{"id":77,"date":"2014-01-06T10:58:38","date_gmt":"2014-01-06T10:58:38","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-und-medizin-in-bellikon\/"},"modified":"2014-01-06T10:58:38","modified_gmt":"2014-01-06T10:58:38","slug":"musiktherapie-und-medizin-in-bellikon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/musiktherapie-und-medizin-in-bellikon\/","title":{"rendered":"\u00abMusiktherapie und Medizin\u00bb in Bellikon"},"content":{"rendered":"<p>29.09.2005<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Das Forum Musiktherapeutischer Weiterbildung Schweiz und die Schweizer Rehaklinik Bellikon haben zu einer stark beachteten Fachtagung zum Thema \u00abMusiktherapie und Medizin\u00bb eingeladen. In Referaten und Workshops ist man den M\u00f6glichkeiten und Grenzen der Therapieform im klinischen Umfeld nachgegangen.<\/strong><\/p>\n<p> Geleitet worden ist das vom Pianisten Max D\u00fcbendorfer musikalisch umrahmte Programm der Tagung von Hans Georg Kopp, dem leitenden Arzt der Psychosomatik der Rehaklinik Bellikon, und dem ebenfalls in Bellikon t\u00e4tigen Musiktherapeuten Joachim Marz als Vertreter des Forums Musiktherapeutischer Weiterbildung.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; <br \/><strong>Die Weblinks<\/strong><br \/> Rehaklinik Bellikon:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.rehabellikon.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.rehabellikon.ch<\/a><br \/> Forum Musiktherapeutischer Weiterbildung Schweiz:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.fmws.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.fmws.ch<\/a> <br \/> Musiktherapie in Hamburg:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.rrz.uni-hamburg.de\/musikmed\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.rrz.uni-hamburg.de\/musikmed<\/a> <br \/> &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> In seiner Begr\u00fcssung stellt Kopp den Tagungsort vor. Es handelt sich um eine Rehaklinik der Suva, die 1974 gegr\u00fcndet worden ist. Die Suva ist ein finanziell unabh\u00e4ngiges Unternehmen des \u00f6ffentlichen Rechts und versichert rund 1,8 Millionen Berufst\u00e4tige und Arbeitslose gegen die Folgen von Unf\u00e4llen und Berufskrankheiten. In den versicherten Branchen, wie zum Beispiel Bau und Industrie finden sich sehr viele Migranten. Sie machen einen Grossteil der Klienten der Klinik aus, was auch Einfluss auf das Angebot im Bereich der Musik- und Maltherapie hat. Diese wiederum sind der Abteilung f\u00fcr Psychosomatik angegeliedert. Mit ihrer Hilfe wird interdisziplin\u00e4r die Behandlung von Patienten w\u00e4hrend der Rehabilitation sekundiert. <\/p>\n<p> Von der Psychosomatik werden etwa zwei Drittel der Patientinnen und Patienten der Klinik begleitet. Die Arbeit ist durchaus leistungsorientiert, das hiesst, das Ziel ist es, die Betroffenen nach M\u00f6glichkeit wieder zur\u00fcck zur Arbeit zu f\u00fchren. In diesem Rahmen werden Abkl\u00e4rungsgespr\u00e4che durchgef\u00fchrt, die je nach Indikation eine Musik- oder Maltherapie nahelegen, etwa wenn zu einem Migranten der direkte sprachliche Zugang f\u00fcr eine Therapie nicht m\u00f6glich ist und sich f\u00fcr eine Rehabilitation auf diesem Weg Ressourcen finden und nutzen lassen. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table style=\"width: 380px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Hans-Helmut Decker-Voigt: \u00abDie Zukunftsaussichten der Musiktherapeuten sind intakt\u00bb. <\/strong><\/span><\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/050927Decker.