{"id":819,"date":"2014-01-12T13:18:44","date_gmt":"2014-01-12T13:18:44","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/jahrestagung-2007-der-dgm-musik-und-identitaet\/"},"modified":"2014-01-12T13:18:44","modified_gmt":"2014-01-12T13:18:44","slug":"jahrestagung-2007-der-dgm-musik-und-identitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/jahrestagung-2007-der-dgm-musik-und-identitaet\/","title":{"rendered":"Jahrestagung 2007 der DGM: Musik und Identit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><\/p>\n<p> 27.09.2007 &#8212; <strong>Die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie (DGM) widmete sich an ihrer Jahrestagung 2007 dem Verh\u00e4ltnis von Identit\u00e4t und Musik. An der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Giessen situierte sie das Thema im Spannungsfeld von P\u00e4dagogik, Psychologie und Soziologie, ohne althergebrachte Forschungsinteressen der Zunft \u2013 etwa die physiologischen Grundlagen des H\u00f6rens und Musizierens \u2013 aus den Ohren zu verlieren.<\/strong><\/p>\n<p> Migrationsbewegungen, multikulturelle Gesellschaften und die globale Kommunikation haben in den sozialen Gemeinschaften tiefe Spuren hinterlassen. Was fr\u00fcher selbstverst\u00e4ndlich schien \u2013 die Verwurzelung in einer stabilen weltanschaulich, beruflich oder sozial definierten Gruppe \u2013 findet sich kaum noch. Das Individuum definiert sich mittlerweile \u00fcber patchworkartig zusammengesetzte und st\u00e4ndig wechselnde Identit\u00e4ten. Musikpr\u00e4ferenzen geben diesen Zugeh\u00f6rigkeiten auf unmittelbare Art Ausdruck. Da erstaunt es kaum, dass sie auch von der DGM f\u00fcr einmal ins Zentrum des Interesses ger\u00fcckt wurden. Das Treffen in Giessen wies \u00fcberdies darauf hin, dass das Interesse an den Arbeiten der Gesellschaft auch auf andern Gebieten weiter steigt. Davon zeugten die sich durchgehend auf hohem Niveau bewegenden Posterpr\u00e4sentationen \u2013 rund doppelt so viele wie an der letztj\u00e4hrigen Tagung der DGM in Freiburg (siehe <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=307\">Rezension<\/a>).<\/p>\n<p> Dass Musik f\u00fcr Heranwachsende als Sparringpartner bei der Identit\u00e4tssuche ein wichtige Rolle spielt, unterstrich etwa die Ludwigsburger P\u00e4dagogin Renate M\u00fcller, die dabei auch zu durchaus paradoxen Einsichten kam. So wies sie darauf hin, dass Adoleszente aus dem Rahmen fallende oder provokative Popstars zwar wesentlich interessanter finden, als die gutb\u00fcrgerlichen Bezugspersonen ihrer n\u00e4heren Umgebung. Im eigenen Lebensentwurf m\u00f6chten sie diesen aber dennoch keineswegs folgen. Dieses Resultat von Befragungen Jugendlicher stellt M\u00fcller \u2013 und mit ihr die empirische Psychologie und Soziologie &#8211; vor ein R\u00e4tsel. M\u00f6glich, dass Antworten darauf in tiefenpsychologischen Ans\u00e4tzen zu finden sein k\u00f6nnten, die trotz aller evidenzbasierter Methodik nicht aus den Augen verloren werden sollten und f\u00fcr die derartige Beobachtungen keineswegs neu sind.<\/p>\n<p> Aufs Glatteis der Geschlechterfragen wagten sich Gunter Kreutz, Laura Mitchell und Emery Schubert, die als G\u00e4ste vom Royal Northern College of Music in Manchester die zunehmende Internationalisierung der Gesellschaft \u00fcber die deutsche Sprachgrenze hinaus dokumentierten. Ihre empirischen Daten lassen kaum Zweifel daran, dass Frauen und M\u00e4nner Musik verschieden wahrnehmen. Exemplifiziert wurde der Befund mit Hilfe des biologisch fundierten Modells von Baron-Cohen, das mitf\u00fchlende (empathizing) und strukturerfassende (systemizing) Arten der Musikrezeption unterscheidet. Die Befragungsdaten zeigen deutlich, dass Frauen zur ersten und M\u00e4nner zur zweiten Art des H\u00f6ren neigen.