{"id":765,"date":"2014-01-12T09:39:33","date_gmt":"2014-01-12T09:39:33","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/kastraten-und-falsettisten\/"},"modified":"2014-01-12T09:39:33","modified_gmt":"2014-01-12T09:39:33","slug":"kastraten-und-falsettisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/kastraten-und-falsettisten\/","title":{"rendered":"Kastraten und Falsettisten"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2013\/kastr26213.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>24.08.2013 &#8212; 500 Seiten zum Thema hohe M\u00e4nnerstimmen, 500 Seiten \u00fcber Kastraten und Falsettisten in der Musikgeschichte. Eine Sache zum G\u00e4hnen? Mitnichten, wenn sich eine Kapazit\u00e4t wie Corinna Herr der Sache annimmt, denn die Lekt\u00fcre ihres Buches (die \u00fcberarbeitete Version ihrer 2009 von der Historischen Fakult\u00e4t der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum als Habilitationsschrift angenommenen Arbeit) erweist sich als in der Breite wie der Tiefe, in L\u00e4ngs- und Querschnitt massgebende Darstellung eines Ph\u00e4nomens, das in den Bereichen Kirchenmusik und Oper und sp\u00e4ter auch in der Rock- und Popmusik seine Wirkung entfaltet, gesangs\u00e4sthetische Diskurse animiert und St\u00fcrme der Begeisterung wie der Entr\u00fcstung entfacht hat. <\/p>\n<p> Sopranisten \u2013 M\u00e4nner, die mit der Kopfstimme, dem Falsett, singen, und andrerseits Kastraten, deren Geschlechtsreife operativ verhindert wurde \u2013 hinterliessen in der Musikgeschichte des hier in den Fokus genommenen westeurop\u00e4ischen Raums markante Spuren. Kastraten, erstmals nachgewiesen in der italienischen Sp\u00e4trenaissance, feierten ihre hohe Zeit zwischen 1680 und 1780 \u2013 einer der letzten Kastraten, Alessandro Moreschi, S\u00e4nger der p\u00e4pstlichen Kapelle, starb 1922; er ist der einzige seiner einst hoch angesehenen Zunft, von dem Tonaufnahmen vorliegen. <\/p>\n<p> Nat\u00fcrlichkeit gegen Unnat\u00fcrlichkeit im Kunstgesang: W\u00e4hrend die Falsett-Stimme im historischen Diskurs als k\u00fcnstlich und unnat\u00fcrlich, als Zeichen der Unm\u00e4nnlichkeit galt (voce finta), wurde die Stimme des Kastraten als nat\u00fcrlich angesehen (soprano naturale), weil er die hohen T\u00f6ne mit Brust- und Kopfstimme produziert. Dem Ph\u00e4nomen dieser hohen M\u00e4nnerstimmen geht Corinna Herr Schritt f\u00fcr Schritt vom Mittelalter \u00fcber die Renaissance bis in die Gegenwart nach, in der Kirchenmusik, auf B\u00fchne und Podium, im Ensemble und solo. <\/p>\n<p> Theorie und Anwendung, sakrale und s\u00e4kulare Gesangsmusik sind in dieser weit ausgreifenden Untersuchung verzahnt: Die Autorin verbindet zeitgen\u00f6ssische Gesangstraktate mit der Analyse von Musik, die eigens f\u00fcr hohe M\u00e4nnerstimmen komponiert wurde; in Exempeln (viele visualisiert durch Notenbeispiele) kl\u00e4rt sie Fragen der historischen Besetzungs- und Auff\u00fchrungspraxis, zieht gesangs\u00e4sthetische \u00c4usserungen und Rezeptionszeugnisse bei. <\/p>\n<p> Sie verfolgt den Wandel des Geschmacks durch die Epochen, beschreibt die Gleichzeitigkeit von Falsetts\u00e4ngern und Kastraten in der p\u00e4pstlichen S\u00e4ngerkapelle und am Hof der Wittelsbacher in M\u00fcnchen im 16. Jahrhundert, schl\u00e4gt den Bogen von der Verbindung von M\u00e4nnlichkeit und Virtuosit\u00e4t mit Blick auf Partien der italienischen und der franz\u00f6sischen Oper im 17. und 18. Jahrhundert \u00fcber die Falsettisten im 20. Jahrhundert in der sog. E-Musik bis zu den Falsettisten in der Pop-Musik, thematisiert die Diskussionen der Gender Studies, reflektiert kritisch fr\u00fchere und aktuelle Publikationen zum Thema, entlarvt Stereotype und Pauschalisierungen. <\/p>\n<p> Im Anhang finden sich eine umfangreiche Bibliografie (Notendrucke und -manuskripte, Ton- und Bilddokumente, Literatur), ein Verzeichnis der konsultierten Internet-Seiten und das Personenregister. <\/p>\n<p> Corinna Herr ist eine magistrale, vielseitige, auch kulturwissenschaftliche und sozialpolitische Aspekte einbeziehende Studie zum Thema hoch singender M\u00e4nner in Geschichte und Gegenwart zu verdanken, spannend zu lesen und ohnehin eine Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr alle, die sich aus beruflicher Perspektive mit dem Thema auseinandersetzen m\u00fcssen. <\/p>\n<p> <strong><em>Zitat aus dem Buch: <\/em><\/strong><br \/> Die Diskussion um die \u00abOrdnungen der Natur\u00bb im Kunstgesang und der hohen m\u00e4nnlichen Stimme steht paradigmatisch f\u00fcr einen gesangs\u00e4sthetischen Diskurs, der mit der Diskussion um die Falsettisten am Ende des 20. Jahrhunderts einen neuen H\u00f6hepunkt erreicht. Tats\u00e4chlich ist die Kategorie Natur eine Konstante im Diskurs der hohen M\u00e4nnerstimme. Sie beziehen sich \u2013 wie gezeigt \u2013 nur in einem geringen Ma\u00df auf die K\u00f6rper, sondern insbesondere auf die Stimme der S\u00e4nger. Die Ordnungen der hier angef\u00fchrten \u00abNatur\u00bb sind allerdings ebenfalls vom Menschen bestimmt und definiert und erscheinen deshalb nicht weniger artifiziell als Urteile \u00fcber die Stimmen und den \u00abKunstgesang\u00bb. (Seite 508f.) <br \/> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Corinna Herr: Gesang gegen die \u00abOrdnung der Natur\u00bb? Kastraten und Falsettisten in der Musikgeschichte. B\u00e4renreiter-Verlag, Kassel 2013. 556 Seiten. Mit Notenbeispielen. \u20ac 49,95. Fr. 64.40. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24.08.2013 &#8212; 500 Seiten zum Thema hohe M\u00e4nnerstimmen, 500 Seiten \u00fcber Kastraten und Falsettisten in der Musikgeschichte. 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