{"id":766,"date":"2014-01-12T09:40:04","date_gmt":"2014-01-12T09:40:04","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/vollkommenes-haelt-sich-fern\/"},"modified":"2014-01-12T09:40:04","modified_gmt":"2014-01-12T09:40:04","slug":"vollkommenes-haelt-sich-fern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/vollkommenes-haelt-sich-fern\/","title":{"rendered":"Vollkommenes h\u00e4lt sich fern"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2013\/130826vollkommenes.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>28.08.2013 &#8212; \u00c4sthetische Bildung. Wird heute ihr Niedergang beklagt? Sicher ist, die Schule \u2012 speziell die Grundschule \u2012 betrachtet das Vermitteln von Kulturtechniken der k\u00fcnstlerischen Auseinandersetzung mit der Welt nicht mehr als selbstverst\u00e4ndliche Pflicht. Ist Kunsterziehung aber wirklich auch ein Mehr an Pers\u00f6nlichkeitsbildung eigen, das Kinder zu kultivierten B\u00fcrgern macht? Eine notwendige Voraussetzung daf\u00fcr, so etwas behaupten zu k\u00f6nnen, w\u00e4re die Existenz einer zeitlosen Dimension des \u00c4sthetischen, die dem deutschen Idealismus auch noch auf den Tr\u00fcmmern rationalistischer Metaphysik m\u00f6glicherweise selbstverst\u00e4ndlich schien. Im heutigen durch und durch s\u00e4kularen Weltbild aufgekl\u00e4rter westlicher Demokratien findet sie keinen gesicherten Platz mehr. <\/p>\n<p> Solche Fragen einmal grunds\u00e4tzlich durchdenken \u2012 auch wenn dies fern der Schul- und Bildungspraxis geschieht \u2012 ist wichtig, damit wir im sokratischen Sinne wirklich wissen, wovon wir sprechen, wenn wir heute noch humanistische Bildungsideale beschw\u00f6ren. Der Band 53 der Grazer Studien zur Wertungsforschung tut es unter dem Titel \u00abVollkommenes h\u00e4lt sich fern\u00bb. <\/p>\n<p> Dem, was wir denn meinen, wenn wir von \u00ab\u00e4sthetischer Erziehung\u00bb sprechen, geht der Philosoph Philip Alperson darin in einem Grundsatzartikel zur Musikerziehung nach. Er beleuchtet die komplexen, verwobenen Konzepte, die dazu die Basis bieten. Ausgangspunkt ist der vom kantischen Denken gepr\u00e4gte \u00e4sthetische Formalismus der interesselosen Wahrnehmung als Hauptmerkmal der \u00e4sthetischen Erfahrung, das heisst, dem \u00abGefallen an etwas allein um seiner Betrachtung willen\u00bb (176). Es kann sowohl produktiv als auch rezeptiv verstanden werden. <\/p>\n<p> Eine strenge Form des Formalismus liegt laut Alperson der Kunsterziehung in amerikanischen Schulen zugrunde (Alperson hat in den USA und Vietnam unterrichtet), ausgehend von Arthur Wesley Dows Buch <em>Composition<\/em> aus dem Jahr 1898. In der Musik legt es Gewicht auf strukturelles H\u00f6ren, das \u00aballein auf die formalen und funktionalen Beziehungen innerhalb der jeweiligen musikalischen Komposition\u00bb zielt (178). Der strenge \u00e4sthetische Formalismus bietet \u00abMusikerziehern einen klaren Unterrichtsstoff, ein standardisiertes Vokabular und eine Methodik\u00bb (179). Sie ist (das sagen nun wir, nicht Alperson) sicherlich dem Musikerziehungsideal der strukturbesessenen Neuen Musik sehr nahe, das auch heute noch, mittlerweile unter dem euphemistischen Schlagwort \u00abVermittlung\u00bb in den Schulen immer noch einen elit\u00e4ren, strukturbezogenen Bildungsanspruch durchzusetzen versucht. <\/p>\n<p> Laut Alperson hat dieses Ideal aber einen Preis: Es schliesst \u00abexpressive oder abbildende Qualit\u00e4ten der Musik und alle andern Eigenschaften, die dar\u00fcber hinaus zur aussermusikalischen Bedeutung musikalischer Werke beitragen k\u00f6nnten, vollst\u00e4ndig aus\u00bb (181). Es hat auch dogmatischen Charakter. Studierende, die sich gegen den streng formalistischen Ansatz auflehnen, werden von ihren Lehrern als \u00abnaiv und philistr\u00f6s\u00bb (181) abqualifiziert. <\/p>\n<p> Alperson bezeichnet das Ideal als praxisfremd. Er schl\u00e4gt eine erweiterte Version des \u00e4sthetischen Formalismus als philosophische Grundlage der Musikerziehung vor. Dabei beruft er sich