{"id":769,"date":"2014-01-12T11:34:17","date_gmt":"2014-01-12T11:34:17","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/mozarts-requiem\/"},"modified":"2014-01-12T11:34:17","modified_gmt":"2014-01-12T11:34:17","slug":"mozarts-requiem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/mozarts-requiem\/","title":{"rendered":"Mozarts Requiem"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">27.03.2003 &#8212; Nicht erst die Umsetzung seiner Entstehungsgeschichte im Film \u00abAmadeus\u00bb hat Mozarts Requiem im Bewusstsein des Publikums zu einem mit der Lebensgeschichte seines Sch\u00f6pfers verwobenen Bekenntnis gemacht. Schon 1932 schreibt Friedrich Blume in seinem Werkkommentar, dass das Requiem \u00abimmer von einem ganz eigenen Nimbus umgeben\u00bb gewesen sei. Die Assoziationen, die es wachruft, lassen denn auch eher auf ein thematisch dem Sterben gewidmetes, dramatisches Werk schliessen, als auf eines, das zur Erinnerung an die Toten aufgef\u00fchrt wird. Der Aufmerksamkeit, die der spektakul\u00e4ren Entstehungsgeschichte entgegengebracht wird, wohnt die Gefahr einer Reduktion auf die Individualgeschichte eines Genies mit sich. Mozarts letzte Sch\u00f6pfung zeugt jedoch auch von einem markanten, musikgeschichtlich bedeutungsvollen Funktionswandel einer liturgischen Form.<\/p>\n<p> Die katholische Kirchenmusik der Barockzeit ist g\u00e4nzlich gepr\u00e4gt von den Bestimmungen des Tridentiner Konzils, die in der f\u00fcr die fr\u00fche Wiener Klassik wegweisenden Enzyklika \u00abAnnus qui\u00bb 1749 ihre Bekr\u00e4ftigung erfahren: Die \u00abMissa pro defunctis\u00bb, wie das Requiem eigentlich richtig heisst, wurde zu Allerseelen ausserhalb des \u00fcblichen liturgischen Tagesablaufes f\u00fcr die Toten aufgef\u00fchrt und besass einen rein kirchlichen, auf das \u00dcberpers\u00f6nlich-G\u00f6ttliche hindeutenden Charakter. Erst mit der \u00abVernunftreligion\u00bb der Aufkl\u00e4rung beginnt sich der geistige Gehalt der Form zu \u00e4ndern. Die Kirchenmusik wandelt sich im allgemeinen, \u00f6ffnet sich der Subjektivit\u00e4t der Empfindung und erh\u00e4lt eine neue Aufgabe: Sie soll helfen, die Tugend und die menschliche Gl\u00fcckseligkeit zu f\u00f6rdern. Dem Requiem kommt in dieser Entwicklung insofern eine besondere Stellung zu, als seine Texte sich f\u00fcr eine expressive Umsetzung besonders eignen. Immer h\u00e4ufiger auch werden spezielle, f\u00fcr bestimmte Personen komponierte Requien. Damit aber r\u00fcckt f\u00fcr die Sch\u00f6pfer von Totenmessen das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit ins Zentrum des Interesses und damit die Notwendigkeit, sich nicht mehr blind von den Dogmen der Kirche f\u00fchren zu lassen, sondern sich die Heilswahrheiten der Kirche auch innerlich zu eigen zu machen. Nicht zuf\u00e4lligerweise stehen im Schaffen Mozarts die \u00abZauberfl\u00f6te\u00bb mit ihren freimaurerischen Motiven und das Requiem direkt nebeneinander; nat\u00fcrlich sind sie gerade \u00fcber die aufkl\u00e4rerischen Ideen der Vernunft und des humanistischen Ideals verbunden.<\/p>\n<p> Mozarts Requiem markiert so den Wendepunkt der Gattung weg von der rein liturgischen und \u00fcberpers\u00f6nlichen Funktion hin zu einer Auseinandersetzung mit Fragen der Existenz, die nicht mehr an das kirchlich-religi\u00f6se Leben gebunden ist. Die grossen Werke von Berlioz, Rossini, Faur\u00e9 und anderen treiben die S\u00e4kularisierung weiter voran; schon das \u00abDeutsche Requiem\u00bb von Brahms kann nicht mehr vorbehaltlos als christliches betrachtet werden. Mit der Emanzipation des Inhaltes geht auch ein L\u00f6sung vom traditionellen Text einher. Brittens 1962 uraufgef\u00fchrtes \u00abWar Requiem\u00bb nimmt in dieser Hinsicht eine Zwischenstellung ein. Aber bereits Hindemiths 1946 entstandenes \u00abRequiem \u2013 F\u00fcr die, die wir lieben\u00bb wendet sich ganz entschieden von der kirchlichen Symbolwelt ab. Mischformen von Reqiuem und Sinfonie entstehen, zum Beispiel Karl Amadeus Hartmanns \u00abVersuch eines Requiems\u00bb. In letzter Konsequenz schliesslich ger\u00e4t der Titel zum reinen Stimmungs- und Inhaltsklischee; als solches kann es ebensogut Teile einer elektronischen Montage (Berio) bezeichnen, wie auch reine Instrumentalmusik. <em>(wb)<\/em><br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>27.03.2003 &#8212; Nicht erst die Umsetzung seiner Entstehungsgeschichte im Film \u00abAmadeus\u00bb hat Mozarts Requiem im Bewusstsein des Publikums zu einem&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-769","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/769","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=769"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/769\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=769"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=769"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=769"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}