{"id":807,"date":"2014-01-12T13:10:16","date_gmt":"2014-01-12T13:10:16","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/musizieren-lieben-und-maul-halten\/"},"modified":"2014-01-12T13:10:16","modified_gmt":"2014-01-12T13:10:16","slug":"musizieren-lieben-und-maul-halten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/musizieren-lieben-und-maul-halten\/","title":{"rendered":"\u00abMusizieren, lieben \u2013 und Maul halten!\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><strong>06.07.2005 &#8212; An einer Tagung an der Universit\u00e4t Bern sind Albert Einsteins Beziehungen zur Musik von den verschiedensten Seiten beleuchtet worden. Ein illustre Schar von Fachleuten sorgte dabei f\u00fcr eine differenzierte, teils neue und immer wieder \u00fcberraschende Sicht auf die Pers\u00f6nlichkeit des Jahrhundert-Physikers.<\/strong> <\/p>\n<p> An der Tagung referiert haben Hans-Joachim Hinrichsen (Ordentlicher Professor am Institut f\u00fcr Musikwissenschaft der Universit\u00e4t Z\u00fcrich), Ivana Rentsch (Oberassistentin am Institut f\u00fcr Musikwissenschaft der Universit\u00e4t Bern), Albrecht Riethm\u00fcller (Ordentlicher Professor an der Freien Universit\u00e4t Berlin), Nils Grosch (Mitarbeiter des Deutschen Volksliedarchivs, zur Zeit im Studienaufenthalt in Santiago de Chile), Anselm Gerhard (Ordentlicher Professor am Institut f\u00fcr Musikwissenschaft der Universit\u00e4t Bern), Barbara Wolff (Mitarbeiterin des Einstein-Archiv Jerusalem) und Arnold Jacobshagen (Privatdozent an der Universit\u00e4t Bayreuth und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut f\u00fcr Musiktheater, Schloss Thurnau) <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><span class=\"txt-l-black\"><strong>Zusammenfassungen der Vortr\u00e4ge<\/strong><\/span><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><strong>Hans-Joachim Hinrichsen<\/strong><br \/> Titel \u00abAlbert Einsteins Geige \u2013 musikalische Bildung als Symptom j\u00fcdisch-deutscher Akkulturation im Kaiserreich\u00bb<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table style=\"width: 160px;\" align=\"right\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050701hinrichsen.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Hans-Joachim Hinrichsen<\/strong> (Alle Bilder: Codex flores)<\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">Einstein verdankt seine musikalische Erziehung ausschliesslich seiner Mutter, die f\u00e4hige Pianistin erzog sich in ihm mit System und Beharrlichkeit einen Kammermusikpartner. Dabei scheint der Knabe, der vermutlich schon mit f\u00fcnf Jahren seine musikalische Ausbildung begann, ziemlich viele Lehrer verschlissen zu haben. Der Erfolg stellte sich allerdings erst nach dem Wegfall aller p\u00e4dagogischen Zwangsmassnahmen ein. Einstein selber schreibt: \u00abIch lernte erst etwas von Dreizehn an, nachdem ich mich haupts\u00e4chlich in die Mozartsonaten verliebt hatte.\u00bb Diese erarbeitete sich der zuk\u00fcnftige Physiker in der Folge autodidaktisch.<\/p>\n<p> Einstein hatte auch F\u00e4higkeiten im Klavierspiel, die er allerdings nie \u00f6ffentlich demonstrierte. Nach Erinnerung der Schwester Einsteins wurde in der Familie viel und gut musiziert. Die Pr\u00e4gung durch die Mutter und die Vermittlung des klassischen deutschen Repertoires ist typisch f\u00fcr die Sozialisation im deutsch-j\u00fcdischen B\u00fcrgertum der Epoche. <\/p>\n<p> Einstein war ein im besten Sinne begabter Dilettant. Es existiert ein objektives Zeugnis zum Violinspiel des Siebzehnj\u00e4hrigen: In einem Bericht \u00fcber die Instrumentalpr\u00fcfung der Aargauer Kantonsschule aus dem Fr\u00fchjahr 1896 heisst es: \u00abGepr\u00fcft wurden 17 Sch\u00fcler, 8 im Klavier- und 9 im Violinspiel. Im Violinspiel zeigte sich da und dort noch etwas Steifheit in der Bogenf\u00fchrung, sonst wurde im Allgemeinen recht Erfreuliches geleistet. (&#8230;) Ein Sch\u00fcler namens Einstein brillierte sogar durch verst\u00e4ndnissinnige Wiedergabe eines Adagios aus einer beethovenschen Sonate.