{"id":778,"date":"2014-01-12T11:40:57","date_gmt":"2014-01-12T11:40:57","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/vom-verschwinden-der-akustik\/"},"modified":"2014-01-12T11:40:57","modified_gmt":"2014-01-12T11:40:57","slug":"vom-verschwinden-der-akustik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/vom-verschwinden-der-akustik\/","title":{"rendered":"Vom Verschwinden der Akustik"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>28.12.2003 &#8212; Die moderne Kunst wird zusehends multidisziplin\u00e4r. Da erstaunt es, dass gerade auf dem designverliebten Gebiet der Architektur die Akustik immer mehr zum schon fast str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigten Stiefkind wird. \u00dcber die Konsequenzen und m\u00f6gliche Koexistenzen von Raumakustik und optischer Aufmachung hat sich Codex flores mit dem ausgewiesenen Akustiker Martin Lachmann unterhalten.<\/strong><\/p>\n<p> In l\u00e4ndlichen Gebieten schult sich das Ohr an den feinen Ger\u00e4uschen der Natur: M\u00f6gliche Gefahren m\u00fcssen geortet, die Wetterlage richtig eingesch\u00e4tzt werden. Das Rascheln der Bl\u00e4tter, Tierlaute, Wind und Wasser animieren das nat\u00fcrliche H\u00f6ren. Ganz anders die Klangkulissen in der Stadt: \u00dcber weite Strecken werden sie durch k\u00fcnstlich geschaffene Welten gepr\u00e4gt: den Walkman, die Musik in der Bar und im Auto und zahlreiche weitere omnipr\u00e4sente Medien. Die urbane Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber der akustischen Umwelt treibt seltsame Bl\u00fcten. Raumdesigner k\u00f6nnen sich \u00fcber eine falsche Schattierung einer Wandfarbe oder ung\u00fcnstig platzierte Lichtquellen ereifern, zeigen sich aber gegen\u00fcber offensichtlichen akustischen Missverh\u00e4ltnissen indifferent.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/> Die Weblinks:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.appliedacoustics.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Applied Acoustics<\/a><br \/> <a href=\"http:\/\/www.sga-ssa.ch\/hp_de.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Schweizerische Gesellschaft f\u00fcr Akustik<\/a> <br \/>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Ein sprechendes Beispiel ist das Restaurant Lasalle im Z\u00fcrcher Schiffbau, einer Dependance des Schauspielhauses der Stadt, die als angesagter Treffpunkt der Kulturschickeria gilt. Ein akustisch bloss oberfl\u00e4chlich geschulter Mensch m\u00fcsste sich weigern, den Raum \u00fcberhaupt zu betreten: Der schmucklose, einfache Quader mit riesigen Glasfl\u00e4chen verr\u00e4t schon von aussen hohe Nachhallzeiten und mangelnde Streuung. Wer in dem vollbesetzten Lokal einen Abend verbringen und sich dabei mit Freunden auch noch unterhalten will, muss sich ein dickes Trommelfell zulegen.<br \/> Wie kommt es, dass die desolate Raumakustik, die ein angenehmes Zusammensein praktisch verunm\u00f6glicht, kein Thema ist \u2013 nicht einmal in einem Lokal, das als R\u00fcckzugs- und Wohlf\u00fchlnische f\u00fcr einen Jazzclub und eine Schauspielb\u00fchne dient?<\/p>\n<p> <strong>Vom Verschwinden nat\u00fcrlicher Nachhalld\u00e4mpfer<\/strong><\/p>\n<p> Lachmanns im Baselbieter Gelterkinden beheimatete Firma ber\u00e4t Architekten, Stadtplaner und weitere, wenn es um die akustische Ausgestaltung von R\u00e4umen geht, seien dies Studios, Theaterr\u00e4ume, oder eben auch Restaurants und Sitzungszimmer. Derart massive akustische Probleme, wie sie im Lasalle zu beobachten sind, sind \u2013 so Lachmann \u2013 ein relativ junges Ph\u00e4nomen. Fr\u00fcher war die Akustik in der Architekturkultur kaum je Grund zur Sorge: Die verspielte und verschn\u00f6rkelte Formensprache \u2013 man f\u00fchre sich etwa ein altes Restaurants mit Holzvert\u00e4felungen, Schnitzereien, aufgebrochenen Fl\u00e4chen und gepolsterten St\u00fchlen vor Augen \u2013 ergab ganz von selber eine gute Akustik. Die aktuellen Str\u00f6mungen in der Architektur, die grossen Glasfl\u00e4chen, einfachen geometrische Formen, das Fehlen ornamentaler Verzierungen, die harten Bodenbel\u00e4ge, dies alles l\u00e4uft der Akustik hingegen zuwider.