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><strong>Hans-Helmut Decker-Voigt<\/strong><br \/> <em>\u00abSo k\u00e4mpfet denn Ihr muntren T\u00f6ne&#8230;\u00bb<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Im Zentrum des Referates des Leiters der Abteilung Musiktherapie an der HMT Hamburg stehen die Musik und ihre Funktion, das heutige Verst\u00e4ndnis von Musiktherapie und schliesslich die Finanzierung des \u00abOrchideenfaches\u00bb Musiktherapie. <\/p>\n<p> Musik hat <em>Signalfunktion<\/em>. Sie wird dadurch zum Symbol. Dies wird deutlich, wenn Patienten ihre Lebenssituation musikalisch schildern, und zwar wie sie diese aktuell empfinden. Die Musik entspricht in diesem Fall einem Auschnitt aus einem Leben. <\/p>\n<p> Musik kann aber auch <em>Komplement\u00e4rfunktion<\/em> haben, wenn sie zum Ausdruck bringt, welches Leben nicht gelebt, sondern gew\u00fcnscht oder ersehnt w\u00fcrde. Schliesslich kann Musik auch eine dritte Ebene, n\u00e4mlich eine <em>kompensatorische<\/em> ansprechen. <\/p>\n<p> In fr\u00fcheren Ans\u00e4tzen sind allgemeine L\u00f6sungen f\u00fcr spezielle Probleme entwickelt worden, etwa Musik zur Angstverminderung im Umfeld von Operationen oder im Wartezimmer von Arztpraxen, die auf Patienten nicht individuell zugeschnitten waren. Im Gegensatz dazu erschliessen tiefenpsychologische Ans\u00e4tze der Musiktherapie die Funktionen in Form individualisierter Zug\u00e4nge zum musikalischen Ausdruck. Da k\u00f6nnen \u00dcbertragung und Gegen\u00fcbertragung im tiefenpsycholgischen Sinne stattfinden. Auch in der Schulmedizin wird Musik in der Therapie heute in individualisierter Form verwendet. Nach einem Wort Martin Bubers kann man sie als das Maximum von Investition der eigenen Wahrnehmung zur Einstellung auf das Gegen\u00fcber verstehen. <\/p>\n<p> Die Zukunft der Medizin ist allerdings gepr\u00e4gt von einer Minimalisierung der Erstattungsleistungen, einer Reglementierung von Erneuerung, einer erdr\u00fcckenden Internationalisierung, der Begrenzung der \u00f6ffentlichen Ausgaben bei gleichzeitiger radikaler \u00f6ffentlicher Kontrolle sowie einer Privatisierung und Individualisierung von Leistungen. Unter dem \u00f6konomischen Druck sind deshalb wieder die \u00e4lteren Muster einer Therapie in automatisierter Form\u2013 etwa durch Computerprogramme \u2013 absehbar. Hier kann man etwa die \u00dcberzeugung des Sch\u00f6pfers des japanischen Unterhaltungsroboters Aibo zitieren, der meint, der Robotertherapeut werde ein \u00abGegenstand des Gl\u00fccks\u00bb. Er werde mehr Seelenfrieden bringen als der Mensch.<\/p>\n<p> Derartige automatisierte Modelle der Therapie werden auch im deutschen Internet bereits angeboten \u2013 in Begleitung einer abrufbaren pers\u00f6nlichen Beratung mit einer Sozialtherapeutin im Rahmen eines monatlichen Abonnements. Die beiden gr\u00f6ssten Unterhaltungskonzerne Deutschlands haben diese Programme gekauft und in Hamburg angefragt, ob man an ihrer Weiterentwcklung mitarbeiten wolle, was der Referent allerdings abgelehnt hat. <\/p>\n<p> Die Zukunftsaussichten der Musiktherapeuten sind aber intakt. Je mehr die Hochtechnologie die Medizin durchdringt, umso mehr wird das Bed\u00fcrfnis nach solchen Therapieformen steigen, die der Patient auch mehr und mehr selber zu zahlen bereit sein wird. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"204\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/050927Johannes.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> S\u00f6nke Johannes: \u00abDas System der Musikverarbeitung ist nicht homogen.