\u00bb <\/p>\n<p> Sp\u00e4ter hat Einstein, wie ein Zeugnis der Physikerin Lise Meitner zeigt, seine Technik selber als mangelhaft denunziert. Weitere Zeugnisse attestieren dem Physiker hohes expressives Ausdrucksverm\u00f6gen bei gelegentlichen technischen Ausrutschern. Die Verlegersgattin Brigitte Fischer bescheinigte Einstein eine hohe Musikalit\u00e4t aber keinen wirklich grossen Ton. Der Geiger Boris Schwarz beschrieb seinen Ton als sehr rein mit wenig Vibrato und sagte, dass Einstein den sinnlichen Vibratoton des 19. Jahrhunderts nicht mochte. Einstein selber gab einmal an, dass er sich in seiner Jugend Bachs Chaconne und Tartinis Teufelstrillersonate vorgenommen habe, wobei offen bleibt, wie und ob er die virtuosen St\u00fccke tats\u00e4chlich bew\u00e4ltigte. <\/p>\n<p> Man kann davon ausgehen, dass Einstein das Repertoire von den Violinsonaten von H\u00e4ndel und Bach bis zu Mozart und Beethoven und die Quartettliteratur der Wiener Klassik verf\u00fcgbar waren. <\/p>\n<p> Die Mutter weckte die Liebe zu Mozart. Einstein hatte Zugang zu Bach und Mozart, w\u00e4hrend ihm H\u00e4ndel und Beethoven weniger zusagten. Er selber gab in einem Fragebogen von 1939 Antwort auf seine musikalischen Vorlieben: \u00abBach, Mozart und einige alte Italiener und Engl\u00e4nder sind meine Lieblinge in der Musik. Beethoven erheblich weniger, wohl aber Schubert.\u00bb H\u00e4ndel bezeichnete er als ein bisschen flach, Beethoven war ihm zu dramatisch und pers\u00f6nlich, bei Mendelssohn empfand er \u00abbedeutende formale Begabung, aber einen undefinierbaren Mangel an Tiefe der oft bis zur Banalit\u00e4t f\u00fchrt.\u00bb Wagners musikalische Pers\u00f6nlichkeit empfand er als \u00abunbeschreiblich widerw\u00e4rtig\u00bb. Strauss war ihm nur auf \u00e4ussere Wirkung bedacht. <\/p>\n<p> In der Musik suchte Einstein immer wieder architektonische Klarheit und stimmige Struktur. Allerdings orientierte er sich aber auch immer wieder an Rezeptionsklischees seiner Zeit. <\/p>\n<p> Musik war laut Zeitzeugen Einsteins einzige Zerstreuung. Einfachheit und Klarheit kann als Prinzip verstanden werden, unter das Einstein sowohl Musik als auch Physik subsumierte. Musik war ihm sowohl Religions- als auch Heimatersatz. <\/p>\n<p> <strong>Diskussion<\/strong><br \/> <span class=\"txt-s-black\">Bemerkung aus dem Publikum: Die Geige ist laut einer Aussage von Yehudi Menuhin rein pragmatisch das Instrument der Juden, die immer herumgereist sind. Hinrichsen meint darauf, dass Einstein auch Klavier gespielt habe, nur nie \u00f6ffentlich. Es gebe auch bloss eine Foto von ihm am Klavier. Sie zeige ihn von hinten und sei vermutlich heimlich aufgenommen worden. Die Schwester habe Klavierunterricht erhalten. <\/p>\n<p> Aus dem Publikum wird gefragt, wie man Einsteins Affinit\u00e4t zu Form und Struktur in der Musik zu verstehen habe, wenn man wisse, dass er kaum musiktheoretische Bildung gehabt habe? Hinrichsen erkl\u00e4rt, Einstein habe Wert darauf gelegt, sein Musikverst\u00e4ndnis als intuitives Erfassen plausibel zu machen. Anselm Gerhard bemerkt dazu, dass f\u00fcr den Hobbygeiger Einstein bei Schubert die Sonatinen im Vordergrund st\u00fcnden, die noch dem Mozartschen Modell folgten und deshalb dem klaren Architekturbegriff untergeordnet werden k\u00f6nnten. Barbara Wolff korrigiert: Es gebe drei Fotos mit Einstein am Klavier. <\/p>\n<p> Man kann die Musik bei Einstein nicht als \u00abReligionsersatz\u00bb bezeichnen, wird vom Publikum her einger\u00e4umt, der Physiker sei ein freier, religionsferner Geist gewesen. Hinrichsen erkl\u00e4rt, dass das genau das sei, was er habe sagen wollen. Einstein selber habe erkl\u00e4rt, dass er sich h\u00f6chstens einen Gott im Sinne Spinozas vorstellen k\u00f6nnte, keinesfalls einen pers\u00f6nlichen, der in die Geschicke der Menschen eingreife. <\/p>\n<p> Jemand aus dem Publikum weist darauf hin, dass es erstaunlich ist, dass Einstein bei der Rezeption von Mendelssohn gerade die zeit\u00fcblichen antisemitischen Klischees kolportierte. Hinrichsen erkl\u00e4rt, das sei typisch, denn auch andere Juden, welche die deutsche Kultur \u00fcbernommen h\u00e4tten, h\u00e4tten gerade diese Klischees mit \u00fcbernommen.<\/span> <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><br \/><strong>Ivana Rentsch<\/strong><br \/> \u00abDie Faszination des Unverst\u00e4ndlichen \u2013 Bohuslav Martin\u016f und Albert Einstein\u00bb<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"124\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050701rentsch.