<\/p>\n<p> Akustik, erkl\u00e4rt Lachmann, wird erst dort ernstgenommen, wo sie einen \u00abUnique Selling Point\u00bb, ein wichtiges Verkaufsargument darstellt. Dies ist vor allem in der Autoindustrie der Fall. Da wird bewiesen, dass ausgekl\u00fcgeltes Klangdesign durchaus m\u00f6glich ist. Weder das Motrenger\u00e4usch noch der richtige Sound einer zuknallenden T\u00fcre wird in den Labors der Bolidenbauer dem Zufall \u00fcberlassen, die Ger\u00e4uschwelt des fahrbaren Untersatzes von der Pleuelstange bis zum Heck akribisch geformt.<br \/> An Orten hingegen, an denen die Akustik auch ein gewichtiges Argument der geistigen und k\u00f6rperlichen Gesundheit w\u00e4re, beobachtet Lachmann eine zum Teil erschreckende Gleichg\u00fcltigkeit. Etwa in R\u00e4umen, in denen unterrichtet oder gelernt wird, in Bibliotheken, H\u00f6rs\u00e4len, Schulzimmern und so weiter. Internationale Studien beweisen, dass mangelndes Akustikdesign in den Schulstuben ein grosses Problem darstellt. Die Lernleistungen werden empfindlich eingeschr\u00e4nkt. In einer normalen Primaschulklasse haben st\u00e4ndig rund zwanzig Prozent der Kinder eine H\u00f6rbeeintr\u00e4chtigung \u2013 m\u00f6glicherweise auch nur wegen Grippe, Mittelohrentz\u00fcndung oder anderen Krankheiten. Kommt eine schlechte Raumakustik hinzu, schalten die Z\u00f6glinge innerlich ab. Auch f\u00fcr die Lehrer, deren Stimme extrem gefordert ist, kann die mangelhafte Akustik zum Gesundheitsproblem werden.<\/p>\n<p> <strong>Akustik kein Thema<\/strong><\/p>\n<p> Die Missst\u00e4nde sind so gross, dass die Schweizerische Gesellschaft f\u00fcr Akustik Handlungsbedarf sieht. Als Gegemittel hat sie sich die Durchsetzung der durchaus existierenden Normen auf die Fahne geschrieben. Mit einer einfach lesbaren Brosch\u00fcre zur Gestaltung von Schulzimmern soll in naher Zukunft unter den Architekten das Bewusstein f\u00fcr die Problematik gef\u00f6rdert werden.<br \/> Aber auch anderswo m\u00fcsste interveniert werden: Der Stellenwert der Akustik in der Ausbildung der Architekten, sowohl auf ETH- wie Fachhochschulstufe, ist in den letzten Jahrzehnten immer geringer geworden. Das hat m\u00f6glicherweise damit zu tun, dass die Akustiker im Gegensatz zu andern Ingenieurswissenschaftlern kaum mit exakten Eingabeparametern argumentieren k\u00f6nnen. Stahl- oder Maschinenbautechniker verf\u00fcgen \u00fcber dicke B\u00fccher, in denen die von ihnen genutzten Materialien vom Schmelzpunkt bis zum Biegemoment und allen weiteren Details charakterisiert werden. In der Akustik ist man in dieser Hinsicht noch sehr eingeschr\u00e4nkt. Zwar weiss man, wie stark ein Material abh\u00e4ngig von der Frequenz absorbiert. Viele weitere wichtige Parameter fehlen aber. Und Gesamtberechnungen sind meist so kompliziert, dass sie nicht praktikabel sind.<\/p>\n<p> In der Akustik z\u00e4hlt also viel mehr als in andern Disziplinen die Erfahrung. Anerkannt ist die Akustik in erster Linie, wenn es um den L\u00e4rmschutz geht. Der Gesetzgeber schreibt bei einem Bauprojekt f\u00fcr exponierte Lagen Gutachten vor. Diese sollen ermitteln, ob der Umgebungsl\u00e4rm f\u00fcr k\u00fcnftige Nutzer eines Geb\u00e4udes zumutbar ist. Wer etwa ein Haus direkt an eine Bahnlinie bauen will, muss nachweisen, dass geeignete Isolation vor dem L\u00e4rm sch\u00fctzt. Dabei hat die Schweiz hierzulande durchaus Verdienste vorzuweisen. Ihre L\u00e4rmschutzgesetzgebung wird