{"id":774,"date":"2014-01-12T11:37:59","date_gmt":"2014-01-12T11:37:59","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/raetsel-um-ein-alterswerk\/"},"modified":"2014-01-12T11:37:59","modified_gmt":"2014-01-12T11:37:59","slug":"raetsel-um-ein-alterswerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/raetsel-um-ein-alterswerk\/","title":{"rendered":"R\u00e4tsel um ein Alterswerk"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">13.11.2003 &#8212; So erstaunlich es klingen mag: Die Existenz einer h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, einem seiner popul\u00e4rsten Werke, ist umstritten. In der Neuen Bach Ausgabe (NBA), die f\u00fcr die Musik des Thomaskantors etwa das ist, was der Duden f\u00fcr die deutsche Sprache, erscheinen die einzelnen Teile des Werkes als eigenst\u00e4ndige Kompositionen. Der Bach-Forscher Friedrich Smend, der nach f\u00fcnfundzwanzig Jahren akribischer Arbeit den kritischen Bericht zum entsprechenden Band vorlegte, kam zu der festen \u00dcberzeugung, dass Bach nie die Absicht hatte, eine grosse \u00abkatholische\u00bb Messe zu schreiben. Es sei ein historisches Missverst\u00e4ndnis und ein k\u00fcnstlerischer Fehlgriff, von einer Messe in h-Moll oder gar einer \u00abhohen Messe\u00bb zu sprechen, meinte er. Die auf seine Ver\u00f6ffentlichungen folgenden Auseinandersetzungen illustrieren zum einen typische Schwierigkeiten der Quellenforschung, zum andern aber auch ein tiefliegendes \u00e4sthetisches Problem.<\/p>\n<p> Im Zentrum der Forschung stand (und steht) ein handschriftlicher, von Bach selber gebundener Band, der vier je durch ein Titelblatt abgetrennte einzelne Werke enth\u00e4lt: Eine lutherische Messe (bestehend aus Kyrie und Gloria), ein \u00abSymbolum Nicenum\u00bb (das Glaubensbekenntnis von Nik\u00e4a), ein Sanctus sowie die zur vollst\u00e4ndigen Messe noch fehlenden Teile Osanna bis Dona nobis pacem. Nach m\u00fchseliger Kleinarbeit glaubte Smend nachweisen zu k\u00f6nnen, dass die Partitur aus zwei unabh\u00e4ngig voneinander entstandenen Teilen besteht. Daf\u00fcr, dass Bach mit dem Band kein eigenes Werk schaffen wollte, sprachen nach seiner Meinung mehrere gewichtige Argumente: Die Partitur besitzt zum Beispiel keine alle vier Teile zusammenfassenden Titel, daf\u00fcr sind die einzelnen Werke durch Titelbl\u00e4tter voneinader abgetrennt; aber auch der Tonartenplan und die Tatsache, dass Bach weitere solche lockeren Sammlungen einzelner Werke zusamenstellte, schienen seine Theorie zu belegen. Tats\u00e4chlich vermochte er auch anzugeben, was denn die Funktion des Bandes gewesen sein k\u00f6nnte: eine Vertonung der 1694 erschienenen \u00abLeipziger Kirchenandachten\u00bb.<\/p>\n<p> Es liegt eine gewisse Tragik in der Tatsache, dass Smends Lebenswerk durch kurze Zeit sp\u00e4ter erschienene chronologische Forschungen der beiden Musikwissenschafter Alfred D\u00fcrr und Georg von Dadelsen teilweise \u00fcberholt wurden. Die beiden konnten nachweisen, dass der fragliche Band nicht aus zwei, sondern vier unabh\u00e4ngig entstandenen Teilen besteht. Ja mehr noch: Tats\u00e4chlich hat Bach das \u00abSymbolum Nicenum\u00bb erst 1748 im Hinblick auf die Zusammenfassung der einzelnen Teile geschrieben. Es entstand also nicht \u2013 wie Smend noch glaubte \u2013 viel fr\u00fcher. Von Dadelsen glaubt in der Tatsache, dass Bach f\u00fcr den letzten Teil nur sogenannte \u00abParodien\u00bb, das heisst Neutextierungen fr\u00fcherer Werke verwendete, einen weitern Beleg daf\u00fcr zu sehen, das der Thomaskantor in seinen letzten Lebensjahren tats\u00e4chlich eine grosse Messe zusammenstellen wollte. Stilistische Betrachtungen scheinen die Theorie zu st\u00fctzen: Ein in der Vorlage zum Osanna stehendes Instrumentalvorspiel hat Bach gestrichen; um formale Geschlossenheit zu erreichen, muss das Osanna direkt ans Sanctus angef\u00fcgt werden. Damit ist aber sicher eine der drei Schnittstellen verfugt. Dass das Dona nobis pacem die Musik des wesentlich weiter vorne stehenden Gratias wieder aufnimmt spricht auch f\u00fcr eine Einheit des ganzen Bandes. Und die Funktion dieser Messe? Von Dadelsen schreibt: \u00abVielleicht wollte Bach, an der Schwelle des Alters angelangt, endlich auch eine Probe im Cantus magnus abgeben, in jener Kompositionsgattung, die seit der Zeit Josquins und Palestrinas den h\u00f6chsten Rang beanspruchte\u00bb. (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13.11.2003 &#8212; So erstaunlich es klingen mag: Die Existenz einer h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, einem seiner popul\u00e4rsten Werke, ist&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-774","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=774"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/774\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}