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong> Ivana Rentsch <\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">Martin\u016f war ein enthusiastischer Anh\u00e4nger Einsteins. Im Nachlass des Komponisten befindet sich ein von Einstein mit einer Widmung versehenes Exemplars der \u00abEvolution of Physics\u00bb, die Einstein zusammen mit Leopold Infeld verfasst hat. Martin\u016fs Lekt\u00fcre der Schrift l\u00e4sst sich insbesondere f\u00fcr die 1940er Jahre nachweisen, die der Komponist in den USA verbrachte. <\/p>\n<p> Ein Schl\u00fcsselbegriff, der Musik und Physik f\u00fcr Martin\u016f verband, war die Energie, wie sich auch aus seinen Randnotizen in dem Exemplar der \u00abPhysics\u00bb entnehmen l\u00e4sst. In der Musikauffassung traf er sich aber nicht mit Einsteins konventioneller \u00c4sthetik, die in klarer, einfacher Periodik und Architektur ein Ideal sah. Vielmehr sah er Formuster wie die Sonatenform als historisch \u00fcberholt an und orientierte sich an jedesmal neu zu bestimmenden Verfahrensweisen der entwickelnden Variation und an der assoziativen Freiheit. <\/p>\n<p> 1943 hatte Martin\u016f die Gelegenheit, Einstein in Princeton zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit \u00fcberreichte er dem Physiker die eigens f\u00fcr ihn komponierten und ihm gewidmeten \u00abFive Madrigal Stanzas\u00bb f\u00fcr Violine und Klavier. Laut Martin\u016fs Witwe hat Einstein sie auch tats\u00e4chlich gespielt. Martin\u016f hielt das St\u00fcck in klarer tonaler Harmonik und konventioneller Form und den Violinpart technisch sehr einfach. 1949 bis 1951 lebte und lehrte Martin\u016f in Princeton und hatte sicher immer wieder die Gelegenheit zum Austausch mit Einstein. <\/p>\n<p> Die beiden haben sich auch mindestens einmal \u00fcber die damalige politische Situation in der Tschechoslowakei ausgetauscht. Dabei brachte Martin\u016f Einstein dazu, an einen kommunistischen Funktion\u00e4r ein Telegramm mit einer Begnadigungsbitte f\u00fcr drei zu Tode Verurteilte zu schicken. Ansonsten scheint das Verh\u00e4ltnis der beiden eher distanziert gewesen zu sein. Martin\u016f interessierte sich auch offensichtlich mehr f\u00fcr die Schriften als f\u00fcr die Person des Physikers. <\/p>\n<p> <strong>Diskussion<\/strong><br \/> <span class=\"txt-s-black\">Auf die entsprechende Frage aus dem Publikum erkl\u00e4rt Rentsch, dass sie nicht herausgefunden habe, ob das Telegramm Einsteins eine Folge gezeitigt habe. Mit Blick auf die damaligen Machthaber bezweifle sie aber, dass Einsteins Intervention viel Gewicht beigemessen worden sei. <\/p>\n<p> Aus dem Publikum wird daran erinnert, dass der geigenspielende Einstein auch in D\u00fcrrenmatts \u00abPhysiker\u00bb vorkommt. Die gem\u00fctliche Stimmung, welche die Madrigale ausstrahlten, w\u00fcrden sich gut in dieses D\u00fcrrenmattsche Szenario einpassen. <\/p>\n<p> Rentsch bekr\u00e4ftigt die Beobachtung, dass es bei den Madrigalen nicht um eine Auseinandersetzung mit Einsteins Ideen gehandelt habe, sondern diese als Gastgeschenk f\u00fcr den Besuch vor allem auf den Geiger Einstein R\u00fccksicht genommen h\u00e4tten. Vermutlich habe der Komponist mit dem Schwierigkeitsgrad Einsteins geigerische F\u00e4higkeiten aber auch untersch\u00e4tzt. <\/p>\n<p> Aus dem Publikum wird gemutmasst, dass die Widmung auch eine Art Eigenmarketing Martin\u016fs gewesen sein k\u00f6nnte, der m\u00f6glicherweise hoffte, dass dank des Zusammentreffens mit einem ber\u00fchmten Namen das Werk unter Amateurmusikern erh\u00f6hte Aufmerksamkeit finden k\u00f6nnte. Rentsch teilt die Auffassung nicht und relativiert sie mit dem Hinweis darauf, dass Martin\u016f zu dieser Zeit bereits der meistgespielte zeitgen\u00f6ssische Komponist war und von den Tantiemen seiner Kompositionen leben konnte. <\/span> <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><br \/><strong>Albrecht Riethm\u00fcller<\/strong><br \/> \u00abSch\u00f6nberg schreibt an Einstein \u2013 Musikhistorische Betrachtungen\u00bb<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"124\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050701riethmueller.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Albrecht Riethm\u00fcller <\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Wir kennen drei Briefe von Sch\u00f6nberg und zwei Antworten von Einstein, die gewisse Aufschl\u00fcsse \u00fcber Sch\u00f6nberg selbst geben, \u00fcber seine Reizbarkeit und Angriffslust. Die Briefe sind Variationen \u00fcber ein und dasselbe Thema: dasjenige des verkannten Genies. Im ersten handelt es sich dabei um Sch\u00f6nberg selbst, im zweiten um Adolf Loos, im dritten um Sch\u00f6nbergs Jugendfreund Oscar Adler. <\/p>\n<p> Es sind drei Bittbriefe. Im ersten, 1925 verfassten, bittet Sch\u00f6nberg Einstein um ein Treffen, und nur in diesem Brief ist Sch\u00f6nberg auch bereit etwas zu geben. Es geht um die Gr\u00fcndung eines j\u00fcdischen Staates. Die Einf\u00fchrung ist \u00e4usserst kurios. Sch\u00f6nberg legt dem Brief die Kopie eines solchen an Hugo Leichtentritt bei, in dem er sich dar\u00fcber beklagt, dass er, Sch\u00f6nberg, nicht an erster Stelle einer Liste deutscher Komponisten steht. In der Einleitung charakterisiert sich Sch\u00f6nberg selber als eine Art Einstein der deutschen Musik. Er bringt in der Folge die Frage nach der Existenz einer j\u00fcdischen Musik auf und l\u00e4sst sich dazu hinreissen, zu sagen, es gebe keine, aber jede Kunstmusik sei im Grunde j\u00fcdisch beeinflusst. Der Brief blieb ohne Antwort.