auf eine \u00abweit verbreitete\u00bb (185) Haltung von Erziehern im Bereich der bildenden Kunst, da letztere auch extrinsischen Nutzen und kognitiven Wert besitzt und dazu verhilft, die eigene Welt besser zu verstehen. Er pl\u00e4diert deshalb f\u00fcr eine \u00ab\u00e4sthetisch-kognitivistische Sicht der Musikerziehung\u00bb (186), die davon ausgeht, dass expressive Eigenschaften der Musik auch Einsicht in menschliches Verhalten und menschliche Subjektivit\u00e4t geben (187). Musikerziehung dient so gesehen der Erziehung zu bewusster Emotionalit\u00e4t. <\/p>\n<p> Rund um den Grundsatzartikel Alperson gruppieren sich Essays und Aufs\u00e4tze zu Themen, die in diesem Kontext von Interesse sind, etwa \u00dcberlegungen des zweiten Autors Andreas Dorschel zur Sentimentalit\u00e4t, die mit unseren recht einfachen Kategorisierungen von geschmackvoller und billiger Kunst aufr\u00e4umen, sowie zahlreiche anregende Ausfl\u00fcge in die Geschichte der \u00c4sthetik, ausgehend von Hume und (nat\u00fcrlich) Baumgarten \u00fcber Schiller und Nietzsche bis zu Monroe Beardsley. <\/p>\n<p> Programmatisch f\u00fcr den Tenor des Buches ist ein Schluss aus Alpersons Er\u00f6rterung des Ph\u00e4nomens David Helfgott, des angeschlagenen ehemaligen pianistischen Wunderkindes, das trotz offensichtlicher pianistischer M\u00e4ngel (nach einer Filmbiografie) auf einer Welttournee von einem bewegten Publikum st\u00fcrmisch gefeiert worden ist. Alperson pl\u00e4diert f\u00fcr einen \u00abmeta-theoretischen Pluralismus\u00bb. Ein solcher \u00abbest\u00e4tigt zun\u00e4chst die F\u00fclle unterschiedlicher Werte, die Menschen als f\u00fcr die Kunst zentral erachten; er akzeptiert es jedoch auch als wahrscheinlich, dass einige k\u00fcnstlerische Werte miteinander in Konkurrenz stehen k\u00f6nnen und m\u00f6glicherweise unvereinbar sind\u00bb (153f). Darin klingt Goodmans nominalistischer Pluralismus von Weisen der Welterzeugung an. Ein solcher Br\u00fcckenschlag zwischen \u00c4sthetik und Erkenntnistheorie ist wegweisend. <\/p>\n<p> Der Titel des Bandes mutet etwas kryptisch an, durch ihn klingt aber eben gerade diese philosophische Grundfrage nach dem Erkenntniswert der Kunst. Dem klassischen Ideal des Strebens nach dem Sch\u00f6nen, Wahren und Guten folgend sucht sie angeblich Perfektion und Vervollkommnung. Heutzutage dekonstruiert sich diese Attit\u00fcde allerdings bloss noch selber in den Beschw\u00f6rungen von \u00abExzellenz\u00bb und \u00abPerfektion\u00bb in den Werbespr\u00fcchen von Klassikfestivals-Sponsoren aus der Finanzbranche. In der heutigen nachmetaphysischen \u00c4ra sollte Besch\u00e4ftigung mit Kunst tats\u00e4chlich in erster Linie offene und immer wieder revidierbare Auseinandersetzung mit sinnlichen Erfahrungen sein. <\/p>\n<p> Die metaphysische Festigkeit zeigt sich heute m\u00f6glicherweise in der Aneignung des k\u00fcnstlerischen Handwerks, das zeitlose formale Aspekte der \u00c4sthetik widerspiegelt. Die Modernit\u00e4t wiederum \u00e4ussert sich in der Anbindung an den Zeitgeist der emotionalen Lebendigkeit ihrer Inhalte. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Philip Alperson\/Andreas Dorschel: Vollkommenes h\u00e4lt sich fern. \u00c4sthetische Ann\u00e4herungen. Studien zur Wertungsforschung 53, Universal-Edition 26853, Wien, London, New York 2012, ISBN 978-3-7024-7146-0. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>28.08.2013 &#8212; \u00c4sthetische Bildung. Wird heute ihr Niedergang beklagt? Sicher ist, die Schule \u2012 speziell die Grundschule \u2012 betrachtet das&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-766","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/766","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=766"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/766\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=766"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=766"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=766"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}