{"id":788,"date":"2014-01-12T11:48:27","date_gmt":"2014-01-12T11:48:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/sibelius-ein-nationalist\/"},"modified":"2014-01-12T11:48:27","modified_gmt":"2014-01-12T11:48:27","slug":"sibelius-ein-nationalist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/sibelius-ein-nationalist\/","title":{"rendered":"Sibelius \u2013 ein Nationalist?"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">22.07.2005 &#8212; Die Tondichtungen von Jean Sibelius (1865-1957) wurden zum Symbol des finnischen Nationalismus. Entsprach Sibelius die Rolle der kulturellen Integrationsfigur jedoch auch innerlich? Verweist sein musikalisches Verstummen nach dem f\u00fcnfzigsten Lebensjahr darauf, dass er mit der erfolgreichen finnischen Revolution eine Mission, eine Aufgabe erf\u00fcllt hatte? Oder ist gerade dieses sp\u00e4te Schweigen ein Zeichen mangelnder Verwurzelung in den eigenen heimatlichen Urspr\u00fcngen?<\/p>\n<p> Sicher ist, dass Sibelius seine Werke zu einer Zeit schuf, in der sich Finnland politische und kulturelle Unabh\u00e4ngigkeit zu erk\u00e4mpfen vermochte: War das Land bis ins 19.Jahrhundert zwischen den m\u00e4chtigen Nachbarn Schweden und Russland aufgerieben worden, gew\u00e4hrte der russische Zar ihm als Grossf\u00fcrstentum ab 1863 weitgehende Autonomie. Eine erneute Welle der Russifizierung um die Jahrhundertwende und totalit\u00e4re Bestrebungen versch\u00e4rften den Konflikt mit dem m\u00e4chtigen Nachbarn jedoch erneut, bis Finnland sich 1918 g\u00e4nzlich von den Besetzern l\u00f6ste.<\/p>\n<p> Die soziale und geistige Herkunft bestimmte Sibelius nicht gerade zum Bannertr\u00e4ger des finnischen Volksempfinden. Tats\u00e4chlich wuchs er in der \u00fcberschaubaren schwedischsprechenden Mittelklasse einer finnisch-russischen Garnisonsstadt auf, mit famili\u00e4ren Wurzeln in beiden V\u00f6lkern. Zeitlebens zog er seine Inspiration sowohl aus der schwedischen wie der \u2013 in seiner Jugend noch kaum existierenden \u2013 finnischen Literatur.<\/p>\n<p> Seine erste Chorsinfonie, \u00abKullerwo\u00bb wurde zwar sicherlich mit \u00abgr\u00f6sster patriotischer Begeisterung\u00bb (Ringbom) aufgenommen, die eigentliche Absicht ihres Sch\u00f6pfers aber scheint, glaubt man den Ausf\u00fchrungen von Lisa de Gorog in dem aufschlussreichen Buch \u00abFrom Sibelius to Sallinen\u00bb, mehr privater Natur gewesen zu sein: Heiratsabsichten zwangen ihn dazu, geistige (und \u00f6konomische) Ernsthaftigkeit unter Beweis zu stellen.<\/p>\n<p> Aber reicht dieser etwas profane Hinweis aus, um die Schaffung eines solchen Werkes wirklich zu erkl\u00e4ren? Sicher bediente sich Sibelius in der \u00abKullerwo\u00bb-Sinfonie Motiven aus der \u00abKalewala\u00bb, dem finnischen Nationalepos, aus dem er auch die Inspiration zu weiteren Tondichtungen sch\u00f6pfte, dem \u00abLuonnotar\u00bb etwa oder der \u00abVain\u00f6n Virsi\u00bb, die beide jedoch mehr verinnerlichter Naturmystik als politischem Credo verpflichtet sind.<\/p>\n<p> Sicher kam Sibelius im Umkreis der Schwiegereltern mit einem starken finnischen Nationalbewusstsein in Ber\u00fchrung. Die Familie J\u00e4rnefelt selber allerdings pflegte ein eher europ\u00e4isch-kosmopolitisches Denken, als dass sie sich dezidiert dem politischen Nationalismus zugewandt h\u00e4tte. Auch die intellektuellen Zirkel, zu denen Sibelius Kontakte pflegte, etwa die schwedischsprachigen Euterpisten in Helsinki, die zum finnischen Nationalismus ohnehin Distanz schufen, vermochten in ihm nicht wirklich patriotische Gef\u00fchle zu wecken.<\/p>\n<p> Die Einfl\u00fcsse, denen Sibelius tats\u00e4chlich unterlag, finden sich eher im b\u00fcrgerlich-mystischen Christentum eines Swedenborg oder Jakob B\u00f6hme. So spiegelt auch die Vertonung des \u00abSn\u00f6fried\u00bb, nach einem Text des schwedischen Dichters Rydberg, mehr das Interesse am Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, besch\u00e4ftigt Sibelius sich darin mehr mit dem inneren Heroismus als mit dem politischen Freiheitswillen, der mit Hilfe der Dichtung ebenso zum Ausdruck gebracht werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p> Auch das Verhalten des Sch\u00f6pfers so vieler nationaler Kompositionen w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges l\u00e4sst kaum auf grosse innere Verbundenheit mit den Idealen der finnischen Freiheitsbewegung schliessen. Zwar liesse sich ihm sicher nicht Illoyalit\u00e4t vorwerfen \u2013 immerhin musste er in den Kriegswirren verschiedene Hausdurchsuchungen \u00fcber sich ergehen lassen. Sein Verhalten zwingt eher zur Annahme, dass er im Grunde ein unpolitischer Mensch war.<\/p>\n<p> Als er bei seinem Schwager Eero in Helsinki Schutz suchte, notierte er in sein Tagebuch Eindr\u00fccke zu den von fern h\u00f6rbaren K\u00e4mpfen um Helsinki, die jedoch eher romantische Lust am starken Affekt denn echte Betroffenheit verraten: \u00abErschreckend, aber \u00fcberw\u00e4ltigend. Werde ich morgen noch am Leben sein?\u00bb Weshalb also konnte sein Schaffen zum nationalen Symbol werden? Wohl, weil sich sein eher privater Mystizismus gut dazu umdeuten liess; wie Lisa de Gorog meint, zeigten die Hinweise aber auch \u00abden Sinn f\u00fcr Aufregung und Gefahr, die der Romantiker in Sibelius brauchte und auch die typisch romantisch egozentrische Reaktion und Besch\u00e4ftigung mit den eigenen Gef\u00fchlen.\u00bb<\/p>\n<p> M\u00f6glich also, dass mit der Einkehr des Alltags im neugeschaffenen Finnland die Inspirationsquelle des eigensinnigen, von der Musikgeschichte nicht nur an den geographischen Rand gedr\u00e4ngten Sp\u00e4tromantikers versiegt war. (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.07.2005 &#8212; Die Tondichtungen von Jean Sibelius (1865-1957) wurden zum Symbol des finnischen Nationalismus. 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