<\/p>\n<p> <strong>Enttabuisierte Geschlechterunterschiede<\/strong><\/p>\n<p> Zu noch brisanteren Einsichten zur Geschlechterfrage f\u00fchrten Berichte zu Untersuchungen, die Peter Sedlmeier und Kathrin Roscher von der TU Chemnitz durchgef\u00fchrt haben. Sie konnten nicht nur nachweisen, dass das Urteil \u00fcber die Qualit\u00e4t von Musik deutlich davon abh\u00e4ngt, ob ein Mann oder eine Frau als Interpreten angenommen werden und ob ihr Geschlecht mit stereotypen Vorstellungen zum Instrument \u2013 eher weiblich (etwa Harfe) oder m\u00e4nnlich (zum Beispiel Trompete) \u2013 \u00fcbereinstimmt. Auch die Frage, f\u00fcr wie attraktiv die Interpreten befunden werden, spielt beim Urteil eine signifikante Rolle. Eine bemerkenswerte Notiz am Rande: Die Tests waren mit den Originalbildern der Interpreten nicht durchzuf\u00fchren, weil die attraktiveren m\u00e4nnlichen Interpreten der Versuche tats\u00e4chlich besser spielten als die weniger attratkiven \u2013 ein Effekt, der sich bei Interpretinnen wiederum nicht einstellte. Frauen neigen laut der Chemnitzer Studie im Gegensatz zu den den M\u00e4nnern \u00fcberdies dazu, weniger attraktive Frauen an typischen Fraueninstrumenten musikalisch h\u00f6her einzusch\u00e4tzen als attraktivere.<\/p>\n<p><\/span><\/span><center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/DGM2007_2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Autogrammstunde mit Klaus-Ernst Behne, dem Autor eines Klassikers zu H\u00f6rertypologien.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Wie eng Musik und emotionale Identit\u00e4t verbunden sind, zeigte die an der Open University des zwischen London und Birmingham situierten Milton Keynes t\u00e4tige Dorothy Miell. Sie ist aufgrund verschiedener Studien zum Schluss gekommen, dass die musikalische Selbstfindung bereits in fr\u00fcher Kindheit gepr\u00e4gt wird und sp\u00e4tere Erfahrungen entsprechend eingepasst werden. Zudem zeigte sie auf, dass das musikalische Selbstbild weitaus komplexer sein kann, als man annehmen k\u00f6nnte. So bezeichneten sich in Umfragen etwa Personen als unmusikalisch, die durchaus \u00fcber eine reiche praktische Erfahrung mit Musizieren verf\u00fcgen und auf Musik auch sensibel ansprechen. Dies weist darauf hin, dass Musikalit\u00e4t auch ein soziales Konstrukt ist, und die Selbsteinsch\u00e4tzung von famili\u00e4ren Pr\u00e4gungen, schulischen Erfahrungen und weiteren Umgebungsfaktoren abh\u00e4ngt. <\/p>\n<p> <strong>Musik als Mittel oder Stolperstein der Integration<\/strong><\/p>\n<p> Wie weit Musik im ganz praktischen kommunalen Alltag eine Rolle in der Integration von Migranten spielen kann, er\u00f6rterte der Grazer Musikpsychologe Richard Parncutt, der eine gemeinsam mit seiner Studentin Angelika Dorfer realisierte emprische Untersuchung zur Nutzung von Musik unter Zugewanderten vorstellte. Die beiden stellten eher \u00fcberraschend fest, dass eine Integration schwieriger wird, je h\u00f6her das musikalische Bewusstsein einer Person ist. Eine aktive Auseinandersetzung mit Musik und ein entsprechend klares musikalisches Profil scheinen starke Stabilisatoren der personalen Identit\u00e4t zu sein. Migranten und die Vertreter der Kultur, in welche sie einwandern, stellen nach den Studien Parncutts und Dorfers Musik wiederum unterschiedliche Rollen zu. W\u00e4hrend sie f\u00fcr erstere ein Mittel darstellt, die eigene Kultur auch in der Fremde zu erleben, nutzen sie letztere als Ausgangspunkt des interkulturellen Austauschs. Darin mag bei der Nutzung der Musik f\u00fcr Integrationsarbeit ein nicht zu untersch\u00e4tzendes Konfliktpotential liegen. <\/p>\n<p> In einigen Diskussionen von Referaten wurde aber auch immer wieder die Frage gestellt, wie weit sich der Begriff Identit\u00e4t \u00fcberhaupt definieren l\u00e4sst, und auch Warnungen vor einem allzu inflation\u00e4ren Gebrauch wurden laut. So wurde etwa darauf hingewiesen, dass einige der diskutierten individuellen Beziehungen zur Musik \u2013 etwa im Weg zur akustischen Selbstfindung einer jugendlichen Pop- oder Jazzgruppe \u2013 keineswegs als Identit\u00e4tsfindung