann\u00e4herung von einer sexuellen Ausbeutung zu unterscheiden und seine Angst vor der Zerst\u00f6rung der Familie. Die T\u00e4ter sind meist m\u00e4nnlichen Geschlechts, Frauen werden aber durchaus auch zu T\u00e4terinnen. <\/p>\n<p> Die Definitionen d\u00fcrfen nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass der Tatbestand \u00e4usserst komplex ist. H\u00e4ufig l\u00e4sst sich der Missbrauch nicht genau abkl\u00e4ren. Sexueller Missbrauch ist \u00fcberdies nie ein isoliertes Geschehen, sondern in einen sozialen Kontext eingebettet.<\/p>\n<p> \u00dcber ein Drittel der Kinder, die vom Verein Dunkelziffer behandelt worden sind, leben zusammen mit ihren alleinerziehenden M\u00fcttern, etwas \u00fcber ein Drittel der Kinder leben in einem Heim oder einer Pflegefamilie. Etwa ein Drittel der M\u00fctter berichten \u00fcber einen selbst erlittenen Missbrauch. Wie gross hier die Dunkelziffer ist, bleibt offen. <\/p>\n<p> Rund 80 Prozent der T\u00e4ter kamen aus dem Familienzusammenhang, entweder als Vater oder als Partner der Mutter. Die h\u00e4ufigste Art des Missbrauchs war der langsame \u00dcbergang vom harmlosen Spiel bis zur Aufnahme von sexuellen Traumakontakten, der vom Anschauen von Pornovideos \u00fcber intensives K\u00fcssen und Befingern und dem Zwang zur oralen Befriedigung des T\u00e4ters bis zum vollzogenen Geschlechtsverkehr reichte.<\/p>\n<p> Die Symptome, die in Erstgespr\u00e4chen h\u00e4ufig geschildert werden, sind sexualisiertes Verhalten, soziale Schwierigkeiten und R\u00fcckzug, Lernst\u00f6rungen, depressive Verstimmungen und \u00e4hnliches. Seltener wird zudem \u00fcber autodestruktives Verhalten berichtet. Die Hintergrundinformationen kommen h\u00e4ufig \u00fcber die M\u00fctter oder Betreuungspersonen, die sich f\u00fcr das Kind einsetzen. Die T\u00e4ter leben grunds\u00e4tzlich nicht mehr in der Familie. Die j\u00fcngsten Kinder werden erst oft mit dem Eintritt in die Schule auff\u00e4llig und der Therapie zugef\u00fchrt. Viele Therapieangebote scheitern allerdings bereits daran, dass die Kontinuit\u00e4t der Arbeit nicht gew\u00e4hrleistet ist, weil sich niemand findet, der das Kind regelm\u00e4ssig zur Therapie bringt und dort auch wieder abholt.<\/p>\n<p> Auch das Erleben von Scham und Schamlosigkeit sind typische Auff\u00e4lligkeiten eines sexuellen Missbrauchs von Kindern, die in dieser Hinsicht einem Dilemma ausgesetzt sind: Setzen sie sich weiter dem \u00dcbergriff aus, sind sie besch\u00e4mt, da die T\u00e4ter ihre W\u00fcrde und Integrit\u00e4t verletzen. Versuchen sie sich der Situation zu entziehen, sind sie der Scham ausgesetzt, weil sie nicht dem Bild entsprechen, das die T\u00e4ter von ihnen haben. <\/p>\n<p> Jede Musiktherapiesitzung dauert 50 Minuten und findet w\u00f6chentlich statt. Nach der Erfahrung der Vereins bietet der Zeitraum von rund 100 Stunden eine guten Rahmen f\u00fcr die Stabilisierung und Integration der traumatischen Erlebnisse. Die Therapien werden von Elterngespr\u00e4chen begleitet.<\/p>\n<p> Im Erstkontakt wird der Missbrauch vorsichtig angesprochen, damit dass Kind weiss, dass er der Therapeutin bekannt ist. Manche Kinder sprechen sofort und sehr viel dar\u00fcber, andere gar nicht. Die meisten waren zuvor bereits intensiven Befragungen ausgesetzt. Das Kind wird w\u00e4hrend der Therapie keinen weiteren Befragungen unterzogen.