{"id":806,"date":"2014-01-12T13:09:29","date_gmt":"2014-01-12T13:09:29","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/zwischen-elitaerer-avantgarde-und-subkultur\/"},"modified":"2014-01-12T13:09:29","modified_gmt":"2014-01-12T13:09:29","slug":"zwischen-elitaerer-avantgarde-und-subkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/zwischen-elitaerer-avantgarde-und-subkultur\/","title":{"rendered":"Zwischen elit\u00e4rer Avantgarde und Subkultur"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>17.06.2005 &#8212; Wie steht es um die aus der Musique concr\u00e8te gewachsene elektroakustische Musik? Die Frage diskutierte in Karlsruhe eine hochkar\u00e4tige Gespr\u00e4chsrunde. Unausweichlich mit dabei: die Auseinandersetzung mit dem \u00dcbervater Luigi Nono und die Kontroverse um h\u00f6chst zweifelhafte Tendenzen in der Rezeption seines Werkes.<\/strong><\/p>\n<p> Im Zentrum f\u00fcr Kunst und Medientechnologie (ZKM) der baden-w\u00fcrttembergischen Metropole trafen sich die Vertreter der elektronischen Hochschul-Studios zu Erfahrungsaustausch und der Suche nach neuen Perspektiven. An dem \u00abnext generation\u00bb titulierten Meeting waren in zahlreichen Konzerten auch aktuelle Arbeiten der Studios und ihrer Studierenden zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p> In einem Abschlusspanel standen die Umw\u00e4lzungen des Metiers zur Diskussion. Die Teilnehmer des Gespr\u00e4ches waren Konrad Boehmer (Institut f\u00fcr Sonologie am K\u00f6niglichen Observatorium Den Haag), Ludger Br\u00fcmmer (Leiter des Institutes f\u00fcr Musik und Akustik des ZKM), Gerhard R. Koch (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Andr\u00e9 Richard (Experimentalstudio der Heinrich Strobel Stiftung des SWR in Freiburg). Die Moderation hatte Achim Heidenreich (ZKM).<\/p>\n<p> In einem Eingangsvotum postulierte Gerhard Koch, dass man als Urvater der elektronischen Musik Ferrucio Busoni mit seiner Idee der Drittel- und Sechstelt\u00f6ne ansehen k\u00f6nne, die sich in letzter Konsequenz und Reinheit nat\u00fcrlich nur auf elektronische Weise herstellen liessen. Durch die technischen Entwicklungen habe es in der Folge grosse Ver\u00e4nderungen des Werkbegriffes gegeben. Mit Luigi Nono sei die performative Komponente so wichtig geworden, dass man von einem originalen Werk nur noch ann\u00e4herungsweise reden k\u00f6nne. <\/p>\n<p><\/span><\/span><center>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; <br \/><strong>Die Weblinks<\/strong><br \/> \u00abnext generation\u00bb-Webseite:<br \/> <a href=\"http:\/\/on1.zkm.de\/zkm\/stories\/storyReader$4561\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.zkm.de<\/a><br \/> Dt. Ges. f\u00fcr Elektroakustische Musik (Degem):<br \/> <a href=\"http:\/\/www.degem.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> www.degem.de<\/a> <br \/> Webradio der Degem:<br \/> <a href=\"http:\/\/biblio.zkm.de\/DegemWebradio\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> biblio.zkm.de\/DegemWebradio <\/a> <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/editorials.php?art=200\"><strong>Kommentar<\/strong><\/a> <br \/> &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/center><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Durch die extremen Determinationsvorg\u00e4nge in der Computermusik sei es einerseits zu einer \u00dcbersteigerung der seriellen Prozedur gekommen, f\u00fchrte Koch weiter aus, anderseits sei durch \u00abRaumklang-Emanationen\u00bb das Werk universalisiert und in gewisser Weise mystifiziert worden. Das habe bereits bei Stockhausen mit dem \u00abGesang der J\u00fcnglinge\u00bb angefangen. Das erste prominente elektronische Werk der Musikgeschichte sei ja gerade nicht eines der Technikgl\u00e4ubigkeit, sondern ein dezidiert religi\u00f6ses St\u00fcck.