{"id":786,"date":"2014-01-12T11:46:52","date_gmt":"2014-01-12T11:46:52","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/dem-andenken-eines-engels\/"},"modified":"2014-01-12T11:46:52","modified_gmt":"2014-01-12T11:46:52","slug":"dem-andenken-eines-engels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/dem-andenken-eines-engels\/","title":{"rendered":"Dem Andenken eines Engels"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">03.05.2005 &#8212; Zeitlebens verfolgte ihn die 23, die er seit einem ersten schweren Asthmaanfall an einem 23. Juli als seine Schicksalszahl betrachtete. Der abergl\u00e4ubische, mit \u00fcberstr\u00f6mender Gem\u00fcthaftigkeit begabte Alban Berg verschrieb sich als Sch\u00fcler von Arnold Sch\u00f6nberg zwar der Zw\u00f6lftontechnik. Immer aber blieb er ein Kind der \u00fcppigen, schwelgerischen, geheimnistuerischen und mystifzierenden Sp\u00e4tromantik. Allein seine Lebensdaten sind bedeutungsschwanger: Sein Geburt f\u00e4llt ins Jahr 1885 \u2013 den zweihundertesten Geburtstag Bachs! \u2013, als Todesdatum wird in der Regel der Heiligabend 1935 angegeben.<\/p>\n<p> In unserer Welt hat er sich nie recht heimisch gef\u00fchlt. 1903 fiel er durch die Reifepr\u00fcfung und versuchte er sich nach einer ungl\u00fccklichen Liebe das Leben zu nehmen. 1904 bestand er mit viel Gl\u00fcck die Reife doch noch.<\/p>\n<p> Als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht zu \u00fcbernehmen begannen, wurde die Situation f\u00fcr den j\u00fcdischst\u00e4mmigen Sch\u00f6nberg schwierig; auch f\u00fcr Berg, den man f\u00e4lschlicherweise ebenfalls f\u00fcr einen Juden hielt und dessen \u00abschw\u00e4chliche, parf\u00fcmierte Musik\u00bb vollkommen \u00abgem\u00fctlos\u00bb sei, wie der deutscht\u00fcmelnde Scharfmacher Paul Zschorlich in der \u00abDeutschen Zeitung\u00bb schrieb. Um sich ein eigenes Sprachrohr zu schaffen, gr\u00fcndeten seine Freunde 1932 das Organ \u00ab23 \u2013 eine Wiener Musikzeitschrift\u00bb. Offiziell benannt nach einem Paragraphen des Pressegesetzes, in Tat und Wahrheit aber von Bergs Schicksalszahl abgeleitet.<\/p>\n<p> In seinem Todesjahr 1935 erhielt Berg von dem amerikanischen Geiger Louis Krasner den Auftrag zu einem Violinkonzert. Berg schob die Arbeit zun\u00e4chst auf, weil er von seiner grossen Oper \u00abLulu\u00bb allzusehr in Anspruch genommen war. Dann jedoch starb die achtzehnj\u00e4hrige Manon Gropius, zu der Berg und seine Frau Helene ein herzliches, z\u00e4rtliches Verh\u00e4ltnis gepflegt hatten, an Kinderl\u00e4hmung. Die Tochter Alma Mahler-Werfels, der Witwe Gustav Mahlers und des Architekten Walter Gropius, muss \u00fcber eine zauberhafte Ausstrahlung verf\u00fcgt haben. Berg widmete das im Sommer 1935 entstandene Konzert denn auch \u00abdem Andenken eines Engels\u00bb. Programmatisch schildert es Leben, Todeskampf und Verkl\u00e4rung des M\u00e4dchens. Im August des Jahres stach Berg jedoch ein Insekt ins R\u00fcckgrat. Ein b\u00f6sartiger Abszess machte ihm bis in den Winter hinein zu schaffen. Im Dezember erkrankte er an einer Blutvergiftung, von der er sich nicht mehr erholen sollte.<\/p>\n<p> Louis Krasner erfuhr vom Tode Bergs per Zufall in einem New Yorker Hotelzimmer aus einer herumliegenden Ausgabe der \u00abNew York Times\u00bb. Das Datum der Urauff\u00fchrung des Konzerts war jedoch bereits festgelegt. Sie sollte am 19. April 1936 in Barcelona stattfinden. Der Jude Krasner traf Anton Webern, der als Dirigent amtieren sollte, in Wien. Webern weigerte sich zuerst, nach Barcelona zu fahren; Krasner spielte das Konzert mit ihm durch und bat ihn erneut, die Leitung zu \u00fcbernehmen. Webern willigte schliesslich ein, bestand aber darauf, einen f\u00fcr Krasner nicht ungef\u00e4hrlichen Umweg \u00fcber Deutschland zu machen. \u00abAls wir nach M\u00fcnchen gekommen sind\u00bb, erz\u00e4hlt Krasner in einem Interview mit der \u00abNeuen Zeitschrift f\u00fcr Musik\u00bb vom Oktober 1991, \u00abhat Webern gesagt, wir gehen heraus ein Bier trinken; ein gutes dunkles M\u00fcnchner Bier. Nach kurzer Zeit sind wir dann \u00fcber die Grenze gefahren, und da hat sich Webern nach einiger Zeit an mich gewandt und gesagt: Na, Krasner, hat Ihnen jemand etwas getan?\u00bb<\/p>\n<p> In den ersten Proben in Barcelona verlor sich Webern im Detail-Studium der Partitur, die den mit solcher Musik nicht vertrauten Musikern des Casals-Orchesters ein Buch mit sieben Siegeln war. Am dritten Probentag rannte er vom Dirigentenpult; verst\u00f6rt irrte er durch die Stadt, von der Aufgabe seelisch sichtlich \u00fcberfordert. Als Retter in der Not sprang Hermann Scherchen ein, dem aus Termingr\u00fcnden bis zum Konzert noch genau eine halbe Stunde Probenzeit blieb. Krasner schildert das Konzert in eindr\u00fccklichen Worten: \u00abNat\u00fcrlich war Scherchen ein wunderbarer Dirigent. Hinzu kam die Tatsache, dass die Musiker sehr bedr\u00fcckt waren, weil sie sich an der ganzen Situation mitschuldig f\u00fchlten. Und dann war da noch der Umstand, dass Berg gerade gestorben war. Das Publikum war subjektiv noch unter diesem Einfluss. So war es nicht wie eine Auff\u00fchrung, sondern wie eine Andacht. Und als wir geendet hatten \u2013 es endet ja sehr ruhig \u2013, hat sich keiner ger\u00fchrt, und erst nach einer Weile war ein st\u00fcrmischer Applaus und Scherchen hat die Partitur hochgehalten.\u00bb<\/p>\n<p> Das Bed\u00fcrfnis nach Bedeutungshaftigkeit hat der Witwe Helene Berg in bezug auf den Tod ihres Mannes \u00fcbrigens vermutlich einen Streich gespielt, datierte sie ihn doch auf das christliche Lichtfest Heiligabend. Berg starb neueren Erkenntnissen zufolge jedoch in der Nacht auf Heiligabend, bereits am &#8230; 23. (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>03.05.2005 &#8212; Zeitlebens verfolgte ihn die 23, die er seit einem ersten schweren Asthmaanfall an einem 23. 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