<\/p>\n<p> H\u00e4ufig wollen die Kinder zun\u00e4chst nicht gleichzeitig mit den Therapeutinnen improvisieren, stattdessen erh\u00e4lt diese zun\u00e4chst die Rolle des Zuh\u00f6rers. Das Kind bringt damit zum Ausdruck, dass ihm die N\u00e4he des zeitgleichen Musizierens schon zuviel ist. Musik l\u00e4sst sich besonders f\u00fcr die stabilisierenden Phasen der Therapie verwenden. Sie verdeutlicht aber auch die Qualit\u00e4t der Beziehungsstrukturen und bietet sich deshalb auch f\u00fcr die Traumaverarbeitung an. <\/p>\n<p> Die Musik erf\u00fcllt zahlreiche Funktionen. Sie bietet Wege aus der Sprachlosigkeit und Raum f\u00fcr gute und sichere Erfahrungen. Sie kann auch als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Themen dienen, die noch nicht klingen durften. Als Affektspiegelungserfahrung hilft sie, die Reflektionsf\u00e4higkeit anzubahnen. Dar\u00fcberhinaus kann sie Lebensraum f\u00fcr nutzvolle Erfahrungen und f\u00fcr die Reinszenierung von traumatisierenden Beziehungsmustern sein. <\/p>\n<p> Peter Fonagy geb\u00fchrt das Verdienst, in j\u00fcngster Vergangenheit auf die Mentalisierungsf\u00e4higkeit hingewiesen zu haben. Die F\u00e4higkeit in sich selbst und in anderen Gef\u00fchle wahrzunehmen und als psychische Ph\u00e4nomene wie Erwartungen, W\u00fcnsche, Bed\u00fcrfnisse zu begreifen, wird von ihm als Mentalisierung bezeichnet. Fonagy beschreibt die hohe Selbstreflektierungsf\u00e4higkeit als einen Schutzfaktor gegen die Einwirkung von Traumata.<\/p>\n<p> Die F\u00e4higkeit zur Selbstreflektion beginnt zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr. Eine fr\u00fche Traumatisierung bedeutet, dass das Hineinversetzen in die Welt der vertrauten Versuchsperson vermieden und verweigert werden muss. Die Einschr\u00e4nkung der Mentalisierungsf\u00e4higkeit f\u00fchrt dazu, dass die F\u00e4higkeit zum Fantasieren verloren geht. Das Wiederanstossen der Selbstreflektion ist deshalb ein wesentliches therapeutisches Ziel. Die Musik bietet da einen Handlungsspielraum an, in dem gespielt und probegehandelt werden kann. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 260px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2006\/061029storz.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Dorothee Storz, Musik- und Psychotherapeutin, Lehrt\u00e4tigkeit an der Universit\u00e4t f\u00fcr Musik und Darstellende Kunst Wien.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <strong>Dorothee Storz: \u00abDen Krieg verkraften mit musiktherapeutischen Mitteln\u00bb<\/strong><\/p>\n<p> Von einem psychosozialen Projekt mit Kindern in der kriegsversehrten bosnischen Hauptstadt Sarajewo, das sie 1997 w\u00e4hrend eines Jahres als Supervisorin begleitet hat, berichtet die Musiktherapeutin Dorothee Storz. Dabei sollten kriegstraumatisierte Schulkinder bei der Bew\u00e4ltigung ihrer Erlebnisse unterst\u00fctzt werden. Sie sollten den eigenen Wahrnehmungen wieder vertrauen k\u00f6nnen und sich zutrauen, diese auch mitzuteilen. Es handelte sich um Sch\u00fcler aus den ehemaligen Frontliniengebieten \u2013 die meisten Fl\u00fcchtlinge oder Vertriebene. <\/p>\n<p> Die Umgebungsbedingungen in Sarajewo waren allerdings ausgesprochen karg. Es gab fast nichts an Instrumenten, und auch der Blick aus dem Fenster offenbarte vor allem Zerst\u00f6rung. Plakate warnten vor den in der Gegend allgegenw\u00e4rtigen Minen.<\/p>\n<p> Die Gruppen umfassten zehn bis zw\u00f6lf Kinder. In jeder Stunde wurden Entspannungs\u00fcbungen gemacht, an denen sich die Kinder ernsthaft interessiert zeigten. Den meisten tat es gut, zu sp\u00fcren, dass andere Kinder \u00e4hnliche Reaktionen zeigten wie sie selber. Dies vermittelte ein Gef\u00fchl der Normalit\u00e4t. Wenn es m\u00f6glich war, \u00fcber die Ereignisse zu sprechen, konnte eine Chronologie der Geschehnisse entstehen, die das Gef\u00fchl vermittelte, das Problem wieder unter Kontrolle zu haben. <\/p>\n<p> Storz weist wie Besser darauf hin, dass die Geschichte eines traumatischen Erlebnisses h\u00e4ufig nicht als Erz\u00e4hlung mitteilbar