{"id":795,"date":"2014-01-12T11:54:01","date_gmt":"2014-01-12T11:54:01","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/kirchenmusik-des-second-empire\/"},"modified":"2014-01-12T11:54:01","modified_gmt":"2014-01-12T11:54:01","slug":"kirchenmusik-des-second-empire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/kirchenmusik-des-second-empire\/","title":{"rendered":"Kirchenmusik des Second Empire"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">09.10.2006 &#8212; In der zweiten H\u00e4lfte des neunzehnten Jahrhunderts spiegelt die franz\u00f6sische Musik in bisher ungekanntem Masse gesellschaftliche und sozial Gegebenheiten. Nicht zuf\u00e4llig findet zum Beispiel die Exotik zu einer Zeit in sie Einzug, in der Europa dem Fieber des Imperialismus verf\u00e4llt; auch die Auseinandersetzung um die neue Tonsprache Wagners ist nicht frei von nationalistischen Motiven und Misstrauen gegen\u00fcber dem sich formierenden, immer m\u00e4chtiger werdenden Nachbarn Deutschland.<\/p>\n<p> Die grosse Zeit der Opern Meyerbeers und Hal\u00e9vys ist vorbei; Offenbach beginnt, das Leben der Pariser Schickeria mit seinem Spott zu \u00fcbergiessen, die fremdartigen Werke Bizets stossen noch auf Unverst\u00e4ndnis. Zwei Hauptstr\u00f6mungen bestimmen das Musikleben: Einerseits die Romantik, die in Berlioz und Franck ihre m\u00e4chtigsten Vertreter findet, anderseits die Neuklassik eines Saint-Sa\u00ebns oder Gounod.<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/061009bizet.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Georges Bizet<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Die Revolution von 1848 wird zur Stunde Napoleons. Als gew\u00e4hlter Pr\u00e4sident der Republik beginnt er unverz\u00fcglich, entscheidende Positionen in Verwaltungsapparat und Armee mit seinen Gefolgsleuten zu besetzen. Mit Hilfe eines Staatsstreiches \u00e4ndert er 1852 die Verfassung und kr\u00f6nt sich \u2013 als Napoleon III. \u2013 selber zum Kaiser. Eine Zeit der repressiven Diktatur und Sozialistenfurcht beginnt: das sogenannte Second Empire.<\/p>\n<p> Kirche und Grossbourgeoisie st\u00fctzen Napoleons Macht; um aber die Opposition im Lande, die liberalen und republikanischen Kr\u00e4fte, dauerhaft kontrollieren zu k\u00f6nnen, sucht der neue Imperator aussenpolitische Erfolge, welche die Franzosen \u00fcber ihren Verlust an Freiheit hinwegtr\u00f6sten k\u00f6nnten: Der Krimkrieg bietet ihm Gelegenheit, die andern Grossm\u00e4chte zu spalten; planlose koloniale Eroberungen sollen das Prestige des Landes aufbessern; Paris wird g\u00e4nzlich umgestaltet (nicht zuletzt, um den Bau von Barrikaden wirksamer bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen); die Suezkanal-Gesellschaft wird gegr\u00fcndet, zwei Weltausstellungen (1855 und 1867) dokumentieren Wohlstand und Prosperit\u00e4t.<\/p>\n<p> Es ist eine Zeit, in der das alte, restaurative System Metternichs und der liberale Ruf nach Freiheit und Republik sich unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcberstehen. Eine Zeit, in welcher der republikfeindliche Klerus die Staatsmacht sucht, und in der die Kirche ihre starren Positionen mit Hilfe der Dogmen der unbefleckten Empf\u00e4ngnis (1854) und der Unfehlbarkeit des Papstes (1870) st\u00fctzt und den wahrhaft Suchenden nur die M\u00f6glichkeit gibt, in einen unirdischen Mystizismus zu fl\u00fcchten oder ihr den R\u00fccken zu kehren.<\/p>\n<p> <strong>Konservativismus und Erneuerung in der Musik<\/strong><\/p>\n<p> Je eine dieser beiden M\u00f6glichkeiten ist im Schaffen Charles Gounods und Georges Bizets exemplarisch angelegt. Besass der \u00e4ltere Gounod vordergr\u00fcndig ein ungebrochenes Verh\u00e4ltnis zu den religi\u00f6sen Institutionen \u2013 die Zeit vor der 48er-Revolution verbrachte er in einem Karmeliterkloster, auch gewichtete er seine Kirchenmusik viel mehr als sein Opern \u2013 so stand Bizet mit der verwalteten Religion immer auf Kriegsfuss.