{"id":793,"date":"2014-01-12T11:52:28","date_gmt":"2014-01-12T11:52:28","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/haendels-oratorium-theodora\/"},"modified":"2014-01-12T11:52:28","modified_gmt":"2014-01-12T11:52:28","slug":"haendels-oratorium-theodora","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/haendels-oratorium-theodora\/","title":{"rendered":"H\u00e4ndels Oratorium \u00abTheodora\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">04.05.2006 &#8212; Auf das 19.Jahrhundert zur\u00fcck geht die Kontrastierung der beiden gr\u00f6ssten Komponisten des Sp\u00e4tbarock: Bach gilt als der verinnerlichte, vergeistigte Wortverk\u00fcndiger, wohingegen H\u00e4ndel als sinnenfreudiger, mit dramatischem Schwung Begeisterung stiftender \u00abVolksprediger\u00bb angesehen wird. Gr\u00f6sste Verbreitung fand von H\u00e4ndels Werken dementsprechend der \u00abMessias\u00bb. Bereits 1871 jedoch, in einer Zeit, als das b\u00fcrgerliche Chorwesen einen H\u00f6hepunkt erreicht hatte, setzte Ferdinand Hiller das K\u00f6lner Publikum mit einer Auff\u00fchrung der \u00abTheodora\u00bb H\u00e4ndels in Erstaunen.<\/p>\n<p> Das neben dem \u00abMessias\u00bb einzige christliche Oratorium aus der Feder des routinierten Oratorienschreibers besitzt gerade jene Qualit\u00e4ten, die sonst den Bachschen Werken zugesprochen werden. H\u00e4ndel selber hielt es f\u00fcr sei bestes Werk, ganz im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, die der M\u00e4rtyrergeschichte nicht viel abgewinnen konnten. Gr\u00fcnde f\u00fcr den relativen Misserfolg zur Zeit der Urauff\u00fchrung sahen \u00e4ltere Autoren jedoch vor allem im Libretto; die Charaktere seien \u00abmatt, die Verse fade und dilettantisch\u00bb, schrieb 1925 etwa Newman Flower, in dessen Besitz sich das Autograph des Librettos befand.<\/p>\n<p> Die Geschichte der \u00abTheodora\u00bb f\u00fchrt uns zur\u00fcck in die Zeit der sp\u00e4tromantischen Christenverfolgungen. Die Heldin weigert sich, das Namensfest des Kaisers nach heidnischem Brauch zu feiern und wird eingekerkert. Didymus \u2013 im Oratorium H\u00e4ndels von einem m\u00e4nnlichen Altus (zu seiner Zeit einem Kastraten) gesungen, liebt Theodora. Er ist von ihr zum Christentum bekehrt worden und versucht, sie zu befreien. In ihren Kleidern nimmt er ihren Platz im Gef\u00e4ngnis ein. Die List wird jedoch entdeckt. Theodora kehrt freiwillig zu Didymus zur\u00fcck, der wegen des Befreiungsversuchs zum Tode verurteilt worden ist. Gemeinsam gehen die beiden in den Tod.<\/p>\n<p> Vor allem in der Person Theodoras muss wohl der Grund f\u00fcr die k\u00fchle Aufnahme des Werkes durch die Engl\u00e4nder (und Engl\u00e4nderinnen) gesehen werden. H\u00e4ndel meinte zu seinem Librettisten Morell: \u00abDie Juden werden nicht zu ihr kommen (wie zu &#8218;Judas Maccabaeus&#8216;), da es eine christliche Geschichte ist; und die Damen werden nicht kommen, weil es eine tugendhafte ist.\u00bb Tats\u00e4chlich erwartete das Publikum von H\u00e4ndel zu seiner Zeit \u00abkriegerisches Get\u00f6se\u00bb (wie im \u00abJudas Maccabaeus\u00bb) oder alttestamentarischen Donner (wie im \u00abSamson\u00bb).<\/p>\n<p> Trotz dem christlichen Motiv \u00fcberbringt das M\u00e4rtyrerdrama \u2013 wie auch der \u00abMessias\u00bb \u2013 nicht in erster Linie eine neutestamentliche Botschaft. \u00abZentral ist im &#8218;Messias&#8216; die anglikanische Glaubensgewissheit des &#8218;If God be for us, who can be againstus&#8216; (Nr.50), zentral ist das Identifizerungsangebot Volk Israel \u2013 auserw\u00e4hltes Volk England, &#8218;God\u2018s Own People&#8216; meint J\u00fcrg Stenzl (\u00abWhere Grace, and Truth, and Love Abound\u00bb). Er erg\u00e4nzt: \u00abAuch das Christentum der Theodora weist genau dieses quasi alttestamentarische Glaubensverst\u00e4ndnis auf. (. . .) Martyrium steht nicht in bezug auf Christi Passion, sondern ist Erf\u00fcllung der &#8218;dread commands&#8216; des allm\u00e4chtigen Vatergottes.\u00bb<\/p>\n<p> Interessant ist die Zeichnung der beiden Welten durch Morell und H\u00e4ndel: die Heiden werden keinesfalls als Barbaren, als unbedingte Feinde dargestellt, vielmehr arbeiten die Sch\u00f6pfer einen Gegensatz heraus zwischen weltzugewandten, lebensfreudigen Hedonisten in der Art der damaligen Pastoralliteratur \u2013 die R\u00f6mer singen ausnahmslos in Dur! \u2013 w\u00e4hrend Theodora als weltabgewandte Gottesdienerin dargestellt wird, die ihr Gl\u00fcck ganz im seligen Jenseits zu finden glaubt.<\/p>\n<p> \u00abTheodora\u00bb nimmt so als Oratorium eine Zwischenstellung ein: Didymus, der Liebende, ja sogar der Kleidertausch im Kerker, das Verwechslungsmotiv, geh\u00f6ren eigentlich ins Genre des \u00aboratorio erotico\u00bb, der Grundkonflikt jedoch eindeutig ins christliche B\u00fchnenst\u00fcck. Hier zeigt sich, bei aller Verinnerlichung der Musik, doch wieder H\u00e4ndels praktischer Sinn, der ihn immer wieder an die dramatische Wirkung, an die Bed\u00fcrfnisse seines Publikums denken liess. (wb)<\/p>\n<p> Einige verf\u00fcgbare Aufnahmen:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/B000000SDA&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Concentus Musicus Wien (Nikolaus Harnoncourt)<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=B000000SDA\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/> <br \/> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/B00004U5BJ&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Gabrieli Consort (Paul McCreesh)<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=B00004U5BJ\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><br \/> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/B0000A1M7P&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Les Arts Florissants(William Christie)<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=B0000A1M7P\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><br \/> <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&amp;path=ASIN\/B000056BQ1&amp;tag=codexflores-21&amp;camp=1638&amp;creative=6742\">Collegium Cartusianum (Peter Neumann)<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=codexflores-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=B000056BQ1\" border=\"0\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>04.05.2006 &#8212; Auf das 19.Jahrhundert zur\u00fcck geht die Kontrastierung der beiden gr\u00f6ssten Komponisten des Sp\u00e4tbarock: Bach gilt als der verinnerlichte,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-793","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/793","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=793"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/793\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=793"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=793"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=793"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}