{"id":780,"date":"2014-01-12T11:42:16","date_gmt":"2014-01-12T11:42:16","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/vor-einbruch-des-rezitativs\/"},"modified":"2014-01-12T11:42:16","modified_gmt":"2014-01-12T11:42:16","slug":"vor-einbruch-des-rezitativs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/vor-einbruch-des-rezitativs\/","title":{"rendered":"Vor Einbruch des Rezitativs"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">30.03.2004 &#8212; Mit der Auff\u00fchrung der Johannespassion am Karfreitag kn\u00fcpft die kirchliche Gemeinde an eine Tradition an, die bis ins vierte nachchristliche Jahrhundert zur\u00fcckreicht. In der Zeit Leos des Grossen (440-461) erfolgte die Institutionalisierung der auf die verschiedenen vor\u00f6sterlichen Tage verteilten Passionslesungen. Die Lesung nach Johannes am Karfreitag wurde damit begr\u00fcndet, dass Johannes als einziger der J\u00fcnger unter dem Kreuz gestanden habe. Die Passionen sind so alt wie die Evangelien selber, in der Tat d\u00fcrfte die in allen vier Evangelien anzutreffende Textgestalt, die Aufteilung in Erz\u00e4hlung und direkte Rede \u00abauf liturgisches Brauchtum der fr\u00fchchristlichen Gemeinden zur\u00fcckzuf\u00fchren sein.\u00bb (Kurt von Fischer, \u00abDie Passion von ihren Anf\u00e4ngen bis ins 16. Jahrhundert\u00bb) In der r\u00f6mischen Kirche des Hochmittelalters blieb der Vortrag einem einzelnen S\u00e4nger vorbehalten; die liturgisch-musikalische \u2013 wie \u00fcbrigens auch die bildnerische \u2013 Darstellung war in dieser Zeit lehrhaft auf das Heilsgeschehen und die S\u00fcndenvergebung hin angelegt.<\/p>\n<p> Das Kreuz als Symbol der Leiden Christi fand seinen Platz auf dem Altar wahrscheinlich erst mit der Theologia crucis des Bernhard von Clairvaux im 13. Jahrhundert. Erst aus seiner Gewichtung, die eine mystische Versenkung in die Leiden am Kreuz f\u00f6rderte, wuchs das Bed\u00fcrfnis nach einem expressiv gesteigerten Vortrag des Textes. Damit einher ging die Rollenaufteilung innerhalb der Passionslektion: Evangelist, Jesus, Soliloquenten und Turbae wurden auf mehrere Personen verteilt. Zur gleichen Zeit erschien auf zeitgen\u00f6ssischen Abbildungen Christus nicht mehr aller Qual enthoben, sondern als Dornengekr\u00f6nter und Leidender.<\/p>\n<p> Die Rollenaufteilung innerhalb einer Evangeliumslesung wie auch die Mehrstimmigkeit wurden in dieser Zeit sonst als sinnlicher Schmuck, vergleichbar der Altarlichter und dem Weihrauch empfunden, und den Lesungen der Weihnachtszeit vorbehalten. Das weist auf die Sonderstellung der Passionsrezitation hin, die sich in der Folge auch immer mehr aus dem liturgischen Rahmen l\u00f6ste und sich zunehmend zu einem kontemplativ-musikalischen Ereignis entwickelte. Mit solchen Mitteln wurde eine Vertiefung und Intensivierung der Volksfr\u00f6mmigkeit angestrebt: \u00abDie Begebenheiten der Passion sollen im Sinne der Imitatio und Identificatio sicht- und h\u00f6rbar gemacht werden (&#8230; ) An die Stelle des mittelalterlichen spiritualistischen Denkens tritt das Bed\u00fcrfnis nach Konkretisierung. Das Passionsgeschehen soll gegenw\u00e4rtig werden; Ausf\u00fchrende, Zuschauer und Zuh\u00f6rer wollen \u201emit drin sein\u201c\u00bb (Kurt von Fischer). Die Legitimation des Schmucks findet sich in der Auffassung, dass die Passion als Verbindung von Trauer und Freude zu verstehen ist.<\/p>\n<p> Einen erneuten tiefgreifenden Wandel erfuhr die Form der Passion mit der Theologie Luthers, der die kl\u00f6sterliche Kontemplation und Meditation \u00fcber die Leiden Christi als einen geistigen Genuss ansah, der nicht Aufgabe einer Nachfolge Christi sein konnte: \u00abDan Christus leyden mus nit mit worten und scheyn, sondern mit dem leben und warhafftig gehandelt werden\u00bb (Martin Luthers Werke II). Aus der reformierten Theologie wuchsen zwei spezifische Passionsformen: Die Rezitativpassion (von Kurt von Fischer unter die responsorialen Passionen subsumiert), die ihren H\u00f6hepunkt und Abschluss in den Werken von Heinrich Sch\u00fctz fand, und die durchgehend mehrstimmig gesetzte Motettenpassion, die ihre gr\u00f6sste Verdichtung in dem letzten Werk ihrer Art, der Johannespassion von Christoph Demantius, erfuhr. Demantius, der \u00fcbrigens auch der Verfasser des ersten deutschsprachigen Musiklexikons ist, wirkte w\u00e4hrend 39 Jahren als Kantor in Freiberg und ist damit mit Heinrich Sch\u00fctz vergleichbar, der dem s\u00e4chsischen F\u00fcrsten ebenso lange die Treue hielt. Sch\u00fctz und Demantius beschlossen mit ihren Passionen eine Jahrhunderte dauernde Entwicklung der Form, die sich in der Folge unter dem Einfluss des Pietismus grunds\u00e4tzlich wandeln sollte: Als der neuen Epoche angemessener erwies sich die oratorienhafte Passion, welche den liturgischen Passionston durch ein neu komponiertes Rezitativ ersetzen sollte. (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>30.03.2004 &#8212; Mit der Auff\u00fchrung der Johannespassion am Karfreitag kn\u00fcpft die kirchliche Gemeinde an eine Tradition an, die bis ins&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-780","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/780","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=780"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/780\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=780"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=780"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=780"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}