{"id":783,"date":"2014-01-12T11:44:34","date_gmt":"2014-01-12T11:44:34","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/von-weltangst-beherrscht\/"},"modified":"2014-01-12T11:44:34","modified_gmt":"2014-01-12T11:44:34","slug":"von-weltangst-beherrscht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/von-weltangst-beherrscht\/","title":{"rendered":"Von Weltangst beherrscht"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">10.01.2005 &#8212; Es war ein heller Sonntagvormittag, jener erste November 1942, an dem sich Hugo Distler, mit erst 34 Jahren seelisch gebrochen, in seine einsame Dienstwohnung zur\u00fcckzog, das Bett in die K\u00fcche schob und den Raum verdunkelte. Nachdem er das Sterbehemd angezogen hatte, nahm er ein Bild seiner Frau und seiner Kinder in die Hand und drehte den Gashahn auf.<\/p>\n<p> Der k\u00f6rperlich zerbrechliche und geistig einsame Distler lebte in einer Zeit, die f\u00fcr seine Eigenarten kaum Platz freihielt; wie weit Schwermut und fehlende Lebenskraft allerdings auch in ihm selber angelegt sein mochten, l\u00e4sst sich nur noch schwer feststellen. Das N\u00fcrnberger Realgymnasium hatte er als stiller und unauff\u00e4lliger Sch\u00fcler absolviert, und selbst w\u00e4hrend seiner musikalischen Ausbildung in Leipzig scheint er nicht sonderlich aufgefallen zu sein; man sah ihn meist allein, sein Z\u00fcrcher Mitsch\u00fcler Walter Tappolet attestiert ihm jedoch eine \u00abungew\u00f6hnliche Energie, die sich geradezu in Verbissenheit steigern konnte\u00bb.<\/p>\n<p> Seine erste Stelle trat Distler als Jacobi-Organist in L\u00fcbeck an \u2013 aus finanziellen Gr\u00fcnden hatte er das Studium nicht abschliessen k\u00f6nnen. In diese Zeit f\u00e4llt auch die Komposition der Choralpassion, zu der ihm das Erlebnis einer Sch\u00fctz-Auff\u00fchrung den Anstoss gegeben hatte. Allerdings scheint Distler aufgrund seines Wesens ohnehin eine starke innere Beziehung zum Karfreitagsgeschehen gehabt zu haben. Nicht selten waren von ihm auch sonst \u00e4usserst pessimistische T\u00f6ne zu h\u00f6ren. Lange vor 1939 war er von der Unvermeidlichkeit eines Krieges \u00fcberzeugt; Hitler und die Nazis hasste er aus tiefstem Herzen. \u00abWarum findet sich unter denen, die ihr Leben ohnehin verwirkt haben, nicht einer, der dieses Tier aus dem Abgrund beseitigt?\u00bb fragte er. Seinen einzigen Bruder sollte er vor Leningrad verlieren. (Die Nazis d\u00fcrften \u00fcbrigens nicht unschuldig daran sein, dass Distler sich vornehmlich der Vokalmusik widmete; galt in dieser Zeit die innovative Instrumentalmusik doch als entartet. Nur die Kirchenmusik war ein ideologisch gesch\u00fctztes Gebiet, auf dem sich der kreative und suchende Komponist von politischen Unannehmlichkeiten unbehelligt bewegen konnte.)<\/p>\n<p> Meist grundlos allerdings f\u00fchlte sich Distler von Feinden umstellt, und gelegentlich wurde er von Anwandlungen eines Minderwertigkeitsgef\u00fchls heimgesucht. Seine Lebensangst fand ihre Best\u00e4tigung allerdings auch in ganz handfesten Erlebnissen, wie zum Beispiel demjenigen des Selbstmordes einer seiner Sch\u00fclerinnen, deren K\u00f6rper er zerschmettert am Fuss \u00abseiner\u00bb L\u00fcbecker Orgel-Empore vorfinden musste. Nach einem Zwischenspiel in Stuttgart wurde Distler 1940 an die Berliner Musikhochschule berufen. Damit hatte er alles erreicht, was ein Musiker in Deutschland zu seiner Zeit \u00fcberhaupt erreichen konnte.<\/p>\n<p> Allerdings musste er seit Kriegsbeginn den Einzug in die Armee bef\u00fcrchten, eine Vorstellung, deren Grauen durch Begegnungen mit Vertretern des unmenschlichen Militarismus verst\u00e4rkt wurde. Die st\u00e4ndige Flucht vor der drohenden Mobilisierung scheint den von Weltangst durchdrungenen K\u00fcnstler endg\u00fcltig gebrochen zu haben. Die detaillierte Schilderung der letzten Stunden von Distlers Leben verdanken wir einer Gedenkrede seines Freundes Oskar S\u00f6hngen; wie kaum sonst etwas entwirft sie ein Bild von Distlers Pers\u00f6nlichkeit: Nachdem er sich in gr\u00f6sster Hoffnungslosigkeit, \u00fcberarbeitet und \u00fcberreizt zum Sterben entschloss, setzte er sich noch ein letztes Mal an seine geliebte Orgel, spielte eine Bearbeitung des Bachschen Chorals \u00abAllein Gott in der H\u00f6h\u2018 sei Ehr\u00bb; dann schrieb er seiner Frau einen Abschiedsbrief. Von zu Hause nahm er nur die Bibel und ein Messingkreuz mit auf seinen letzten Weg.<\/p>\n<p> Der Brief, der ihm die \u00abUneinziehbarkeit in den Milit\u00e4rdienst\u00bb garantierte, erreichte ihn \u2013 am Tage nach seinem Freitod \u2013 zu sp\u00e4t. (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.01.2005 &#8212; Es war ein heller Sonntagvormittag, jener erste November 1942, an dem sich Hugo Distler, mit erst 34 Jahren&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-783","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/783","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=783"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/783\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=783"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=783"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=783"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}