\u00bb <\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><strong>S\u00f6nke Johannes<\/strong><br \/> <em>Musiktherapie aus Sicht der Neurowissenschaft und Neurologie<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Die Musik- und die Wortverarbeitung sind zwei unterschiedliche neuronale Systeme. Dies scheint sich an der Existenz von Personen mit Hirnsch\u00e4digungen zu zeigen, die \u00fcber eingeschr\u00e4nkte Sprach- aber nicht eingeschr\u00e4nkte Musikverarbeitungsf\u00e4higkeiten und umgekehrt verf\u00fcgen. <\/p>\n<p> Das System der Musikverarbeitung ist nicht homogen und verf\u00fcgt \u00fcber Submodule. Drei Grundvoraussetzungen charakterisieren es: Erstens fokussiert es speziell auf die Musik, alle f\u00fcr die Musik relevanten Informationen sind darin kodiert, und es ist als Netzwerk nachweisbar. Peretz und Coltheart (\u00abModularity of music processing\u00bb, Nature Neuroscience 6, 2003, Seiten 688-691) haben auf Basis von Patientenbeschreibungen ein Modell eines solchen Netzwerkes entwickelt. <\/p>\n<p> Die Vorg\u00e4nge im Hirn bei der Musikverarbeitung werden heute \u00fcberwiegend mit Kernspintomographen beobachtet. Dabei werden die Ver\u00e4nderungen der Blutzufuhr einzelner Hirnregionen registriert. Die Methode basiert auf einem Vergleich eines Ruhezustandes mit einem Zustand der Erregung, was die Interpretation relativ schwierig macht. <\/p>\n<p> Die Vorstellung von Musik ist im Experiment vor allem im rechten Frontal- und Temporalbereich lokalisierbar. Beim Musikh\u00f6ren werden weite Bereiche im frontalen Bereich der linken und rechten Hemisph\u00e4re aktiviert, wobei individuell starke Unterschiede festzustellen sind. Interessant ist allerdings, dass bestimmte andere Bereich auch gehemmt werden. <\/p>\n<p> Emotion und Musik sind eng verkoppelt. Der Hippocampus und Teile des Temporallappens sind aktiv, wenn Musik als angenehm empfunden wird. Die Verkoppelung von Emotion und Musik zeigt sich in den direkten Reaktionen des vegetativen Nervensystems auf Musikwahrnehmung. <\/p>\n<p> Experimente zeigen \u00fcberdies, dass M\u00e4nner und Frauen Musik unterschiedlich erleben. \u00dcberraschende Verl\u00e4ufe in der Musik erregen symmetrische Bereiche des Gehirns von Frauen und rechts lateralisierte bei M\u00e4nnern. Auch zwischen Kindern und Erwachsenen lassen sich Unterschiede festmachen. Erwachsene scheinen das Arbeitsged\u00e4chtnis st\u00e4rker einzusetzen. Ebenso existieren Unterschiede zwischen Musikern und Nicht-Musikern \u2013 etwa der Bereiche der Fingermotorik. <\/p>\n<p> Neben den Funktionsunterschieden lassen sich auch anatomische beobachten. Untersuchungen zeigen etwa, dass eine dauerhafte Verst\u00e4rkung des Balkens \u2013 der Verbindung zwischen linker und rechter Hirnh\u00e4lfte \u2013 oder des Sulcus centralis \u2013 der zentralen Furchung des Hirns \u2013 zu beobachten ist, wenn vor dem siebten Lebensjahr ein Musikstudium aufgenommen worden ist. <\/p>\n<p> Auffallend ist, dass Schlaganfall-Patienten selten \u00fcber eine Beeintr\u00e4chtigung der Musikverarbeitung klagen, wohingegen Probleme der Verarbeitung von Sprache h\u00e4ufig sind. Trotzdem finden sich partielle Ausf\u00e4lle, etwa Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung von Tonh\u00f6he. Auffallende Unterschiede zeigen sich abh\u00e4ngig von der Hirnh\u00e4lfte. Bei einer Sch\u00e4digung der rechten H\u00e4lfte ist vor allem die Verarbeitung von Metrum und Rhythmus beeintr\u00e4chtigt, bei einer solchen der linken zeigen sich eher Schwierigkeiten in der korrekten Erfassung von Tonh\u00f6he. Auch expressive Funktionen sind bei Schlaganfallpatienten h\u00e4ufig gest\u00f6rt. <\/p>\n<p> In der klinischen Rehabilitation kann mit Musiktherapie bei der emotionalen Stabilisation, der Stimulation schwer Hirngesch\u00e4digter und bei der motorischen Rehabilitation Erfolg erzielt werden. Bei