<\/p>\n<p> 1930 bittet Sch\u00f6nberg den Physiker brieflich, einen Aufruf zur Anerkennung des Werkes von Adolf Loos zu unterschreiben. Wir wissen nicht, weshalb Einstein den Brief abschl\u00e4gig beantwortet hat, der genannte Grund ist aber einleuchtend. Einstein erkl\u00e4rt, er kenne Loos nicht genug, um \u00fcber sein Werk urteilen zu k\u00f6nnen. Sch\u00f6nberg scheint \u00fcber die Antwort sehr verschnupft gewesen zu sein. <\/p>\n<p> Der interessanteste Brief Sch\u00f6nbergs an Einstein ist derjenige vom Sommer 1938. Die Intention ist unklar. Will Sch\u00f6nberg ehrlich helfen oder will er Einstein einfach \u00e4rgern? Der Komponist bezieht sich explizit auf den letzten Brief in Sachen Loos. Die Anrede hingegen ist mit dem lapidaren \u00abSehr geehrter Herr\u00bb seltsam schroff und in der Einleitung erkl\u00e4rt er, dass Adler ein h\u00e4sslicher Mensch sei, wenn er nicht gerade Geige spiele. In der Folge packt er Einstein bei einer Seite, die diesem einfach unertr\u00e4glich sein muss: Adler ist Dermatologe, Musiker und Vertreter der Astrologie, was Sch\u00f6nberg auch betont und Einstein bittet, Adler ausgerechnet zu einem Lehrstuhl der Astrologie zu verhelfen. Die Zumutung muss eine bewusste gewesen sein. <\/p>\n<p> <strong>Diskussion<\/strong><br \/> <span class=\"txt-s-black\">Barbara Wolff erkl\u00e4rt, dass sich Einstein zu Sch\u00f6nbergs Musik sehr negativ ge\u00e4ussert habe. Relativ gut verb\u00fcrgt sei seine Charakterisierung der Musik als \u00abverr\u00fcckt\u00bb. Riethm\u00fcller relativiert die Aussagen, indem er daran erinnert, dass wir alle mal im privaten Kreis irgendwelche drastischen \u00c4usserungen machen, die nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmt sind. Man m\u00fcsse aufpassen, dass man da nicht in die Falle der schnellen Pointe tappe und derartigen anekdotischen \u00c4usserungen zuviel Gewicht beimesse.<\/p>\n<p> Aus dem Publikum kommt der Hinweis, dass das Motiv des verkannten Genies auch in der Geschichte von Moses und Aron steckt. Moses kann sich als echter Prophet nicht artikulieren, Aron hingegen wird als \u00f6liger Verf\u00fchrer vom Volk als F\u00fchrer angesehen. Mit den drei Briefen m\u00f6chte Sch\u00f6nberg Einstein vereinnahmen f\u00fcr eine bestimmte Sicht darauf, wer die wirklichen F\u00fchrer sind. <\/p>\n<p> Es wird darauf hingewiesen, dass Sch\u00f6nberg noch weit ins Hitlerdeutschland hinein hoffte, dass doch noch jemand seine Werke als deutsche auff\u00fchren und anerkennen werde. Es sei schwierig zu sagen, welche Kompromisse er daf\u00fcr eingegangen w\u00e4re. Aber er sei \u00fcberzeugt gewesen, dass auch die Nazis von seiner Musik profitieren w\u00fcrden. Er sei nie auf die Idee gekommen, dass es vielleicht gut sein k\u00f6nnte, dass er da nicht gespielt wurde. <\/span> <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 250px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050701musiker.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Aufgelockert wurde die Tagung mit Volksmusikkl\u00e4ngen aus der Vojvodina, gespielt von Boris Kle\u010di\u0107 (links) und Ivan Nesti\u0107.<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><br \/><strong>Nils Grosch<\/strong><br \/> \u00abAlbert Einstein und Kurt Weill \u2013 Ber\u00fchrungspunkte zweier Exilbiographien\u00bb<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"right\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050701grosch.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong> Nils Grosch <\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">Grosch zeichnet Einsteins Rolle bei der Realisierung des New Yorker Theaterprojektes \u00abDer Weg der Verheissung\u00bb von Max Reinhardt, Kurt Weill und Franz Werfel nach. \u00abDer Weg der Verheissung\u00bb war als wirkungsvolle, grossdimensionierte Show angelegt, die als dramatische Inszenierung des Alten Testamentes auf die Verfolgungsgeschichte der Juden und die aktuelle Bedrohung in Deutschland aufmerksam machen wollte. <br \/> Einsteins Unterst\u00fctzung erstreckte sich allerdings nicht unbedingt auf die inhaltlichen Aussagen des St\u00fcckes. So bemerkte er, dass er \u00abgegen den Nationalismus, aber f\u00fcr die zionistische Sache\u00bb sei. Eine religi\u00f6se Bindung an das Judentum hatte Einstein nicht.