{"id":790,"date":"2014-01-12T11:50:01","date_gmt":"2014-01-12T11:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/die-kraft-der-deutung\/"},"modified":"2014-01-12T11:50:01","modified_gmt":"2014-01-12T11:50:01","slug":"die-kraft-der-deutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/die-kraft-der-deutung\/","title":{"rendered":"Die Kraft der Deutung"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">24.10.2005 &#8212; Im Berner Musikwissenschafter Ernst Kurth (1886-1946) fand Anton Bruckner einen Geistesverwandten, der ihm mit seiner grossangelegten Monographie ein \u00e4hnliches musikalisches Denkmal setzte wie Spitta Bach oder Abert Mozart. Kurth, der als Ordinarius dem Berner Lehrstuhl zu Weltgeltung verhalf, entwickelte in seinen Hauptwerken \u00abGrundlagen des linearen Kontrapunktes\u00bb und \u00abromantische Harmonik und ihre Krise in Wagners &#8218;Tristan&#8217;\u00bb eine Theorie der Tonenergien, deren metaphysische Grundlagen heute zwar \u00fcberholt scheinen; noch immer aber vermag die Originalit\u00e4t seiner sprachlichen Beschreibungen musikalischer Sachverhalte geduldige Leser zu fesseln und ihnen die Ohren f\u00fcr subtile Klangvaleurs und kontrapunktische Feinheiten zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p> Ein Beispiel daf\u00fcr bildet die Deutung der e-Moll-Messe Bruckners (Ernst Kurth, \u00abBruckner\u00bb, Berlin 1925, II. Band, Seiten 1216-1235). Schwierig zu entscheiden ist zum Beispiel, wie weitgehend er seine plastische Schilderung der musikalischen Raumbewegungen bildhaft h\u00e4tte verstanden wissen wollen \u2013 die Entwicklung der musikalischen Energetik in der \u00abRomantischen Harmonik\u00bb k\u00f6nnte durchaus auch darauf hinweisen, dass er den T\u00f6nen tats\u00e4chlich so etwas wie eigenen Willen zuzusprechen bereit gewesen w\u00e4re: \u00abDoch w\u00e4hrend nun bei jener plastisch-darstellerischen Motivbildung der klassischen und neueren Zeit, wie auch in Bruckners anderen Messen, das Empordringen zur H\u00f6he \u00fcberwiegt, herrscht hier wie bei der alten kirchlichen Mehrstimmigkeit eher ein Herabschweben von der H\u00f6he vor; es muss sich nicht gerade in durchg\u00e4ngig sinkenden Linien \u00e4ussern, derart wie auch durch die ganze d-Moll-Messe eine motivisch hervortrat, sondern beruht oft mehr in leicht herabschwebenden, oft ekstatisch-flugartigen Bewegungen, die zur H\u00f6he ausgreifen, um wieder Raum f\u00fcr das langsame Niedersinken zu gewinnen.\u00bb<\/p>\n<p> \u00abEkstatisch\u00bb, \u00abzur H\u00f6he ausgreifen\u00bb &#8230; was ist Musik? Ein mit Willen begabter Organismus? Oder lediglich ein Symbolsystem, mittels dessen auf anderes Aussermusikalisches \u2013 auf Ekstase zum Beispiel \u2013 verwiesen wird? Wer greift da aus? Oder ist Musik eine Art Stimulans, ein Rauschmittel, das Ekstase erzeugt wie eine Droge Halluzinationen hervorruft? Erstaunlich an Kurths Sprache ist, dass sie trotz dem intuitiven, sich um wissenschaftstheoretische Skrupel kaum k\u00fcmmernden Mystizismus poetische Pr\u00e4zision und bildhafte Anschaulichkeit besitzt, die von sp\u00e4teren Autoren kaum je erreicht worden ist.<\/p>\n<p> Zugute kam Kurth da, dass er sich noch innerhalb desselben Rahmens j\u00fcdisch-christlicher Religiosit\u00e4t bewegen konnte wie der Komponist Bruckner selber. So darf er in seiner Ausdeutung noch einen Schritt weitergehen und die geistige Bedeutung dieser Messe aufschl\u00fcsseln: \u00abIn der neuen Melodik liegt mehr das Suchen, der Drang, das Zyklopische, wie es auch in den Mittels\u00e4tzen der e-Moll-Messe gelegentlich herausbricht, das Aktive, hier aber mehr in der alten Kirchenmusik das Erl\u00f6ste, Passive, die Gnadenempf\u00e4ngnis; Friede und Heilsverheissung liegt in dem herabschwebenden, getragenen Grundzug, und es h\u00e4ngt mit dem Charakter der ganzen Kunstauffassung, auch mit der Vorstellung vom herabflutenden Engelsgesang zusammen.\u00bb<\/p>\n<p> Kurth exemplifiziert damit die gef\u00fchlsm\u00e4ssige Vorstellung, die der Mensch mit dem Heil verbindet: Es l\u00f6st die Spannungen und Energien auf \u2013 in der Musik sieht er diese durch die gewonnene H\u00f6he zum Ausdruck gebracht. Zugleich ist ihm das Heil etwas, das der Mensch passiv empf\u00e4ngt, das ihm zukommt, wenn er zuvor eigene Anstrengungen im \u00abSuchen und Dr\u00e4ngen\u00bb unternommen hat. Da verbirgt sich hinter der scheinbar unvoreingenommenen Beschreibung eine bestimmte religi\u00f6se (namentlich katholische) Grundhaltung; Musik wird so zum Medium theologischer Reflexion.<\/p>\n<p> Auch wenn diese bunte Mischung aus Metaphysik, Theologie, Musikwissenschaft, \u00c4sthetik und Sprachphilosophie kaum mehr zeitgem\u00e4ss erscheint, l\u00e4sst sich von Ernst Kurth auch heute nicht weniges lernen. Stilistische Sicherheit etwa, oder unpr\u00e4tenti\u00f6se Klarheit und Dichte der gedanklichen Darstellung \u2013 vor allem aber eine eingehende, inspirierte Besch\u00e4ftigung mit der Materie, assoziative Kraft und Genauigkeit der poetischen Sprache.<\/p>\n<p> Die Faszination seiner Ideen muss gerade f\u00fcr diejenigen, die seine metaphysischen Voraussetzungen nicht teilen k\u00f6nnen, eine Herausforderung bilden und sie dazu anspornen, auf n\u00fcchterner theoretischer Grundlage sich nicht mit qualitativ weniger hochstehenden Werkdeutungen zufriedenzugeben. (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24.10.2005 &#8212; Im Berner Musikwissenschafter Ernst Kurth (1886-1946) fand Anton Bruckner einen Geistesverwandten, der ihm mit seiner grossangelegten Monographie ein&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-790","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=790"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/790\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}