{"id":792,"date":"2014-01-12T11:51:48","date_gmt":"2014-01-12T11:51:48","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/wo-es-aechzt-und-kracht\/"},"modified":"2014-01-12T11:51:48","modified_gmt":"2014-01-12T11:51:48","slug":"wo-es-aechzt-und-kracht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/wo-es-aechzt-und-kracht\/","title":{"rendered":"Wo es \u00e4chzt und kracht"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">13.02.2006 &#8212; Keine Zeit, sich gem\u00fctlich einzustimmen: \u00abDas beginnt mit furchtbarem Donnern, keinem simplen Theaterdonner, sondern einem musikalischen, langgezogenen, das den Ton hin- und herwogen, kommen und gehen, in sich zusammenst\u00fcrzen l\u00e4sst, so wie man es w\u00e4hrend der m\u00e4chtigen Fr\u00fchlingsgewitter erleben kann.\u00bb<\/p>\n<p> Arthur Honegger erinnert sich an die Worte Paul Claudels in einem Gespr\u00e4ch mit seinem Verleger Salabert (zitiert nach: Harry Halbreich, \u00abArthur Honegger\u00bb, Paris 1992). Die Beschreibung charakterisiert auch das Verh\u00e4ltnis des franz\u00f6sischen Dichters zu seinen eigenen Sch\u00f6pfungen.<\/p>\n<p> An anderer Stelle umreisst sie Honegger am Beispiel des Textes zum \u00abTotentanz\u00bb so: \u00abBreite Entlehnungen aus der Bibel, die Vision des Ezechiel, die Fragmente des Job, umgeformte Volksweisen, Schreie, Schluchzer, lateinische S\u00e4tze und alles geordnet, zusammengestellt, fast schon in Musik gekleidet. Die ganze musikalische Umgebung ist vorhanden, die Partitur steht, und der Komponist braucht sich bloss noch f\u00fchren zu lassen, seine Klangfarbe beizuf\u00fcgen.<\/p>\n<p> Es gen\u00fcgt, Claudel beim Lesen seines Textes zuzuh\u00f6ren, immer wieder. Er liest, wenn ich so sagen kann, derart plastisch vor, dass sich das gesamte musikalische Relief f\u00fcr jeden, der ein wenig musikalisches Vorstellungverm\u00f6gen besitzt, klar und deutlich abhebt.\u00bb (Arthur Honegger, \u00abIch bin Komponist\u00bb, Z\u00fcrich 1952).<\/p>\n<p> Den Anstoss zur Sch\u00f6pfung des Totentanzes erhielt Claudel, als er zur Urauff\u00fchrung der \u00abJohanna auf dem Scheiterhaufen\u00bb, zu dem er den Text und Honegger die Musik beigesteuert hatten, in Basel weilte. Dabei stiess er auf die Fresken mit Totent\u00e4nzen aus dem Mittelalter. Was ihn besonders zu beeindrucken schien, war die Darstellung des Todes nicht als bedr\u00fcckende, l\u00e4hmende Tatsache, sondern als wilder, ausgelassener Tanz \u2013 eine Vision, die der akustischen Vorstellungskraft reichlich Stoff zu liefern vermag und den klingenden Kosmos der Kunstmusik seit jeher um die grotesken und skurrilen Effekte bereichert hatte \u2013 man denke nur an Berlioz\u2018 Symphonie phantastique&#8230;<\/p>\n<p> Wie genau Claudels Klangvorstellungen waren, zeigt ein Brief, den Honegger am 24. September 1938 schrieb: \u00abZum Totentanz kam mir pl\u00f6tzlich die Idee, R\u00e4tschen zu verwenden (anstelle der Klingel w\u00e4hrend der Karfreitagsmesse). Es gibt zwei Arten von R\u00e4tschen: Die eine gleicht jener, welche die Waffelverk\u00e4ufer fr\u00fcher benutzten. Die andere besteht aus einem Schalltrichter, der sich knarrend um eine Holzachse dreht. Ich glaube, man k\u00f6nnte beide Arten verwenden. Bei der Bestattung des Mikado befindet sich der Sarg auf einem Wagen, der von sechs schwarzen Stieren gezogen wird, wobei die sich drehenden Wagenr\u00e4der derart knarren, dass sie neun durch das Ritual vorgeschriebene Knarrt\u00f6ne erzeugen.\u00bb (zitiert nach: \u00abArthur Honegger zum 100. Geburtstag\u00bb, Ausstellungskatalog des SMR, Z\u00fcrich 1992).<\/p>\n<p> Drastische, aber sehr genaue Vorstellungen \u00fcber musikalische Sachverhalte \u00e4ussert Claudel auch andernorts, n\u00e4mlich zum \u00abSeidenen Schuh\u00bb, einem weitern Gemeinschaftswerk mit Honegger: \u00abWir m\u00fcssen uns einen Organisten vorstellen, der sein Instrument so einigermassen gstimmt hat; hinter der B\u00fchne sitzt ein kleines, mehr schlechtes als rechtes Orchester, das eine Art Allemande oder Pavane zum besten gibt: Die Musik t\u00f6nt wie eine Teppichklopfmaschine&#8230; Das Orchester setzt sich wie folgt zusammen: 1. Blasinstrumente (verschiedene Fl\u00f6ten), v\u00f6llig unausgereift und s\u00e4uerlich, den gleichen Ton unendlich lange bis zum Schluss der Szene haltend&#8230; \u00bb (a.a.O.) \u00abDer Komponist braucht lediglich noch sein S\u00f6sschen dazuzugeben\u00bb, kommentiert Honegger lapidar anerkennend.<\/p>\n<p> Claudels Fantastik kam dem von allem Motorischen und Maschinellen besessenen Honegger im \u00fcbrigen sehr entgegen. Seine eigene \u00c4sthetik f\u00fcgt sich gerade im \u00abTotentanz\u00bb nahtlos in diejenige des Textdichters: \u00abManchmal wiederholen die Ch\u00f6re lediglich die Worte \u201ey danse\u201c, \u201een rond\u201c, was den Eindruck einer laufenden Maschine vermittelt.\u00bb (Honegger an Claudel, undatiert, vermutlich 1938). Der \u00abTotentanz\u00bb war ein Auftragswerk des namhaften M\u00e4zenen Paul Sacher. Uraufgef\u00fchrt wurde er am 2. M\u00e4rz 1940 in Basel.\u00a0<span class=\"txt-m-black\"> (wb)<\/span><\/p>\n<p> Aufnahmen:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/B00005BJDQ&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Mit Michel Corboz und dem Chor und Orchester der Gulbenkian-Stiftung Lissabon<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=B00005BJDQ\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/p>\n<p> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/B000266XWG&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Mit Lambert Wilson und dem Choeur de Radio France<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=B000266XWG\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13.02.2006 &#8212; Keine Zeit, sich gem\u00fctlich einzustimmen: \u00abDas beginnt mit furchtbarem Donnern, keinem simplen Theaterdonner, sondern einem musikalischen, langgezogenen, das&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-792","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/792","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=792"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/792\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=792"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=792"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=792"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}