<br \/> Anl\u00e4sslich eines Bankettes zu Ehren Reinhardts hielt Einstein, der dem Theater innerlich sonst eher fern stand, 1935 eine vom Radio \u00fcbertragene Propagandarede f\u00fcr das St\u00fcck. Es sollte das einzige Mal sein, dass es Weill gelang, den Physiker als Supporter f\u00fcr seine politischen Projekte zu gewinnen. <br \/> Einstein konnte Abraham Flexner, den ersten Direktor des Institute for Advanced Study, f\u00fcr einen Support des Projektes gewinnen. Er ging auch den einflussreichen Grossbankiers Felix Warburg um Hilfe an. Letzterem schien die Idee der im St\u00fcck angelegten Glorifizierung des \u00abauserw\u00e4hlten Volkes\u00bb angesichts der Situation in Deutschland allerdings nicht opportun. Sein Geld f\u00fcr die Unterst\u00fctzung der j\u00fcdischen Fl\u00fcchtlinge aus Deutschland zu spenden, schien ihm eher angebracht. Trotz aller Einw\u00e4nde \u00fcbernahm Warburg sp\u00e4ter aber doch die Schirmherrschaft und einen Grossteil der Finanzierung des Projektes. <br \/> Das gigantische Projekt im Manhattan Opera House stiess immer wieder an die Grenzen des Machbaren. Um das auf f\u00fcnf Ebenen angelegte opulente B\u00fchnenbild einzupassen, mussten Sitzreihen im Auditorium und die Seitenlogen herausgebrochen werden. Um die B\u00fchne nach unten zu erweitern, wurden sogar Sprengarbeiten durchgef\u00fchrt, die allerdings eine Wasserleitung besch\u00e4digten und zu erheblichen Sch\u00e4den an dem Raum f\u00fchrten. Auf das Orchester wurde aus Platzmangel verzichtet. Die Musik erklang vom Band.<\/p>\n<p> <strong>Diskussion<\/strong><br \/> <span class=\"txt-s-black\">Grosch weist darauf hin, dass das Projekt auch als eine Art \u00abj\u00fcdisches Oberammergau\u00bb in New York bezeichnet wurde. Es habe zwar eine Festspielidee gegeben, es sei dann aber doch bei der einmaligen Produktion geblieben. Die Kritiker waren \u00fcberw\u00e4ltigt. Das Frage war aber, welches Pulbikum damit h\u00e4tte auf die Dauer angesprochen werden k\u00f6nnen. In einer Studie wird darauf hingewiesen, dass es den reichen Juden zu popul\u00e4r, den assimilierten Juden zu fromm war. Das eigentliche Publikum, das sich da wiedergefunden habe, seien die Katholiken gewesen. <\/span> <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><br \/><strong>Anselm Gerhard<\/strong><br \/> \u00abDer vorgebliche Verwandte \u2013 Alfred Einsteins Weg ins amerikanische Exil\u00bb<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"218\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050701gerhard.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Anselm Gerhard<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Der Musikwissenschaftler Alfred Einstein wird von Albert Einstein, der in Berlin sein Nachbar war, in einem ber\u00fchmten Brief als \u00abLieber Vetter\u00bb angeredet, war mit ihm allerdings nicht verwandt. Der Brief ist ein sogenannter \u00abLettre ostensible\u00bb, der zwar intim erscheint, aber im Grunde genommen f\u00fcr andere Adressaten geschrieben wurde, in diesem Fall f\u00fcr die amerikanische Einwanderungsbeh\u00f6rde. Es ging dabei darum, Alfred die Flucht nach Amerika zu erleichtern. <\/p>\n<p> Die beiden hatten aber ein \u00e4hnliches bildungsb\u00fcrgerlich-famili\u00e4res und berufliches Schicksal und besuchten in M\u00fcnchen als Knaben beide dasselbe Gymnasium, wo sie sich auch sehr fr\u00fch pers\u00f6nlich kennenlernten. Beide lernten animiert von der Mutter Geige, beider Schwestern das Klavier. Beide machten ein Leben lang begeistert Kammermusik. Beide Schwestern verbrachten \u00fcberdies die letzten Lebensjahre an den Seiten ihrer Br\u00fcder. <\/p>\n<p> Alfred Einstein geh\u00f6rt zu den herausragenden Musikwissenschaftlern der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, mit B\u00fcchern zu Mozart und Schubert und einem Kompendium zum italienischen Madrigal, der Frucht einer jahrzehntelangen Forschungs- und Reiset\u00e4tigkeit. Bis 1933 war er Redakteur der deutschen \u00abZeitschrift f\u00fcr Musikwissenschaft\u00bb, bis er unter schm\u00e4hlichen Umst\u00e4nden der Aufgabe enthoben wurde. <\/p>\n<p> In Europa war Alfred aufgrund seiner j\u00fcdischen Herkunft nie an einer Universit\u00e4t besch\u00e4ftigt, und auch die Habilitation wurde ihm verweigert. In Amerika konnte er als Emigrant jedoch eine akademische T\u00e4tigkeit entfalten. Von der Princeton University erhielt er auch einen Ehrendoktor. 