{"id":820,"date":"2014-01-12T13:19:25","date_gmt":"2014-01-12T13:19:25","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/boswiler-reflektionen-ueber-neue-und-alte-musik\/"},"modified":"2014-01-12T13:19:25","modified_gmt":"2014-01-12T13:19:25","slug":"boswiler-reflektionen-ueber-neue-und-alte-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/boswiler-reflektionen-ueber-neue-und-alte-musik\/","title":{"rendered":"Boswiler Reflektionen \u00fcber Neue und Alte Musik"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> 16.10.2007 &#8212; <strong>Im K\u00fcnstlerhaus Boswil traf sich eine hochkar\u00e4tige Referentenrunde, um \u00fcber den Umgang zeitgen\u00f6ssischer Komponisten mit Alter Musik, die R\u00e4umlichkeit von Musik und Epochenumw\u00e4lzungen nachzudenken.<\/strong><\/p>\n<p> Das seit f\u00fcnfzig Jahren aktive K\u00fcnstlerhaus Boswil verbindet regionale Musikf\u00f6rderung \u2013 speziell in der Jugendarbeit \u2013 mit einer international beachteten Pflege der Neuen Musik und R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Musiker und musiknahe bildende K\u00fcnstler. Da liegt es nahe, in dem idyllisch gelegenen Refugium nicht allzu fern der Metropolregion Z\u00fcrich auch das Nachdenken \u00fcber die Grundlagen des eigenen Tuns anzuregen. Ein solcher Think Tank ist heuer unter dem Motto \u00abLe Nuove Musiche\u00bb in Form eines Symposiums erstmals ins Leben gerufen worden. Hochkar\u00e4tige Referenten machten sich in einer interdisziplin\u00e4ren Runde dabei Gedanken \u00fcber die Auseinandersetzung zeitgen\u00f6ssischer Komponisten mit der Tradition, das Verh\u00e4ltnis von Musik und Raum und \u2013 als g\u00e4lte es, das Motto \u00abPassagen\u00bb des diesen Sommer in Z\u00fcrich realisierten Weltkongresses der Musikwissenschaft (siehe <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=380\">Bericht<\/a>) noch einmal Revue passieren zu lassen \u2013 das Ph\u00e4nomen epochaler Umbr\u00fcche und ihrer Regeln.<\/p>\n<p> Eingeleitet wurde das Treffen von Thomas Gartmann, dem Musikverantwortlichen der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, der den Wandel zum 21. Jahrhundert am Aufkommen von MP3-Playern und dem Schock der Terroranschl\u00e4ge vom 11. September 2001 festmachte \u2013 wo hundert Jahre zuvor etwa noch die Musik Debussys und die Freudsche Traumdeutung Paradigmenwechsel in der europ\u00e4ischen \u00c4sthetik den Schritt ins 20. Jahrhundert begleitet h\u00e4tten. Den ideellen Auftakt zum 17. Jahrhundert wiederum machte seinerzeit Giulio Caccini mit der Publikation, der das Symposium den Namen verdankte: \u00abLe nuove musiche\u00bb dokumentierte den Wandel hin zu einer Musik, die nicht mehr f\u00fcr Gott geschrieben wurde, sondern irdische Emotionen wecken, allf\u00e4llige Texte organisch ausdeuten und Verzierungen als virtuose Ausdrucksmittel entdecken sollte.<\/p>\n<p><\/span><\/span><center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/boswil2007_2.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Martin Derungs am Cembalo.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Etwas detaillierter auf diesen einscheidenden Wandel in der europ\u00e4ischen Kunstmusik ging der Blockfl\u00f6tenspezialist Matthias Weilenmann als k\u00fcnstlerischer Leiter des Anlasses in seinem Einf\u00fchrungsreferat ein. Da wurde die in sich ruhende und vollendete Schreibart Palestrinas oder Gabrielis vom Ruf \u00abMovere gli affetti\u00bb abgel\u00f6st. Die Folge: eine Sprache voller Kontraste, \u00dcberraschungen und Schroffheiten, die durch direkte Emotionalit\u00e4t zu bewegen suchte. Ausdruck fand das neue Denken etwa in den Werken Monteverdis, Frescobaldis, Michelangelo Rossis oder Dario Castellos. Wie sich der Wandel