{"id":771,"date":"2014-01-12T11:35:56","date_gmt":"2014-01-12T11:35:56","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/eine-seelenchronik-europas\/"},"modified":"2014-01-12T11:35:56","modified_gmt":"2014-01-12T11:35:56","slug":"eine-seelenchronik-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/eine-seelenchronik-europas\/","title":{"rendered":"Eine Seelenchronik Europas"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">Die Anf\u00e4nge des Paartanzes im Dreivierteltakt finden sich in der Zeit der Renaissance. Die Geburtsst\u00e4tte der Volte, die das \u00abWalzen\u00bb, das heisst das Drehen, nicht nur in ihrem Namen vorwegnahm, ist die franz\u00f6sische Provence. Ihre ersten Zeugnisse gehen zur\u00fcck auf das Jahr 1178, ihr choreografischer Chronist ist Thoinot Arbeau, der in seiner \u00abOrch\u00e9sographie\u00bb aus dem Jahr 1589 auf ihre Unsittlichkeit hinwies: \u00abIe vous laisse \u00e0 penser si c`est chose bien s\u00e9ante \u00e0 une jeune fille de faire grands pas et ouverture de iambes\u00bb (\u00abIch \u00fcberlasse es Ihnen zu entscheiden, ob es sich f\u00fcr ein junges M\u00e4dchen schickt, grosse Schritte zu machen und die Beine zu spreizen\u00bb).<\/p>\n<p> Ein anderer Chronist, Johann von M\u00fcnster, wurde noch deutlicher (\u00abEin Gottseliger Tractat von dem ungottseligen Tanz\u00bb, 1594): \u00abUnfletiger Tanz, la volte geheissen in einen wirbel herumb fliegen. In diesem Tanzt nimpt der t\u00e4ntzer mit eine Sprung der Jungfrau \u2013 die auch mit einem hohe Sprung \/ Auss an leytung der Musik \/ heran komt \u2013 wahr und greiffet sie an eine ungeb\u00fchrlichen ort da sie etwas von holtze oder anderer Materien hat machen lassen \/ un wirft die Jungkfrau selbst \/ und sich met ihr \/ etlich vil mal sehr k\u00fcnstlich und hoch uber die Erden herumb also auch \/ dass der Zuseher bissweilen meinen sol \/ dass der T\u00e4ntzer mit den T\u00e4nzerinnen nicht wider zur Erden kommen k\u00f6nnen: sie haben dann beyde ihre H\u00e4lse und Beine zubrochen.\u00bb Fr\u00fchbarock-Rock-\u2019n\u2019-Roll, sozusagen.<\/p>\n<p> Der ber\u00fcchtigte Jurist Jean Bodin l\u2019Angevin weiss uns in seinem Traktat \u00abDe la d\u00e9monomanie des sorciers\u00bb (1593) sogar zu berichten, wo und zu welchem Zweck die Volte getanzt wird: \u00abil ne se faict point d\u2019assembl\u00e9e o\u00fa l\u2019on ne danse\u00bb. Bei den Hexen n\u00e4mlich. \u00abElles disoyent en dansant har, har, diable, diable, saute icy, iou\u00eb icy, iou\u00eb l\u00e0.\u00bb Manche T\u00e4nzer entgingen nur dank der F\u00fcrsprache besonnener Kleriker der Exkommunikation, weniger gut hatten es diejenigen, deren Leidenschaft auf dem Scheiterhaufen zu k\u00fchlen versucht wurde. Die systematische klerikale Repression, der z\u00f6libat\u00e4re Kreuzzug wider den Paartanz, war nicht aufzuhalten. Allzu gef\u00e4hrlich schienen seine Folgen. Praetorius:, \u00abBlocksberg Verrichtungen\u00bb (1668): \u00ab&#8230;einem welschen Tanze, da man einander an schamigen Orten fasset und wie ein getriebener Topf herunterhaspet und wirbelt und welcher durch die Zauberer aus Italien und Frankreich ist gebracht worden . . . Wirbletanz voller sch\u00e4ndlicher unfl\u00e4tiger Geberden und unz\u00fcchtiger Bewegungen auch das Ungl\u00fcck auf sich trage, dass unz\u00e4hlig viel Morde und Missgeburten daraus entstehen . . .