<\/p>\n<p> Das einzige St\u00fcck Kirchenmusik aus seiner Feder ist das \u00abTe Deum\u00bb, das er 1858, w\u00e4hrend eines Romaufenthaltes schrieb, weil er damit einen Preis gewinnen wollte. Da er jedoch nicht f\u00e4hig war, das zu erschaffen, was man in seiner Zeit als religi\u00f6se Musik betrachtete \u2013 das \u00abTe Deum\u00bb wurde bis weit in unser Jahrhundert weder gedruckt noch aufgef\u00fchrt \u2013, vefehlte das Werk sein Ziel.<\/p>\n<p> Bizet schrieb nie wieder \u00abgeistliche\u00bb Musik. Sein geistiges Naturell verlangte nach freieren, ungeb\u00e4ndigteren Werken \u2013 die sp\u00e4t entstandene Oper \u00abCarmen\u00bb zeugt davon. Dem oft unter Verfolgungswahn leidenden Tompsch\u00f6pfer war die Innovation eigen, das Suchen nach neuen klanglichen, vor allem exotischen Farben in der Musik. In dieser Hinsicht mutete er dem verw\u00f6hnten Pariser Publikum einiges zu; kein Wunder, dass er mit seinen Werken kaum je Erfolg hatte (selbst \u00abCarmen\u00bb fiel in der Urauff\u00fchrung wegen Bizets kompromissloser Vorstellungen \u00fcber deren Inszenierung durch).<\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/061009gounod.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Charles Gounod<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Die Kirchenmusik blieb die Dom\u00e4ne seines Freundes und Lehrers Gounod, der in Rom die seit der Renaissance als Massstab der katholischen Kirchenmusik geltenden Werke Palestrinas studiert hatte und seine Kompositionen in einem schlichten, der franz\u00f6sischen Sprache auf nat\u00fcrliche Art und Weise angemessenen Tonsatz schrieb. Einigen galt er deshalb auch als Epigone, als wenig origineller Nachahmer der Alten. Heute werden in erster Linie Gounods weltliche Werke gespielt, allen voran die Oper \u00abFaust\u00bb. Gounod selber verstand sich in erster Linie jedoch immer als Kirchenmusiker.<\/p>\n<p> Seine 1855, also nur drei Jahre vor Bizets \u00abTe Deum\u00bb entstandene \u00abMesse solenelle de Sainte C\u00e9cile\u00bb sollte damals nicht zuletzt auch ein Huldigung an Staat, Kirche und Armee sein. Aus zeitgen\u00f6ssischen Berichten wissen wir, dass ihre Erstauff\u00fchrung tiefen Eindruck hinterlassen hat; ihre schlichte, auf \u00e4usserliche Effekte nicht angewiesene Gr\u00f6sse vermochte die H\u00f6rer unmittelbar zu packen, erzeugt aber auch ein gewisse Ratlosigkeit. \u00abMan sp\u00fcrte das Nahen des Genies\u00bb, schildert Saint-Sa\u00ebns das Ereignis, \u00abund wie man weiss, wird dieses Nahen zun\u00e4chst schlecht aufgenommen.\u00bb Im Gegensatz zu Bizet wurde Gounod \u00fcbrigens ein triumphales Staatsbegr\u00e4bnis bereitet. Auf seine ausdr\u00fcckliche Bitte hin wurde die Beisetzung aber streng liturgisch gehalten. (wb)<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>09.10.2006 &#8212; In der zweiten H\u00e4lfte des neunzehnten Jahrhunderts spiegelt die franz\u00f6sische Musik in bisher ungekanntem Masse gesellschaftliche und sozial&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-795","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/795","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=795"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/795\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=795"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=795"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=795"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}