1952 starb er in Kalifornien. <\/p>\n<p> Sowohl Albert als auch Alfred Einstein hatten eine offene, liberale Haltung. Albert war in seinen politischen Interventionen deutlich radikaler als Alfred. Zu Alfreds konkreten Einstellungen sind aus den Quellen weniger Einzelheiten \u00fcberliefert. Einem Geleitwort zu einer Ausgabe der \u00abZeitschrift f\u00fcr Musikwissenschaft\u00bb kann allerdings entnommen werden, dass Alfred tendenziell in fr\u00fchen Jahren weniger Distanz zum Nationalismus pflegte als der Physiker. In der programmatischen Erkl\u00e4rung laviert er zwischen dem \u00abDeutschen\u00bb der Zeitschrift und einer bewusst internationalistischen Sicht. <\/p>\n<p> <strong>Diskussion<\/strong><br \/> <span class=\"txt-s-black\">Gerhard bekr\u00e4ftigt auf ein entsprechende Frage noch einmal, dass Alfred, der im Gegensatz zu Albert die j\u00fcdische Bar Mizwa erlebte, keinerlei Sympathien f\u00fcr den Zionismus zeigte. Er habe es aber konsequent abgelehnt, mit der deutschen Musikwissenschaft in Kontakt zu treten und auch eine goldene Mozart-Medaille, die ihm die Stadt Salzburg verleihen wollte, umgehend wieder zur\u00fcckgeschickt. <\/p>\n<p> Er habe sich auch geweigert, f\u00fcr das deutsche Standard-Nachschlagewerk \u00abDie Musik in Geschichte und Gegenwart\u00bb einen Artikel zu seiner Person zu verfassen. Ein Eintrag finde sich dort nur, weil die Arbeiten am entsprechenden Band kurz nach dem Tod Alfred Einsteins abgeschlossen worden seien und es den Herausgebern deshalb m\u00f6glich gewesen sei, einen Drittartikel zu platzieren.<\/p>\n<p> Auf die Frage nach dem Musikgeschmack Alfred Einsteins bemerkt Gerhard, dass er in Sachen deutsche Musik demjenigen Alberts durchaus nahegekommen sei. So habe er auch nie etwas \u00fcber Beethoven publiziert. Das Geschm\u00e4cklerische des Amateurs habe sich Alfred allerdings nicht leisten k\u00f6nnen und so sei er auch viel offener gewesen als Albert was franz\u00f6sische oder italienische Musik betrifft. Es gebe allerdings auch Ausrutscher. Gerhard empfiehlt ausdr\u00fccklich nicht, Alfreds Tschaikowsky-Kritiken aus der M\u00fcnchner Zeit zu lesen. Da stosse man doch auch auf ein sehr fragw\u00fcrdiges Vokabular. Mendelssohn gegen\u00fcber sei Alfred wie Albert eher distanziert gewesen, allerdings ohne in den Fehler zu verfallen, zu dessen Qualifizierung die gleichen Worte wie die nationalsozialistischen Autoren zu verwenden. <\/span> <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><br \/><strong>Barbara Wolff<\/strong><br \/> \u00abMusikalische Fundst\u00fccke aus dem Einstein-Archiv \u2013 Eine Bestandesaufnahme\u00bb<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"230\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050701wolff.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong>Barbara Wolff<\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Einstein fiel es offensichtlich schwer, musikalische Emotionen sprachlich auszudr\u00fccken. Substantielles zu seiner inneren Beziehung zur Musik kann man aus Einsteins eigenen Berichten an Freunde oder aus Tageb\u00fcchern kaum erfahren. Man kann den Tageb\u00fcchern und der Aufz\u00e4hlung von musikantischen Aktivit\u00e4ten aber entnehmen, dass Einstein der Musik viel Zeit widmete.<\/p>\n<p> Ein interessantes Zeugnis eines Hotelportiers aus dem Jahr 1932 legt die Vermutung nahe, dass der Physiker das Geigenspiel auch genutzt haben k\u00f6nnte, um sich seelisch abzureagieren. Dieser schildert, wie der Physiker im Hotel Geige spielte und dabei improvisierend seinen Zorn losliess. <\/p>\n<p> In Einsteins Besitz waren etwa ein Dutzend Violinen, eine, die 1921 erw\u00e4hnt wird, liess er in Berlin eigens bauen. Einstein liess sich auch f\u00fcr F\u00fcrsprachen einspannen, wobei er sich ab und zu auch versch\u00e4tzte. So lobte er 1933 einen Berliner T\u00fcftler, der \u00abbereits vorliegende Geigen so zu verbessern in der Lage sei, dass sie vortrefflichen alten italienischen Vorbildern durchaus ebenb\u00fcrtig waren.\u00bb Die Methode bestand darin, an bestimmten Stellen der Instrumente das Holz abzutragen bis nur noch ein ganz d\u00fcnne Wand \u00fcbrigblieb. Nach zwei Stunden Spiel auf einem derart traktierten Instrument war Einstein laut eigenem Zeugnis \u00abv\u00f6llig trunken und verhext.