ist, sondern sich in Form fragmentarischer Symptome \u00e4ussert. Diese lassen sich in drei Gruppen einteilen: \u00dcbererregung, Intrusion und Erstarrung. \u00dcbererregung zeigt sich darin, dass ein Mensch nach einem traumatischen Erlebnis in einem st\u00e4ndigen Alarmzustand zu verharren scheint. Intrusion wiederum bezeichnet die sich ungewollt aufdr\u00e4ngenden Erinnerungen, lange nachdem die Gefahr vorbei ist: Das schreckliche Ereignis wird immer wieder so erlebt, als ob es im Moment gerade geschehe. Es ist ins Ged\u00e4chtnis eingebrannt, und die Zeit scheint stehengeblieben. Auch die Erstarrung ist eine Form der Vermeidung als Reaktion auf die Ausweglosigkeit. <\/p>\n<p> Ein Therapiekonzept f\u00fcr Traumapatienten muss dreistufig angelegt sein. Zun\u00e4chst gilt es, die Sicherheit wiederherzustellen und das Erlebnis zu stabilisieren. Davon ausgehend kann ein Prozess der Erinnerung und des Trauerns ausgel\u00f6st werden. Darauf aufbauend kann wiederum die Neuverbindung zwischen Opfer und Gemeinschaft \u2013 die Wiedereingliederung \u2013 angegangen werden.<\/p>\n<p> <strong>Einige Fragen des Abschlusspodiums<\/strong><\/p>\n<p> In der abschliessenden Podiumsdiskussion wird aus dem Publikum zun\u00e4chst die Frage gestellt, welche Auswirkung eine st\u00e4ndige Arbeit mit Traumata auf die Therapeuten habe. Besser best\u00e4tigt, dass die sogenannte sekund\u00e4re Traumatisierung von Helfern ein wichtiges Thema sei. Wenn er jeden Tag mit f\u00fcnf traumatisierten Menschen arbeite, m\u00fcsse auch er darauf achten, was das bei ihm f\u00fcr Bilder hinterlasse. Die Ressourcentechniken, die man den Patienten beibringe, m\u00fcsse man auch selber anwenden. Wenn man darauf nicht achte, blieben im Hirn die klassischen Traumareaktionen \u00fcbrig. Es komme zum Burn-out, zum sogenannten \u00abMitgef\u00fchl-Ersch\u00f6pfungssyndrom\u00bb. Strehlow weist darauf hin, dass Supervision, Theoriebildung und ein funktionierendes Team wichtig seien, um selber den Boden nicht zu verlieren.<\/p>\n<p> Auf die Frage, wie man Traumaarbeit mit Migranten aufnehmen k\u00f6nne, deren Sprache man nicht spreche und die einen andern kulturellen Hintergrund h\u00e4tten, erkl\u00e4rt Besser, dass ein Dolmetscher unerl\u00e4sslich sei. Zur Integration von Traumata sei neben dem Affekt und dem K\u00f6rper unbedingt auch die Kognition gefordert. Ohne eine sprachliche Verst\u00e4ndigung sei eine solche Arbeit deshalb undenkbar. Ein Dolmetscher geh\u00f6re immer an die Seite des Therapeuten und m\u00fcsse eins zu eins \u00fcbersetzen, was durchaus nicht immer der Fall sei. Auch Hans-Georg Kopp, der leitende Arzt der Psychosomatik in Bellikon, r\u00e4umte ein, dass die Arbeit ohne sprachliche Verst\u00e4ndigung schwierig ist. Es braucht dabei erst recht eine relative soziale Stabilit\u00e4t, die bei traumatisierten Migranten oft ebenfalls nicht gegeben sei. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\"><em>\u00abMusiktherapie und Traumatologie\u00bb, Fachtagung an der Schweizer Rehaklink Bellikon, Freitag, 22. September 2006<\/em> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>29.09.2006 An der Schweizer Rehaklinik Bellikon hat sich eine Tagung mit hochkar\u00e4tigen Referenten und Referentinnen mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-76","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musiktherapie","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=76"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/76\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=76"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=76"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=76"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}