{"id":78,"date":"2014-01-06T10:59:29","date_gmt":"2014-01-06T10:59:29","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/der-blick-ins-musikalische-hirn\/"},"modified":"2014-01-06T10:59:29","modified_gmt":"2014-01-06T10:59:29","slug":"der-blick-ins-musikalische-hirn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/06\/der-blick-ins-musikalische-hirn\/","title":{"rendered":"Der Blick ins musikalische Hirn"},"content":{"rendered":"<p>12.05.2005 &#8212; <span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">Im Leipziger Westin Hotel trafen sich Hirnforscher aus aller Welt zum Kongress \u00abThe Neurosciences and Music \u2013 II\u00bb, um die neuesten Erkenntnisse und Methoden in Sachen Neurologie der Musik zu diskutieren. Ein im Rahmen des Kongresses realisiertes Podium zur Musiktherapie sorgte f\u00fcr heftige polemische Nebent\u00f6ne.<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>12.05.2005 &#8212;<\/strong> <span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>Im Leipziger Westin Hotel trafen sich Hirnforscher aus aller Welt zum Kongress \u00abThe Neurosciences and Music \u2013 II\u00bb, um die neuesten Erkenntnisse und Methoden in Sachen Neurologie der Musik zu diskutieren. Ein im Rahmen des Kongresses realisiertes Podium zur Musiktherapie sorgte f\u00fcr heftige polemische Nebent\u00f6ne.<\/strong><\/p>\n<p> Man sei vom hohen Interesse an dem Anlass buchst\u00e4blich \u00fcberrumpelt worden, hiess es von Seiten der Veranstalterin, der Mail\u00e4nder Mariani Stiftung f\u00fcr p\u00e4diatrische Neurologie, die ihre Aufgabe hervorragend erf\u00fcllte. Aus aller Welt str\u00f6mten Etablierte und wissenschaftlicher Nachwuchs in die Stadt des Wirkens Johann Sebastian Bachs, und man konnte in den regen Diskussionen zur Kenntnis nehmen, dass nicht nur in New York, Harvard, London, Stockholm oder Paris fleissig am Hirn geforscht wird, sondern selbst in Gegenden wie dem russischen Nowosibirsk.<\/p>\n<p> Die in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Max-Planck-Institut f\u00fcr Kognitions- und Neurowissenschaften und der New Yorker Academy of Sciences organisierte Konferenz war bereits die dritte ihrer Art. Im Mai 2000 war in New York \u00abThe Biological Foundations of Music\u00bb und im Oktober 2002 \u00abNeurosciences and Music \u2013 I\u00bb \u00fcber die B\u00fchne gegangen. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">\u00a0<\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><strong>Weitere Artikel<\/strong><br \/> Kommentar zum Musiktherapie-Podium: <br \/><a href=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/editorials.php?art=192\">Das perfekte Verbrechen<\/a><br \/> Fotoimpressionen von der Konferenz: <br \/><a href=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/dossiers_ind9.php?art=47\">Fotos I<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/dossiers_ind9.php?art=48\">Fotos II<\/a><\/p>\n<p> <strong>Die Weblinks<\/strong><br \/> Fondazione Mariani:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.fondazione-mariani.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.fondazione-mariani.org<\/a><br \/> Max-Planck-Institut f\u00fcr Kognitions- und Neurowissenschaften:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.cns.mpg.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.cns.mpg.de<\/a><\/center><center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Um Interessierten einen \u00dcberblick \u00fcber den Stand der Forschung zu bieten, wurde am Vortag des eigentlichen Kongresses ein \u00abWorkshop\u00bb angesetzt, der sich allerdings eher als eine Art Zusammenzug aller Keynotes zur Konferenz herausstellte und bereits auf \u00fcberaus hohes Interesse stiess. Die in Montreal t\u00e4tige Isabelle Peretz stellte in diesem Rahmen die \u00abMontreal Battery of Evaluation of Amusia\u00bb, ein Analysewerkzeug zur Diagnose von musikalischen Wahrnehmungsst\u00f6rungen, vor. Einen \u00dcberblick \u00fcber die aktuellen bildgebenden Verfahren lieferten Robert Zatorre (Montreal) und Christo Pantev (M\u00fcnster), und die in Ontario t\u00e4tige Psychologin Laurel Trainor skizzierte Ergebnisse und Methoden der musikpsychologischen Forschung an Kleinkindern. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/3Friederici.jpg\" border=\"0\" alt=\"ngela Friederici zeigte Parallelen zwischen kognitiver Sprach- und Musikverarbeitung auf.