\u00bb Zu derartigen emotionalen Schilderungen liess sich der Physiker sonst nicht hinreissen. Sp\u00e4ter r\u00e4umt er ein, dass das Vergn\u00fcgen, das er dabei gehabt habe, auf \u00abMangel an Urteilskraft\u00bb zur\u00fcckgef\u00fchrt werden m\u00fcsse und er die Nase in etwas gesteckt habe, wovon er nichts verstehe. <\/p>\n<p> Viele sogenannte Einstein-Zitate und Anekdoten sind frei erfunden oder zumindest nirgends wirklich verb\u00fcrgt. Auch das Heftchen \u00abDas Genie mit der Geige\u00bb, das die Einstein-Gesellschaft in Bern verkauft, kolportiert zahlreiche solche zweifelhaften Legenden. So wurden auch Aussagen zum Theremin Albert Einstein zugeschrieben: Er schreibt dazu angeblich: \u00abWir haben im 20. Jahrhundert wieder ein Erlebnis, \u00e4hnlich dem des pr\u00e4historischen Menschen, der der Bastschnur an seinem Bogen einen Ton entlockt, vor dessen magischer Wirkung erschrickt. (..) Diese frei aus dem Raum geholten Kl\u00e4nge stellen ein neues Theorem dar, das unsere Nerven sehr stark affiziert.\u00bb Sp\u00e4ter sollte sich herausstellen, dass die \u00c4usserungen von Alfred und nicht von Albert Einstein stammen. <\/p>\n<p> Einstein erhielt auch zahlreiche Zusendungen von Verehrern und Musikern, die ihm Kompositionen widmeten. Bemerkenswert ist die Zueignung eines \u00abEinstein-Marsches\u00bb, die den Geschmack des Physikers wohl kaum getroffen haben d\u00fcrfte. So hat er 1930 in einem Essay geschrieben: \u00abWenn einer mit Vergn\u00fcgen in Reih\u2019 und Glied zu einer Musik marschieren kann, dann verachte ich ihn schon. Er hat sein Grossgehirn nur aus Irrtum bekommen, da f\u00fcr ihn das R\u00fcckenmark schon gen\u00fcgen w\u00fcrde.\u00bb <\/p>\n<p> <strong>Diskussion<\/strong><br \/> <span class=\"txt-s-black\">Wie steht es um den musikalischen Nachlass, deckt sich der mit dem bekannten Geschmack Einsteins? Wolff best\u00e4tigt dies. Es findet sich viel alte Musik darunter, viel Bach, Mozart, aber alles ohne handschriftliche Eintr\u00e4ge. Man sollte aber nicht voreilig daraus Schl\u00fcsse auf Einsteins Vorlieben ziehen. Einstein hat h\u00e4ufig gegen Honorar gespielt, das er aber immer zu karitativen Zwecken weitergab. 1941, im letzten bekannten Konzert, ging es zum Beispiel um Kleidung f\u00fcr j\u00fcdische Fl\u00fcchtlingskinder.<\/span> <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><strong>Arnold Jacobshagen<\/strong><br \/> \u00abAddition, Zyklus, Klangsymbol \u2013 Einstein-Kompositionen f\u00fcr das Musiktheater\u00bb<\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<table align=\"left\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"175\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/050701jacobshagen.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><strong> Arnold Jacobshagen <\/strong><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">In der Musikgeschichte gibt es drei bedeutende Einstein-Werke f\u00fcr das Musiktheater: Paul Dessaus \u00abEinstein\u00bb, das 1974 in Ost-Berlin uraufgef\u00fchrt worden ist, Robert Wilsons und Philip Glass\u2019 \u00abEinstein on the Beach\u00bb (Urauff\u00fchrung in New York 1976) und Dirk D\u2019Ases \u00abEinstein \u2013 die Spuren des Lichts\u00bb (Urauff\u00fchrung in Ulm 2004). Vor wenigen Tagen kam zudem eine vierte Einstein-Oper in Berlin zur Urauff\u00fchrung. Es handelt sich um ein Crossmedia-Werk von Christian Steinh\u00e4user mit dem Namen \u00abC \u2013 The Speed of Light\u00bb.<\/p>\n<p> In der parabelhaften Oper Dessaus rund um den Atombombenabwurf auf Hiroshima wird ein \u00abHans Wurst\u00bb, der das Volk verk\u00f6rpert, einem Krokodil, das sowohl f\u00fcr den Nationalsozialismus als auch f\u00fcr den Imperialismus steht, zum Frass vorgeworfen. Einstein, der als gespaltene Person pr\u00e4sentiert wird, werden zwei Physiker, ein junger und ein alter, zur Seite gestellt, die Widerstand und Anpassung verk\u00f6rpern. Die musikalische Anlage des Werkes basiert auf drei klanglich scharf kontrastierenden Welten: Einem Orchester aus Bl\u00e4sern und zwei Konzertfl\u00fcgeln, dem Orchester des Epilogs, das die Besetzung der Wiener Klassik repr\u00e4sentiert und als dritte kommen Bandaufnahmen ins Spiel, von Bach-Chor\u00e4len bis zu Goebbels ber\u00fcchtigter Rede zum \u00abtotalen Krieg\u00bb.