<\/p>\n<p> Achim Heidenreich warf die Frage in die Runde, welche Rolle die Elektronik im Spannungsfeld der Instrumentalmusik einnehmen k\u00f6nne. Ist der Computer das Instrument der Zukunft, nachdem der Instrumentenbau und die Weiterentwicklung von Spieltechniken vollst\u00e4ndig stagniert haben? <\/p>\n<p> Andr\u00e9 Richard gab zu bedenken, dass die Erforschung der M\u00f6glichkeiten, akustische Instrumente durch einen elektronischen Prozess im Klang zu erweitern, mit den Arbeiten Helmut Lachenmanns mehr oder weniger aufgeh\u00f6rt h\u00e4tten \u2013 er habe das Potential weitgehend ausgesch\u00f6pft. Der Computer mit seinen Klangumwandlungsf\u00e4higkeiten biete neue Perspektiven. Es gebe da viele kolossale Erweiterungen, gab sich Richard \u00fcberzeugt. Die wichtigste sei die Verr\u00e4umlichung, die \u00abschon theatralisch zu nennende Inszenierung des Klanges im Raum als intergrativer Bestandteil einer Komposition\u00bb. Da m\u00fcsse man auch ganz anders komponieren. Es gebe allerdings auch die M\u00f6glichkeit, einen intellektuellen Ansatz hier einfach zu verfolgen, ohne auf den H\u00f6rer R\u00fccksicht zu nehmen.<\/p>\n<p> Ludger Br\u00fcmmer f\u00fcgte die Beobachtung hinzu, dass die elektroakustische Arbeit, die eine tradierte Arbeitsteilung zwischen Komponisten und Interpreten wieder aufgehoben habe, im Idealfall zu einer Verschmelzung von Ideen in beidem, Klang und Raum, f\u00fchren k\u00f6nne. Der Raumgedanke selber k\u00f6nne den Klanggedanken aber auch reduzieren, weil die Aufmerksamkeit des H\u00f6rers zwischen Raum- und Tonwahrnehmung geteilt sei. <\/p>\n<p><\/span><\/span><center> <\/p>\n<table style=\"width: 380px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/nextgenpanel1.jpg\" border=\"0\" alt=\"Ludger Br\u00fcmmer (ZKM), Andr\u00e9 Richard (Experimentalstudio der Heinrich Strobel Stiftung Freiburg), Achim Heidenreich (ZKM)\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Ludger Br\u00fcmmer (links, ZKM), Andr\u00e9 Richard (Experimentalstudio der Heinrich Strobel Stiftung Freiburg), Achim Heidenreich (ZKM)<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Konrad Boehmer wiederum wies darauf hin, dass \u00abin dem Augenblick, in dem die Mittel zur Erzeugung eines \u00e4sthetischen Produktes zu ihrer eigenen Zielsetzung werden\u00bb, eine Gefahr besteht. \u00abEs gibt\u00bb, erl\u00e4uterte er, \u00abeine Sucht der Menschen, sich von der Technik aufsaugen zu lassen. Es wird dann vergessen, dass das Kunstobjekt nicht aufgrund seiner technischen Herstellungsprozedur beurteilt wird, sondern aufgrund seiner eigenen \u00e4sthetischen Substanz\u00bb. Er h\u00f6re, klagte Boehmer, viele elektrische Musik aller Form, wo nur feststellbar sei, wie es gemacht wird, und nicht was es ist. <\/p>\n<p> Man m\u00fcsse aufpassen, dass man nicht unter dem Druck der technischen Zivilisation als