{"id":826,"date":"2014-01-12T13:23:21","date_gmt":"2014-01-12T13:23:21","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/schweizer-fernsehen-boheme-im-hochhaus\/"},"modified":"2014-01-12T13:23:21","modified_gmt":"2014-01-12T13:23:21","slug":"schweizer-fernsehen-boheme-im-hochhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/12\/schweizer-fernsehen-boheme-im-hochhaus\/","title":{"rendered":"Schweizer Fernsehen: \u00abBoh\u00e8me im Hochhaus\u00bb"},"content":{"rendered":"<table cellpadding=\"10\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"430\"><center> <\/p>\n<table style=\"width: 360px;\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><center><span class=\"txt-s-black\">\u00a0<\/span><\/center><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><span class=\"txt-m-black\"><br \/><strong>30.09.2009 &#8212; Mit \u00abLa Boh\u00e8me im Hochhaus\u00bb hat das Schweizer Fernsehen seine Reihe spektakul\u00e4rer Opernadaptionen f\u00fcrs Fernsehen nach der \u00abTraviata im Hauptbahnhof\u00bb und der \u00abZauberfl\u00f6te\u00bb auf zwei Kan\u00e4len weitergef\u00fchrt. Das Resultat begeistert.<\/strong><\/p>\n<p> Nach Verdis \u00abTraviata\u00bb im Hauptbahnhof (siehe <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=482\">Rezension<\/a>) hat das Schweizer Fernsehen (SF) mit der Inszenierung von Puccinis \u00abLa Boh\u00e8me\u00bb in den Banlieues von Bern eine einzigartige Kulisse gew\u00e4hlt: den fast bizarr anmutenden Kontrast eines renovationsbed\u00fcrftigen erratischen Plattenbaus aus den sechziger Jahren einer oft aufgrund ihrer st\u00e4dtebaulichen Geschichte gedankenlos als \u00absozialer Brennpunkt\u00bb betrachteten Gross\u00fcberbauung mit dem brandneuen Einkaufszentrum Westside, einer Kreation Daniel Libeskinds, die mit blitzf\u00f6rmigen Strukturen Elemente des Berliner j\u00fcdischen Museums des urban-postmodernen Stararchitekten aufnimmt.<\/p>\n<p> Im Gegensatz zur vorangehenden Produktion, in der nicht unbedingt mit, sondern bloss in ungewohntem Dekor gespielt wurde und das Fernsehen einen Ort f\u00fcr die Dauer der Auff\u00fchrung ungefragt okkupierte, f\u00fcgte sich diesmal alles in hervorragender Weise zusammen: Die \u00abBoh\u00e8me\u00bb \u2013 von Redaktionsleiter Thomas Beck als \u00abWohnoper\u00bb bezeichnet \u2013 erwies sich als die ideale Geschichte zum Bespielen des Ortes (der vor der Wahl der Oper bereits feststand). Dem SF-Team gelang es zudem, die lokale Bev\u00f6lkerung in die Produktion einzubeziehen, Wohnungen und Gemeinschaftsr\u00e4ume dienten als Drehorte, Bewohner als Statisten, der Chor der Musikschule aus der Nachbargemeinde K\u00f6niz als musikalische und darstellerische Verst\u00e4rkung. Entstanden ist dabei eine Volksproduktion im besten Sinne, die mit viel Respekt f\u00fcr die Enzigartigkeit des sozialen Kosmos in der Hochhaussiedlung die zeitlosen Motive allt\u00e4glicher Liebes- und Lebensdramen zum Leben erweckte. <\/p>\n<p> Wie in der \u00abTraviata\u00bb waren die Akteure der \u00abBoh\u00e8me\u00bb in historische Kost\u00fcme gekleidet, im Gegensatz zu den Zaung\u00e4sten aus dem Quartier, was der Inszenierung trotz der ungewohnten Kulisse etwas Brav-Konventionelles verlieh. Offenbar verhalf die Kost\u00fcmierung vor Ort, Akteure von der normalen Bev\u00f6lkerung zu unterscheiden. Ob es da nicht etwas mutigere Formen des Einkleidens gegeben h\u00e4tte?<\/p>\n<p> Eine Ebene der K\u00fcnstlichkeit schuf \u00fcberdies das Licht, das (entfernt an Robert Wilsons \u00c4sthetik erinnernd) eigene Stimmungsr\u00e4ume kreierte. So war der erste Akt, respektive das Ambiente des Hochhauses in tiefes Blau und Gr\u00fcn getaucht, wohingegen der zweite in einer Gastst\u00e4tte des Westside von den honiggelben Farbkl\u00e4ngen gepr\u00e4gt war, die Mimi einmal als Farben der Liebe charakterisiert. Der Schluss spielte dann weitgehend im Grau des Verfalls von Strasse und Betons\u00e4ulen eines \u00f6ffentlichen Platzes.<\/p>\n<p> Ebenso wie in der \u00abTraviata\u00bb mussten die Zuschauer von SF auf Untertitel verzichten. Mit keinem Wort wurde erw\u00e4hnt, dass auf Arte (und Teletext) die ganze Produktion untertitelt mitverfolgt werden konnte. Nicht einmal, als der Berner Rocks\u00e4nger Polo Hofer im anschliessenden Studiogespr\u00e4ch das Fehlen von Untertiteln beklagte, wurde darauf hingewiesen. Es ist ja nachvollziehbar, dass SF (aus werbetechnischen Gr\u00fcnden?) sein Publikum nicht an Arte verlieren wollte; man fragt sich dann aber, weshalb in der Romandie und beim europ\u00e4ischen Kultursender m\u00f6glich war, was SF in der Deutschschweiz offenbar nicht zustandebrachte. Eine dem medientechnischen Zeitgeist verpflichtete Alibi\u00fcbung schien auch das Ablesen von Zuschauerreaktionen, das Interaktivit\u00e4t und Transparenz vorspiegelte. Es ist zwar schwer vorstellbar, dass jemand diese Produktion schlecht gefunden haben k\u00f6nnte, Verrisse w\u00e4ren wohl aber mitten in der Sendung kaum \u00f6ffentlich gemacht worden. Eine Echtzeit-Debatte w\u00e4re f\u00fcr die Produktion sicherlich auch ein verfehlter Stimmungskiller gewesen.