letzterer kann aktives Musizieren als Feedbacksystem dienen, etwa in der R\u00fcckgewinnung der Koordination von linkem und rechtem Arm. <\/p>\n<p> Bei der Stimulation schwer Hirngesch\u00e4digter ist die Wirksamkeit sehr schwer feststellbar; es existieren denn auch widerspr\u00fcchliche empirische Befunde. Bei Patienten mit traumtischer Hirnverletzung ist eine Ver\u00e4nderung der Wachheit feststellbar, bei Patienten mit Schlaganfall ist hingegen kein Effekt beobachtbar. Bei den Traumapatienten kann allerdings bezweifelt werden, dass der Effekt auf die Arbeit mit der Musik zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, weil sich ihre Wachheit auch ohne eine solche Behandlung \u00e4ndert. Im Fall der posttraumatischen Amnesie wiederum k\u00f6nnen sich Patienten interessanterweise daran erinnern, welche Musik sie fr\u00fcher geh\u00f6rt haben. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table style=\"width: 380px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Peter Hess: \u00abDie Musiktherapie dient zum St\u00e4rken von Ressourcen\u00bb. <\/strong><\/span><\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/050927Hess.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><strong>Peter Hess<\/strong><br \/> <em>Musiktherapie bei seelischen Erkrankungen<\/em><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Wenn ein Patient in der Psychiatrie mit einer akuten Psychose aufgenommen wird, dann braucht er ein anderes Setting als sp\u00e4ter in der Behandlung. Aus diesem Grund sind in der Klinik Metznerpark, in welcher der Referent t\u00e4tig ist, diese Bereiche getrennt. In der Gemeindepsychiatrie wird wiederum ein anderer Weg begangen: Da wird versucht, k\u00f6rperlich und psychisch Kranke gleich zu behandeln. <\/p>\n<p> Die Musiktherapie dient im psychiatrischen Umfeld zum Finden oder St\u00e4rken von Ressourcen. Viele Menschen entdecken da \u00fcberrascht, welche F\u00e4higkeiten sie \u00fcberhaupt haben, dass sie Trommeln k\u00f6nnen, dass sie einfache Instrumente sehr gut spielen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> Genutzt werden zum grossen Teil archaische Instrumente, die erfahrungsgem\u00e4ss eine besondere Ausstrahlung haben und deren Kl\u00e4nge speziell ber\u00fchren. Der Klang des Digeridoo zum Beispiel hat \u00c4hnlichkeiten mit Darmger\u00e4uschen. Wer mit einem Stethoskop den eigenen Bauch abh\u00f6rt, dem f\u00e4llt auf, welche Tonvielfalt und welche Kl\u00e4nge da zu h\u00f6ren sind. Am eindrucksvollsten sind aber sicherlich die grossen japanischen Krafttrommeln. Von den neueren Instrumenten ist das Wichtigste das Monochord, speziell in seiner von Joachim Marz entwickelten Form, die europ\u00e4ische, indische und ostasiatische Aspekte vereint. <\/p>\n<p> Mit diesen Instrumenten erreicht man auch Menschen, die unterschiedlichen Kulturkreisen angeh\u00f6ren. Man hat ja auch immer h\u00e4ufiger Patienten, die aus verschiedenen Sprach- und Kulturkreisen kommen. Mit diesen findet sich in diesen archaischen Bereichen eine gemeinsame Basis. <\/p>\n<p> In der freien Improvisation kann beobachtet werden, dass ein Patient umso mehr Chaos aush\u00e4lt, je ges\u00fcnder er ist. In der Improvisation wird in der Pf\u00e4lzer Klinik zum Beispiel eine \u00abTischtrommel-Konferenz\u00bb durchgef\u00fchrt, bei der die Teilnehmenden eine Trommel, die so gross ist wie ein Tisch, im Rund gemeinsam schlagen. Da lassen sich Gruppenprozesse oder Familienstrukturen studieren. <\/p>\n<p> Ein Mittel, das ebenfalls eingesetzt wird, ist der Klangstuhl. Patienten f\u00e4llt es schwer sich auf die bekanntere Klangliege einzulassen, die sie vom Boden trennt und bei welcher der Therapeut