Komponisten st\u00e4ndig Dinge machen wolle, die sich gar nicht machen liessen, fuhr Boehmer fort. In der franz\u00f6sischen Dramaturgie in der Operngeschichte habe es nur drei Dekorationen gegeben, das Bild habe zweitrangige Funktion gehabt. In der MTV-Welt der Musikvideos sei das Verh\u00e4ltnis gerade umgekehrt: Die Musik sei immer gleich, aber das Bild gebe den Anschein, dass die Tracks substantiell verschieden seien. \u00abDas Gesamtkunstwerk ist technisch m\u00f6glich, aber unser Gehirn ist nicht so gebaut, dass es kognitiv m\u00f6glich ist\u00bb, gab sich Boehmer \u00fcberzeugt. Sobald die Technik beginne, den Komponisten fremdzubestimmen, m\u00fcsse die Notbremse gezogen werden. <\/p>\n<p> Andr\u00e9 Richard stellte fest, dass Ressourcen und finanzielle Mittel der Studios abgebaut werden und sich auch kein junges Publikum mehr in Konzerten mit neuer Musik finde. \u00abWas ist die Konsequenz? Wie schaffen wir es, dass jemand unsere Musik h\u00f6ren will?\u00bb fragte er. <\/p>\n<p> Ludger Br\u00fcmmer gab zu bedenken, man k\u00f6nne sich der Tatsache nicht verschliessen, dass mit MTV auch die H\u00f6rgewohnheiten der Jungen gepr\u00e4gt worden seien und dass das Radio unabl\u00e4ssig Popmusik spiele. Damit werde aber auch unabl\u00e4ssig Marketing f\u00fcr diese Art von Musik betrieben. Die elektroakustischen Musiker m\u00fcssten hingegen um die \u00abj\u00e4mmerlichen Sendepl\u00e4tze in der Neuen Musik k\u00e4mpfen\u00bb. <\/p>\n<p> Gerhard Koch f\u00fchrte die Diskussion wieder zur\u00fcck zu den historischen Wurzeln. \u00abIn der Raumklang-Kunst gibt es eine neue Aura-Kunst, eine neue Charismatik\u00bb, gab er zu bedenken. Luigi Nono habe ja nicht zuf\u00e4llig immer wieder auf San Marco verwiesen, auf die Mehrch\u00f6rigkeit, und die Vorstellung der Musik im Raum habe da auch etwas Verlockendes. Die Musik werde ja auch immer einfacher, f\u00fcgte er an. Bei Stockhausen oder dem sp\u00e4ten Nono klinge ja, was die Binnenstrukturen angeht, vieles wieder einfacher als in den fr\u00fcheren und mittleren Phasen des Schaffens. Da entstehe so etwas wie eine Art Parareligiosit\u00e4t, und bestimmte Aspekte der Nono-Rezeption und der P\u00e4rt-Rezeption n\u00e4herten sich einander an. <\/p>\n<p> Dem widersprach Andr\u00e9 Richard heftig: Die Nono-Rezeption sei heute \u00abein Riesenproblem\u00bb, meinte er. Er erinnere sich zum Beispiel, dass nach einer atmosph\u00e4risch dichten Auff\u00fchrung des \u00abPrometeo\u00bb in der Alten Oper Frankfurt die Musiker geglaubt h\u00e4tten, sie h\u00e4tten es nun wirklich auf den Punkt gebracht und alles sei super gelaufen. Nono allerdings sei \u00fcberaus w\u00fctend geworden und habe erkl\u00e4rt, das sei die schlechteste Auff\u00fchrung, die es je gegeben habe. Wenn dieses \u2013 falsche \u2013 Auratische zustandegekommen sei, dann habe Nono seine Musik bewusst kaputtgemacht. Er sei dann mit den Reglern ganz nach oben gefahren, es habe gepfiffen und man habe einen absoluten Schock bekommen. Es sei wirklich ganz schwierig, Nono so weiterzugeben, wie er wirklich war, erkl\u00e4rte Richard. Nonos Musik sei \u00abin Wirklichkeit immer am Rande der Fragilit\u00e4t\u00bb.<\/p>\n<p> Konrad Boehmer pflichtete dem bei und staunte dar\u00fcber, dass \u00abein Komponist, von dem man sehr genau weiss, wo er politisch und ideologisch steht, nach seinem Tod vom offiziellen Kulturleben vollkommen gegen seine Intentionen vereinnahmt wird.