auch in der von der Renaissance zum Barock \u00fcbergehenden Architektur manifestierte, zeigte Weilenmann eindr\u00fccklich am Beispiel der klassizistischen Villa Rotonda, die Palladio nach dem altgriechischen Ideal der Renaissance in der N\u00e4he von Vincenza erbaut hatte und deren Inneres sp\u00e4ter von einem barocken Maler nach den erw\u00e4hnten Prinzipien des neuen Denkens ausgemalt wurde. <\/p>\n<p> In der Folge war es an zwei Komponisten und einer Komponistin zeitgen\u00f6ssischer Musik, aufzuzeigen, wie sie sich mit Musik und Literatur vergangener Epochen im eigenen Schaffen auseinandersetzen. Naheliegend ist das Thema f\u00fcr den B\u00fcndner Martin Derungs, der zugleich als Sch\u00f6pfer Neuer Musik als auch als Cembalist aktiv ist. Er stellte fest, dass mit Alter Musik nach einer beinahe ausschliesslich restaurativen und konstruktiven Phase heute \u00e4hnlich umgegangen wird wie die barocken Maler mit der Villa Rotonda Palladios: Sie wird sozusagen als Leinwand oder Material f\u00fcr eigene Reflektionen genutzt. Der Musik des 17. Jahrhunderts \u2013 eines Zeitalters der Melancholie \u2013 ist dabei, meinte Derungs, eine spezielle Faszination eigen, denn die Unterdr\u00fcckung des \u00f6ffentlichen Musiklebens in der Epoche des Dreissigj\u00e4hrigen Krieges f\u00fchrte zu einem R\u00fcckzug ins Private, der eine extrem avantgardistische Musik entstehen liess. Mit drei Gedichten des existentialistischen englischen Poeten John Donne (1572-1631) hat sich Derungs selber kompositorisch aueinandergesetzt. Zum Zuge kamen dabei r\u00e4umlich verteilte Gruppen von Instrumenten der Zeit, Gambe, Orgel und Blockfl\u00f6te. Das Resultat ist eine hermetische und sensible Textausdeutung in der Klanglichkeit der Avantgarde des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts. <\/p>\n<p><\/span><\/span><center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/boswil2007_4.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Isabel Mundry referiert \u00fcber ihre Erfahrungen mit der Musik Dufays.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Isabel Mundry wiederum wies darauf hin, dass die radikale Freiheit des heutigen Komponierens die Tonsch\u00f6pfer dazu zwingt, mit jedem Werk auch gleich den Blickwinkel zu thematisieren, der eingenommen wird. Angelegt ist diese Aufl\u00f6sung des Werkbegriffes laut Mundry aber bereits in der Zw\u00f6lftonmethode Sch\u00f6nbergs. Diese erlaube es nicht mehr, an einen Regelkanon anzukn\u00fcpfen, sondern zwinge vielmehr dazu, Regelwerk und Analysesprache zu jedem Werk individuell neu zu erfinden. Der Pluralismus der Techniken und Methoden heutiger Komponisten \u00fcbertr\u00e4gt sich nach \u00dcberzeugung der in Z\u00fcrich lehrenden Tonsch\u00f6pferin auch auf den Blick in Richtung Vergangenheit, der ebenso vielf\u00e4ltig und individuell wird und die doktrin\u00e4re \u00abhistorische Auff\u00fchrungspraxis\u00bb mehr und mehr demontiert. Schickalshaft wurde f\u00fcr Mundry w\u00e4hrend eines Aufenthaltes am Pariser Ircam eine Begegnung mit den Vokalpartituren Guillaume Dufays, die sie nicht mehr losliessen, so dass sie schliesslich mehrere Kompositionen in Auseinandersetzung mit dem Renaissance-Meister realisierte. Dem Boswiler Publikum explizierte sie ihren eigenen kompositorischen Zugang zu dufayschen S\u00e4tzen mit einer Variante des von den vorangegangen Referenten angesprochenen \u00dcbermalens des Alten in Form einer \u00abkomponierten Interpretation\u00bb \u2013 einem Verfahren, das durch die Ann\u00e4hrungen ihres Lehrers Hans Zender an Schuberts \u00abWinterreise\u00bb zu Bekanntheit gelangt ist.<\/p>\n<p><\/span><\/span><center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/boswil2007_3.