<\/p>\n<p> Zwiesp\u00e4ltig blieb auch die Strategie, Interesse f\u00fcr die Produktion mit Hinweisen auf die komplexen technischen Probleme und Hindernisse zu wecken. Beck relativierte diese im Anschlussgespr\u00e4ch selber, indem er richtigerweise darauf hinwies, dass es immer der Ehrgeiz grosser Kunst ist, den Aufwand und die Anstrengungen, die mit ihr verbunden sind, eben gerade nicht sp\u00fcrbar zu machen. Die Technik, so Beck, m\u00fcsse eigentlich zur\u00fccktreten, wenn sie die Musik nicht zerst\u00f6ren wolle. Wie wahr.<\/p>\n<p> Eine Detailw\u00fcrdigung der k\u00fcnstlerischen Leistungen des Berner Symphonieorchesters unter der Leitung von Srboljub Dinic und der Solisten Maya Boog, Saimir Pirgu, Eva Liebau, Robin Adams, Gerardo Garciacano, Carlos Esquivel, Lionel Peintre, Bernd Gebhardt, Mariusz Chrzanowski, Gy\u00f6rgy Antalffy ist wenig sinnvoll, denn der Zuschauer konnte sich kein Bild machen, wer mit welchen umst\u00e4ndebedingten Herausforderungen zu k\u00e4mpfen hatte. Das Gesamtergebnis (das die Mitwirkenden live gar nicht erfahren konnten) war aber musikalisch auf durchgehend hohem und interpretatorisch ber\u00fchrend-authentischem Niveau. <\/p>\n<p> Auch die unpr\u00e4tenti\u00f6se Inszenierung kann beinahe uneingeschr\u00e4nkt gelobt werden. Mehr Potential h\u00e4tten m\u00f6glicherweise die Massenszenen mit Kinder- und Erwachsenenchor im Einkaufszentrum gehabt, die in den typisch fernsehgerechten Nahaufnahmen wenig Wucht entfalteten, und die in der Musik sehr intim angelegte Schlussszene drohte bei aller Bewegtheit \u00fcber den Tod Mimis ins appellativ Symbolistische zu kippen, als die in aller \u00d6ffentlichkeit Sterbende in einem mit \u00abEndstation\u00bb angeschriebenen Bus sich in einer Totale vom Schauplatz entfernte \u2013 in Richtung des vom Linz09-Intendanten Martin Heller im Anschlussgespr\u00e4ch in dieser Funktion als \u00abTotenstadt\u00bb bezeichnete Quartier. <\/p>\n<p> Die Moderatorinnen Sandra Studer und Alice Tumler und der Moderator Michel Cerutti verstanden es, die Stimmung im Quartier und den Lauf der Geschichte organisch in die Gesamtproduktion eingebettet nahezubringen. Offensichtlich hat man da aus den Erfahrungen mit der \u00abTraviata\u00bb gelernt, wo man die Zwischenmoderationen noch wie ein Wegwischen der erzeugten Stimmungen empfinden konnte. Auch das Abschlussgespr\u00e4ch mit Polo Hofer, Martin Heller, Thomas Beck und Graziella Contratto, der Intendantin des Davos Festivals, brachte diesmal mehr als dasjenige nach der \u00abTraviata\u00bb, auch wenn die doch recht unbeholfene Gespr\u00e4chsleiterin Judith Hardegger (die bei den Sternstunden exzellente Arbeit verrichtet) die Diskutanten nicht so recht aus der Reserve zu locken verstand. <\/p>\n<p> Die \u00abBoh\u00e8me im Hochhaus\u00bb kann mt gutem Gewissen als Sternstunde des Schweizer Fernsehens bezeichnet werden. Da stimmte einfach alles, von der Inszenierung \u00fcber die behutsame, partnerschaftliche Ann\u00e4herung an eine Quartierbev\u00f6lkerung bis zur medialen und technischen Umsetzung. Das macht neugierig, wie der \u00f6ffentlich-rechtliche Sender diesen Weg weiterverfolgen wird. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>cf<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><span class=\"txt-s-black\">\u00abLa Boh\u00e8me im Hochhaus\u00bb, Schweizer Fernsehen und Arte, 29.09.2009.<br \/> Webseite des Projekts:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.sf.tv\/sendungen\/laboheme\/index.php\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.sf.tv\/sendungen\/laboheme\/index.php<\/a><\/span><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 30.09.2009 &#8212; Mit \u00abLa Boh\u00e8me im Hochhaus\u00bb hat das Schweizer Fernsehen seine Reihe spektakul\u00e4rer Opernadaptionen f\u00fcrs Fernsehen nach der&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[20],"tags":[],"class_list":["post-826","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-filmbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/826","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=826"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/826\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=826"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=826"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=826"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}