\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Angela Friederici zeigte Parallelen zwischen kognitiver Sprach- und Musikverarbeitung auf.<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Den eigentlichen Kongress err\u00f6ffnete die Neuropsychologin Angela Friederici als Vertreterin des gastgebenden Leipziger Max Planck Institutes f\u00fcr Kognitions- und Neurowissenschaften anstelle der verhinderten Diana Deutsch. Friederici skizzierte die j\u00fcngsten Erkenntnisse in den Kognitionswissenschaften und den Parallelen zwischen Sprach- und Musikverarbeitung. In den rund dreissig folgenden Referaten und etwa 140 Poster-Pr\u00e4sentationen wurde ein lebendiges Bild zum Stand der gesamten Forschung und ihrer st\u00fcrmischen Entwicklung gezeichnet.<\/p>\n<p> <strong>Noch im Anfangsstadium<\/strong><\/p>\n<p> Am auffallendsten schien dabei die nach wie vor zu konstatierende Diskrepanz zwischen experimentellem Aufwand und den faktischen, h\u00e4ufig trivial anmutenden oder Selbstverst\u00e4ndliches best\u00e4tigenden Resultaten. Man sollte sich allerdings davor h\u00fcten, daraus die falschen Schl\u00fcsse zu ziehen. Die Besch\u00e4ftigung der Neurowissenschaften mit der Musik steckt noch in den Kinderschuhen und beschr\u00e4nkt sich vorl\u00e4ufig darauf, ein Gef\u00fchl daf\u00fcr zu bekommen, wo die Chancen und Grenzen des neurologischen Experimentes f\u00fcr das Fach zu finden sein werden. <\/p>\n<p> Das noch etwas ratlose Herumtappen im methodischen Nebel zeigt sich auch daran, dass noch vor einigen Jahren als spektakul\u00e4r verkaufte Einsichten des Faches immer mal wieder demontiert werden. So auch in Leipzig. Da wurde etwa die F\u00e4higkeit von Patienten als Mythos entlarvt, einen Satz, den sie nicht zu sprechen in der Lage sind, wohl singen zu k\u00f6nnen. Auch vom ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Mozart-Effekt, nach dem das Anh\u00f6ren von Mozarts Musik den IQ erh\u00f6ht, bleibt auf den zweiten Blick offenbar nicht mehr viel \u00fcbrig, wie Untersuchungen von Glenn Schellenberg gezeigt haben. Selbst physiologische Funde wie die tonotopische Anordnung im prim\u00e4ren H\u00f6rkortex wurden &#8211; von Mark Tramo von der Harvard Medical School &#8211; arg relativiert. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 150px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2Patel.jpg\" border=\"0\" alt=\"Aniruddh Patel pr\u00e4sentierte seine Forschungen zu den Unterschieden nationaler Musikstile\" \/><\/td>\n<td valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Aniruddh Patel pr\u00e4sentierte seine Forschungen zu den Unterschieden nationaler Musikstile.<\/strong> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Ein weiteres Grundproblem der experimentellen Resultate wurde unter anderem in der Diskussion des Referates von Aniruddh Patel angesprochen. Der in San Diego t\u00e4tige Neurowissenschaftler hat mit einer Studie Aufsehen erregt, die nachzuweisen scheint, dass sich Unterschiede in der Muttersprache in Unterschieden der Musik franz\u00f6sischer und englischer Komponisten widerspiegeln. Eine Musikwissenschaftlerin aus dem Publikum stellte die provokative Frage, ob diese nicht auch auf unterschiedliche Pr\u00e4ferenzen f\u00fcr modale Tonarten zur\u00fcckzuf\u00fchren seien.<\/p>\n<p> Exemplarisch ist der Einwand insofern, als dass er darauf hinweist, dass Randbedingungen und St\u00f6rfaktoren bei der neurologischen Untersuchung der Musikwahrnehmung und -produktion heute noch praktisch nicht in den Griff zu bekommen sind.<\/p>\n<p> Angesichts derartiger Demontagen und fehlender Rahmentheorien erstaunt es, dass die ansonsten durchaus skrupul\u00f6sen Forscherinnen und Forscher der Hirngilde Einzelbefunde \u2013 selbst nie von Peers replizierte \u2013 immer wieder als grosse Durchbr\u00fcche feiern (<a href=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/science.php\">Leserbrief<\/a>). Marketing in eigener Sache d\u00fcrfte da ein starkes Motiv darstellen, was ja angesichts der Notwendigkeit, Geld f\u00fcr die eigene Forschung aufzutreiben, durchaus nachvollziehbar ist. <\/p>\n<p> Des fr\u00fchen Stadiums der Erkenntnis ist sich die Forschergemeinde durchaus bewusst, wie auch kritische Nebenbemerkungen in Leipzig bewiesen. So wurde immer wieder das Fehlen von Normen bem\u00e4ngelt, das es unm\u00f6glich macht, die Befunde einzelner Labors miteinander in Beziehung zu setzen, und \u2013 wiederum von Mark Tramo \u2013 auch die Tatsache, dass die meisten Experimente kaum je wiederholt und damit best\u00e4tigt oder verworfen werden. <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2Koelsch.jpg\" border=\"0\" alt=\"Stefan Koelsch zeigte, wie als angenehm und unangenehm empfundene Musik unterschiedliche Spuren im Hirn hinterlassen\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Stefan Koelsch zeigte, wie als angenehm und unangenehm empfundene Musik unterschiedliche Spuren im Hirn hinterlassen.