{"id":815,"date":"2014-01-12T13:15:28","date_gmt":"2014-01-12T13:15:28","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/tagung-der-gesellschaft-fuer-musikpsychologie\/"},"modified":"2014-01-12T13:15:28","modified_gmt":"2014-01-12T13:15:28","slug":"tagung-der-gesellschaft-fuer-musikpsychologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/tagung-der-gesellschaft-fuer-musikpsychologie\/","title":{"rendered":"Tagung der Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> 21.09.2006 &#8212; <strong>Die Musikpsychologie f\u00fchrt in Deutschland im Vergleich zur Historischen Musikwissenschaft ressourcenm\u00e4ssig ein Schattendasein &#8211; ein fataler Fehler, wie die Jahrestagung 2006 der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie (DGM) an der Hochschule f\u00fcr Musik Freiburg gezeigt hat. Die zukunftsweisenden Umbr\u00fcche der Musikologie finden auf ihrem Terrain statt.<\/strong><\/p>\n<p> (<em>Rev. 16.11.2006<\/em>) Zwei grosse Herausforderungen stellen sich zur Zeit der Musikpsychologie. An der Jahrestagung 2006 der DGM fand die eine davon direkt Eingang ins Tagungsthema \u00abMusik und Emotion\u00bb. Das Treffen am neugegr\u00fcndeten Institut f\u00fcr Musikermedizin pr\u00e4gte dar\u00fcberhinaus das Ringen mit der holistischen Natur, die jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ph\u00e4nomenen auf hoher Ebene eigen ist. Das raumgreifende Interesse zeigte sich in Freiburg zum einen in der Auswahl der Themen. Sie erstreckte sich von den \u00abklassischen\u00bb Fragestellungen des Faches \u00fcber die neurologischen Grundlagen des Musikh\u00f6res und Aspekte der popul\u00e4ren Musik \u2013 etwa der Pers\u00f6nlichkeit von Heavy-Metal-Fans oder der Bob-Dylan-Rezeption \u2013 bis zu medizinischen Rahmenbedingungen des Orchesterspiels. In der Luft lag aber auch immer wieder die Frage, wie denn die theoretischen und praktischen Grundlagen des experimentellen Instrumentariums gestaltet werden m\u00fcssten, um aussagekr\u00e4ftige und vernetzbare Resultate zu erzielen.<\/p>\n<p> Die Diskussion der methodischen Grundlagen steht an, weil die letzten Jahrzehnte ungeahnte neue M\u00f6glichkeiten der Datenerhebung und -verarbeitung mit sich gebracht haben. So stehen heute dank moderner Informationstechnologie statistische Mittel zur Verf\u00fcgung, die dem Fach nicht nur diskrete Testreihen und Fragebogenauswertungen, sondern auch Bildanalyse und automatisierte Verfahren der Mustererkennung erschliessen. Das Internet als globaler Kommunikationskanal macht es zudem mittlerweile einfacher, mit Hilfe von Onlinefrageb\u00f6gen Stichproben aus koreanischen, mexikanischen und nigerianischen Versuchspersonen zusammenzustellen als Reihenuntersuchungen in nieders\u00e4chsischen Grundschulen durchzuf\u00fchren. Das weltweite Netz ist auch selber zum Datenozean geworden. Last but not least erlauben es die bildgebenden Verfahren der Hirnforschung, musikpsychologische Fragestellungen auf einem bisher ungeahnt tiefen physiologischen Level anzusetzen.<\/p>\n<p> <strong>Experimentalmethoden und Rahmentheorien<\/strong><\/p>\n<p> Dieses weite Feld der M\u00f6glichkeiten spiegelte sich in Freiburg im Tagungsprogramm. So machte sich etwa der in Hannover t\u00e4tige Hauke Egermann Gedanken \u00fcber die M\u00f6glichkeiten und Grenzen empirischer Erhebungen mit Hilfe von Frageb\u00f6gen im Web. Der Giessener Ralf von Appen wiederum berichtete dar\u00fcber, wie sich Kundenrezensionen auf den Seiten der Online-Buchh\u00e4ndlerin Amazon als empirisches Ausgangsmaterial nutzen lassen, um mehr \u00fcber Pr\u00e4ferenzen und Motive von Musikkonsumenten zu erfahren, und am abschliessenden Sonntag standen auch empirische Massenerhebungen zu physischen und psychischen Belastungen von Orchestermusikern zur Debatte. <\/p>\n<p> Auf welcher Ebene sollen Emotionen angesiedelt werden? Sind sie ein kognitives oder physiologisches Ph\u00e4nomen? Welche Klassifikationen sind sinnvoll? Selbst solche grunds\u00e4tzlichen Fragen sind heute noch keineswegs gekl\u00e4rt. Wie dringend notwendig die Detaildiskussion der dynamischen Experimentalbasis zu solchen Fragen ist, wenn man die Emotionsforschung in die Musikpsychologie integrieren will, zeigte bereits die erste Keynote: Die in Ulm t\u00e4tige