<\/p>\n<p> Wilsons und Glass\u2019 Oper wurde mit etlichen ironischen Bezeichnungen versehen wie Rolltreppenmusik, Altglas-Recycling oder Teilchenmusik. Das Szenario umfasst drei Bilder: die Eisenbahn, die f\u00fcr Einsteins Veranschaulichung der Relativit\u00e4tstheorie steht, ein Gericht als Symbol f\u00fcr die Frage der Verantwortung von wissenschaftlicher Erkenntnis und ein Raumschiff, das immer n\u00e4her an den Zuschauerraum heranr\u00fcckt. Ein Strand, wie ihn der Titel des Werkes suggeriert, kennt die Szenerie \u00fcbrigens nicht, das \u00abOn the beach\u00bb bezieht sich auf den Titel eines Romans von Nevile Shute aus dem Jahr 1947, der die Gefahr eines Atomkrieges thematisiert. F\u00fcr das f\u00fcnfst\u00fcndige Werk entwickelt Glass additive und zyklische Strukturen, die immer wieder neu kombiniert werden.<\/p>\n<p> Dirk d\u2019Ases Werk ist von schon beinahe traditionellem Zuschnitt, das musikalische Material basiert auf einer umfassenden Klangsymbolik. Einstein wird beispielsweise mit sieben T\u00f6nen symbolisiert. Sieben, schreibt d\u2019Ase, ist die Zahl der Vollkommenheit und die Summe der Drei, der Zahl des G\u00f6ttlichen und der Vier, der Zahl des Irdischen, und so weiter. Die Oper spielt im Jahr 1954 in Einsteins amerikanischem Domizil Princeton. Dort bezichtigt ein Erpresser namens Hollberg den weltbekannten Physiker, die Relativit\u00e4tstheorie vom Mathematiker David Hilbert gestohlen zu haben. Auf Seiten Einsteins stehen Sarah, eine kluge und neugierige Fotografin und Franklin, der Hausmeister des Institutes. <\/p>\n<p> <strong>Diskussion <\/strong><br \/> <span class=\"txt-s-black\">Gerhard meint, es sei erstaunlich, wie zeitgebunden Dessaus Oper heute wirke. Ist die Urauff\u00fchrung auch im \u00abkapitalistischen\u00bb Ausland besprochen worden? Jacobshagen erkl\u00e4rt dazu, sie sei im Westen sogar gespielt worden. Die Oper sei vielgestaltig und die Kritiker seien generell sehr beeindruckt gewesen. Ausgangspunkt der Glass-Oper wiederum sei eine typische Handbewegung Einsteins gewesen, die Robert Wilson bei der Durchsicht zahlreicher Fotos aufgefallen sei. Das sei ja typisch f\u00fcr Wilson, dass er sich von solchen Details zu grossen Werken habe inspirieren lassen. <\/span> <\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p>\n<p> <center><br \/><strong>Schlussdiskussion<\/strong><\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> Gerhard erkl\u00e4rt, dass in der Diskussion ein Leitmotiv darin gesehen werden kann, wie festgef\u00fcgt und traditionell Einsteins Musikgeschmack gewesen ist. interessant ist aber, dass die beiden Komponisten, die formales kompositorisches Denken und klare Architekturmetaphern am besten bedienten, n\u00e4mlich Mendelssohn und Brahms, von ihm gerade nicht gesch\u00e4tzt wurden. Man kann auch die Frage nach dem Bild des Musikers stellen und muss einr\u00e4umen, dass eine Person des \u00f6ffentlichen Lebens wie sie Einstein zweifelsohne war, gar nicht darum herumkommt, sich selber zu inszenieren. M\u00f6glicherweise war das Bild des Musikers Teil dieser Selbstinszenierung des Physikers. <\/p>\n<p> Wolff meint, dass die Musik Einstein wohl mehr als sozialer Ersatz denn als Religionsersatz diente. Sozialkontakte waren f\u00fcr ihn eher problematisch und das Musizieren d\u00fcrfte ihm die M\u00f6glichkeit gegeben haben, Gemeinschaft und Harmonie zu erleben, ohne sich exponieren zu m\u00fcssen. Hinrichsen bekr\u00e4ftigt, dass er gleicher Meinung ist. F\u00fcr Einstein war die Musik eine Art funktionaler Ersatz f\u00fcr Religion und nicht selber eine Form von Religion. Wenn er Kammermusik gemacht hat, erg\u00e4nzt Gerhard, dann passt sich das in die Konventionen des b\u00fcrgerlichen Haushalt ein, wo das Gef\u00fchl des Einklangs entsteht, und dabei die Tatsache \u00fcberspielt wird, dass man nicht in der Lage ist, \u00fcber Gef\u00fchle zu sprechen. Das Unbehagen hat Einstein auch gesehen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">\u00abMusizieren, lieben \u2013 und Maul halten!\u00bb \u2013 Albert Einsteins Beziehungen zur Musik, Tagung in der Aula Muesmatt, Universit\u00e4t Bern, 24. Juni 2005<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>06.07.2005 &#8212; An einer Tagung an der Universit\u00e4t Bern sind Albert Einsteins Beziehungen zur Musik von den verschiedensten Seiten beleuchtet&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-807","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/807","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=807"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/807\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}