{"id":781,"date":"2014-01-12T11:42:56","date_gmt":"2014-01-12T11:42:56","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/der-code-der-moenche\/"},"modified":"2014-01-12T11:42:56","modified_gmt":"2014-01-12T11:42:56","slug":"der-code-der-moenche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/der-code-der-moenche\/","title":{"rendered":"Der Code der M\u00f6nche"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">20.06.2004 &#8212; Als die japanische Regierung 1871, im Zuge der Meiji-Restauration die buddhistische Fuke-Sekte verbot, ging auch eine \u00c4ra der Kunstmusik zu Ende, die in ihre Art wohl ebenso einmalig wie legendenumwoben ist.<\/p>\n<p> \u00dcber die vor erst gut hundert Jahren aufgel\u00f6ste Fuke-Sekte ist kaum Verl\u00e4ssliches bekannt, weil ihr Niedergang in eine Zeit fiel, die dem Buddhismus wenig Wertsch\u00e4tzung entgegenbrachte und deshalb viel ihn betreffende Dokumente verloren gehen liess und weil die Sekte eine schlechten Ruf besass. Ab und zu wird der Verdacht ge\u00e4ussert, dass die \u00abKomuso\u00bb genannten Mitglieder der Sekte nichts anderes als im Dienste des Staates stehende Spione gewesen seien. Der Vorwurf ist wohl weit \u00fcbertrieben; hie und da aber d\u00fcrfte die Organisation Aufgaben der Staatsicherheit \u00fcbernommen haben. In einem Edikt von 1677 wurde bestimmt, dass nur Samurai Mitglieder der Sekte werden d\u00fcrften und dass diese sich keiner lokalen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen hatten \u2013 ein Privileg, das sicherlich auch missbraucht wurde.<\/p>\n<p> Dar\u00fcber hinaus besassen die Mitglieder der Sekte das Privileg, als einzige das Spiel der Shakuhachi zu pflegen. (Es ist \u00fcbrigens wahrscheinlich, dass die Sekte dieses Monopol mit einer bewusst in Umlauf gesetzten Legende von der Einf\u00fchrung der Fl\u00f6te aus China durch japanische Zen-Priester erreichte; die Herkunft des Instrumentes ist noch heute nicht befriedigend gekl\u00e4rt.) Da die Komuso ihren Kopf unter einem bienenkorb\u00e4hnlichen Hut versteckten und zahlreiche Schwindler sich ihr \u00c4usseres zunutze machten, bestand f\u00fcr sie die Notwendigkeit eines Erkennungszeichens. So entstanden sogenannte Neshirabe, kurze Musikst\u00fccke, die von einem Komuso begonnen, vom andern zu Ende gef\u00fchrt werden mussten. In erster Linie bestand das Repertoire des Instrumentes jedoch aus den 36 Solost\u00fccken des Honkyoku, einer Sammlung von Kompositionen, die der geistigen Versenkung und der Schulung der Konzentration galten. Nach dem Verbot der Sekte verlor das Instrument seinen geistlichen Charakter weitgehend; es wurde in die japanische Kammermusik integriert und neue, rhythmisch und melodisch einfacher strukturierte Kompositionen entstanden. Zudem begann es, in allen Volksschichten Fuss zu fassen. Allerdings organisiert sich die Gemeinde des Shakuhachi-Spieler auch heute noch nach St\u00e4nden geordneten Schulen.<\/p>\n<p> In der urspr\u00fcnglichen Funktion der Shakuhachi ist die einzigartige \u00c4sthetik ihres Spiels begr\u00fcndet, das, im Gegensatz zum Spiel der Koto, einer Art W\u00f6lbbrettzither, oder der Shamisen, einer Spiesslaute, \u00fcber grosse dynamische Extreme und Schroffheiten im Klang verf\u00fcgt. Auch nur zu einem Teil auf seine Konstruktion geht der rauhe Ton des Instrumentes zur\u00fcck; er zeugt davon, dass der Atem seine Energiequelle ist, ebenso wie die zahlreichen, in erster Linie durch Kopfbewegungen erzeugten Verzierungen und Tonmodulationen, an denen der Sch\u00fcler hart zu arbeiten hat (\u00abkubifuri sannen\u00bb sagt ein Sprichwort: Um das richtige Kopfsch\u00fctteln zu beherrschen, braucht man drei Jahre).<\/p>\n<p> Die Shakuhachi hat es im modernen Japan nicht immer einfach gehabt: die einzigartige Entstehungsgeschichte ihres Repertoires bringt es mit sich, dass ihre Sololiteratur in Japan selber im breiten, an Lieder und Kammermusik gew\u00f6hnten Publikum auf wenig Verst\u00e4ndnis st\u00f6sst, so dass die St\u00fccke des Honkyoku, \u00e4hnlich wie bei uns Werke zeitgen\u00f6ssischer Komponisten, lediglich zwischen popul\u00e4reren Formen der Musik dargeboten werden. Ein Nachlassen am Interesse der buddhistischen Fl\u00f6te soll aber auch mit dem Aufkommen des Golfspieles zu tun haben: F\u00fcr einen statusbewussten Japaner der oberen Mittelschicht ist es (laut einem auch in Japan anerkannten europ\u00e4ischen Meister des Instrumentes) beinahe unm\u00f6glich, nicht Golf zu spielen. Gerade aber aus den Kreisen der heutigen Golfer rekrutierten sich fr\u00fcher die Spieler. (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20.06.2004 &#8212; Als die japanische Regierung 1871, im Zuge der Meiji-Restauration die buddhistische Fuke-Sekte verbot, ging auch eine \u00c4ra der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-781","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/781","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=781"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/781\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=781"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=781"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=781"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}