{"id":825,"date":"2014-01-12T13:22:39","date_gmt":"2014-01-12T13:22:39","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/theater-winterthur-la-grotta-di-trofonio\/"},"modified":"2014-01-12T13:22:39","modified_gmt":"2014-01-12T13:22:39","slug":"theater-winterthur-la-grotta-di-trofonio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/theater-winterthur-la-grotta-di-trofonio\/","title":{"rendered":"Theater Winterthur: La Grotta di Trofonio"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><strong>03.09.2009 &#8212; Das Opernhaus Z\u00fcrich hat seine Saison 2009\/10 traditionsgem\u00e4ss mit einer Produktion im Theater Winterthur eingeleitet. Mit Antonio Salieris Oper \u00abLa Grotta di Trofonio\u00bb hat es eine h\u00f6chst unterhaltsame, echte Trouvaille auf die B\u00fchne gebracht. Zugleich hat Douglas Boyd, der neue musikalische Leiter des Musikkollegiums Winterthur, sich erstmals in der Schweiz als Operndirigent pr\u00e4sentiert.<\/strong><\/p>\n<p> Das Libretto zu \u00abLa Grotta di Trofonio\u00bb k\u00f6nnte problemlos als Drehbuch einer heutigen Sitcom durchgehen. Die Grundkonstellation ist ein echter Wurf: Ein Vater gleist die Hochzeit seiner zwei T\u00f6chter gegens\u00e4tzlichen Temperamentes auf; die eine ist ernstgesittet, die andere vergn\u00fcgungss\u00fcchtig. Beide w\u00e4hlen charakterlich zu ihnen passende Verlobte. Durch ein besonderes Ereignis kehrt sich zuerst das Temperament der beiden designierten Ehem\u00e4nner ins Gegenteil, womit die intellektuell-strenge Braut pl\u00f6tzlich von ihrem vergn\u00fcgungss\u00fcchtig gewordenen Br\u00e4utigam bedr\u00e4ngt wird und die vergn\u00fcgungss\u00fcchtige sich mit ihrem pl\u00f6tzlich ernstgesittet einherschreitenden herumschlagen muss.<\/p>\n<p> Die beiden Frauen beklagen sich bei ihrem Vater und wollen die Hochzeit abblasen. Dann f\u00fchrt das besondere Ereignis dazu, dass die M\u00e4nner wieder normal werden, daf\u00fcr die Frauen das Temperament austauschen, was zu Folge hat, dass sie vom heiraten schon wieder die Finger lassen wollen \u2013 nun allerdings aus dem gegenteiligen Grund, weshalb der Vater seine T\u00f6chter und den Rest der Welt nicht mehr versteht.<\/p>\n<p> Eine solche Geschichte lebt nicht von einer Entwicklung hin auf ein \u00fcberraschendes Ende, sondern von der klassischen Situationskomik rund um Wiederholungen gleicher Szenen unter anderen Voraussetzungen. Sie gibt den Exponenten die Gelegenheit, ihr Talent zur Darstellung unterschiedlicher Affekte unter Beweis zu stellen. Und weil sie nicht wirklich tiefsch\u00fcrfende innere oder \u00e4ussere Konflikte zum Thema macht, verlangt sie nach einer leichtf\u00fcssig-burlesken Umsetzung, garniert mit vielen m\u00f6glichst am\u00fcsanten Details. Die Anlage einer auf schnelle, \u00fcberraschende, aber weitgehend harmlose Pointen angelegte Sitcom eben.<\/p>\n<p> Der \u00abTrofonio\u00bb-Librettist Giambattista Casti trifft genau diesen Ton. Er hat die Geschichte in ein Ambiente versetzt, das in der damaligen Epoche hoch in Mode war (und sich kaum in unsere Zeit transferieren l\u00e4sst): die Philosophie und Kunst des alten Griechenlands. Der historische Rahmen bleibt blosses Kolorit, was wirklich z\u00e4hlt, sind lakonischer Wortwitz und Pointen in kurzer Kadenz. So fragt sich der Vater (Aristone) in sch\u00f6nsten Stabreimen, ob die vewandelten M\u00e4nner wohl dauerhaft oder bloss vor\u00fcbergehend verr\u00fcckt geworden seien (\u00abVeder bisogna\/S&#8217;\u00e8 pazzia permanente o passeggiera\u00bb) und die als Vergn\u00fcgungss\u00fcchtige recht wortgewandte und schlagfertige Braut (Dori) bringt ausgerechnet als konvertierte Intellektuelle nur noch Einworts\u00e4tze zustande (\u00abMaturit\u00e0, Saviezza, Sodezza, Gravit\u00e0!