\u00bb Das habe angefangen, als Heinz-Klaus Metzger von einem \u00abWende-Streichquartett\u00bb zu sprechen begonnen habe, als ob bei Nono eine Wende stattgefunden h\u00e4tte. Seither redeten alle von einem Nono vor der Wende und einem Nono nach der Wende. Das gebe es aber nicht. <\/p>\n<p><\/span><\/span><center> <\/p>\n<table style=\"width: 380px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/nextgenpanel2.jpg\" border=\"0\" alt=\"Konrad Boehmer (Institut f\u00fcr Sonologie am K\u00f6niglichen Observatorium Den Haag), Gerhard R. Koch (FAZ)\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Konrad Boehmer (Institut f\u00fcr Sonologie am K\u00f6niglichen Observatorium Den Haag), Gerhard R. Koch (FAZ)<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> In der Folge pl\u00e4dierte Gerhard Koch f\u00fcr eine R\u00fcckbesinnung auf die haptischen Elemente. Es seien, meinte er, ja auch in der instrumentalen Musik noch Zwischenm\u00f6glichkeiten drin. Hans-Joachim Hespos habe ja etwa mit dem Einbezug archaischer Instrumente ganz neue Klangm\u00f6glichkeiten gefunden. Das sei ein Ansatz, der durchaus weiterverfolgt werden k\u00f6nne. Und in Amerika habe Harry Partch sich der Konstruktion neuer Instrumente gewidmet und damit ungeahnte Klangspektren zustandegebracht, zum Beispiel mit Kreationen aus Holz, Glas und Plastik, denen ganz unglaubliche Kl\u00e4nge entsprungen seien. <\/p>\n<p> Stockhausen, fuhr Koch fort, sei in den achtziger Jahren mit der Elektronik auch noch viel kreativer umgegangen, ohne Angst vor grellen und \u00fcbersteuerten Kl\u00e4ngen, davon sei er ganz abgekommen. Zudem sei es sehr irritierend zu sehen, wie Avantgarde-Komponisten zum Teil mit Verachtung auf Subkultur- und Popularmusik reagierten. Das habe manchmal schon etwas von paranoider Ber\u00fchrungsangst. die \u00abanarchisch-brutalistischen\u00bb M\u00f6glichkeiten w\u00fcrden von der modernen Kunstmusik zuwenig genutzt. <\/p>\n<p> In der Geschichtslosigkeit der jungen Komponisten sah auch Richard eine grosse Gefahr. Er stellte fest, dass die neuen Medien tendenziell einen Zugang zum Musikmachen schaffen, der komplett auf das Ged\u00e4chtnis verzichtet. \u00abDie Musikgeschichte, die irgendwohin gef\u00fchrt hat, ist vollkommen ausgeblendet, auch die Geschichte des Computers, den man verwendet. Man benutzt das Ding einfach\u00bb, gab er zu bedenken. <\/p>\n<p> Gerhard Koch pflichtete dem bei. Auch Absolventen mit sehr guten Noten an den Hochschulen w\u00fcssten heute nicht mehr, dass es so etwas wie Mehrklang-, \u00dcberblas- und Glissandotechniken auf Instrumenten gibt, die eigentlich schon zu Zeiten Gustav Mahlers genutzt wurden. Es sei trostlos zu sehen, wie eine neue Musik mit avancierten Spieltechniken einfach wieder verschwunden sei.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">Next Generation, Treffen Elektronischer Studios der Hochschulen Deutschlands, den Niederlanden und der Schweiz, Festival mit Konzerten und Symposium, 9. bis 12. Juni 2005, ZKM Karlsruhe, Institut f\u00fcr Musik und Akustik<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.06.2005 &#8212; Wie steht es um die aus der Musique concr\u00e8te gewachsene elektroakustische Musik? 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