Neurowissenschaftlerin Anne Katharina Wietasch skizzierte die Zusammenh\u00e4nge ihrer Disziplin mit der Musikpsychologie. Dabei zeigte sich eine auffallende Asymmetrie zwischen dem opulenten und aufwendigen Instrumentarium, das den Hirnforschern heute zur Verf\u00fcgung steht, und den teils noch sehr rudiment\u00e4ren Rahmentheorien, mit denen so grundlegende Konzepte wie Emotionen oder die evolution\u00e4ren Randbedingungen affektiven Verhaltens in weitreichende Zusammenh\u00e4nge gebracht werden sollten. Weil eine solche Einbettung heute noch weitgehend fehlt, wirken viele musikpsychologische Experimente zwar aufwendig, gar spektakul\u00e4r, aber letztlich dennoch wenig ergiebig. <\/p>\n<p> Auch der in Manchester t\u00e4tige Gunter Kreutz konnte aus der experimentellen T\u00e4tigkeit bloss episodische Beobachtungen beisteuern, etwa die Tatsache, dass sich positive Reaktionen auf Musik physiologisch weit weniger gut festmachen lassen als negative und dass Freude und Trauer von Versuchspersonen \u00e4hnliche emotionale Bewertungen erhalten. Gerade letzteres zeigt, wie schwierig und teilweise chaotisch begriffliche Klassifikationen von Gef\u00fchlen, propositionale Einstellungen \u2013 Glauben, Wissen, Hoffen, Bef\u00fcrchten und so weiter \u2013, soziale Umwelt und physiologische Vorg\u00e4nge ineinandergreifen und voneinander abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p> Das Missverh\u00e4ltnis zwischen ausgekl\u00fcgelter Experimentaltechnik und in ihrer Bedeutung untersch\u00e4tzten konzeptionellen \u00dcberlegungen bietet auch ganz praktische Stolpersteine. Dies illustrierte etwa die Darlegung zu einer Versuchsanordnung, mit der gezeigt werden sollte, wie verschieden je nach Standort die Sicht von Orchestermusikern auf den Dirigenten ist. Da m\u00fcndeten aufwendige Bildanalyse und Experteninterviews unter anderem in die berauschenden Erkenntnisse, dass die Bewegungen eines Dirigenten von vorne besser sichtbar sind als von der Seite und sich dieser seinen Musikern zuwenden sollte, wenn er sich ihnen besser verst\u00e4ndlich machen m\u00f6chte. In der Diskussion des Referates blieb denn der Vorwurf der Banalit\u00e4t auch nicht aus.<\/p>\n<p><\/span><\/span><center> <\/p>\n<table style=\"width: 320px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/060917dgm2.jpg\" border=\"0\" \/> <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Klaus-Ernst Behne, G\u00fcnter Kleinen und Helga de la Motte-Haber (v.l.n.r.), Pioniere der deutschen Musikpsychologie auf dem Vorplatz der Hochschule f\u00fcr Musik Freiburg.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Selbst scheinbar eindeutige Ph\u00e4nomene wie die sogenannten \u00abChills\u00bb &#8211; starke physiologische Reaktionen wie G\u00e4nsehaut und Schauer auf Musik &#8211; erwiesen sich auf der Tagung bei n\u00e4herer Betrachtung als komplex und von vielen Faktoren bestimmt. Der in Hannover t\u00e4tige Oliver Grewe diskutierte in seinem Vortrag, ob das Ph\u00e4nomen auf einen simple Wirkung psychoakustischer Faktoren wie zum Beispiel der Lautheit von Musik reduziert werden kann. Es zeigte sich aber, dass Chills als komplexes kognitives Ph\u00e4nomen zu verstehen sind, bei dem Erinnerungen an mit Musik verbundene emotionale Momente und die Vertrautheit mit dem jeweiligen Musikstil eine Rolle spielen. <a class=\"txt-m-red\" href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=307#anm1\">(*)<\/a><\/p>\n<p> Einen entscheidenden Anstoss zur Reflektion boten die ebenfalls in Hannover t\u00e4tigen Reinhard Kopiez und Marco Kobbenbring. Sie zogen die Konsequenzen aus der Beobachtung, dass viele empirische Studien in der Musikpsychologie kaum je repliziert werden, und eine eingehendere, kontroverse Diskussion einmal erzielter Resultate ungleich ergiebiger sein d\u00fcrfte, als die weitherum praktizierte Anh\u00e4ufung st\u00e4ndig neuer, h\u00e4ufig unverbundener Experimentalbefunde. Als Ausgangspunkt ihrer Arbeit w\u00e4hlten die beiden Publikationen von David Hargreaves, respektive Heiner Gembris und Gabriele Schellberg zur sogenannten \u00abOffenohrigkeit\u00bb. Gembris und Schellberg postulieren in mehreren Arbeiten eine zunehmende Ablehnung von Klassik, Avantgarde und Ethnomusik durch Kinder in der Zeit um die vierten Klasse der obligatorischen Schulzeit. Bei ihrem Nachvollzug der Erhebungen von Gembris und Schellberg gelang es Kopiez und Kobbenbring allerdings nicht, den Befund zu replizieren. Ihre eigenen Auswertungen deuten vielmehr darauf hin, dass die Offenohrigkeit bereits in der ersten und zweiten Klasse abzunehmen scheint. F\u00fcr den sehr schwachen Effekt zeichne, so die Autoren, zudem bloss Pr\u00e4ferenz und Ablehnung gegen\u00fcber klassischer Musik verantwortlich.