{"id":777,"date":"2014-01-12T11:40:06","date_gmt":"2014-01-12T11:40:06","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/identitaet-eines-kleinstaates\/"},"modified":"2014-01-12T11:40:06","modified_gmt":"2014-01-12T11:40:06","slug":"identitaet-eines-kleinstaates","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/identitaet-eines-kleinstaates\/","title":{"rendered":"Identit\u00e4t eines Kleinstaates"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">28.12.2003 &#8212; Die Frage nach nationaler Eigenart in der Musik stellte sich f\u00fcr den jungen schweizerischen Bundesstaat um 1920 in mehrfacher Hinsicht; galt es doch sowohl einerseits der konfessionellen und sprachlichen Vielfalt Rechnung zu tragen, sich in einer Zeit der Bedrohung durch Kriegswirren und Wirtschaftskrisen andererseits \u00fcber die politische hinaus auch eine kulturelle Identit\u00e4t zu schaffen. Der kleinen Schweiz fehlten die Voraussetzungen, die in der Musik ausgepr\u00e4gte formalstilistische Charakteristika herauszuarbeiten erlaubt h\u00e4tten. Ein schweizerischer Wagner, Debussy oder Verdi w\u00e4re kaum vorstellbar gewesen. Das typisch Schweizerische pr\u00e4gten vor allem ein inhaltlicher und ein pragmatischer Aspekt: die P\u00e4dagogik und die Berge. Wie kaum eine andere Pers\u00f6nlichkeit des Musiklebens schuf Hermann Suter aus diesen Eigenheiten ein Werk, das seine Verehrer als ausgepr\u00e4gt schweizerisches betrachteten. An seinem Lebensweg l\u00e4sst sich die Entwicklung des nationalen Musiklebens exemplarisch nachvollziehen.<\/p>\n<p> 1918 wurde Suter \u2013 als 48j\u00e4hriger bereits in bedeutenden Stellungen des schweizerischen Musiklebens \u2013 zum Direktor des Basler Konservatoriums berufen. Unter seiner F\u00fchrung konnte der dortige Lehrk\u00f6rper verj\u00fcngt und ausgebaut werden. Einer seiner wegweisenden Entscheide d\u00fcrfte die Anstellung Gustav G\u00fcldensteins, des nachmaligen Mitarbeiters von Emile Jaques-Dalcroze, gewesen sein. Sie \u00f6ffnete die T\u00fcre zu reicher rhythmisch-t\u00e4nzerischer Forschung und Lehre. In Suters Direktionszeit f\u00e4llt aber auch die Schaffung eines Seminars f\u00fcr Schulgesang. Das Basler Musikleben pr\u00e4gte der neue Konservatoriumsdirektor dar\u00fcber hinaus als Dirigent des Gesangsvereins und der Liedertafel und als Leiter der Sinfoniekonzerte entscheidend mit; auf nationaler Ebene half er tatkr\u00e4ftig mit, eine Urheberrechtsgesellschaft ins Leben zu rufen.<\/p>\n<p> Der dazumal wichtige \u00abalpine Mythos\u00bb, wie er in Johanna Spyris im Jahr 1881 geschriebenen Kinderbuch \u00abHeidi\u00bb und in den Werken eines Arnold B\u00f6cklin oder Ferdinand Hodler seinen Niederschlag fand, inspirierte auch das kompositorische Schaffen Suters, der schon als Maturand einen (lateinischen) Vortrag \u00fcber Hallers Alpendichtung hielt und seine Sommerferien regelm\u00e4ssig in den Bergen verbrachte. In den Laudi di San Francesco d\u2019Assisi, Suters einizartigem Alterswerk, gehen das p\u00e4dagogische Denken und die Bergmystik eine Synthese ein. Ihnen eigen sind ein ausgepr\u00e4gte rhythmische Kraft und formale Klarheit; mit grosser Wahrscheinlichkeit wird die Auseinandersetzung mit dem Gedankengut des Ehepaars G\u00fcldenstein darin seine Spuren hinterlassen haben. Bestimmt aber sind sie die Frucht der jahrzehntelangen praktischen Arbeit Suters mit den verschiedensten Ch\u00f6ren, deren M\u00f6glichkeiten und Grenzen er genau kannte; die Verbundenheit mit der Bergwelt findet in den Laudi inhaltlich ihren Ausdruck, entstanden sie doch in der Ruhe eines Sommer am Silsersee, dessen Umgebung er f\u00fcr sich pers\u00f6nlich mit der im franziskanischen Loblied beschw\u00f6rten Natur gleichsetzte.<\/p>\n<p> Genausowenig wie ihr Sch\u00f6pfer den Schritt von den von ihm verehrten Neudeutschen, allen voran Strauss und Reger, hinaus in die Welten eines Mahler oder gar Sch\u00f6nberg zu tun gewillt war, genausowenig war er bereit, das sp\u00e4tromantische Ausdrucksideal aufzugeben. M\u00f6glich, dass die Vertonungen der Textabschnitte, in denen Franziskus die Sterne, alle Lebewesen und Elemente das Loblied Gottes singen l\u00e4sst, in ihrer dramatischen Grundstimmung auch satztechnische Vorstudien zu einem B\u00fchnenwerk sein mochten. Mit Opernpl\u00e4nen hat Suter sich nachweislich befasst. Zur Ausf\u00fchrung allerdings kamen sie nicht mehr. Der Komponist starb am 22. Juni 1926 an Nierenversagen. Die zu seinen Ehren abgehaltene Trauerfeier in Basel geriet zum Staatsakt. Die Laudi traten ihren Siegeszug um die ganze Welt jedoch schon zu seinen Lebzeiten an. Einer Wiedergabe in Wien unter Wilhelm Furtw\u00e4nglers Leitung konnte Suter noch pers\u00f6nlich beiwohnen. Eigenartig zu beobachten ist, wie die Laudi in den ersten Jahren nach ihrer Entstehung den Weg in die Konzerts\u00e4le der ganzen Welt fanden, sp\u00e4ter aber kaum mehr zu h\u00f6ren waren. Sie f\u00fcllten in ihrer Zeit eine empfindliche L\u00fccke im Repertoire der b\u00fcrgerlichen Chorvereinigungen und beschw\u00f6rten noch einmal den Geist sp\u00e4tromantischer Ausdrucksinnigkeit. Damit wurden sie nicht zuletzt zu einem Symbol f\u00fcr die solide, konservative Grundgesinnung des Schweizer B\u00fcrgertums.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>28.12.2003 &#8212; Die Frage nach nationaler Eigenart in der Musik stellte sich f\u00fcr den jungen schweizerischen Bundesstaat um 1920 in&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-777","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/777","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=777"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/777\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=777"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=777"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=777"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}