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Rudolf Kelterborn expliziert am Klavier Avantgardistisches in Mozarts Klavierwerken.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><br \/> Rudolf Kelterborn wiederum kehrte die Perspektive um und sp\u00fcrte verborgenen oder gut kaschierten Avantgardismen in scheinbar harmloser Klaviermusik Mozarts nach. Dabei lenkte er den Blick nicht zuletzt auch auf die streckenweise hoch differenzierten dynamischen Anweisungen des Salzburger Meisters, aber auch auf die \u00e4usserst gekonnte Balance aus klassischer Form und k\u00fchner asymmetrischer Phrasenbildung. Welchen Reichtum das mozartsche Klanguniversum dabei entfaltet, vermochte der Komponist Kelterborn mit vereinfachenden Umkomponierungen des mozartschen Satzes zu zeigen.<\/p>\n<p> Als eine Art Kommentar zu diesen Reibungen zwischen Alt und Neu konnte schliesslich das Referat des Architekten Gion A. Caminada verstanden werden, der mit seinen Interventionen im B\u00fcnder Bergdorf Vrin international Aufsehen erregt hat \u2013 namentlich einem Aufbahrungsraum, der eine sich verlierende Tradition im Umgang mit Verstorbenen in modernsten architektonischen Mitteln aufnimmt, und dabei ausgesprochene und unausgesprochene Regeln der d\u00f6rflichen Gemeinschaft respektiert. Dabei stellte sich Caminada auch die grunds\u00e4tzliche Frage, was denn unter Authentizit\u00e4t und Tradition \u00fcberhaupt zu verstehen sei. Ersteres ist f\u00fcr ihn nicht museal, sondern durchaus dynamisch, n\u00e4mlich alles, was aus den Schichten, aus dem Fundus der Kultur entsteht. Tradition wiederum, meinte der hellwache B\u00fcnder H\u00e4userbauer, sei schon verloren, wenn man dar\u00fcber nachzudenken beginne. Echte Tradition sei etwas, was einfach gelebt werde, so wie es manchmal durchaus angezeigt sein, sich \u00fcber gewisse Dinge \u00fcberhaupt keine Gedanken zu machen.<\/p>\n<p><\/span><\/span><center> <\/p>\n<table style=\"width: 200px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/boswil2007_5.jpg\" border=\"0\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\"><strong>Gion A. Caminada erz\u00e4hlt von Erfahrungen mit architektonischen Interventionen im Bergdorf Vrin.<\/strong><\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><br \/> In der abschliessenden Diskussion charakterisierte Isabel Mundry die Gegenwart als eine Epoche der Entkoppelung. Auseinandergefallen seien da etwa die Neue und die Alte Musik, aber auch zwischen der Neuen Musik und dem Konzertbetrieb, ja sogar innerhalb der \u00abklassischen\u00bb Musik und der Neuen Musik, die sich zusehends fragmentierten, \u00f6ffneten sich Gr\u00e4ben. Ein solche Fragmentierung beklagte auch Rudolf Kelterborn, der aufgrund eines konstruierten Gegensatzes aus dem Erleben und Schreiben von Musik aus dem Kopf und Bauch heraus Tendenzen zu einer Geringsch\u00e4tzung des Intellektuellen feststellt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">Le Nuove Musiche, Neues in Alter Musik, Symposium im K\u00fcnstlerhaus Boswil, 5. und 6. Oktober 2007.<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16.10.2007 &#8212; Im K\u00fcnstlerhaus Boswil traf sich eine hochkar\u00e4tige Referentenrunde, um \u00fcber den Umgang zeitgen\u00f6ssischer Komponisten mit Alter Musik, die&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-820","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/820","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=820"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/820\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=820"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=820"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=820"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}