{"id":772,"date":"2014-01-12T11:36:33","date_gmt":"2014-01-12T11:36:33","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/zeugnis-tiefer-glaeubigkeit\/"},"modified":"2014-01-12T11:36:33","modified_gmt":"2014-01-12T11:36:33","slug":"zeugnis-tiefer-glaeubigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/zeugnis-tiefer-glaeubigkeit\/","title":{"rendered":"Zeugnis tiefer Gl\u00e4ubigkeit"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">09.10.2003 &#8212; Heinrich von Herzogenberg hat seinen festen Platz in der abendl\u00e4ndischen Kunstmusik in erster Linie als Freund von Johannes Brahms. Der Briefwechsel der beiden dokumentiert aber auch die Situation der Kirchenmusik im neunzehnten Jahrhundert und wirft ein Licht auf die Stellung eines wichtigen Werkes der evangelischen Kirchenmusikgeschichte: der von Herzogenbergschen \u00abGeburt Christi\u00bb.<\/p>\n<p> Nachdem Brahms sich in einem am 8. August 1895 geschriebenen Brief lobend \u00fcber die \u00abelegischen Ges\u00e4nge\u00bb seines Freundes ge\u00e4ussert hatte, antwortete dieser drei Tage sp\u00e4ter: \u00abDas freut mich, dass meine Lieder mir ein so liebes Briefel eingebracht haben! Ich h\u00e4tte zwar eher gedacht, dass das Kirchenoratorium in Species und Methode eine nette, warme, franke zustimmende oder ablehnende \u00c4usserung von Ihnen erleben w\u00fcrde. Ich gestehe auch, dass ich mich ein Weilchen darauf gefreut hatte &#8230; \u00bb Was von Herzogenberg sich so sehr w\u00fcnschte, n\u00e4mlich ein Urteil \u00fcber \u00abdie Geburt Christi\u00bb, sollt ihm jedoch versagt bleiben; der Sch\u00f6pfer des in der Musikgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts einzigartigen \u00abDeutschen Requiems\u00bb \u00e4usserte sich nie \u00fcber die Oratorien seines Freundes. Vermutlich sp\u00fcrte er, dass ein franke Meinungs\u00e4usserung von Herzogenberg gekr\u00e4nkt h\u00e4tte.<\/p>\n<p> Der stillen Auseinandersetzung lag der im neunzehnten Jahrhundert allseits beklagte desolate Zustand der Kirchenmusik zugrunde. Mit dem Aufkommen des B\u00fcrgertums begann sich das Musikleben von der Kirche in den Konzertsaal und in den h\u00e4uslichen Salon zu verlagern; die Kunstmusik verlor ihr Heimatrecht in der Kirche. Verschiedentlich wurden Anl\u00e4ufe genommen, die Situation zu verbessern. Unter denen, die sich tatkr\u00e4ftig an eine Revision der Chorliteratur machten, befand sich auch der Theologe Friedrich Spitta, der Bruder des Bach-Biografen Philipp Spitta; er nutzte die relative liturgische Freiheit, die ihm die evangelische Kirche des Elsass liess, f\u00fcr eine Wiedereinf\u00fchrung der Kirchenkantaten und -oratorien. Dazu veranlasste er Komponisten wie Bruch, Arnold Mendelssohn und Max Reger, neue liturgische Werke zu schreiben. Mit einer solchen Bitte trat er auch an Brahms heran; dieser jedoch lehnte ab und zeigte so, dass er nicht mehr gewillt war, sein sch\u00f6pferisches Tun in einen irgendwie gearteten kirchenpolitischen Dienst zu stellen.<\/p>\n<p> Auch das \u00abDeutsche Requiem\u00bb von Brahms darf nicht als christlichen Dogmen und Liturgien entsprechende Totenfeier verstanden werden; es ist sogar fraglich, ob Brahms urspr\u00fcnglich \u00fcberhaupt im Sinn hatte, ein christliches Werk zu schreiben. Ende 1897 bekannte er, dass er weder damals, als er das Requiem schrieb, noch jetzt an die Unsterblichkeit der Seele glaube. Der konservative Brahms sprengte ausgerechnet in diesem Werk alle dogmatischen und liturgischen Bindungen und schuf ein musikalisches Monument, das den Menschen und sein Schicksal schlechthin anzusprechen vermag.<\/p>\n<p> Bei von Herzogenberg fand Friedrich Spittas Idee hingegen \u00abwilligste Aufnahme\u00bb. \u00dcber seinen Auftrag zum Weihnachtsoratorium schreibt er: \u00abIch dachte dabei an die einfachsten Mittel, vierstimmigen Chor mit Harmonium-, bezw. Orgelbegleitung. Die Rezensenten, die seine \u201eGeburt Christi\u201c mit dem billigen Einwand abzutun meinten, sie litte eben doch gar keinen Vergleich mit dem reich ausgestatteten Bachschen Gegenst\u00fcck, haben keine Ahnung davon gehabt, wie sich Herzogenberg durch asketisch enge Grenzen, die ich ihm gesteckt hatte, beengt gef\u00fchlt hatte.\u00bb In der Folge trotzte von Herzogenberg Spitta immerhin Streicher und eine Oboe ab.<\/p>\n<p> Die asketische Aufgabe scheint dem als Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik wirkenden Katholiken von Herzogenberg jedoch gelegen zu sein; ihm, der \u2013 nach einem Zeugnis von Carl Krebs \u2013 die \u00abpsychologische Zerfaserung\u00bb eines Ibsenschen Dramas nicht leiden mochte und sich scheute, \u00absein innerstes vor aller Welt zu entbl\u00f6ssen\u00bb, schien der Dienst f\u00fcr die Gemeinde der Gl\u00e4ubigen und das Aufgehobensein in der kirchlichen Gemeinschaft Erf\u00fcllung zu bieten. (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>09.10.2003 &#8212; Heinrich von Herzogenberg hat seinen festen Platz in der abendl\u00e4ndischen Kunstmusik in erster Linie als Freund von Johannes&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-772","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/772","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=772"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/772\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=772"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=772"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=772"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}