unter ihnen agiert. Im Stuhl hat der Patient die M\u00f6glichkeit, die F\u00fcsse auf dem Boden zu behalten. <\/p>\n<p> Eine andere Therapieform ist die Morgenmusik, die in Frankenthal im Treppenhaus stattfindet, weil dort der beste Klang ist. Da wird auf einem festgelegten Grundton mit einer festgelegten Skala improvisiert, dazu l\u00e4uft eine elektrische Tambura, die den Boden gibt. Die Gruppe beginnt mit gemeinsamem Gesang. Am Schluss wird besprochen, was sich ereignet hat und wo jeder war und welche Fantasien aufgetaucht sind. <\/p>\n<p> Das haupts\u00e4chliche therapeutische Verfahren ist das Gongritual, das Erfahrungen der Aufl\u00f6sung des Ichs thematisiert. Es ist sehr strukturiert und findet w\u00f6chentlich statt. Dazu gibt es ein empirisch entwickeltes Setting: Es braucht eine freiwillige Teilnahme. Man muss bereit sein, sich darauf einzulassen. Eine Gruppe umfasst bis zu zw\u00f6lf Patienten. Das Interesse ist gross, und ab und zu m\u00fcssen Patienten auch einsehen, dass das Ritual f\u00fcr sie nicht geeignet ist. <\/p>\n<p> Vor dem Ritual wird eine aktive Yoga-\u00dcbung durchgef\u00fchrt, die den K\u00f6rper bewusst macht und auf die Kl\u00e4nge vorbereitet, dann werden die Instrumente und die Teilnehmer eingestimmt, darauf folgt eine Klangtrance und deren R\u00fccknahme. Die Stunde, die noch bleibt, dient dazu, das Erlebte zu integrieren. Es geh\u00f6rt auch dazu, sich einen Tag danach noch einmal hinzusetzen und sich zu \u00fcberlegen, was man weshalb erlebt hat.<\/p>\n<p> Solche Therapieformen sind f\u00fcr Menschen indiziert, die psychotische Zust\u00e4nde erlebt haben \u2013 etwa durch psychoaktive Substanzen oder durch posttraumatische Zust\u00e4nde \u2013 und nicht in der Lage sind, diese in ihre Gesamterfahrung zu integrieren. Gewisse Vorsicht gilt es hingegen walten zu lassen bei schweren depressiven Episoden, aber auch bei Missbrauchsopfern, bei denen das Erlebte noch sehr im Vordergrund steht.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 300px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/050927podium.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\">Das Podium (v.l.n.r): Johannes, Voigt, Hess, Susanne Bossert und Martin Kutterer (beides Workshopleiter), Kopp.<\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><strong>Fragen ans abschliessende Podium<\/strong><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Wie geht der Musiktherapeut mit Zielsetzungen der Klinik, der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Gefahr der Manipulation oder der Instrumentalisierung der systematischen Therapie um?<\/em><\/p>\n<p> <strong>Kopp:<\/strong> In Bellikon haben wir es mit schwierigen Patienten zu tun, die man auch kaum manipulieren k\u00f6nnte. Es geht vielmehr darum, \u00fcberhaupt einmal einen Prozess anzustossen. <\/p>\n<p> <strong>Hess:<\/strong> Die Gefahr der Manipulation sehe ich eher, wenn es um die Interessen der Pharmaindustrie geht. <\/p>\n<p> <strong>Decker-Voigt:<\/strong> Von Manipulation kann man nur sprechen, wenn eine f\u00fcr das Opfer unbewusste Einflussnahme erfolgt. Instrumentalisierung verbinde ich hingegen mit einer Bewusstseinshaltung. Letzteres ist etwa der Fall, wenn in Deutschland von der Politik drei neue Lehrst\u00fchle f\u00fcr Musiktherapie geschaffen werden, um im Volk gute Stimmung zu machen. Dagegen habe ich gar nichts einzuwenden, weil es ja auch uns dient. Manipulation \u2013 also f\u00fcr den Patienten nicht als solche bemerkbare Beeinflussung \u2013 geschieht hingegen eher durch uns Therapeutinnen und Therapeuten. Man muss da mit den entsprechenden Kontrollmechanismen immer wieder versuchen, eine solche zu verhindern. <\/p>\n<p> <strong>Johannes:<\/strong> Wir wollen in der Rehabilitation in bestimmten Zeitr\u00e4umen bestimmte Wirkungen erzielen. Dazu wird auch die Musiktherapie eingesetzt. Das aber als Instrumentalisierung oder Manipulation zu betrachten, scheint mir wenig sinnvoll. <\/p>\n<p> <strong>Marz:<\/strong> In Bellikon haben wir Zielsetzungsstrategien, die mit den Patienten festgelegt, laufend \u00fcberpr\u00fcft und angepasst werden. <\/p>\n<p> <strong>Kopp:<\/strong> Wir arbeiten aber nicht nach Vorgaben von aussen.