in Europa als vorbildlich angesehen. Die Suva (Schweizerische Unfallversicherungsanstalt) definiert klare Grenzwerte f\u00fcr den zumutbaren L\u00e4rm am Arbeitsplatz, die in der Industrie sehr gut respektiert werden. Der Bereich Gastst\u00e4tten ist allerdings eine rechtliche Grauzone. Restaurants und Discobetriebe werden von der L\u00e4rmschutzverordnung nicht als eigene Kategorie erfasst, eine Gastwirtschaft z\u00e4hlt nicht als Industrie und das Servicepersonal in einer Disco wird unter Umst\u00e4nden L\u00e4rmpegeln ausgesetzt, die f\u00fcr Industriearbeiter als absolut unzumutbar angesehen w\u00fcrden.<br \/> Die Raumakustik wird hingegen immer mehr vernachl\u00e4ssigt. Ein eigentliches \u00abKlangdesign\u00bb einer Stadt, eines Quartiers oder einer \u00dcberbauung ist erst recht kein Thema. Es gibt, meint Lachmann, fallweise Interventionen, etwa die k\u00fcnstlerische Arbeit von Andres Bosshard oder das World Forum for Acoustic Ecology. Die Bedeutung solcher Ans\u00e4tze sei aber leider marignal.<\/p>\n<p> <strong>Den Dialog suchen<\/strong><\/p>\n<p> Wenn eine Zusammenarbeit zustandekommt, wird sie, erkl\u00e4rt Lachmann, von einer Art Hassliebe gepr\u00e4gt. Die Akustiker erschrecken die Architekten mit gestalterischen Abl\u00f6schern wie gelochten Blechplatten und beklagen sich dann, dass sie kein Geh\u00f6r finden. Lachmann versucht, diese Kommunikationsfalle zu umgehen. Das bedeutet etwa, dass er die eigenen Materialideen auch an einem gestalterischen Kompromiss ausrichtet. Entscheidend ist dabei das Budget. Wenn man den Ehrgeiz in eine durch und durch designte Akustik steckt, k\u00f6nnen die Kosten nach oben offen sein. Es k\u00f6nnen beliebig teure Materialien gew\u00e4hlt werden. In der Regel, versichert Lachmann, sind aber nicht Riesensummen im Spiel. Die Sanit\u00e4rinstallationen d\u00fcrften teuerer werden als das durchschnittliche Akustikdesign.<br \/> Sucht der Architekt fr\u00fchzeitig den Kontakt, kann mit der Raumgeometrie und den Fl\u00e4chen gearbeitet werden. Der Akustiker schaut sich dann zuerst mal den Raum an. Geometrie und Lage im Geb\u00e4ude sind wichtig und schon bei der Raumeinteilung l\u00e4sst sich einiges in Bewegung bringen. So macht es etwa kaum Sinn, Ruher\u00e4ume direkt neben den lautesten zu situieren. Der Architekt hat in der Regel kaum eine Vorstellung vom akustischen Verhalten eines Raumes. Lachmann versucht deshalb \u00fcberdies, die Konsequenzen eines gew\u00e4hlten Raumdesigns f\u00fcr die Akustik aufzuzeigen.<br \/> Die Gestaltungsidee und die vom Architekten geplanten Materialien werden unter die Lupe genommen. Ein Computermodell in dem eine Schallquelle positioniert wird, kann h\u00f6rbar machen, wie der Raum t\u00f6nt. Daraus entwickelt sich eine Diskussion, in welcher der Architekt selber alternative Materialisierungsideen vorschl\u00e4gt. In einer zweiten Phase wird mit den Materialien gearbeitet. Da muss man fragen, ob es Fl\u00e4chen gibt, die f\u00fcr die Akustik komplett ausgeschieden werden k\u00f6nnen. Ist etwa die Decke, sind die W\u00e4nde frei und verf\u00fcgbar? H\u00e4ufig lassen sich Beleuchtungsk\u00f6rper und Akustikmassnahmen kombinieren. Schrankfronten k\u00f6nnen eingebunden oder St\u00fchle gepolstert werden.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\">Bild: Martin Lachmann vor dem Plan zum Foyer des UNO-Hauptgeb\u00e4udes in New York. Die Renovation ist ein Geschenk der Eidgenossenschaft an die UNO anl\u00e4sslich des Beitrittes des Landes zu Organisation. In dem von Team Inlay realisierten Projekt wacht Lachmann \u00fcber die Akustik. (wb)<br \/><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>28.12.2003 &#8212; Die moderne Kunst wird zusehends multidisziplin\u00e4r. 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