<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Selbst in praktischen Belangen gingen die Meinungen teils diametral auseinander. So etwa in bezug auf die Fokale Dystonie zwischen dem in Z\u00fcrich wirkenden Victor Candia, der zur Behebung des Problems eine an Robert Schumanns Eigentherapie erinnernde Methode des monatelangen Trainings mit mechanischen Fixierungen betroffener Finger favorisierte, und dem Hannoveraner Eckart Altenm\u00fcller, der mit ebenso guten Gr\u00fcnden im Gegensatz dazu auf die pharmazeutische Behandlung des Leidens schw\u00f6rt.<\/p>\n<p> <strong>Emotionen am Podium zur Musiktherapie<\/strong><\/p>\n<p> An einer Diskussion zur Musiktherapie, zu der die Kongressverantwortlichen auch die Praktiker auf dem Gebiet eingeladen hatten, wurde von der Musiktherapie apodiktisch der Abschied von einem \u00abantiquierten\u00bb sozialwissenschaftlichen Paradigma und State-of-the-Art-Studien zu ihrer Wirksamkeit auf Basis neurologischer Ans\u00e4tze gefordert. Dem blieb aus dem Publikum nicht unwidersprochen. Dem Podium wurden \u00abArroganz und Ignoranz\u00bb vorgeworfen. Die Neurowissenschaftler, hiess es, h\u00e4tten offenbar keine Ahnung, was Therapeuten und Therapeutinnen im klinischen Alltag leisteten und seien nicht dialogbereit.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 380px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/1PodiumMusiktherapie.jpg\" border=\"0\" alt=\"Das Podium zur Musiktherapie (v.l.n.r.): Robert Zatorre (Montreal), Luisa Lopez (Rom), Michael Thaut (Fort Collins), Eckart Altenm\u00fcller (Hannover), Thomas Hillecke (Heidelberg), Patricia Sabatella (Puerto Real, C\u00e1diz) und Anne Nickel (Heidelberg)\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Das Podium zur Musiktherapie (v.l.n.r.): Robert Zatorre (Montreal), Luisa Lopez (Rom), Michael Thaut (Fort Collins), Eckart Altenm\u00fcller (Hannover), Thomas Hillecke (Heidelberg), Patricia Sabatella (Puerto Real, C\u00e1diz) und Anne Nickel (Heidelberg).<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Eine sich selbst als Vertreterin der Schulmedizin charakterisierende Votantin erkl\u00e4rte \u00fcberdies, dass man der Arbeit in gewissen Bereichen wie etwa der Palliativmedizin mit quantitativen Effizienzstudien nicht gerecht werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p> Luisa Lopez erkl\u00e4rte von Seiten der Organisatoren auf den ebenfalls ge\u00e4usserten Vorwurf, auf dem Podium bloss eine Seite zu repr\u00e4sentieren, man habe mehrere Vertreter der klassischen Musiktherapie eingeladen, leider h\u00e4tten sie aber alle mit Terminproblemen zu k\u00e4mpfen gehabt.<\/p>\n<p> Der Milaneser Neurologe Giuliano Avanzini schlug mit einem Votum zur G\u00fcte eine Br\u00fccke, indem er beide Seiten darauf hinwies, dass sich die quantitativen, evidenzbasierten Methoden mit etwas Fantasie durchaus so ausweiten liessen, dass sie auch die beziehungsbezogenen Wirkfaktoren zu erfassen in der Lage seien.<\/p>\n<p> Ein leicht frustrierter Unterton in Robert Zatorres Schlussvotum zur Sache war nicht zu \u00fcberh\u00f6ren. Man d\u00fcrfe nicht vergessen, erkl\u00e4rte er, dass es die Konferenzorganisatoren gewesen seien, welche die Musiktherapeuten eingeladen h\u00e4tten, um ihnen die Gelegenheit zu geben, sich \u00fcber das zu informieren, was in den Neurowissenschaften er\u00f6rtert werde. Der Dialog sei also aktiv gesucht worden.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\"><em>The Neurosciences and Music &#8211; II, Konferenz im Westin Hotel Leipzig, 5. bis 8. Mai 2005<\/em> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12.05.2005 &#8212; <span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">Im Leipziger Westin Hotel trafen sich Hirnforscher aus aller Welt zum Kongress \u00abThe Neurosciences and Music \u2013 II\u00bb, um die neuesten Erkenntnisse und Methoden in Sachen Neurologie der Musik zu diskutieren. 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