<\/p>\n<p> <em>Wie benutzen Sie Methoden und Forschungsergebnisse der neurologischen Musiktherapie nach Michael Thaut und Fort Collins?<\/em><\/p>\n<p> <strong>Marz:<\/strong> In Rheinfelden gab es dazu im letzten Jahr eine Fortbildung. Das Video, das ich dort gesehen habe, hat eigentlich dem Zugang entsprochen, wie wir ihn hier suchen, im Sinne, dass man erst Mal wieder Grundfunktionen im Kontakt herstellt und M\u00f6glichkeiten der Selbstwahrnehmung erarbeitet. <\/p>\n<p> <strong>Bossert:<\/strong> Es ist eigentlich schon lange ein Teil des Arbeitens in der Musiktherapie. In Fort Collins ist explizit eine neue Methode daraus gemacht worden, die man studieren kann und die mit Tests eine \u00dcberpr\u00fcfbarkeit der Ergebnisse erlaubt. <\/p>\n<p> <em>Wenn bei der Tomographie gleichzeitig zur Aktivierung in bestimmten Hirnarealen beim aktiven H\u00f6ren eine Hemmung in andern Arealen messbar ist, welche Areale sind da betroffen?<\/em><\/p>\n<p> <strong>Johannes: <\/strong> Das ist eine schwierige Frage. Die Methodik ist noch sehr jung, erst zehn Jahre alt. Wir sind erst am Anfang im Verst\u00e4ndnis, was da \u00fcberhaupt passiert. Das man \u00fcberhaupt nachweisen kann, dass auch Hemmung ein Rolle spielt, ist schon ein Fortschritt. Die Ergebnisse sind auch immer sehr von der Methodik abh\u00e4ngig. Eine einzelne Untersuchung hat da auch kaum Aussagekraft.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table style=\"width: 380px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/050927Marz.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<td align=\"left\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong> Joachim Marz: \u00abIn Bellikon haben wir Zielsetzungen, die laufend \u00fcberpr\u00fcft und angepasst werden.\u00bb <\/strong><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> <em>Gibt es im deutschsprachigen Raum Ans\u00e4tze, elektronische Musik im Rahmen der Therapie zu nutzen, zum Beispiel in der Arbeit mit Jugendlichen?<\/em><\/p>\n<p> <strong>Hess:<\/strong> In der Morgenmusik, die ich beschrieben habe, sind gelegentlich auch Patienten dabei mit E-Gitarre, alles hat da seinen Platz. Man muss die Elektronik entsprechend bedienen. <\/p>\n<p> <strong>Marz:<\/strong> Mit elektronischer Verst\u00e4rkung kann etwas deutlicher und pr\u00e4gnanter werden, oder Lautst\u00e4rken k\u00f6nnen abgeglichen werden. Das Mikrophon kann auch bei Patienten dienen, die kaum stimmliche Laute erzeugen k\u00f6nnen. F\u00fcr sie ist es ein Erlebnis, die eigene Stimme zu realisieren. <\/p>\n<p> <strong>Kutterer:<\/strong> Im pr\u00e4natalen Bereich und bei sehr tiefem Koma ist der Einsatz von elektronischer Verst\u00e4rkung und elektronischer Musik mit gr\u00f6sster Vorsicht zu geniessen. Von Ungeborenen weiss man, dass sie auf elektronische Kl\u00e4nge ohne die nat\u00fcrlichen Ausschwingvorg\u00e4nge gestresst reagieren. <\/p>\n<p> <em>Wie ist beim Klangstuhl die Beobachtung des Patienten m\u00f6glich, wenn man hinter ihm kniet?