gesehen werden muss. Es gen\u00fcge, wenn man den Vorgang als eine \u00c4nderung der stilistischen Mittel oder gar bloss der \u00e4sthetischen Pr\u00e4ferenzen charakterisiere. <\/p>\n<p> <strong>Sch\u00fctzenhilfe f\u00fcr Stumpfs Verschmelzungstheorie<\/strong><\/p>\n<p> Neben der angeregten und richtungweisenden Besch\u00e4ftigung mit dem Ph\u00e4nomen der musikalischen Identit\u00e4t verlor die DGM in Giessen aber auch eines ihrer traditionellen Kerngesch\u00e4fte, n\u00e4mlich die Physiologie des H\u00f6rens, nicht aus den Ohren. Da wurden gar \u00fcberaus interessante neue Beitr\u00e4ge zur Frage des Konsonanz- und Dissonanzempfindens vorgelegt, und zwar vom K\u00f6lner Jost Fricke und dem M\u00f6nchengaldbacher Martin Ebeling, der Konzeptionen Frickes nutzte, um nicht nur Hindemiths Theorie der Akkordklassen zu widerlegen, sondern auch \u00fcberzeugende Argumente f\u00fcr die stumpfsche Verschmelzungstheorie des Konsonanzh\u00f6rens vorzubringen.<\/p>\n<p><\/span><\/span><center> <\/p>\n<table style=\"width: 320px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td align=\"right\" valign=\"bottom\"><span class=\"txt-s-black\"><strong>Die Themen der Posterpr\u00e4sentationen reichten von neurologischen Aspekten bis zur klassischen Musiksoziologie.<\/strong><\/span><\/td>\n<td width=\"4\">\u00a0<\/td>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/DGM2007_3.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Fricke hat 2005 den Vorschlag gemacht, einer Er\u00f6rterung der Frage, ob zwei Intervalle verschmelzen, nicht die mathematisch strenge Korrelation zugrundezulegen, sondern eine Unsch\u00e4rfespanne zu ber\u00fccksichtigen. Diese soll der zeitlichen Toleranz entsprechen, welche das Auseinanderhalten von Nervenimpulsen im Geh\u00f6r unm\u00f6glich macht, wenn diese in k\u00fcrzerem Abstand als 0,8 Millisekunden erfolgen. Entsprechende Modellrechnungen Frickes zeigen eine hohe \u00dcbereinstimmung mit der stumpfschen Konzeption und best\u00e4tigen damit dessen Verschmelzungstheorie der Konsonanz (<a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/scienceold.php?art=8\">Leserbrief<\/a>).<\/p>\n<p> Ebeling wiederum ist es auf Basis der frickschen Modellrechnungen gelungen, den Nachweis empirisch zu unterbuttern. Er befragte Probanden zu den subjektiv empfundenen harmonischen Beziehungen von 160 Akkordverbindungen, denen Hindemith in seiner \u00abUnterweisung im Tonsatz\u00bb von 1940 klare hierarchische Bewertungen zuweist. Dabei zeigte sich, dass die Akkordfolgen keineswegs im hindemithschen Sinn geh\u00f6rt werden. Insbesondere bewerteten die Versuchspersonen die Akkordverbindungen je nach der Reihenfolge der Akkorde unterschiedlich. Nach Hindemiths Theorie d\u00fcrfte die Reihenfolge der Pr\u00e4sentation bei der Bewertung des Verh\u00e4ltnisses aber keine Rolle spielen. Die Resultate scheinen daf\u00fcr eben die Verschmelzungstheorie Stumpfs zu best\u00e4tigen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">Musk und Identit\u00e4t, Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie, Justus Liebig Universit\u00e4t Giessen, 14. bis 16. September 2007. <\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>27.09.2007 &#8212; Die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Musikpsychologie (DGM) widmete sich an ihrer Jahrestagung 2007 dem Verh\u00e4ltnis von Identit\u00e4t und Musik.&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-819","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikpsychologie-und-neuromusikologie","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/819","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=819"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/819\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=819"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=819"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=819"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}