\u00bb). Und so weiter und so fort. <\/p>\n<p> Den Verwandlungsmechanismus zur Geschichte liefert ein \u00fcberaus sarkastischer Philosoph oder Magier (Trofonio), der eine Grotte geschaffen hat, die alle charakterlich verwandelt, die sie durchschreiten. Weitere Aufgaben hat Trofonio f\u00fcr die Entwicklung der Geschichte nicht, und auch der Vater, eine nicht minder harmlose Figur, steuert zum Lauf der Dinge ausser charmant-hilfloser Kommentare kaum etwas bei.<\/p>\n<p> Die Leichtigkeit und Situationskomik welche die Geschichte ausmachen, hat Salieri kongenial in Musik umgesetzt. Es handelt sich um eine erfindungsreiche Partitur, in der die Streicher eher die ernste Seite untermalen und die Bl\u00e4ser vorzugsweise die komischen Akzente setzen. Klug gesetzt sind karikierende oder \u00fcberraschende klangliche Effekte, kleine witzige Details, welche f\u00fcr Schmunzeln sorgen und die Aufmerksamkeit wachhalten. <\/p>\n<p> Das Prinzip hat in der Z\u00fcrcher Produktion der sowohl als B\u00fchnenbildner wie auch als Regisseur amtende Mario Pontiggia f\u00fcr die B\u00fchne \u00fcbernommen. Was in andern Opern-Inszenierungen als Regiem\u00e4tzchen empfunden w\u00fcrde, passt hier perfekt in den heiter-ironischen Grundton des Ganzen, etwa die beiden Br\u00e4ute, die nacheinander das f\u00fcrs Publikum nicht sichtbare beste St\u00fcck eines griechischen Athletentorsos aus Stein be\u00e4ugen, der vergn\u00fcgungss\u00fcchtige Br\u00e4utigam (Plistene), der als ernst-vewandelter wie Hamlet mit einem Totenkopf herumstelzt, die ernste (Ofelia) und die lustige Braut, die gegens\u00e4tzlich aufs Schnapsglas ansprechen und letztere, die schliesslich eine Arie sturzbetrunken zum Besten gibt und dabei hart (aber sehr gekonnt) an der Grenze zum billigen Klamauk vorbeischrammt. <\/p>\n<p> Die Symmetrie der Charaktere findet sich auch im Dekor, einer halbrund angeordneten S\u00e4ulenhalle, die immer wieder Gelegenheit zu spiegelbildlichen Tableaus schafft und die Transparenz und Klarheit des Spieles unterstreicht.<\/p>\n<p> Die Liebespaare, Isabel Rey als Dori und Serena Malfi als Ofelia, sowie Kre\u0161imir Spicer als Artemidoro und Gabriel Berm\u00fadez als Plistene bilden in der Z\u00fcrcher Auff\u00fchrung ein homogenes, s\u00e4ngerisches rundum \u00fcberzeugendes Quartett, das auch auf darstellerisch hohem Niveau agiert, allerdings nicht alle komischen Potentiale der Temperamentswechsel gleich ausspielt. Als heiterer, nicht aus der Ruhe zu bringender Vater zeichnet auch Davide Fersini ein stimmiges Portr\u00e4t, w\u00e4hrend L\u00e1szl\u00f3 Polg\u00e1r als Trofonio die s\u00e4ngerisch reifste und darstellerisch routinierteste Partie abgibt, ohne dass der Niveauunterschied allzu gross anmutet.<\/p>\n<p> Eine erstklassige Leistung zeigen auch das Musikkollegium Winterthur und bei seinem Primat Douglas Boyd am Pult. Ob ihm als gelerntem Oboisten die von wichtigen Holzbl\u00e4serpartien gepr\u00e4gte Instrumentierung der Musik dabei besonders liegt, ist eine Frage der Spekulation. Salieris Klangkosmos scheint ihm auf alle F\u00e4lle zu behagen, er entlockt dem Musikkollegium im Orchestergraben des Winterturer Theaters frei von Effekthascherei eine ebenso bet\u00f6rende wie kecke Klangrede. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Antonio Salieri: \u00abLa Grotta di Trofonio\u00bb, Theater Winterthur in Zusammenarbeit mit dem Opernhaus Z\u00fcrich. Besuchte Vorstellung: 02.09.2009 <br \/> Musikkollegium Winterthur, Leitung Douglas Boyd.<br \/> Inszenierung und B\u00fchnenbild: Mario Pontiggia, Kost\u00fcme: Giovanni Buzzi.<br \/> Aristone: Davide Fersini\/Ofelia: Serena Malfi\/Dori: Isabel Rey\/Artemidoro: Kre\u0161imir Spicer\/Plistene: Gabriel Berm\u00fadez\/Trofonio: L\u00e1szl\u00f3 Polg\u00e1r.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>03.09.2009 &#8212; Das Opernhaus Z\u00fcrich hat seine Saison 2009\/10 traditionsgem\u00e4ss mit einer Produktion im Theater Winterthur eingeleitet. 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