\u00bb (Zitate aus: Remi Hess, ,La valse\u00bb, Paris 1989).<\/p>\n<p> <strong>Der Tanz des erwachenden B\u00fcrgertums<\/strong><\/p>\n<p> W\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution von 1789 schuf sich die Lust am Paartanz im Dreivierteltakt jedoch mit unb\u00e4ndiger Kraft wieder Raum: Die verwaisten Pariser Kl\u00f6ster \u2013 seine fr\u00fcheren Bewohner waren um K\u00f6pfe k\u00fcrzer gemacht worden \u2013 dienten als Tanzs\u00e4le. Man tanzte im Hof von Saint-Sulpice inmitten der Gr\u00e4ber. Die Alt\u00e4re \u00e4chzten unter der Last der b\u00e4uerlichen Bankette. Und Napoleon brachte Europa in der Folge nicht nur die Ideen von Gleichheit, Freiheit und Br\u00fcderlichkeit, genauso exportierten seine Armeen ein anderes Produkt der Revolution: das aus der Verbannung durch die Kirche wiederauferstandene Walzen.<\/p>\n<p> \u00dcber die Urheberschaft f\u00fcr den eigentlichen Wiener Walzer streiten sich franz\u00f6sische und deutsche Musikhistoriker, wobei nationalistische Gef\u00fchle eng mit entsprechenden Theorien verbunden sind. Nach Klingenbeck (\u00abUnsterblicher Walzer\u00bb, Wien 1943) ist das ber\u00fchmte Lied \u00abOh du lieber Augustin, alles ist hin\u00bb aus dem 17. Jahrhundert das erste Walzerzeugnis. Eine Melodie, die Arnold Sch\u00f6nberg sinnigerweise in dem Streichquartett zitiert, mit dem er den Schritt in die Atonalit\u00e4t vollzieht und damit der melodienseligen Welt des Walzers zu Anfang unseres Jahrhunderts eine Absage erteilt. Der Name \u00abWalzer\u00bb selber geht vermutlich auf ein Lied in einer Kom\u00f6die von Josef Kurz aus dem Jahr 1754 zur\u00fcck: \u00abBald Singen, bald Springen\/Bald sauffen bald ranzen.\/Bald spielen und tanzen,\/Bald steirisch, bald schw\u00e4bisch,\/Hanakisch, slowakisch,\/Bald walzen umatum\/Heissa rum-rum.\u00bb Den ersten eigentlichen Walzer wollen verschiedene Autoren in der Oper \u00abUna cosa rara\u00bb von Vincent Martin entdeckt haben, die Mozarts \u00abFigaro\u00bb 1787 im Theater an der Wien verdr\u00e4ngte. Zu einem Massenph\u00e4nomen wurde er im deutschen Sprachraum jedoch sicherlich erst dank den napoleonischen Umw\u00e4lzungen.<\/p>\n<p> Wien 1815. Der Kongress tanzt: Der europ\u00e4ische Walzerraum, das ist der Ballsaal. Das ber\u00fchmteste Etablissement in Wien, zwischen dessen Mauern eine geistreiche neue Erfindung \u2013 das Parkett \u2013 den Wandel vom springenden Tanzen zum gleitenden Wogen erlaubte, richtete sinnigerweise der englische Prothesenmacher Sigmund Wolfsohn ein; dank seinem Metier war er durch die napoleonischen Kriege reich geworden. Es war sein \u00abApollo\u00bb vor allem, in dem die Neuordnung Europas entschieden wurde: Der franz\u00f6sische Graf La Garde war der einzige, der \u2013 gemeinsam mit ungenannten deutschen Prinzessin \u2013 noch einen Versuch unternahm, der strengen Sch\u00f6nheit und W\u00fcrde des h\u00f6fischen Menuett zu ihrem Recht zu verhelfen. Man schaute, applaudierte \u2013 h\u00f6flich \u2013, aber folgte nicht. Die Abgeordneten aus ganz Europa tanzten den Walzer des selbstbewusst gewordenen B\u00fcrgertums.