<\/em><\/p>\n<p> <strong>Hess:<\/strong> Ich versuche mich auch ohne Blickkontakt so gut wie m\u00f6glich einzuf\u00fchlen. Man kann hinter dem Stuhl auch aufstehen, dann sieht man genug. Auf der andern Seite merkt der Patient auch, dass er nicht beobachtet wird, was wiederum ein Vorteil sein kann. <\/p>\n<p> <em>In welchen klinischen Bereichen wird die Musiktherapie zunehmen?<\/em><\/p>\n<p> <strong>Hess:<\/strong> In den psychiatrischen Kliniken gibt es sehr viel Musiktherapie, da ist sie auch am authentischsten. Es h\u00e4ngt allerdings vom Gutd\u00fcnken eines Chefarztes ab, ob er dieser Raum geben will. Eine andere Stelle, die Ergotherapie oder Sozialarbeit muss dann zugunsten der Musiktherapie wegfallen, weil keine eigenen Stellen f\u00fcr die Musiktherapie vorgesehen sind. <\/p>\n<p> <strong>Johannes:<\/strong> Man wird \u00fcberall da ein Wachstum sehen, wo die Kosten-Nutzen-Bilanz f\u00fcr die Musiktherapie spricht. Dies ist zum Beispiel bei der An\u00e4sthesie der Fall, wo dank der Musik nachweisbar erheblich Kosten gespart werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p> <strong>Hess:<\/strong> Da ist die Psychiatrie gef\u00e4hrdet, weil die Ressourcen gar nicht zur Verf\u00fcgung stehen, um entsprechende Evaluationen der Wirksamkeit durchzuf\u00fchren. Es sind auch keine Stellen daf\u00fcr da. Die Privatkliniken, die nicht unter diesem direkten Rechtfertigungsdruck stehen, werden Musiktherapie in der Zukunft aber h\u00e4ufiger einsetzen. <\/p>\n<p> <strong>Aus dem Publikum:<\/strong> Man kann ein verst\u00e4rktes Interesse an der Musiktherapie in der Arbeit mit Kindern und da speziell in der Onkologie oder der Fr\u00fchgeburtsabteilung beobachten.<\/p>\n<p> <strong>Decker-Voigt: <\/strong> Laut einer Trendstudie der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2002 werden in Zukunft drei Krankheiten stark zunehmen: Essst\u00f6rungen, Allergien und narzisstische Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen. Hinzu kommen immer mehr Patienten mit chronischen Schmerzen. Und wo gehen die Menschen, die diesen Leidensdruck haben, hin? Sie werden in den Bereich der ambulanten Therapien \u00fcberwiesen, das heisst in den zunehmend mehr selbstbezahlten Psychotherapiebereich. Das l\u00e4uft nat\u00fcrlich auf eine Zweiklassengesellschaft hinaus. Aber die Frage zielte ja nicht auf die Gerechtigkeit, sondern auf die Umsatzrichtung.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><em><span class=\"txt-s-black\">Fachtagung \u00abMusiktherapie und Medizin\u00bb, Rehaklinik Bellikon, 23. September 2005.<br \/> Referenten:<br \/> Hans-Helmut Decker-Voigt, Direktor des Institutes f\u00fcr Musiktherapie der Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hamburg.<br \/> S\u00f6nke Johannes, Facharzt f\u00fcr Neurologie und stellvertretender Leiter der Abteilung Neurorehabilitation der Reha-Klinik Bellikon.<br \/> Peter Hess, Facharzt f\u00fcr Neurologie und Psychiatrie der Klinik Metznerpark, Frankenthal\/Pfalz (D).<\/p>\n<p> Die n\u00e4chste Tagung vom September 2006 besch\u00e4ftigt sich mit dem Thema \u00abMusiktherapie und Traumatologie\u00bb.<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>29.09.2005 Das Forum Musiktherapeutischer Weiterbildung Schweiz und die Schweizer Rehaklinik Bellikon haben zu einer stark beachteten Fachtagung zum Thema \u00abMusiktherapie&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-77","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musiktherapie","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=77"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/77\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=77"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=77"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=77"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}