<\/p>\n<p> <strong>Wege zu einer konstruktiven Streitkultur<\/strong><\/p>\n<p> Die Diskussion der Arbeit geh\u00f6rte zu den aufschlussreichsten Momenten der Tagung. Zum einen entspann sich eine angeregte Debatte dar\u00fcber, welche Sch\u00fclergruppen vergleichbar sind und was denn in den kontroversen Arbeiten \u00fcberhaupt gemessen worden ist: regionale Unterschiede von Kindern in Niedersachsen und Bayern? Der Grad sozialer Anpassung in der Schule? Echte musikalische Pr\u00e4ferenzen? Zudem standen Konzepte wie \u00abklassische Musik\u00bb, \u00abEthnomusik\u00bb, \u00abkonventionell\/unkonventionell\u00bb und die Idee der Offenohrigkeit selber in der Kritik. <\/p>\n<p> Heiner Gembris verteidigte die Resultate seines Teams mit Hinweisen auf angebliche methodische Schw\u00e4chen der Studie von Kopiez und Kobbenbring und zweifelte daran, ob ein allzu skrupul\u00f6ses Hinterfragen informeller Begrifflichkeit tats\u00e4chlich etwas bringe. \u00dcberdies verwies er auf eine weitere Erhebung bei Grundschulklassen in Paderborn, welche ebenfalls eine Abnahme der Offenohrigkeit in der vierten Klasse nachweise. Eine weitere derartige Studie \u2013 erkl\u00e4rte er \u2013 mit dem Fokus auf religi\u00f6ser Musik sei in Vorbereitung.<\/p>\n<p> Ungeachtet der faktischen Qualit\u00e4t der einen oder andern Arbeit weisen Kopiez und Kobbenbring mit ihrem Ansatz vermutlich den richtigen Weg: Sie zeigten, dass bei der Suche nach soliden begrifflichen Konzepten und der Konzeption aussagekr\u00e4ftiger Experimente viel, ja sehr viel theoretische und praktische Arbeit anstehen w\u00fcrde. Da bedauert man, dass in der deutschsprachigen Musikwissenschaft nach wie vor eine Unmenge an historisch ausgerichteten Lehrst\u00fchlen zur Verf\u00fcgung stehen, um auch noch die letzten Detailfragen zur Musikgeschichte anzugehen, und auf dem \u00fcberaus dynamischen und sich international sehr rasch entwickelnden Gebiet der Systematik nicht ann\u00e4hernd genug Ressourcen zur Verf\u00fcgung stehen, um den zukunftstr\u00e4chtigen Dialog so richtig in Gang zu setzen.<\/p>\n<p> Zu einem solchen braucht es durchaus nicht noch einen K\u00f6rperscanner oder einen Supercomputer mehr f\u00fcrs Datamining. Gefordert ist die m\u00fchsame, detaillierte Theorie- und Analysearbeit und die lebhafte Streitkultur &#8211; die traditionellen St\u00e4rken richtig verstandener Geisteswissenschaft.<\/p>\n<p> &#8212;&#8212;&#8211;<br \/> <span class=\"txt-s-red\"><a name=\"anm1\"><\/a>(*)<\/span> <span class=\"txt-s-black\">In der ersten Fassung des Textes wurde irrt\u00fcmlicherweise behauptet, Grewe habe in seinem Vortrag dazu tendiert, das Ph\u00e4nomen auf einen simplen Zusammenhang mit der Lautheit von Musik zu reduzieren.<\/span> <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">\u00abMusik und Emotion\u00bb, Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie 2006 am Institut f\u00fcr Musikermedizin der Freiburger Musikhochschule, 15. bis 17. September 2006 <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21.09.2006 &#8212; Die Musikpsychologie f\u00fchrt in Deutschland im Vergleich zur Historischen Musikwissenschaft ressourcenm\u00e4ssig ein Schattendasein &#8211; ein fataler Fehler, wie&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-815","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikpsychologie-und-neuromusikologie","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/815","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=815"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/815\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=815"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=815"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=815"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}