<\/p>\n<p> <strong>Chronik der Industrialisierung<\/strong><\/p>\n<p> Auch Johann Strauss, der Walzerk\u00f6nig des neunzehnten Jahrhunderts, schien zu wissen, was die Durchschnittsb\u00fcrgerin und den Durchschnittsb\u00fcrger besch\u00e4ftigte. Mit seinen Kompositionen schuf er eine frivol klingende Chronik der Industrialisierung und der imperialistischen Fortschrittsgl\u00e4ubigkeit \u2013 und starb selber als Million\u00e4r (dank geschickter Art, die Autorenrechte zu verwalten \u2013 zu seiner Zeit noch alles andere als eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit). Sein Nachlassverm\u00f6gen, 835 000 Gulden, darunter sieben H\u00e4user, ging an die \u00abGesellschaft der Musikfreunde\u00bb in Wien. Der vom Testament ausgeschlossene Bruder Eduard liess zur Rache nach der Aufl\u00f6sung der Strauss-Kapelle das gesamte Notenmaterial des Orchesters vernichten. \u00abDreimal wurden im Oktober 1907 Ofen-Fabriken mit Notenpaket-Ladungen beliefert, die in Eduards Gegenwart verbrannt werden mussten.\u00bb (Norbert Linke, \u00abJohann Strauss\u00bb, Hamburg 1982).<\/p>\n<p> Das sind die Geschichten, wie sie die Klatschspalten der Massenpresse lieben \u2013 einer Massenpresse, die ohne die Errungenschaften des Straussschen Jahrhunderts undenkbar w\u00e4re und deren Boulevardthemen in den Wiener Walzern, Polkas und M\u00e4rschen vorweggenommen zu sein scheinen: \u00abEisenbahn-Lust\u00bb von Johann Strauss (Vater) wurde am 18. Juli 1836 an einem Sommerfest aufgef\u00fchrt, an dem ein riesiger Luftballon, ein magisch aufleuchtender Telegraphenapparat und die Attrappe eines fahrenden Eisenbahnzuges die Publikumsattraktionen bildeten; in die Introduktion des Walzers sind denn auch Ger\u00e4usche wie das Rattern der R\u00e4dern, Zischen und Keuchen eingearbeitet. Die \u00abAether Tr\u00e4ume\u00bb sind ein Persiflage auf die im Jahr 1847 von Wiener \u00c4rzten eingef\u00fchrte Narkose, mit der Geschw\u00fclste operiert und Z\u00e4hne extrahiert wurden. \u00abCycloiden\u00bb von Johann Strauss (Sohn) reflektiert die sogenannte \u00abRadlinie\u00bb, die in der \u00abIngenieurtechnik der Dampfschiffe, Leuchtt\u00fcrme, Erdvermessungen und Hoch\u00f6fen\u00bb eine Rolle spielte; nach ihren Rhythmen tanzten \u00abdie Herren H\u00f6rer der Technik\u00bb am 9. Februar 1859. \u00abFeuilleton-Walzer\u00bb und \u00abLeitartikel\u00bb sind Reverenzen an neue Formen des Zeitungswesens, die gerade auch von der Wiener Presse \u2013 bis hin zu Karl Kraus \u2013 intensiv gepflegt wurden. \u00abGeheime Anziehungskr\u00e4fte (Dynamiden)\u00bb von Joseph Strauss schildert die Ideen des Maschinenbauingenieurs Redtenbacher und zugleich die \u00abunerforschlichen dynamischen Kr\u00e4fte der industriellen Gesellschaft in ihrem Vereinswesen\u00bb (Max Sch\u00f6nherr\/Johann Ziegler, \u00abAus der Zeit des Wiener Walzers\u00bb, Dortmund, 1981). (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Anf\u00e4nge des Paartanzes im Dreivierteltakt finden sich in der Zeit der Renaissance. 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